Stories_Rokko´s Adventures im EVOLVER #102

Die Cheerleader der Besten

Wo hat Rokko das erste Mal Country Teasers quengeln, Sleaford Mods fluchen, Amanda Whitt wüten, Steel Pans im Getümmel bei einer West Indian Day Parade gehört? Nicht draußen - und nicht im Wohnzimmer eines Vertrauten, sondern auf WFMU. Dieser Radiosender funktioniert aber im Grunde genauso: als würde man daheim bei einem Haberer sitzen, der einem seine Lieblingsplatten vorspielt.    30.11.2018

Rokko´s Adventures ist - so steht es im Impressum - eine "unabhängige, überparteiliche sowie übermenschliche Publikation" und "setzt sich mit Leben, Kunst, Musik und Literatur auseinander". Der EVOLVER präsentiert (mit freundlicher Genehmigung) in regelmäßigen Abständen ausgewählte Beiträge.

 

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War ich einmal unterwegs mit Budrowsky auf einen schönen Zieher durch Wien, als wir irgendwann bei einer Würschtelbude am Lerchenfelder Gürtel landeten. Dort war eine illustre Runde beinander, und einer von denen, vorbildlich eingeölt, begann zu singen, jaulen, grummeln. Tiefe Stimme, unheimliche Hypnose. Weder Sprache noch deren Melodie konnten auch nur grob eingeordnet werden, wir lauschten und staunten, eine surreale Aufführung, eine völlige Weltneuheit. Plötzlich hat der Gefährte vom Sänger, der nach Schwierigkeiten aussah, das Konzert abgebrochen und so getan, als wäre nichts passiert. Was blieb, war das Funkeln der Sterne und in den Augen.

Nächster Tag: Die Sterne in den Augen sind zu langsam bröckelnden Steinlawinen geworden, man kennt den Vorgang. Mit Kaffee setzt man sich zum Computer, stellt beiläufig, wie in Routine, eine Verbindung zu Radio WFMU her und empfängt die Strahlen. Den Ohren zu trauen war in diesem Fall schwer: Plötzlich höre ich die Stimme von gestern wieder, ein Bild fügt sich zusammen, von dem Typ, der uns beim Würsteldompteur bizarre Chansons ins Hirn gerieben hat. Das Funkeln kommt zurück. Ich schaue auf der WFMU-Website, wer da in tiefster Anwandlung winselt: ein gewisser Arthur Doyle, mit dem Titel "Mama Love Papa Love".

Es gibt also nicht nur einen, der diese Sprachwelt beherrscht, nein, es gibt zwei Menschen auf dieser Erde: die dralle Fledermaus vom Würstelstandl und den Jazzmusikanten Arthur Doyle. WFMU hat die Kraft, solch magische Erkenntnisse in den unmöglichsten Momenten zu verkünden.

 

Von WFMU habe ich mehr gelernt als im gesamten Musikwissenschaftsstudium. Ein Connaisseur geht da nach dem anderen ins Studio, um seine Obsessionen preiszugeben: der eine spielt alte Schellacks mit Handantrieb, die andere Noise-Berserker frisch aus der Hölle, der nächste feinsten Northern Soul, gefolgt von ungehörtem Hillbilly-Wahnsinn, drei Stunden raren Sun-Ra-Singles, einem spontanen Special zu Ehren des gerade erst vor wenigen Stunden verstorbenen Helden Jean-Jacques Perrey, und plötzlich sind Oxbow live im Mini-WFMU-Studio. Man könnte nicht nach mehr fragen.

WFMU-Mitgliedskarten, WFMU-Leiberl oder die schlichte Erwähnung dieses Senders funktionieren weltweit wie der Gruß einer Geheimgesellschaft. Leute, die´s geschafft haben und die WFMU offiziell lieben, sind Granden und Klassiker wie Matt Groening, Robert Crumb, R. Stevie Moore, Lou Reed, Jim Jarmusch und Sonic Youth. Denn welcher andere Sender liefert Hasil Adkins zum Tode eine Sendung mit seinem Sargträger Joe Coleman als Gast? Wer hat ein verstrahltes Gespräch mit Captain Beefheart von 1971 in petto? Für sonstige Interviews bzw. Live-Shows zugegen waren so verschiedene Persönlichkeiten wie Nikki Sudden, Nancy Sinatra, Crispin Glover, Greil Marcus, Radian, The Fugs, Henry Flint, Bo Diddley, Michael Yonkers, Dick Dale, Suicide, Yoko Ono, Khanate ...

