Akzente_Digitalisierung

Spion im Schlafzimmer

Die zunehmende Digitalisierung schürt neue Ängste. So praktisch neue Geräte wie smarte Fernseher oder der berühmte Kühlschrank mit Lebensmittel-Bestellfunktion auch sein mögen - fast niemand ahnt, was mit den gesammelten Daten wirklich passiert.    08.01.2018

Unsere Welt verändert sich. In jedem Augenblick, in dem wir Luft holen, ändert sich irgendwas anderes. Menschen erfahren bereits in einer einzigen Nachrichtensendung meist mehr als ein "normaler" Bauer im Mittelalter in seinem ganzen Leben. In den letzten paar Jahren zeichnet sich allerdings ein Trend ab, der unter Umständen tatsächlich neue Ängste schüren könnte: die zunehmende Digitalisierung. Die allein wäre ja durchaus kein Problem. Uns ist es eigentlich egal, ob wir im Regen über einen schmutzigen Hof schlendern und dabei komplett verdrecken oder lieber in der Internetbörse unsere Autos anschauen. Es macht eigentlich auch keinen Unterschied, ob wir eine Kamera mithaben oder nicht - das Handy schießt mittlerweile genauso gute Bilder. Und es ist uns auch recht gleichgültig, ob wir im Gasthaus um die Ecke mal eben zwei Euro in einen Geldspielautomaten werfen oder Online-Spielautomaten im All Slots Casino spielen.

Also ist doch eigentlich alles gut, oder?

Ja, eigentlich sollte alles gut sein. Wenn man aber daran denkt, daß es mittlerweile Kühlschränke gibt, die einem unterwegs ihren Inhalt vorführen, oder digitale Assistenten, die wie ein Dschinn darauf warten, uns unsere Wünsche zu erfüllen ... "Alexa, bestell Hundefutter!" braucht man denen nur zu sagen, und schwupps, kommt das Zeug ins Haus, abgebucht von unserem virtuellen Konto bei einem digitalen Bezahldienst, der vollen Zugriff auf unsere Bankdaten hat. Der Fernseher hat mittlerweile nicht nur Helligkeitssensoren und weiß genau, wann wir wach sind und schlafen, sondern erfüllt dank Android-Betriebssystem und integrierter Kamera auch die Funktion von Videotelefonie, Terminplanung, zweitem digitalem Sprachassistenten und Kaufplattform für Filme oder Serien. Gelegentlich fragt uns das Betriebssystem dann sogar, ob es den Besuch im Restaurant für uns speichern soll!? Speichern, wozu? Wo? Wieso? Weshalb?

Welchen Sinn die Timeline von Google hat - und vor allem, was sie uns an Mehrwert bringen soll - ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wer aber einmal unter Google "My Activities" in Verbindung mit dem eigenen Google-Konto sucht, der wird ziemlich überrascht sein, was der Datenriese alles speichert. Selbst fehlerhafte Auslösungen des Sprachassistenten "OK Google" werden gespeichert ... und zwar allesamt nicht mit dem Vermerk "Unbekannt" oder "Eingabe nicht verstanden"; nein, Google speichert das digitale Sprachfile jeder Eingabe. Wenn das neben unserem Mobiltelefon nun auch noch der Fernseher kann, stellt man sich zu Recht die Frage, ob jemand, der zum Beispiel einen mit G beginnenden Vornamen hat - wie Gunter, Gabriel, Gerd, Gertrud usw. - vielleicht lieber keinen Smart-TV im Schlafzimmer haben sollte. Zu peinlich wäre es, wenn die Partnerin "Gut, Gunter!“ stöhnt, und der Sprachassistent daraufhin das lautstarke Liebesspiel auf dem Server abspeichert.

Die zunehmende Digitalisierung macht vielen Menschen zu schaffen - vor allem Menschen, die noch mit Mythen wie Privatsphäre oder Geheimhaltung aufgewachsen sind. Heute ist eigentlich nichts mehr anonym, schon gar nicht im Internet. Solange man sich Spielkonsolen, TV-Geräte, Computer, Smartphones und sogar Spiegel oder als digitale Sprachassistenten getarnte Abhörwanzen freiwillig ins Haus holt, ist die Angst vor der Digitalisierung vielleicht auch nicht ganz unberechtigt. Niemand reguliert die Datenspeicherung in anderen Ländern. Woher soll Otto Normalverbraucher wissen, warum das neue Handy-Spiel vollen Zugriff auf Kontakte, Kamera und Speicher des Smartphones haben will?

Sicher sind die neuen digitalen Helferlein praktisch. Gerade in einer Welt, in der alles immer schneller gehen muß und die Menschen es einfach nicht schaffen, ein wenig Ruhe zu genießen, außer vielleicht noch bei der Zigarettenpause auf dem Hof, kann man schon verstehen, daß allerlei Hilfen sicherlich toll sind. Daß wir mittlerweile Radio hören können, ohne das Radio zu berühren, und Hundefutter bestellen, ohne den Computer anzuwerfen, oder selbst als alleinstehender Single immer jemanden an der Seite haben, der uns an Dinge erinnert, ist schon toll. Aber man muß sich auch die Frage gefallen lassen, was das alles bringen soll. 80 Prozent aller Smart-TV-Besitzer nützen nicht einmal 5 Prozent der Funktionen ihrer Geräte - oder wußten Sie zum Beispiel, daß ein Android-Smart-TV lediglich eine Internet-Verbindung braucht, damit Sie mit ihm fernsehen können? Man benötigt heutzutage gar keinen Satellitenreceiver, Kabelanschluß oder dergleichen mehr, sondern kann sich gleich am Smart-TV Filme ausleihen, digitales Fernsehen schauen, von der PC-Festplatte Filme streamen, Spiele spielen und vieles mehr ...

Es ist also kein Wunder, daß sich immer mehr Leute Gedanken darüber machen, was ihre "praktischen" Geräte alles so tun - und wer außer ihnen noch darauf Zugriff hat.

EVOLVER-Redaktion

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