Video_Pantherion

Die Zelle unterm Berg

Unter dem Grazer Schloßberg liegt das geheime Hauptquartier von "Pantherion", einer im 12. Jahrhundert gegründeten Organisation, die sich mit transdimensionalen und paranormalen Ereignissen befaßt.    11.08.2011

Graz, eine Fliegerbombe später: Seit der Sprengung eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg in einer Baugrube am Hauptbahnhof ist mehr als ein Vierteljahr vergangen. Die Hotels um den Europaplatz haben den Betrieb wieder aufgenommen und ihre Augen neu verglast; bloß die Scheiben an der Frontseite des Bahnhofsgebäudes sind noch immer durch Plastikplanen ersetzt, und der Uhr fehlen die Zeiger. So deutlich bringt die Bundesbahn ihre Zeitlosigkeit sonst nur selten zum Ausdruck.

Als Skulptur hätte der Bahnhof gut ins Jahr 2003 gepaßt, als Graz europäische Kulturhauptstadt war - wovon sie sich bis heute nicht wirklich erholt hat. Quer durch die Stadt findet man von der damaligen Subventionswelle an Land gespülte Kunstruinen. Selbst der schwarze Uhrturm-Schatten, der interessanteste Veteran des Hauptstadtjahrs, verdingt sich mittlerweile als Aushängsel für die Shopping City Seiersberg, wo er in der Weihnachtszeit auch gerne mit bunten Lichterketten geschmückt wird. Wegen seiner schwarzen Haut merkt man zum Glück nicht, wie peinlich ihm das ist.

 

Man könnte die Verwüstungen rund um den Bahnhof auf die Detonation der Bombe zurückführen - ein Ereignis, von dem es bei YouTube interessanterweise kein einziges Video gibt. Die größten Verunstaltungen stammen aber vom Umbau der Stadt, weshalb Annenstraße und Murgasse wie nach einem intensiven Beschuß mit Photonentorpedos aussehen. Der Spaziergang vom Bahnhof zum Schloßberg führt durch eine stellenweise bizarre Landschaft, als wären Teile der Stadt einfach stillgelegt worden. Der "Friendly Alien" am Murufer erinnert mehr denn je an das am Rücken zappelnde Herz eines Tschernobyl-Monsters. Nebenbei soll sich auch die Mur verändern und durch ein stromabwärts gelegenes Kraftwerk aufgestaut werden.

Relativ unverletzt wirkt die Gegend von der Dachterrasse des neuen Kastner & Öhler-Hauses aus. Um einen astronomischen Betrag wurde das alte Gebäude zur amerikanischen Mall umgestaltet, mit freigelegten alten Stukkaturen in den von Aufzügen und Rolltreppen verbundenen Stockwerken. Vom Dach aus ergibt sich eine interessante Perspektive auf den Schloßberg und den Uhrturm. Der quer durch den Schloßberg führende Lift ist eine Touristenattraktion. Für Normalsterbliche endet die Talfahrt in einem Stollen am Fuß des Berges, der auch zur Grottenbahn führt.

 

Für Leute wie Viktor Augenfeld (Bild) geht die Fahrt in die Tiefe allerdings noch weiter, denn unter dem Schloßberg liegt das Hauptquartier der Grazer Pantherion-Zelle. Ein weißer Badge, den Augenfeld am Revers trägt, dient der Liftautomatik als Erkennungszeichen - sonst weiß praktisch niemand von den lokalen Reality SEALs, die sich mit den Folgen transdimensionaler Ereignisse auseinandersetzen. Tatsächlich ist es eine von der Öffentlichkeit eher unbemerkte Tätigkeit, die sich hauptsächlich darin zeigt, daß "manche transdimensionale oder paranormale Ereignisse sehr weitreichende Folgen für Graz gehabt hätten, wären wir nicht dagewesen", sagt Augenfeld.

Er ortet eine Häufung von mystischen Vorgängen in der Region, die dazu geführt haben, daß Pantherion seine Anonymität ein kleines bißchen lüften will: "Wir haben einen Feature-Film über das immer massiertere Auftreten von Dimensionsverschiebungen und transdimensionalen Begegnungen fertiggestellt." Der als Pilot einer Serie über die Pantherion-Fälle gedachte Streifen "befindet sich zur Zeit im Endschnitt", sagt er. "Wir sehen ihn als Teil einer Strategie, mit der wir das kollektive Bewußtsein über den Umweg der Medien für Vorgänge schärfen wollen, die sich sonst hinter der Wahrnehmungslinie der Öffentlichkeit abspielen. Wir ziehen dabei alle Register, von Bildbänden über Hörspiele bis hin zu Videogames."

Eine Heftroman-Reihe namens "Omen", in der die aufsehenerregendsten Pantherion-Fälle abgehandelt werden sollen, gibt es bereits. Und auch medial hat die Gruppe mit der von Tarek Al-Ubaidi für Radio Helsinki und das Web gestalteten Sendung "CROPfm" einen Verbündeten gefunden. "Es ist eine Balance", erklärt Augenfeld, der die Grazer Zelle zur Zeit leitet. "Auf der einen Seite versuchen wir unsere Tätigkeit stärker zu manifestieren, auf der anderen Seite müssen wir Geheimhaltung wahren, um niemand zu gefährden."

