Kino_Ein ferpektes Verbrechen

Allein im Kaufhaus

Was sich liebt, das neckt sich. Der Rest der Menschheit versucht, Nebenbuhler und unerwünschte Partner um die Ecke zu bringen - mit wechselndem Erfolg.    27.07.2005

Nachdem Álex de lglesia, der spanische Spezialist für tiefschwarze Komödien, zuletzt mit der Italo-Western-Hommage "800 balas" nicht wirklich überzeugen konnte, kehrt er mit "Crimen ferpecto" wieder auf gewohntes Großstadt-Terrain zurück und kratzt an schönen Oberflächen. Erzählt wird die Geschichte des Kaufhausangestellten Rafael González, Perfektionist, Casanova und Blender par excellence. Dem Leiter der Damenabteilung fressen nicht nur die Kundinnen aus der Hand, sondern auch die weiblichen Angestellten, die kleinen Tête-à-têtes im Kaufhaus nach Ladenschluß ganz und gar nicht abgeneigt sind.

Rafaels Leben scheint perfekt, der arrogante Typ wähnt sich im kurvenreichen Paradies. Doch als ihm der Leiter der Herrenabteilung - Toupetträger Don Antonio - die Beförderung zum Etagenchef vor der Nase wegschnappt und ihn vor die Tür setzt, zerplatzt Rafaels Seifenblase. Er stellt den verhaßten Nebenbuhler kurzerhand in der Umkleidekabine zur Rede und erhält beim folgenden Handgemenge unerwartete Schützenhilfe durch einen Kleiderhaken. Auf dem spießt sich der gute Don Antonio nämlich versehentlich selbst auf.

Alle Probleme scheinen somit gelöst; nur die Leiche gilt es noch im hausinternen Verbrennungsofen zu verheizen. Doch bevor Rafael eine Möglichkeit findet, den einzigen Beweis durch das viel zu kleine Ofenfenster zu zwängen, verschwinden Don Antonios Überreste. Danach erhält der schleimige Charmeur eine anonyme Botschaft und muß feststellen, daß er einen ganz und gar unerwünschten Komplizen hat. Ausgerechnet die Verkäuferin Lourdes, das häßliche Entlein der Abteilung, hat den Mord beobachtet und nun ein Druckmittel, um endlich mit Rafael unter einer Decke zu stecken.

 

Bevor sich´s der passionierte Schürzenjäger versieht, hat er auch gleich ihre ganze Familie auf dem Hals und wird mit schrecklichen Dingen konfrontiert: Mittelmäßigkeit, Monogamie und einer Frau, die nicht nur die Hosen, sondern am liebsten gleich ein Brautkleid anhaben will. Rosenkrieg à la Iglesia und mörderische Konfliktlösungen sind somit vorprogrammiert.

Mit "Crimen ferpecto" nimmt der schwergewichtige Spanier die seit "La Comunidad - Allein unter Nachbarn" etwas locker gelassenen Zügel neuerlich fest in die Hand und widmet sich endlich wieder seinen Lieblingsthemen: in Mikrokosmen angesiedelten Scheinwelten, der Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Schönheit und der Schlechtigkeit des Menschen.

Das Ganze ist filmisch wie gewohnt humorvoll und spannend verpackt, mit sozialkritischen Sticheleien angereichert und von einem wunderbaren Hauptdarsteller getragen: Guillermo Toledo, als zahnloser Kommissar in Miguel Bardems "La Mujer más fea del mundo" noch in bester Erinnerung.

Darüber hinaus ist es de la Iglesia auch bei seinem siebten Langfilm gelungen, sich trotz glasklarer Handschrift nicht zu wiederholen. Wenn Rafael uns in der Eingangssequenz seine schöne Einkaufswelt präsentiert, nächtens mit diversen Liebeleien quer durch die Räumlichkeiten des Kaufhaus casanovat, lächelnd seine Verachtung für das Mittelmaß kundtut oder im Lauf des Films gemeinsam mit dem Geist Don Antonios wirre Pläne schmiedet, um Lourdes loszuwerden, weiß man, warum man sich auf jeden neuen de-la-Iglesia-Streifen freuen darf. Der Junge hat´s einfach drauf.

Jürgen Fichtinger

Ein Ferpektes Verbrechen

ØØØØ 1/2

(Crimen ferpecto)


Spanien 2003

104 Min.

dt. und span. OF mit dt. UT

Regie: Álex de la Iglesia

Darsteller: Guillermo Toledo, Mónica Cervera, Luis Varela u. a.

 

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