Stories_Weekend Warriors

Jeden verdammten Sonntag

Eine "Football-Doku" mit Tiefgang und Weitblick ist seit kurzem auch auf DVD erhältlich. Walter Reiterer hat sie gesehen - und ist schwer begeistert.    20.12.2006

Fangen wir gleich mit einer Wahrheit an: Bei der vorliegenden DVD handelt es sich nicht schon wieder um einen jener Football-Filme, wie man sie aus Film und Fernsehen kennt. Sie hat nichts mit Hollywood-Blockbustern wie "Any Given Sunday" gemein (obwohl: in einigen Szenen dann doch wieder) und hebt sich auch von plakativ-hintergründigen Werken à la "Friday Night Lights" ab (wobei die grandiose Buchvorlage hier ausdrücklich ausgenommen sei).

Auch der Titel der Doku ist keineswegs volles Programm. Hier bekommt man weder Helden noch Mythen, weder Sagen noch Krieger, sondern etwas viel Besseres zu sehen: Menschen. Typen, Charaktere, Gewinner, Verlierer - ich und du, sozusagen, und das alles mit einer hundsgemeinen kleinen Digicam (aber der Optik eines 35-mm-Films) und von einer Frau abgedreht. Und die hatte noch dazu mit Football vorher nur wenig am Hut.

Ein Sakrileg? Ganz und gar nicht.

 

Alexa Oona Schulz

 

Besagte Frau, deren Namen Sie im Zwischentitel sehen, arbeitet als Regisseurin und Autorin für ARTE und VOX, schreibt Drehbücher für das ZDF und fand mit ihrem bisherigen Schaffen vor allem auf Festivals und in Programmkinos ein größeres Publikum. Sie ist Norddeutsche, aber verschwiegereltert in Schneebergdörfl und daher auch mit dem Niederösterreichischen ein wenig vertraut.

"Weekend Warriors" ist nach einer Reihe von Kurzfilmen der erste abendfüllende Dokumentarfilm von Alexa Oona Schulz. Ihre Ausbildung in Filmregie fand an der Filmschule Barcelona (CECC), der NYU Tisch School of Arts und der EICTV in Kuba statt, unterstützt mit einem Stipendium der Carl-Duisburg-Gesellschaft. Die Dame ist vom Fach - und das überträgt sich in erfreulich intensiver Weise auf ihren Film.

Während der Produktion kam die - nebenbei auch noch äußerst attraktive Frau Schulz - gängigen Klischees zum Thema "Frauen und Football" nicht aus. Nicht wenige sind ja der Ansicht, daß der hohe Anteil an Damen im Publikum bei Football-Matches daher rührt, daß die Angelegenheit nicht nur Sport und Event ist, sondern auch der einzig wirklich gültige Frauen-Porno: muskulöse Männer in Strumpfhosen, erst hart und dann ganz schnell weich. So spricht der Volksmund, der bekanntlich nicht immer recht hat.

 

"You can undress now, guys, Alexa´s here!"

 

Das sagte Kent Anderson, der damalige (2003) Cheftrainer des in "Weekend Warriors" dokumentarisch festgehaltenen Teams Berlin Adler, immer dann, wenn Alexa Oona mit ihrer Kamera in der Umkleidekabine der Spieler auftauchte. Und ein derart lockerer Spruch darf wohl als Zeichen des Vertrauens zur Filmemacherin gewertet werden ...

"Bis mein unabhängig produzierter Film endlich fertig war, und das dauerte immerhin zweieinhalb Jahre, haben wohl einige der Footballer gemutmaßt, daß ich den Dokumentarfilm einzig und allein deshalb drehte, um ungeniert nackte, muskulöse Männer beobachten zu können", sagt Schulz. "Immer wieder werde ich gefragt, wie ich darauf kam, als Frau einen Film über einen Haufen verrückter Muskelprotze zu machen, die sich gegenseitig auf den Kopf hauen. American Football, so habe ich entdeckt, stellt für die Spieler ein Modell für das Leben und den Tod und so ziemlich alle Emotionen dazwischen dar. Immer wieder habe ich gehört, daß Football genau wie das Leben ist - nur im Zeitraffer. Das hat mich fasziniert."

 

This is about a man´s mind

 

Genau zwischen den angesprochenen Polen bewegen sich die 93 Minuten Film, und genau darin liegt auch seine Kraft - wobei man die eindrucksvoll einfachen Bilder und die manchmal streng naiven Grundsätze der Darsteller nicht außer acht lassen sollte. Das kommt schon eher an die Spira-Serie "Liebesgschichten und Heiratssachen" heran als an Adam Sandler in "The Longest Yard" und macht sehr viel Spaß. Der Streifen zeigt die Reise ins Ich eines Helden, dem seine Mama und ihr Hotel die Lebensweichen stellen.

"Weekend Warriors" begleitet vier Spieler der Adler bei ihrem Kampf um die Germanbowl. Die Kamera schleicht sich vom Football-Feld in die Umkleidekabine, von dort ins Büro, auf das Sofa zu Hause und schlußendlich in die Gedankenwelt der Protagonisten. Die Spieler erzählen vertrauenswürdig von ihren Stärken, Schwächen, Hoffnungen und Befürchtungen, geben dabei Flanken auf, machen sich dadurch auch verletzbar, aber gleichzeitig nicht lächerlich. Herkömmlich voyeuristische Nachmittags-Talkshow-Fantasien werden hier nicht befriedigt; dafür beweist Schulz zu viel Fingerspitzengefühl. Sie mag diese Menschen und weiß, wo der Cut zu setzen ist.