Weil die Programmeinheiten so verschieden sind wie die Menschen selbst, ist Ken Freedman - seit 1983 bei WFMU, seit 1985 Programmdirektor - jeder verdächtig, der den Sender nicht mindestens fünf Mal am Tag aus Geschmacksgründen abdrehen muß: eine ehrliche Einordnung, die genug Platz für individuelle Extrawürste bietet. Freedman tut, was nötig ist, um die Kompromißlosigkeit zu halten: Er spielt einen Song bzw. ein Field Recording namens "Mark E Smith eating spicy noodle soup", und als nächstes kommt ein Stück von Pink Floyd, ergänzt mit "Mark E Smith eating a banana in the background". Willkommen bei WFMU!

 

Kein Prominentenbonus

 

Wir sind in New York City. Vom Südzipfel Manhattans aus muß man gen Westen über den Hudson River nach Jersey City fahren: Es ist nicht weit, die Züge fahren regelmäßig über die Bundesstaatsgrenze.

Montgomery Street. Hier also ist WFMU zu Hause: Von außen sieht das Gebäude harmlos aus, man würde nie vermuten, welch sonische Schmiedstätte hier ihre Zentrale hat. Geht man hinein, kommt man in die Monty Hall im Erdgeschoß: WFMUs eigener Konzertclub. In den anderen Stockwerken sind die Radiostudios, die "Music Library", die Büroräume, der technische Firlefanz, Küche, Klo und viele Leute, meist freiwillige Helfer. Das ganze läuft extrem niederschwellig, verläßliche Mitarbeiter werden immer gesucht. Denn was neben den hohen Qualitätsstandards ebenso zu den Kennzeichen von WFMU zählt, sind technische Probleme, Stromausfälle und finanzieller Notstand.

Mit Ken Freedman wurde ein Interviewtermin vereinbart, aber als ich ankomme, erfahre ich, daß er nicht kommen kann und ich stattdessen mit Brian Turner reden soll. Das kommt mir gar nicht unrecht, ist Turner doch der Musikdirektor von WFMU, spielt selbst mit Jowe Head (u. a. Swell Maps) in einer Band und gilt als Koryphäe sämtlicher Randbereiche. Seine Sendungen gehören zu den allerbesten. Wer sonst widmet Bands wie The Fall oder den Melvins drei durchgehende Stunden und lädt die Country Teasers oder Bill Orcutt für eine Live-Studio-Session ein? He´s the man.

Also setzen wir uns in sein Studio. Er hat gerade eine Abner-Jay-Platte in der Hand, die er fürs Archiv beschriftet. Währenddessen Geschichtsunterricht im Zeitraffer: Fast jedes College in den USA hat sein eigenes Radio, und WFMUs Anfänge liegen 1958 am Upsala College, das damals in East Orange, New Jersey stand, ca. 15 Meilen westlich. Danny Fields, u. a. "Entdecker" der Stooges, war zu Anfangszeiten DJ bei WFMU, das seit 1968 als freies Radio gilt und die Technik vom College nutzte. Hippies und Freaks nahmen überhand, und WFMU galt nicht mehr als Vorzeigeradio für die Bildungsstätte. Die Sache wurde chaotisch und ging bergab, erzählt Turner: "Für WFMU wurde es erst 1976 wieder besser, als es in New York zu brodeln begann: No Wave, Jazz, die aufkeimende HipHop-Kultur - all das interagierte und schmolz zusammen. Es war ziemlich offen, du bist auf ein Konzert gegangen; zuerst spielten DNA, dann The Feelies und dann Sun Ra. Die verschiedenen Camps arbeiteten zusammen und informierten sich gegenseitig. Heute passiert das nicht mehr so, aber wir versuchen genau das mit WFMU."

