Kofuku No Kane (The Blessing Bell)
Japan 2002
87 Min.
Regie: Sabu
Darsteller: Susumu Terajima, Naomi Nishida u. a.
This is it: abschließende Würdigungen und ein würdiger Abschluß mit "Kofuku No Kane (The Blessing Bell)", einem weiteren Sabu-Glanzstück. 30.10.2003
Zurück aus dem cinematographischen Zeitloch in die wirkliche Welt heißt es nun also nach rund zwei Wochen des hastigen Von-Vorführung-zu-Vorführung-Hetzens, des damit verbundenen permanenten Terminstresses und der daraus resultierenden temporären sozialen Verarmung. Wesentlich günstiger stellt sich da schon die Bilanz der in diesem Jahr gesichteten Filme dar. Ob dies aber einer feineren bzw. glücklicheren Selektion des Autors oder einer generell verbesserten Festival-Programmierung geschuldet ist: Wer weiß es schon genau?
Wie schon erwähnt, haben Dokumentarfilme nur sehr spärlich Eingang in die persönliche Programmplanung gefunden, dann aber großteils auch wirklich zu überzeugen gewußt: ob in Porträts dreckiger alter Männer ("Bukowski: Born Into This"), dreckiger Mittelklassefamiliengeheimnisse ("Capturing the Friedmans") oder ganzer Städte als Filmkulisse und -subjekt (in seiner Art ziemlich einzigartig: "Los Angeles Plays Itself").
Zu übler Laune beigetragen haben dann eigentlich nur zwei Machwerke: Die beinahe bis zum Stillstand zerdehnte Kino-über-Kino-Hommage "Bu San (Goodbye Dragon Inn)", ein noch nicht mal sentimental angehauchter Schwanengesang auf die letzte Vorstellung in einem taiwanesischen Lichtspielhaus, ist - bei allem Verständnis für Reduktion - im besten Fall noch als Guideline zum cineastisch wertvollen Wachkoma brauchbar. Richtig ärgerlich wurde es dann aber bei der ernsthaft mit der Goldenen Palme von Cannes prämierten Fake-Columbine-Aufarbeitung "Elephant", die - nachgerade ein Lehrstück in Belangen Heuchelei - Gus van Sant als genau den manipulativen, grenzenlos überschätzten Scharlatan brandmarkte, der seit nun 15 Jahren ("Drugstore Cowboy") keine wirklich brauchbare Arbeit mehr abgeliefert hat (By the way: Der dieses Jahr nachgeholte "Gerry" konnte diesen Eindruck leider auch nicht falsifizieren). Scheinheiliger als dieser Fingerzeig-nicht-Fingerzeig-Schmus sind dann nur noch die Pamphlete des heimischen "Sozialkritikers" Haneke, vor denen man aber gottlob heuer verschont bleiben durfte.
Genug gemault. Schließlich gibt es auch von reichlich Schönem und Verstörendem zu berichten. Für letzteres wußte neben den Psychotrips "Jian gui (The Eye)" und "Fear X" (nach einem Drehbuch von Hubert "Requiem For A Dream" Selby Jr.) vor allem Lars von Trier mit "Dogville" (mit Nicole Kidman, der Ex von ..., na, Sie wissen schon, hüstel...) zu sorgen, einer enorm imposanten, knapp dreistündigen Parabel, die vom Oszillieren zwischen Barmherzigkeit und Unmenschlichkeit, Macht und Niedertracht, Schuld und Sühne erzählt, vom behütenden Schoß der Gemeinschaft als Quell von falscher Tugend- und echter Boshaftigkeit. Schon lange nicht mehr - auch verwirrt ob der eigenen Reaktionen und Rückschlüsse - so befriedigt und befremdet zugleich eine Vorstellung verlassen. Neben den hier bereits lobend erwähnten "Lost In Translation" und "Zatoichi" sicher das Highlight im diesjährigen Programm.
Generell konnte man heuer einen selbst für Filmfestival-Verhältnisse überdurchschnittlich hohen Anteil an Werken ausmachen, deren Politik die der schnellen Schnitte nicht ist und es auch gar nicht sein will. Ob in der isländischen Me-vs.-Nature-Tragikomödie "Noi Albinoi", in "Raising Victor Vargas" (ein weiteres geistreiches Teenie-Drama, das hier unter dem furchtbaren, "eingedeutschten" Titel "Long Way Home" lief) oder der Gallomania "The Brown Bunny" - stets wurden dabei universale Themen wie Sehnsucht und Liebe auf gänzlich unhektische und unprätentiöse Weise in den Fokus gerückt. Unprätentiös ist auch ein ideales Stichwort für den Film, dem hier noch eine letzte, abschließende Beifallsbekundung angedeihen soll.
KOFUKU NO KANE (THE BLESSING BELL)
Lakonie ist ja immer ein gelassener Gigant in den Filmen des großen Sabu (bürgerlich: Hiroyuki Tanaka) - einem, darin gehen der gewohnt geschmacksichere Chefredakteur und der Schreiber dieser Zeilen konform, der innovativsten und wichtigsten Filmemacher des japanischen Gegenwartskinos. Ganz besonders ist sie es in "Kofuku No Kane (The Blessing Bell)", das als eine Art "Straight Story" des Regisseurs von Glanzstücken wie "Postman Blues", "Monday" oder "Drive" seine zahlreichen Trümpfe mit noch einer Spur mehr Stoizismus als sonst auszuspielen weiß.
Eine Firmenschließung macht Igarashi (mit gnadenlos versteinertem Gesichtsausdruck gespielt von Kitano- und Sabu-Regular Susumu Terajima) bereits an seinem ersten Arbeitstag arbeitslos. Mit ungerührter Miene und nach außen getragener Gleichgültigkeit schleicht er daraufhin durch den Tokioter Alltag, begegnet einem buchstäblich todtraurigen Yakuza, einer jungen Frau, deren Apartment brennt, landet im Gefängnis, wird in einen Autounfall und noch zahlreiche andere aberwitzige Ereignisse verwickelt. Ohne auch nur einen einzigen Laut von sich zu geben wandert er in Einbahnstraßen der Kommunikation durch eine Aneinanderreihung zufälliger Begegnungen und Koinzidenzen, absurder Unfälle, Glücksfälle und Zufälle, in denen es weit mehr Erkenntnisse von Leben, Tod, Glück und Unglück zu entdecken gibt, als dies auf den flüchtigen ersten Blick zunächst der Fall scheint. Ein weiterer leiser und unaufdringlicher, nichtsdestotrotz aber absolut würdiger Schlußakkord dieses Festivals. Chapeau encore, Monsieur Sabu!

Kofuku No Kane (The Blessing Bell)
Japan 2002
87 Min.
Regie: Sabu
Darsteller: Susumu Terajima, Naomi Nishida u. a.
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