Stories_Porträt Video Kurtl

Camera obscura

Heutzutage ist jeder ein Star - und die Medien werfen mit Begriffen wie "Kult" und "Legende" wahllos um sich. In einer Zeit, da sogar einbeinige, rinnaugerte Kammbläser und blade, ungelenke Tanzbären ihre fünf Minuten Ruhm kriegen, bleibt einer unverdientermaßen unerwähnt: der Video-Kurtl. Armin Hell porträtiert den wohl wichtigsten Dokumentaristen der Wiener Musikszene.    12.07.2017

1979 hatte ein junger Wiener endgültig genug von den - maximal minutenlangen - Beiträgen des ORF über den Wiener Underground. Er wollte Konzerte in voller Länge filmen und für die Nachwelt erhalten. Im Gegensatz zu den Verantwortlichen des Staatsfunks war ihm die kulturhistorische Bedeutung der aufgeführten Musik schon damals bewußt. Da er noch keine eigene Kamera besaß und nicht warten konnte, bis er sich das Geld dafür zusammengespart hatte, weil die Mission unter den Nägeln brannte, wollte er sich von einem Bekannten eine ausleihen, um am 27. und 28. April 1979 die Live-Präsentation des "Wiener Blutrausch"-Samplers mit Drahdiwaberl, Chuzpe, Metzlutzkas Erben, Minisex und der Mordbuben AG im Metropol zu filmen. Der Bursche wollte dafür 500 Schilling, die der Kurtl nicht hatte.

Also fackelte er - typisch ein Mann der Tat - nicht lange, sondern nahm einen Kredit über 100.000 Schilling auf, um bei der Firma Radio Weltspiegel am Gürtel die beste damals erhältliche Kamera zu erwerben. Danach mußte er sich zehn Jahre lang vom sprichwörtlichen Fensterkitt ernähren, mit den Tauben im Park um die alten Semmerln raufen und in den Mistkübeln stierln, um über die Runden zu kommen, weil all sein Geld in die "Betriebskosten" floß.

 

Eine Jazz-Session im Theatersaal der Psychiatrie am Steinhof, dem heutigen Otto-Wagner-Spital (Schlagzeug: Rudi Staeger, Baß: Jazz Fredi, Saxophone: Martin Wichtl und Andi Kolbe, Gesang: Al "Fats" Edwards), war das erste vom Kurtl selber gefilmte Konzert. Der gelernte Bäcker las sich zuvor daheim nur einmal die Gebrauchsanleitung für sein neues Profigerät durch, schnappte das schwere Ding, schleppte es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Steinhof und filmte einfach drauflos - wahrscheinlich lange, bevor die Wortkombination "Learning by Doing" in den heimischen Sprachgebrauch sickerte.

Kurtl verbrachte damals viel Zeit mit seinen Freunden aus der Motorradszene, die auf so bezeichnende Namen wie Big "Fats" Peter, Winnetou, Speedy, Schwammerl, da Rode, Yeti, Feiaschlapfn oder Wikinger hörten. Von letzterem bekam der Video-Kurtl seinen Namen. Bald sah man öfters zwei auffällige, langhaarige, wild aussehende Typen auf einer Kawasaki zu Konzerten reiten: hinterm Lenker der Wikinger, auf dem Sozius, mit der schweren Kamera auf der Schulter, der Kurtl. Wo er mit seinem Riesending hinkam, öffneten sich ihm Tür und Tor. Die staunenden Wächter hielten ihn wahrscheinlich für einen Kameramann von BBC oder CNN. Kurtl lernte schnell und filmte im Schnitt zwei bis drei wichtige Konzerte pro Woche. So entstand sein einzigartiges Archiv. Die Auflistung aller bisherigen Aufnahmen füllt mittlerweile ca. 35 eng beschriebene Din-A4-Seiten.

 

Hätte der damalige ORF-General, Gerd "Tiger" Bacher, das Potential dieses Mannes erkannt und ihm eine Fernsehsendung gegeben, wären die Einschaltquoten vermutlich in die Höhe geschnellt wie die Verstärkerregler zu Beginn eines Motörhead-Konzerts. Und wäre das Internetz damals schon erfunden gewesen, der Kurtl wäre sicher der erste Streaming-und-Social-Media-Pionier unseres Landes geworden und hätte vielleicht sogar von seiner Leidenschaft leben können. So aber mußte er in seinen Brotberufen meist hart arbeiten, um das teure Hobby finanzieren zu können. Die Bank wollte schließlich jeden Monat pünktlich ihr Geld zurück. Der Video-Kurtl hackelte in einer Bäckerei, als Maurer und viele Jahre lang als Mitarbeiter der Wäsche- und Speisenausgabe am Steinhof. Permanent umgeben von Wahnsinn und Genialität, traf er im Narrenhaus immer wieder auf einige Musiker, die Ärzte, Pfleger oder auch Insassen geworden waren.

Außer dem Kurtl gab es zwar noch ein paar andere, die fallweise Konzerte filmten. Die waren aber meist nur auf eine Musikrichtung spezialisiert, hatten oft nur irgendwelche Pimperlkameras, mit denen sie halt z. B. alle Rock´n´Roll-Konzerte in Wien oder überhaupt nur die Band, deren Fan sie gerade waren, aufnahmen. Der Kurtl richtete derweil sein scharfes Auge schon auf alles Gute - vom Punk bis zur Schrammelmusik. Das beweisen seine Aufnahmedaten, die nicht nur die Namen nahezu aller wirklich großen Musiker unseres Landes enthalten, sondern auch einige berühmte aus dem Vereinigten Königreich wie z. B. Alexis Korner, Alvin Lee, Tony Sheridan, Alex Harvey, Nazareth, Kevin Coyne, Angie Bowie und Eric Burdon, der sich das Cover einer Jimi-Hendrix-LP vors Gesicht hielt, während ihn der Kurtl anläßlich einer Autogrammstunde im Virgin-Megastore filmte. Die beiden Erstgenannten nahmen ihm die Bänder weg, weil sie bis zu 5000 Schilling dafür haben wollten, die der Kurtl natürlich nicht einstecken hatte. Leider befand sich darauf auch ein - somit unwiederbringlich verlorener - wunderbarer Mitschnitt von Harri Stojka, der vor Korner aufgetreten war.