Das Upsala College ging 1994 bankrott, WFMU machte dennoch eine Zeitlang weiter am Campus, der sonst hauptsächlich von Junkies und Obdachlosen genutzt wurde, so Turner: "Die Gebäude fingen zu brennen an und verwilderten. Schießereien gehörten zur Tagesordnung, und wir waren der letzte Posten. Das war ziemlich abgelegen, und unsere DJs wurden regelmäßig überfallen, als sie auf den Bus warteten. Am letzten Tag unseres Spenden-Marathons hat unsere Station zu brennen angefangen, also haben wir gesagt: 'OK, das ist ein guter Grund zu gehen und uns für ein neues Gebäude zu unterstützen!' Und es hat funktioniert. Ein paar DJs von damals sind noch immer dabei: Frank O´Toole, Irwin Chusid ... Ich hab´ 1996 angefangen."

1998 zog WFMU in das Gebäude in Jersey City, wo wir uns gerade befinden. Davor war hier eine Versicherung und so etwas wie eine Eierfabrik. Das Bauwerk, das die Radiomitarbeiter sukzessive reparieren, ist eine ständige Herausforderung: gefährliche Stromzufuhren, feuchtes Mauerwerk, Eichhörnchen und Waschbären in den Wänden, ein sinkendes Gebäudehinterteil. Dennoch versucht WFMU, stets Neues zu generieren, wie erst vor ein paar Jahren Monty Hall als Konzertstätte im eigenen Gebäude: "In gewisser Weise sind wir das, was Maxwell´s in Hoboken war. Todd Abramson hat dort Konzerte organisiert, jetzt macht er viel bei uns. Maxwell´s war ein Club, wo Bands, die in NYC spielten, in der Nähe ein weiteres Konzert geben konnten, ohne in Schwierigkeiten mit dem Promoter zu kommen. Weil uns der Fluß trennt und wir in einem anderen Bundesstaat sind, können wir hier oft intimere Konzerte von größeren Acts machen. Manchmal verkaufen wir auch Bier bei den Shows, aber wir müssen die Lizenz immer einzeln beantragen und bekommen sie ca. zehn Mal im Jahr. Eine ganzjährige würde einen absurden Betrag wie $ 100.000 kosten.”

Jeden Tag überträgt WFMU 24 Stunden live, wozu ca. 60 DJs in Gebrauch sind. Zu ihnen gehörte einige Zeit Michael "The Good Doctor" Anderson aus Sun Ra´s Arkestra, erzählt Turner: "Er hat mit Sun Ra und dem Arkestra im Haus gelebt und war derjenige, der damals alles aufgenommen hat. Ab und zu kommt er noch vorbei. Ich glaube, er wohnt in Newark und verwaltet nach wie vor die Sun-Ra-Archive und -Reissues. Bei mir war auch Marshall Allen für eine Live-Session, mit Danny Thompson und ein paar anderen Leuten. Damals war Marshall schon 90, aber er hat drei Stunden gespielt, vielleicht zehn Minuten Pause gemacht, um einen kleinen Schuß Wodka zu trinken."

Auch "Beastie Boy" Adam Horovitz wollte einmal DJ bei WFMU werden, bis Brian Turner ihm gesagt hat, er muß zuerst ein Jahr unbezahlte Büroarbeit leisten - so die Mär. Turner lacht: "Das ist Quatsch, aber diese Geschichte kommt immer wieder! Eigentlich hab´ ich Adam reingebracht. Er sollte eine Show machen, also hab´ ich gesagt: 'Klingt alles gut, Adam. Zuerst springst du einfach ein, wenn ein DJ ausfällt, und später bewirbst du dich für einen Fixplatz. In der Zwischenzeit kannst du freiwillige Arbeit leisten wie jeder andere auch.' Und plötzlich war er verschwunden, und ich hab´ lange nichts von ihm gehört. Jahre später ist er dann mit Kathleen Hanna zurückgekommen und hat ihr geflüstert: 'Brian hat gesagt, ich muß ein Jahr Kuverts lecken, bevor ich hier irgendwas machen darf.' Das ist einer dieser Mythen. ... Wir haben ein sehr freundliches Klima, erwarten aber, daß die Leute kommen und helfen, wenn sie Zeit haben. Abseits von dieser kleinen Geschichte - Adam ist großartig, er unterstützt uns und interessiert sich nach wie vor für WFMU."