Das Kellergewölbe unter dem Schloßberg, in dem sich das Pantherion-Hauptquartier befindet, erinnert an sich schon an ein Filmszenario. Es ist nicht zuletzt eine Ansammlung technischer Geräte, von denen einige sicher nicht mit guten Vorsätzen entwickelt wurden; man sieht Kabel, elektrische Leitungen und elektronische Systeme, die so nicht im Handel zu haben sind.

 

Große Teile der Ausstattung basieren auf dem Reverse Engeneering transdimensionaler Technologien - wie auch das Hauptwerkzeug der Gruppe, das "Reality Radio." Dabei handelt es sich um "ein altes Zenith-Radio, das im Rahmen eines transdimensionalen Unfalls in den 40er Jahren mit seltsamen Fähigkeiten ausgestattet wurde." Im Rahmen des "Philadelphia-Experiments" sollte die USS Eldridge durch Magnetfelder unsichtbar gemacht werden; stattdessen verschwand der Zerstörer kurzfristig aus dieser Realität. Gleichzeitig tauchte in Graz ein Mannschaftsmitglied der Eldridge auf und ließ das Radio zurück.

"Die damalige Pantherion-Gruppe konnte das Gerät sicherstellen und erforschen." Das bemerkenswerteste Feature: Durch Verändern der Empfangseinstellung kann die Realität in der Umgebung des Radios verändert werden. "Dadurch sind Transfers in andere Dimensionen möglich", sagt Augenfeld, der vor Pantherion im militärisch-geheimdienstlichen Umfeld tätig war.

"Die Aufzeichnung paranormaler Ereignisse in der Region reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück - und ihr vermehrtes Auftreten führte letztlich zur Gründung der Gruppe." Das auch in letzter Zeit massierte Auftreten von Erscheinungen hat etwas durchaus Bedrohliches. "Wir verzeichnen eine große Bandbreite von Events, von UFO-Sichtungen, wie etwa im Raum Knittelfeld, bis zu gezielten Eingriffen in die Realität."

Das Stadtbild von Graz macht bisweilen den Eindruck, als wären diese Eingriffe erfolgreich gewesen: Uhren ohne Zeiger; Straßenzüge, die zerstört und im gleichen Atemzug verändert wieder hochgezogen werden; die an den Stadtrand verbannte schwarze Seele des Uhrturms. Die Vampir-Erlässe von Kaiserin Maria Theresia, wie man mit Untoten zu verfahren habe, sollte man ihnen begegnen; und gleich daneben Fliegerbomben, die mehr als 60 Jahre nach ihrem Abwurf noch zur Evakuierung ganzer Straßenzüge führen. Vermutlich hätte Pantherion an einem anderen Ort gar nicht entstehen können - oder wäre letztlich zu einem Staatsapparat geworden.

 

Irgendwo beginnen ein paar Lichter hektisch zu flackern, und im weitläufigen Dunkel des Pantherion-Hauptquartiers summt plötzlich ein Aggregat, das ein bißchen an die landende TARDIS erinnert.

Offenbar wird es Zeit, zu gehen. Viktor Augenfeld begleitet mich zu einer Gittertür, hinter der sich die geheime Kellerstation des Schloßberglifts befindet. Wir betreten die von einer Art Notlicht erhellte Kabine, dann setzt sich der Aufzug in Bewegung, und wir fahren nach oben. Zuerst ist es dunkel, dann wird langsam ein Lichtfleck durchs Deckenglas erkennbar: die gut 100 Meter weiter oben liegende Bergstation. Die Kabine fährt an einem Muster aus blauen Lampen vorbei, das auf einmal die Schachtwände beleuchtet. Die Bewegung wird langsamer, der Lift fährt in die Talstation ein. Vor der Türe warten schon Touristen, die nach oben wollen. In eine andere Richtung könnten sie auch gar nicht. Der Badge fehlt. Follow the white rabbit.

 

Chris Haderer

Das "Pantherion"-Projekt

Mystik-Serie aus der Steiermark


"Pantherion" ist ein TV/Video-Serienprojekt, das zur Zeit in Graz realisiert wird. Es handelt sich um eine Mystik-Serie, angelehnt an Produktionen wie beispielsweise "Doctor Who" oder "The Invisibles." Zu den Hauptelementen gehören eine geheime Gesellschaft namens Pantherion, die unter dem Grazer Schloßberg angesiedelt ist, sowie paranormale und transdimensionale Erscheinungen. Zur Zeit befindet sich der Pilotfilm in der Schnittphase durch Regisseur Jörg Vogeltanz, an eine Realisierung ist im Herbst gedacht.

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Loreya - 11.08.2011 : 13.51
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