Texte_Viennale 2007/Journal I

Lügen und Geheimnisse

Verschwörungen, so weit das Auge reicht, gab es auf diesem ersten Viennale-Wochenende, das mit Tarnungs- und Täuschungsmanövern wahrlich nicht geizig umging. Wie würde es Fox Mulder ausdrücken: "Trust no one".    23.10.2007

Bei allem nötigen (und auch unnötigen) Respekt vor der Anti-Vietnam- und Pro-Gymnastik-Vorkämpferin Jane Fonda: Ein Filmfestival - das ja zuvorderst eigentlich eine Standortbestimmung kontemporären Filmschaffens sein sollte - gleich an den ersten beiden Abenden mit einem Fonda-Tribute und zwei ihrer selbstverständlich hervorragenden, aber eben naturgemäß auch schon rechtschaffen abgespielten New-Hollywood-Klassiker ("Klute" und "Coming Home") zuzuprogrammieren, erscheint dem Außenberichterstatter Ihrer Wahl dann doch etwas zuviel der Ehrerbietung.

Und so stürzte man sich eben erst am dritten Tag ins Viennale-Geschehen - und fühlte sich sogleich in einem regelrechten Paranoia-Park (Ähnlichkeiten mit dem fast gleichnamigen Festival-Beitrag von Gus van Sant sind hier unbeabsichtigt) mindestens der Fox-Mulder-Güteklasse angekommen. Schließlich hatten alle drei Abendfilme des sonntäglichen Gartenbau-Programms eines gemein: Tarnen und Täuschen, Lügen und Betrügen standen fast durchgehend an der Tagesordnung.

 

Deren erster Punkt war Michael Clayton, ein weiteres Prestige-Projekt von Section Eight, der Produktionsfirma von Steven Soderbergh und George Clooney, in dem zweiterer als titelgebender, aber nicht besonders erfolgreicher Anwalt den unredlichen Praktiken eines Lebensmittelherstellers (und im weiteren auch denen seiner eigenen Kanzlei) auf die Schliche kommt und sich fürderhin inmitten einer recht unbequemen Intrigenlandschaft wiederfindet. Auch wenn sich im Regiedebüt des bisherigen Script-Autors Tony Gilroy (immerhin verantwortlich für die sehr tighten Drehbücher der letzten beiden "Bourne"-Filme) immer wieder Momente großer Prägnanz und Eindringlichkeit finden - Stichwort: Pferdeherde - verläuft sich diese "Männliche Erin Brockovich in Grisham-Land"-Story beharrlich in unmotivierten Nebenhandlungen und einer recht umständlichen Inszenierung. Zudem ist die Wandlung der Clooney-Figur vom braven Systemerhalter zum Robin Hood mit Schlips alles andere als nachvollziehbar umgesetzt. Schade auch um die tolle Tilda Swinton, die zwar offenbar als zentrale Bösewichtin vorgesehen, dafür aber erstaunlich wenig auf der Leinwand zu sehen war.

 

Eine ähnliche Erweckungsgeschichte vom Mitläufer zum Einzelkämpfer gegen höhere Mächte macht Woody Harrelson als The Walker im neuen Film von Paul Schrader durch. Als eine Art postmoderner Oscar Wilde führt Harrelsons Carter Page III eine Existenz als (wiewohl schwuler) American Gigolo, der gutsituierte Upper-Class-Damen (u. a. Lauren Bacall und Lily Tomlin) zum Kartenspielen, zu Opernbesuchen oder zum Dinner ausführt. Durch einen Mord am Liebhaber einer von ihm "betreuten" Politikergattin gerät er aber in Teufels Küche und selbst ins Visier der Ermittler. Nach und nach ist er gezwungen, sich aus der eigenen Selbstgenügsamkeit bzw. dem übermächtigen Schatten seines Vaters zu befreien und selber zur Aufklärung des Falles beizutragen - wobei er sich bald in eine enorme Verschwörung verstrickt sieht, die bis zum Vizepräsidenten zu reichen scheint.

Wer sich hier nun an einen Mix aus älteren Schrader-Filmen wie "American Gigolo", "Light Sleeper" oder "Affliction" erinnert fühlt, liegt so verkehrt nicht. Obwohl "The Walker" als eine Art "Best of Schrader" an die Klasse dieser Werke nicht heranreicht, bleibt dennoch der Eindruck, daß der Filmemacher und legendäre Drehbuchschreiber von seinem "Exorzist"-Debakel nicht so arg geknickt wurde wie befürchtet. Bonuspunkte gibt´s für die Wahl von Woody Harrelson, der mit einer bestechenden Leistung beweist, daß man ihn vielleicht doch zu früh abgeschrieben hatte.

 

Der Mantel des Schweigens soll dafür über Hal Hartleys in mehrerlei Hinsicht mißratene, mit absurden Politik- und Privatenthüllungen durchsetzte Spionagefilm-Farce Fay Grim gebreitet werden. Gehen wir lieber gleich weiter zum Prime-Time-Streifen am Montag: Se, jie/Gefahr und Begierde von Ang Lee. Der taiwanesische Kritikerliebling hat sich nach dem gar nicht einmal so guten "Brokeback Mountain" wieder nach Asien begeben und einen Film geschaffen, der gut und gerne als Komplementärstreifen zu Paul Verhoevens "Black Book" durchgehen könnte.

Da wie dort infiltiert eine hübsche Widerstandskämpferin (da China unter den Japanern, dort Holland unter den Nazis) den Gegner, indem sie sich mit dem Feind - in Form einflußreicher Macht-Männer - ins Bett legt. Da wie dort kommt natürlich die Liebe ins Spiel, und da wie dort kann das klarerweise nicht gut ausgehen - zumindest füreinen der Beteiligten. Was bei Verhoeven zu grandiosem Popcorn-Pulp wurde, kommt bei Lee wie erwartet wesentlich subtiler und enigmatischer, aber nicht weniger lohnend daher. Einen gar nicht so exzeptionellen Anteil daran haben die vorab vieldiskutierten Sexszenen, die zwar tatsächlich recht explizit ausgefallen sind, aber eigentlich auch nur ein weiterer Bestandteil unter vielen in diesem Gebäude aus Lügen und Geheimnissen sind, das schlußendlich gar nicht anders kann, als in sich selbst zusammenzukrachen.

Christoph Prenner

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