 

Zensurkeulen über dem Amiland

 

Zu den DJs kommen noch ca. 100 Menschen im Hintergrund, die sich um bürokratische Angelegenheiten, das Free Music Archive (FMA), die WFMU-Plattenbörse, die Konzertdurchführungen in der Monty Hall und vieles mehr kümmern. Die DJs arbeiten unentgeltlich, aber ein paar der tragenden Kräfte wie Brian Turner, Ken Freedman und Vizechefin Liz Berg bekommen ihr Gehalt. "Wir sind klein, aber in langsamen Babyschritten schreiten wir voran", sagt Turner. "Ich reise viel zu Festivals und gebe Workshops in Berlin, Amsterdam, Rotterdam, Glasgow ..." Und überall sammelt Turner neue Platten, Interviews und Konzertmitschnitte, die er nur wenig später ins Radio bringt.

Auf WFMU gibt es keine Jingles, keine Nachrichten, keine Werbung, was dem Sender einen angenehm wilden Charakter gibt. Die finanzielle Unterstützung kommt von den Hörern selbst, was die nötige Unabhängigkeit sichert. Ken Freedmans Grundsatz ist, daß Meinungsfreiheit wichtiger ist als Political Correctness, weswegen es auch verschiedene Programme und DJs gibt, die inhaltlich absolut nicht einhellig sind (ein Gedanke, der auch der Idee dieses Hefts zugrunde liegt). Ob es da manchmal zu Querelen kommt? Turner: "Nicht mehr so wirklich, heute ist es viel mehr 'Wir-gegen-die-anderen'; unser kleines Unternehmen hier gegen die gigantische Kommerzialisierung überall sonst. Wir sind froh, daß wir in diesem Klima überhaupt noch existieren."

Kontroversielle Acts werden immer wieder zu WFMU-Studio-Shows eingeladen, etwa Philip Best (Whitehouse, Consumer Electronics) oder die Country Teasers, berüchtigt für ihre zutiefst bösen Texte, die von Sänger Ben Wallers aka The Rebel kommen. Turner jagte die Country-Teasers-Show zweimal über den Äther - einmal zensiert mit Piepsern ohne Ende im regulären Programm, einmal so, wie´s gehört. Das durfte allerdings ausschließlich im "Web only"-Stream geschehen, der täglich von sechs bis neun in der Früh übertragen wird. Der sechsstündige Zeitunterschied ist übrigens ziemlich lustig: Wenn ein DJ in Jersey City um drei in der Früh Musik spielt, um durch die Nacht zu kommen, kann das hier genau die richtige sein, um um neun Uhr morgens die Wirkung des Kaffees zu verstärken - und umgekehrt. "Nicht, daß ich mich von den Country Teasers beleidigt fühlen würde, ganz im Gegenteil!", grinst Turner. "Aber wir wären damit nicht durchgekommen. Wenn das jemand meldet, werden wir wegen 'Obszönität' angezeigt und müssen eine halbe Million Dollar zahlen. So funktioniert das in Amerika, äußerst verspannt. Aber die Country Teasers waren so gut, und The Rebel war mit seinem Album 'Northern Rocks Bear Weird Vegetable' wieder bei mir, davon gibt´s auch eine Live-Aufnahme in den WFMU-Archiven. Ich hoffe, er kommt zurück, Ben Wallers ist großartig. Ich liebe den Kerl und hab´ ihm gerade ein paar Bootlegs von The Fall geschickt."

