Texte_Viennale 2006/Journal II

Democrats and Dick-Heads

Die Geschichte der USA ist eine der Paranoia - ob es nun um Politikerattentate oder Junkie-Agenten geht, die sich selbst überwachen sollen. Auch zwei Filmemacher scheitern daran ...    20.10.2006

Es mag ja ein sehr subjektiver Eindruck sein - aber noch nie war es so schwierig, an Viennale-Karten zu kommen wie heuer. Leidgeprüfte Ansteller an den Vorverkaufsschaltern werden das ohne große Widerrede bestätigen. Doch auch für Akkreditierte heißt es 2006 öfter als bisher: "Kein Kontingent mehr vorhanden." Und das, obwohl man sich gerade einmal eine Stunde nach Öffnen des Reservierungsschalters eingefunden hat. Umso absurder nimmt es sich dann aus, daß für sämtliche ausreservierten Vorstellungen knapp vor Beginn der Filmvorführung problemlos (Presse-) Restkarten zu ergattern sind.

Zwei der Filme, die sich einer besonders starken Nachfrage erfreuten, bekam trotz aller Hindernisse auch der Autor dieser Zeilen zu sehen. Zum einen ist dies Bobby von Emilio Estevez, der sich des Attentats auf Robert Kennedy annimmt. Am 4. Juni 1968 wurde der demokratische Präsidentschaftkandidat in spe vom Palästinsenser Sirhan Sirhan erschossen. Nachdem das seinerzeit offenbar zum Familienschicksal gehörte, war bald vom "Kennedy-Fluch" die Rede.

Der Estevez-Film behandelt die Stunden vor dem Attentat im Ambassador Hotel in Los Angeles, dem Wahlkampfhauptquartier Kennedys - und kreist um den Alltag von rund zwei Dutzend (fiktiven) Personen, die den Schicksalstag dort verbrachten: Personal höherer und niedrigerer Rangordnung, ein Hochzeitspärchen, Wahlkampfhelfer und -strategen sowie einen Hotelmanager im Ruhestand. Das Spektakuläre daran: Fast alle dieser Rollen sind hochkarätig besetzt (eine vollständige Aufzählung würde den Rahmen der Rezension sprengen), wenngleich auch nicht alle Schauspielpromis auf den ersten Blick erkennbar sind.

Das Paradoxe daran: Fast keine der Geschichten oder Personen ist so interessant, daß sie den Zuseher in ihren Bann ziehen könnte. Man sieht, wie Sharon Stone Demi Moore die Haare frisiert oder Anthony Hopkins und Harry Belafonte Schach spielen; doch all das vermag recht wenig zu fesseln. Die eigentliche (und einzig spannende) Geschichte - das Attentat - wird ans Ende des Films verbannt, wobei man die titelspendende Hauptfigur nie zu Gesicht bekommt. Und dann spielen die Nebenfiguren, auf denen der Film aufbaut, plötzlich auch keine Rolle mehr. Wieso das ist, weiß wohl nur Estevez selbst. Der Rest wundert sich über den vielen Lärm, den dieses inszenatorische Nichts auszulösen vermochte.

 

Womit wir schon beim zweiten Buzz-Film der heurigen Viennale wären, A Scanner Darkly von Richard Linklater. Hier fällt ein Urteil schon weniger leicht (wenngleich die Gemüter nach der Vorstellung gespalten waren wie schon lange nicht mehr). Selbst in der kuriosen Geschichte der Verfilmungen von Philip-K.-Dick-Werken ("Paycheck", "Total Recall") nimmt Linklaters Adaption des (angeblich persönlichsten) Dick-Romans eine Sonderstellung ein. Das hat mehrere Gründe, deren augenscheinlichster der graphische Zugang ist. Wie schon bei "Waking Life" vertraut der Regisseur auf die sogenannte Rotoskop-Animations-Technik, mit der es möglich ist, real gefilmtes Material vom Computer "nachzeichnen" zu lassen. Das gibt dem Film nicht nur einen faszinierenden Look, sondern eröffnet zudem die Möglichkeit, technische Tricks ohne kostenintensive CGI umsetzen zu können - insbesondere bei den Effekten, die nötig sind, um die Formwandelfähigkeit der Undercover-Drogenagenten zu visualisieren.

Womit wir auch schon beim zweiten signifikanten "Scanner"-Kriterium wären: Drogen. Noch mehr Drogen. Und sehr viel Paranoia. Und weil die Geschichte des Junkies und Drogenagenten (Keanu Reeves) in Personalunion, der spätestens nach dem Befehl, sich selbst zu überwachen, den Unterschied zwischen Trip und Realität nicht mehr ausmachen kann und den Verstand verliert, sich quasi um nichts anderes dreht, kann man hier tatsächlich von Science Fiction für Slacker sprechen.

Und so hält sich bei dem wirren Gebrabbel der Drugheads Downey Jr., Harrelson und Reeves auch der Mainstream-Appeal von Haus aus stark in Grenzen. Leider aber auch der Unterhaltungswert: Obwohl sich das Script so eng an Dicks Vorlage hält wie keine Adaption bislang und obwohl Richard "Dazed & Confused" Linklater Drogen-Dialoge schreiben kann wie kein anderer, vermag einen der Film "A Scanner Darkly" doch nie so zu faszinieren wie das Buch. Irgendwas ging da lost in translation. Es ist dennoch anzunehmen, daß es sich hierbei um einen kommenden "Kultfilm" in den bewußtseinserweiterten WGs dieses Planeten handeln wird - ähnlich wie die dazu komplementäre Literaturverfilmung "Naked Lunch".

Christoph Prenner

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Viennale 2006


Wien, diverse Kinos

13.-25. Oktober 2006

 

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