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Schmauchspuren #22

Krimis müssen keine Kunst sein - meistens lesen sie sich sogar besser, wenn sie es nicht sind. Daß sie aber im Künstlermilieu so gut funktionieren können wie im Porno- oder Polizeigewerbe, freut unseren Genre-Experten Peter Hiess.    28.05.2014

Peter Hiess

Seitenweise


Jonathan Santlofer - Der Todeskünstler/Farbfehler/Tödliche Kunst

Parthas-Verlag 2007 & 2008

 

Manchmal erlebt man selbst als erfahrener Krimileser noch Überraschungen. Oder hätten Sie gedacht, daß ein "Kunstkrimi" nichts mit Feuilleton-Anbiederung zu tun hat, sondern daß es darin einfach um einen Plot in der New Yorker Kunstszene geht?

Santlofers Romane zerstreuen einschlägige Befürchtungen ohnehin schon nach den ersten Seiten: Die Trilogie um Kate McKinnon (ehemals Polizistin, heute Millionärsgattin, Kunstexpertin und Mäzenin) beginnt mit Der Todeskünstler und einer Mordserie, die nach Motiven berühmter Kunstwerke inszeniert ist. Da Kate einige der Opfer kennt (sie ist eine der Krimiheldinnen, die auf ihre nähere Umgebung wie Todesmagneten wirken ...), hilft sie der Polizei bei den Ermittlungen und geht mit viel Fachwissen und detektivischem Gespür auf die Jagd nach dem Täter.

In den folgenden Büchern Farbfehler und Tödliche Kunst - bitte in dieser Reihenfolge lesen! - entfernt sie sich mehr und mehr vom High-Society-Dasein und ermittelt gegen weitere Psychopathen. Und obwohl die Verbrecher bei Santlofer allesamt aus der lästigen Serienkiller-Ecke kommen, lesen sich seine Bücher keinen Augenblick lang gekünstelt (verzeihen Sie, es mußte sein), sondern sind hervorragend strukturierte, bis zum Schluß spannende und klug erzählte Kriminalromane, die man auch "Banausen" empfehlen kann.

Links:

Stefan Brijs - Der Engelmacher

btb/Random House 2009

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Weniger strukturiert denn konstruiert ist Der Engelmacher des flämischen Schriftstellers Stefan Brijs, der uns wieder das Elend des europäischen Gegenwartskrimis in Erinnerung ruft: er will immer mehr sein, als er ist. Vielleicht hätte der Verlag das Buch ja auch nicht als Thriller anpreisen sollen - die Frankenstein-Story um den verrückten Wissenschaftler mit der Hasenscharte, der sich seinen Nachwuchs klont, ist eigentlich kein Krimi, sondern ein ländliches Sittenbild. Und wie das belgische Dörfchen im Dreiländereck Niederlande/Holland dargestellt wird, das ist typisch für Euro-Literatur: Derart bigotte, erzkatholische Provinznester existieren nur noch in der Phantasie von Subventionskünstlern.

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Time for Hardcase Crime


Christa Faust - Money Shot

Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2008

 

John Lange - Zero Cool

Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2008

 

Wenden wir uns davon ab und wieder dem perfekt beherrschten Handwerk zu. Diesmal bietet uns die Ami-Pulp-Reihe Hard Case Crime mit Money Shot (geschrieben 2008) einen Abstecher in die moderne Pornoindustrie, Marke L. A.: Autorin Christa Faust kennt als Ex-Model und -Peep-Show-Tänzerin die Szene und läßt ihre Protagonistin, den ehemaligen Pornostar Angel Dare, in einer rasanten Story über das horizontale Filmgewerbe und importierte Sexsklaven jede Menge Coolness versprühen.

Das alles ist aber bestenfalls Tarantino gegen den locker-originellen Tonfall und die Dialoge von John Langes Zero Cool. Lange wußte bei Hard Case schon mit dem Taucher-Krimi "Grave Descend" zu begeistern und liefert mit seinem 1969 verfaßten Roman über einen amerikanischen Radiologen, der bei einem Besuch in Spanien mit einer ebenso verwickelten wie blutigen und amüsant erzählten kriminellen Verschwörung konfrontiert wird, ein wahres Meisterstück für Leute, die gern Sixties- und Seventies-Filme schauen.

Links:

George Pelecanos - Der Totengarten

rororo 2008

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Ein weiterer Meister seines Fachs ist der griechischstämmige Amerikaner George Pelecanos, der von der Kritik nicht umsonst als einer der besten englischsprachigen Krimiautoren der Gegenwart gelobt wird. Seine in Washington, D. C. handelnden Werke sind ein dicht erzähltes und hochliterarisches Stück US-Zeitgeschichte, das den Vergleich mit James Ellroys Los-Angeles-Krimis durchaus rechtfertigt. Pelecanos´ neuer Roman Der Totengarten kommt als police procedural um die Suche nach einem als "Palindrom-Mörder" bekannten Killer daher, das Arbeit und Leben der Cops sehr realistisch darstellt. Daß der Autor auf dem deutschsprachigen Markt immer noch sträflich unterschätzt wird, hat wohl damit zu tun, daß Genre-Fans in unseren Breiten heutzutage auch im Fernsehen kriminellen Fantasy-Kitsch à la CSI mehr zu schätzen wissen als großartige Polizeiserien wie The Shield oder The Wire (bei der Pelecanos übrigens auch mitschrieb). Und das ist schade.

Links:

Reihenweise


Friedrich Glauser - Studer ermittelt/Wachtmeister Studer

Zweitausendeins/Marix-Verlag 2009

 

Léo Malet - Paris des Verbrechens

Zweitausendeins 2008

 

Zum Schluß noch der Verweis auf Krimiklassiker, die zu unschlagbaren Preisen neu aufgelegt wurden: zum einen die großartigen Wachtmeister Studer-Romane und -erzählungen des Schweizers Friedrich Glauser (1896–1938), die einmal vollständig gesammelt (Zweitausendeins) und ein andermal sozusagen als "Best of" (Marix) vorliegen; und zum anderen Léo Malets (1909–1996) berühmte Nestor-Burma-Krimis, von denen sich in Paris des Verbrechens immerhin zehn klassische "Arrondissement"-Fälle wiederfinden. Sollte man sich nicht entgehen lassen.

Links:

"Schmauchspuren"


... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

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