Apropos The Fall: 2015 hat Turner ein zweiteiliges The-Fall-Special auf WFMU übertragen, inklusive Interviews mit den ehemaligen Bandmitgliedern Marc Riley, Steve Hanley und Brix Smith Start, die zudem Mark E. Smiths Ex-Frau ist. Außerdem spielte die All-Star-Band Spectre Folk (mit Leuten von Sonic Youth, Pavement, Magik Markers, Make-Up ...) ausschließlich The-Fall-Covers, was erneut gezeigt hat, daß The Fall ohne Mark E. Smith eben eins nicht ist: The Fall. Turner hat in den sechs Radiostunden rare Schmankerl sämtlicher Band-Besetzungen gespielt und sich wirklich etwas angetan, ist er doch so etwas wie ein Wissenschaftler dieser launigen Institution und hat gerade die Liner Notes zu den Vinyl-Reissues der ersten sechs The-Fall-Platten geschrieben, die 2016 auf Superior Viaduct Records rausgekommen sind. Daß Turner und Smith deswegen die besten Freunde wären, sollte man trotzdem nicht glauben: "Er hat mir nach dem Special ein ziemlich griesgrämiges E-Mail geschrieben, weil ich das Post-1999-Line-up ignoriert hätte. Naja, ich hab´ mich eben eher auf die früheren Perioden spezialisiert. Er wies mich verärgert darauf hin, daß das derzeitige das längste existierende Line-up von The Fall wäre. Ich hab´ ihm eine nette Nachricht zurückgeschickt: 'Gut, hier hast du eine Liste, wann was von The Fall auf WFMU gespielt worden ist. Wir haben auch die neuen Platten und sind wahrscheinlich die einzige Station in den USA, die das alles importiert. Bei uns bist du so groß wie die Beatles.' Aber das hat ihn sicherlich nur noch mehr verärgert", lacht Turner.

 

Die unendlichen Archive

 

Wir gehen nun mit der Jay-Abner-Platte vom 2. Stock hinunter ins Archiv, um sie sachgerecht einzuordnen. "Die ganzen Tonträger sind jetzt in einem Raum, bis vor kurzem waren Teile davon am Klo, Teile davon in der Küche ..." Die Musiksammlung von WFMU ist auch deswegen so gigantisch, weil Labels, Bands und Musikbegeisterte kontinuierlich Tonträger in allen Formaten hierher schicken. Turner ist derjenige, der sie als Musikchef als erster hört: "Ich horche mich jede Woche durch ca. 100 neue Tonträger und kategorisiere sie grob. Schau, wieviele Kassetten wir allein letzte Woche reinbekommen haben! Also allen, die behaupten, Musik war früher besser, kann ich nur sagen: Ihr liegt falsch. Es passiert soviel wunderbares Zeug, man muß nur die Ohren aufmachen. Hier zum Beispiel: Irgendein Typ in Sibirien macht ein Tape, das seinen Weg zu uns findet, und so etwas habe ich noch nie gehört! Es kommt extrem viel Ungewöhnliches rein. Hier, das ist von dem Typen von Nurse With Wound: Der ist zu einem Eulennest und hat dort die Mäuseknochen gesammelt, die von den Eulen ausgespuckt worden sind. Daraus hat er uns dieses Package gemacht." Gleich daneben findet sich eine riesige Sammlung von CDs von Jandek, dem geheimnisvollen Weirdo aus Texas, der 2009 mit Didi Kern und Eric Arn in Wien aufgetreten ist. Selbst dieser scheue Obskurant vertraut WFMU. "Nach dem Durchhören gebe ich die Tonträger in den Korb für neue Releases, durch den sich alle DJs graben." Anschließend dokumentiert jeder DJ, was er sich ausgeliehen hat, was auch die anderen Radiogestalter sehen: "XY mag das, das könnte mir auch gefallen."

"Nach sechs Wochen nehme ich sie aus der Neuigkeitenbox und ordne sie in unser Archiv ein. Unsere Charts ergeben sich daraus, wer was wie oft spielt." Und daraus ergeben sich wiederum Playlists, die online gestellt werden. Viele Label-Inhaber oder Bands googlen ihre Namen und sehen dann, daß WFMU so gut wie die einzige Radiostation ist, die ihr Zeug respektiert und sogar spielt. "Früher haben wir diese Infolisten per Post verschickt, jetzt geht das online, das macht es viel einfacher."