 

Manche, die schwören, dabeigewesen zu sein, behaupten ja bis heute steif und fest, der Kurtl hätte sogar die Stones am 3. Juli 1982 bei ihrem Konzert im Praterstadion nicht nur von der Bühne aus gefilmt, sondern - versteckt hinter den Boxen - auch noch die Gitarrenparts von Keith Richards übernommen, weil der so bedient war, daß er nicht einmal mehr gescheit so tun konnte, als würde er selber spielen. Richards drehte sich immer wieder um und suchte ratlosen Blicks die Bühne nach einem weiteren Gitarristen ab, fand aber außer Ronnie Wood, der mit seinem Teil der Show ausreichend beschäftigt war, keinen. Jedenfalls soll Keith nach diesem Abend den psychedelischen Drogen abgeschworen und backstage behauptet haben, der Geist Robert Johnsons - einst selber ein Drogist vor dem Herrn - hätte ihm ausgeholfen. Eine illegale Feldaufnahme dieses Konzerts ist das von Wiener Insidern meistgesuchte Stones-Bootleg überhaupt.

Über den Kurtl kursieren in Wien unzählige Gschichteln, die zum Teil wohl der berauschten Phantasie seiner Fans entsprungen sind. Denen zufolge wäre er sogar mit Jimi Hendrix befreundet gewesen und hätte dem Hauenstein Kurtl - manchen vielleicht besser bekannt als "Supermax" - einst das Baßspielen beigebracht.

Innerhalb der heimischen Musikszene erwarb sich der Video-Kurtl aufgrund seiner geraden Art schnell einen guten Ruf. Mit vielen Künstlern ist er bis heute befreundet. Zum Dank für ihr Vertrauen bekamen sie - wenn sie wollten - eine Gratiskopie ihrer Auftritte. Kurtl verhalf den Musikern auch öfters sehr kostengünstig zu Demomaterial für Bewerbungen bei Plattenfirmen oder beim Rundfunk. Er war nicht nur Archivar, sondern unterstützte auch Klein-Labels, finanzierte Vinylpressungen oder streckte zumindest das Geld dafür vor. Jetzt, als Pensionist, hat er Zeit, einen netzfähigen Katalog zu erstellen, damit die zahlreichen Fans endlich die Aufnahmen, nach denen sie schon so lange lechzen, auf DVD erwerben können.

 Das Geld, das dabei hereinkommen wird, will der Kurtl für weitere Projekte verwenden. Wenn alles so kommt, wie er es sich vorstellt, wird er uns noch mit vielen Konzertaufnahmen und mit ein paar abendfüllenden Spielfilmen der besonderen Art erfreuen.

Übrigens wirkte der Dokumentarist auch als Darsteller bei Filmproduktionen mit, unter anderem in "Neon Mix" (1982 von Günter Brödl, mit Miki Malör, Chuzpe und Wilfried). Im Film sieht man, wie Wilfried mit Kurtls erster Kamera die Chuzpe filmt. Kurtl lieh sie Brödl für den Film und traf sich in weiterer Folge öfters mit ihm, weil dieser wollte, daß er seine Lesungen filmt. Leider kam es aufgrund terminlicher Schwierigkeiten nie dazu.

 

Seit ungefähr zwei Jahren begleitet der Kurtl den General Guglhupf am Baß; davon gibt es auch eine DVD: OWS (steht für Oide Wüde Schweine) - "Chaos live" im Chelsea und im Venster99, Video Kurtl Produktion Nr. 11/2017. Ebenso ist die DVD Hallucination Company - "Last special night", live im Porgy & Bess (VKP Nr. 12/17) erhältlich.

Der Kurtl hat auch viel Material zur phantastischen 3-LP-und-2-DVD-Box "de guade oide Zeit" (Panza-Platte) beigesteuert und die Doppelsingle "Das waren keine Hits" von General Guglhupf & Terrorexpress (mit Andi Abschaum), sowie die 10" von Terrorexpress - "Spitzenschlager aus der Hölle von Wien" - vorfinanziert, die natürlich ebenfalls der höchstehrwürdige Panza herausgebracht hat. Wer Sehnsucht nach diesen herzerwärmenden Produktionen verspürt, möge sich an www.panzaplatte.at oder an den Kurtl (0699/12283876) wenden und beten, daß noch Restbestände verfügbar sind.

Kurtl träumt davon, dereinst einmal mit dem John Lennon, dem Jimi Hendrix, dem Jim Morrison, der Janis Joplin und den drei Hansis - Dujmic, Hölzel und Lang - zu jammen. Davon wird er uns dann ein Video, das erste aus dem Rock´n´Roll Heaven, zukommen lassen, verspricht er.

"Der Video-Kurtl ist eine legendäre Gestalt der Wiener Subkultur, die man, würde sie nicht existieren, notwendigerweise erfinden müßte", sagte (sinngemäß) sein Freund Peter Weibel über ihn - und traf damit den Nagel auf den Kopf.

 

 

Alle Porträtphotos: © Armin Hell

Armin Hell

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