Fortsetzung...

Mit Xavier in der Kirche & Fred Durst am Herrenabend?

Eine überholte Einstellung? Arrogante Attitüden alt werdender Popkulturbesessener, die sich diebisch freuen, wenn sie feststellen, daß an den obskursten Schauplätzen zumindest der Hauch einer Punk-Idee überlebt hat? No way. Denn es geht hier um Ignoranz. Ignoranz gegenüber ungeschriebenen Reglements, die doch noch sowas wie kritischen Journalismus möglich machen. Wozu Jubelartikel über farblose, langweilige und dumpfe Bands lesen, wenn dieser Job vom Pressetext der Plattenfirma um Längen besser erledigt wird? Aber schließlich will die Konsumbestie gefüttert werden, denn wer sich über die Quantität seines Einkaufs definiert, braucht ständig neuen Stoff. Und der wird natürlich auch geliefert.

Schalten wir kurz wieder auf die Party um: Gerade ist Ober-Priester Xavier Naidoo eingetrudelt, mit seinen Söhnen aus Mannheim im Schlepptau. Wir haben ja gar nichts gegen religiös Besessene, zeichnen Typen wie Nick Cave, Johnny Cash oder andere Country-Prediger doch für eine extrem leidenschaftliche Zone unseres Pop-Planeten verantwortlich. Nur was tun, wenn die christliche Glorie in dumpfem Schlager-Soul mit drittklassigen Metal-Einlagen verziert daher kommt? So haben wir uns das nicht vorgestellt - wenn schon religiös, dann bitte nicht als billiger Wohnwagenpark-Dreiminüter für bierselige Grillfeste.

Dumpf ist übrigens das Stichwort der Stunde. An manchen Abenden verwandelt sich die Party in so einen richtig reaktionären Herrenabend - wo Bier sprudelt, Karten gespielt, gerülpst und gefurzt wird und neben verbalem Ausländerklatschen irre lustige Witze die Runde machen. Witze, die so richtig tief unter alle verfügbaren Gürtellinien gehen. Prosit, sagt Fred Durst und greift sich in den Schritt seiner Baggy Pants. Waren an solchen Abenden nicht einmal Crossover-Pioniere wie Run DMC, die Beastie Boys oder Faith No More die Gastgeber? Das ist Geschichte, abgehakt, wir sind ja schon froh, wenn uns "nur" die biedere, deutsche Variante à la H-BlockX, Die Happy oder Guano Apes quält. Deren keimfreier Snowboarder-Soundtrack vom Reißbrett zieht zwar - der Pawlowsche Reflex - beim Rockisten genauso wie die Karotte beim Esel, tut aber wenigstens nicht ganz so weh. Fred Durst schmerzt, und seine Legionen von Nachahmern ebenso.

Mit Rammstein im Bierzelt?

Zu anderen Gelegenheiten zeigt sich die Neue Dumpfheit von ihrer richtig widerwärtigen Seite: Da herrscht "alternative" Humtata-Festzeltstimmung, und alle machen den martialischen Ringelreih zu Rammstein und Konsorten. War Rockkabarett nicht mal das Böse schlechthin, der Beelzebub des Punk? Egal, Alter, alles egal. Die sind urerfolgreich, flüstert uns der Promoter ins Ohr, Millionen Fans des Bratwurst & Sauerkraut-Metal können doch nicht irren... Ja, eh, nicken wir, während sämtliche "integren" (Huch! Nostalgie-Alert!) Medien längst in den allgemeinen Jubel einstimmen, aber ... einige Fragen stellen sich doch, inmitten der gröhlenden, schnauzbärtigen Masse: Wir, die wir eigentlich auch gern zu Hause hocken, warum sind wir eigentlich je auf diese Party gegangen? Wegen großer politischer Ideale? Oder weil wir immer schon gerne Teil einer Jugendbewegung gewesen wären? Nichts da, so naiv kriegt ihr uns nicht. Aber vielleicht war es, weil es zu Hause dann doch zu stickig geworden ist. Weil uns dort draußen in Popland immer wieder ein erfrischender, weltoffener Wind ins Gesicht geblasen hat. Weil wir dort statt dem langweiligen "Eigenen" das aufregende "Fremde" kennengelernt haben, Freaks, Weirdos und Außenseiter getroffen haben, sowohl im sogenannten "Mainstream" als auch im "Underground".

Aber jetzt ist Schluß mit lustig, und auch die letzten Rückzugsgebiete sind versaut. Ob sich´s dabei nun um mediale oder soziale Gegenden handelt. Ödnis ist angesagt. Jetzt sind die Creeds und Blink 182s, die Söhne Mannheims und Rammsteins überall, und wir gehen besser langsam. Es ist muffig geworden auf dem Planeten Pop...



Zur Zeit liegen noch keine Kommentare vor.