Die Sleaford Mods etwa wurden auf einmal von so gut wie jedem DJ auf WFMU aufgelegt, und das, obwohl jeder zu 100 Prozent spielen darf bzw. muß, was er will. Qualität setzt sich hier anscheinend durch. "Die Sleaford Mods haben auch ein Studiokonzert bei uns gegeben. Von ihnen können wir leider fast nichts spielen, weil sie so viel herumfluchen. Aber die paar Ausschnitte, die gingen, wurden auf und ab gespielt. Ich wünschte, die Zensur in den USA wäre nicht so engstirnig, aber damit müssen wir wohl leben."

Viele Bands - bestes Beispiel Sleaford Mods - hört man zuerst auf WFMU und ein paar Monate später überall. Zum einen sind die DJs von WFMU Trüffelschweine, die tief graben und die Neuigkeiten von morgen schon gestern gratis präsentieren, zum anderen hat die Station bei Musikschaffenden und Labels einen exzellenten Ruf und sie werden oft als erstes bestückt. "Viele von denen vergessen uns auch nicht, wenn sie groß werden. Als sich z. B. Pavement wieder zusammengetan haben, sind Red Bull und all die großen Unternehmen angestanden - aber wir waren die einzigen, die das Reunion-Konzert übertragen durften. Auch Pitchfork bekam die Erlaubnis nicht. Das ist deswegen, weil diese Bands lang genug WFMU gehört haben und unsere Arbeit schätzen, genau wie mit Sonic Youth. Die kennen ihre Wurzeln und wollen für die nächste Generation einen Spielplatz erhalten, auf dem man sich austoben kann." Turner zuckt mit den Schultern: "Wir versuchen, Cheerleader für all diese Bands zu sein."

 

Häßliche Beatles und echte Katastrophen

 

Aus den Archiven geht es wieder nach oben. Auf dem Weg durch die engen Gänge sieht man lauter schräge - manch einer würde sagen: mißlungene – Porträtbilder von solchen Charmeuren wie GG Allin, Marilyn Monroe, Elvis Presley, Donald Trump und den Beatles. Brian Turner schmunzelt: "Ken Freedman sammelt diese Bilder. Ich hatte Sean Lennon in meiner Show, und er fühlte sich so gedemütigt, als er das Bild seines Vaters sah. Ich meine, sie sind ja wirklich furchterregend."

Solch Empörungen gehören dazu, aber jene Katastrophen, die WFMU heimsuchen, müßten nicht sein. Der Hurricane Sandy (2012) wurde nur um ein Haar nicht zum Untergang des WFMU-Universums, so Turner. "Aus irgendeinem Grund liegen wir um ein paar Zentimeter höher als der Rest in der Gegend, deswegen wurden wir nicht überflutet wie alles andere in Jersey City. Es hat dennoch unsere ganzen Server ausgeschaltet und genug Schaden hinterlassen. Die Station konnte für einige Tage nicht senden, und wer auch immer es schaffte, hierherzukommen, versuchte WFMU wieder hochzukriegen, zumindest für eine gewisse Dauer. Es war wirklich gruselig, der Fluß ist ja nur zwei Blocks entfernt. Für ein paar Wochen fuhren keine Züge von Manhattan, und wir mußten mit der Fähre kommen." Jon Spencer hat anschließend ein Konzert gespielt, um WFMU aus der Patsche zu helfen.

Eine Katastrophe davor: Ob er sich erinnern kann, wer bei 9-11 WFMU-Dienst geschoben hat? "Ja, ich! Also Michael Goodstein war on air, als es gerade passierte, aber dann kam ich und mußte ewig weitermachen, weil niemand mehr hierherkam. Ich hab´ also weiter Radio gemacht, den Leuten gesagt, sie sollen woanders hinschalten, wenn sie zuverlässige Informationen brauchen - die hatten wir einfach nicht. Wir haben zwar dieses Alarmsystem für Notfälle, das mit Regierungsstationen verbunden ist - aber das ist an diesem Tag nicht einmal losgegangen! Wir haben regelmäßige Tests, ob dieser Alarm funktioniert, aber wenn 9-11 kein Grund dafür war, was dann?! Das hätte uns offizielle Informationen geben sollen, aber so kannte sich niemand aus. Dann flogen Kampfflugzeuge ganz tief über die Stadt, alle rannten in Panik herum, manche auch in das WFMU-Gebäude, etwa der Fotograf Bob Gruen. Er war gerade ein paar Wochen zuvor mit Joe Strummer hier gewesen, und jetzt versteckte er sich in unserem Keller, während 9-11 passierte."