 

Im Zentrum der Geschichte stehen die Jungs, der Sport dient dabei als Metapher. "Weekend Warriors" würde ebensogut mit Base-Jumpern, Müllmännern oder ausgeschiedenen Casting-Show-Kandidaten funktionieren, wären die Hebel dort ebenso punktgenau angesetzt worden. Für die Spieler stellt der Sport eine Parallelwelt zum wirklichen Leben dar - eine bessere und einfachere Welt. Für sie ist Football ein System, das Struktur und Bedeutung gibt in einer Alltagswelt, die chaotisch und hochkomplex ist. Im Football-Team ist man Teil einer Familie und erfüllt eine klar umrissene Funktion, anstatt eine bloße Nummer in einem System zu sein, das man nicht versteht.

 

Father-Figure U.S.A.

 

Der charismatische Blondschopf und Headcoach Kent Anderson ist die Vaterfigur für die insgesamt 50 jungen Männer, die zur Mannschaft gehören. Er predigt nicht nur Football-Weisheiten, sondern immer auch ein bißchen amerikanische Kapitalismustheorie. Kein Wunder - American Football ist ein stark hierarchisch ausgerichteter Sport mit streng militärischen Zügen. Anderson verkörpert im Film einen Teil des heutigen Amerika. Mit der simplen Kraft meist oberflächlicher Floskeln versucht er die innere Zerrissenheit europäischer "Jungmänner" zu kitten, die ohne seine Ansprache scheinbar erstaunlich orientierungslos dastünden. Hier hat der Film (und damit gleichzeitig auch der Sport) seine schärfsten Momente. Versuche nicht zu denken, wenn du grad dabei, bist deine Gedanken zu verlieren. Obey - conform - consume - America. Es wird alles gut. Du wirst ein Sieger sein.

 

Diese Thesen sind (nicht nur angesichts der weltpolitischen Situation) natürlich mit allerhöchster Vorsicht zu genießen - was der Film, als einziges Manko, in keiner Weise tut, wobei er sich zum aktuellen Geschehen aber trotzdem so verhält wie McDonald´s zu Hiroshima. Die Bindung ist nur scheinbar da. Bigotterie findet nicht statt, Gott (als Chef über dem Headcoach) wird ausgespart.

In den Staaten ist das allerdings nicht selten ganz anders. Da fliegt auch gern einmal ein Stealth-Bomber mit Jesus-Konterfei über das Football-Feld, und alle fühlen sich dabei irrsinnig frei. Man ist nicht gezwungen oder gewillt, alles zu verstehen, was jenseits des Ozeans passiert. Soweit ist Europa nicht, und soweit wird es auch nie kommen. Wir fressen ihre Burger, aber nicht jede ihrer Ideologien. Oder?

 

Außen hart, innen Schokopudding

 

So richtig erfrischend sind dann aber die vier unterschiedlichen Charaktere der Spieler, die nur eines gemeinsam haben - die Hingabe an den Sport. Tilo (28) ist Geschäftsführer im Elektrogeschäft seiner Eltern. Er ist sein eigener Chef, und es fällt ihm (no na) etwas schwer, sich in eine Gruppe einzugliedern. Johnny (21) hingegen hat keine Probleme, sich unterzuordnen. Ihm ist das Team eine zweite Familie; dort bekommt er die Bestätigung und Anerkennung, die ihm im Leben noch versagt bleiben. Für ein großes Opfer muß sich wiederum Thomas (26) entscheiden: Er ist nur der zweite Quarterback und wird fast nie eingesetzt. Das wurmt ihn. Als Polizeibeamter bei einer Einsatzhundertschaft ist er ständig im Schichtdienst eingespannt und kann oft gar nicht zum Training kommen. Ganz ähnlich hadert auch der übergewichtige Herbie (29) mit sich. Der ist Fahrlehrer im elterlichen Betrieb und hat nur genug Zeit für seine Leidenschaft, wenn Mama ihm den Rücken freihält. Im Spiel gibt er den Harten und im Leben das Weichei, das von einer Freundin träumt, die so ist wie Mama. Bis er die aber gefunden hat, verbringt er seine Junggesellen-Freizeit am liebsten mit den anderen übergewichtigen "Frontsoldaten". Sie schauen US-Football-Videos und essen dabei Schokopudding (wirklich!).

 

Alexa Oona Schulz ist in Summe daher ein akribisch und vermutlich auch hart erarbeitetes, weil aufregendes und einfühlsames Porträt der harten Typen unter den Schulterpolstern und der Köpfe hinter den Gesichtsgittern geglückt. Auch für Nicht-Football-Fans ist "Weekend Warriors" somit ein absoluter Pflichtfilm. Die DVD ist übrigens über die Webseite der Regisseurin zu beziehen.

Walter Reiterer

Weekend Warriors

ØØØØ 1/2


blue moon film (D 2006)

DVD Region 0

93 Min. + 25 Min. Zusatzmaterial

Features: nicht verwendete Szenen, Musikvideo, Making of

Regie & Buch: Alexa Oona Schulz

 

Links:

Web-Tip: Football-Austria.com

Österreichs erste Adresse für American Football


 

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