Als wir quatschend durchs Gebäude ziehen, begegnen wir Liz Berg. Die stellvertretende Generaldirektorin pendelt, so wie Brian Turner, von Brooklyn nach Jersey City. Liz Berg ist seit 2005 bei WFMU tätig, früher war sie bei ihrem College-Radio, wie sie erzählt. "Ich hätte nie gedacht, daß das ein richtiger Job werden könnte, ich hab´ es aus Spaß gemacht. Aber als ich in nach New York gezogen bin, wollte ich zu WFMU, weil wir die am College schon immer bewundert hatten. Ich half als Freiwillige aus und bin dann reingewachsen. Mittlerweile ist es ein Vollzeitberuf. Ich muß die täglichen Vorgänge organisieren, die Spendenaktionen, die Website updaten, DJs und Freiwilligen helfen, Computerprobleme melden und beseitigen - o, das erinnert mich! Warte einen Moment, ich muß mein Handy holen. Ein Techniker ist grade dabei, die Sendeanlage zu reparieren, und er meldet sich, wenn´s was gibt."

Sogar ein Blitz hat einmal bei WFMU eingeschlagen, und Liz Berg spricht sogar von einem Fluch, der auf dem Sender lastet: Gibt es ein Problem, dann wird es früher oder später bei WFMU eintreten. Um solchen Unregelmäßigkeiten zu begegnen, braucht es natürlich Zaster, und deswegen findet jährlich ein Spenden-Marathon statt. Wir gehen in jenen winzigen Raum, der durch eine schalldichte Scheibe vom Hauptstudio getrennt ist, und Liz Berg sagt. "Das ist eigentlich der Raum, wo die Studio-Sessions mit den Bands stattfinden, aber wir führen hier auch unseren Fundraising-Marathon durch. Wir stellen Tische und einige Telefonapparate auf und campen hier für zwei Wochen. WFMU bedeutet viel Improvisation, es ist oft chaotisch - aber es funktioniert. Alle öffentlichen Radiostationen lagern ihre Telefonservicestellen zu Callcentern aus, aber wir machen das noch selbst!"

Wir streifen weiter durch das Haus, bis Liz Berg stehen bleibt und an die Wand zeigt: "Hier! Das ist das Zertifikat, das unser DJ Glen Jones vom Guinness Buch der Rekorde für die längste durchgehende Live-Radiosendung bekommen hat. Er hat das mehr als 100 Stunden durchgedrückt und einen neuen Rekord aufgestellt, es aber nie ins Buch geschafft, weil ein paar Wochen nach ihm ein Radio-DJ in Skandinavien seinen Rekord gebrochen hat." Brian Turner hakt ein: "O ja, Glen Jones hat das während eines Fundraising-Marathons gemacht, und gerade, als er wirklich am Eingehen war, hat Gene Simmons angerufen. Der hat Glen wieder aufgepäppelt, während er sich selbst lautststark vermarktet und versucht hat, seine 'Kiss Kaskets', also Kiss-Särge, zu verkaufen."

 

Werbung: das einzige Tabu auf WFMU

 

Es gab auch schon einige Kandidaten, die Werbeplätze auf WFMU kaufen wollten, aber das widerstrebt den Grundsatzgedanken des Mediums, das keinerlei kommerziell gerichteten Einflüsse auf den Content zulassen will. Brian Turner grinst: "Little Steven (u. a. in Bruce Springsteens E Street Band) wollte seine eigene Show, aber er wollte lauter Werbung mitbringen. Ich konnte es nicht glauben, aber er sagte: 'Ich bin Little Steven! Ihr wollt mich nicht?!' Ich sagte: 'Naja, wir mögen keine Werbung. Und zuerst mußt du sowieso mal ein Jahr Kuverts ablecken. Oder du: vielleicht zwei' ", schließt er lachend an die Gerüchte an, die WFMUs Arbeitspolitik umfassen.

Wie es um die Abgaben an die "Interessensvertreter" der Musikschaffenden steht? Turner wackelt langsam mit dem Kopf: "Wir haben die jährlichen SoundExchange-Kosten, es ist aber nicht so schlimm, wie sie uns vor ein paar Jahren prophezeit haben. Es gab eine Zeit, da wollten sie, daß wir pro Musiker pro Song pro Zuhörer zahlen. Wir bekamen eine Panikattacke, aber es ist dann nicht so scharf geschossen worden. Es gibt so viele Labels, die sagen, sie wollen unser Geld gar nicht, sie sind froh, wenn sie von uns gespielt werden. Aber wir müssen genau protokollieren, was wir spielen, und ihnen die Playlists schicken. Für viele von den Musikern und Labels ergibt das aber überhaupt keinen Sinn. Wie sollen sie Kontakt zu diesen ganzen schrägen Leuten herstellen, die uns ihre handkopierten Kassetten schicken?! Aber sie machen uns grade keine größeren Schwierigkeiten, also ..."

Doch wegen solcher Querelen wurde von WFMU das "Free Music Archive" gegründet, das qualitativ hochwertige Musik sammelt und archiviert, bei der keine Abgaben fällig sind. Jason Sigal, der Chef dieses WFMU-Seitenstranges, sagt: "SoundExchange - die von sich aus behaupten, die Abgaben im Interesse aller Musiker weltweit zu sammeln - haben eine riesige Liste von 'unbezahlten Musikern', die sie nicht finden können, um ihnen ihren Anteil zu geben. Dazu gehören Gruppen wie Kraftwerk, Afghan Whigs, X-Ray Spex und Ted Nugent. Ich meine, wenn sie solche Musiker nicht aufspüren können, wie sollen sie dann Zeug finden, das wir hier spielen?! Im Grunde müssen wir also Abgaben zahlen, um den Konzern SoundExchange am Leben zu halten, damit die Metallica bezahlen können."

WFMU steht nicht nur für den einen Sender, sondern auch für UbuRadio, Give The Drummer A Radio, Rock´n´Soul Ichiban - und die gesamten Archive: eine jahrelange Musikausbildung, die einfach so frei verfügbar im Internet liegt, kuratiert von den Besten der Besten. Liz Berg fügt hinzu: "Wir sind schon lange Partner mit UbuWeb und haben einen großen Webstream, der sich aus ihren Archiven speist bzw. darum kreist. Und Kenny G hatte seine Show bei WFMU. Die war großartig, selbst wenn er für drei Stunden den Verkehrsfunk gelesen hat." Kenny G aka Kenneth Goldsmith ist der Betreiber von UbuWeb, einer der besten und ebenfalls kostenlosen Datenbanken für Kunst und Avantgarde-Zeug sämtlicher Schattierungen. Aus diesen Überschneidungen paßt es auch, daß WFMU selbst aktionistisch aktiv ist, groteske Maßnahmen zum Geldaufstellen durchführt - etwa einen fliegenden Sessel mit ein paar gasgefüllten Ballons bemannt in die Höhe schickt - und seltsame "pranks" leitet: WFMU trug z. B. der Hörerschaft auf, bei gewissen Ausfahrten gewisser Highways zu bestimmten Mautwächtern zu fahren, denen dann 25 Cent Trinkgeld zu geben und "Happy Hanukah!" zu jubeln. Mindfuck via Radio, dazu sollte es ja eigentlich dienen. Liz Berg lacht: "Das ergibt überhaupt keinen Sinn, und das ist auch das, was WFMU ausmacht."

 

 

PS: Mein nächster Stop nach der Interview-Tour: hungrig und durstig zu Chan´s Dragon Inn in Ridgefield, New Jersey. Am Arsch der Welt, gut versteckt, das beste chinesisch angehauchte Tiki-Bar-Restaurant weit und breit.

 

PPS: Dein nächster Stop: https://wfmu.org/ – leicht zugänglich, minimaler Aufwand, maximaler Nutzen. Hören, staunen und mit $$$ unterstützen! Man bekommt auch nette Goodies für den finanziellen Support, also sei anständig.

Rokko’s Adventures

aus: Rokko´s Adventures #18


Text: Rokko

Fotos: Charlotte Maconochie

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