Kino_Der letzte Exzorzismus

Verwackelte Teufelsaustreibung

Mit seinem Versuch eines Horrorfilms reiht sich Regisseur Daniel Stamm in die Liste der "Blair Witch"-Imitatoren ein - aber leider ziemlich weit hinten.    21.09.2010

Der Schauplatz von "The Last Exorcism" ist Louisiana, wo die Leute bekanntlich irgendwie komisch sind. Dort lebt Pater Cotton Marcus, dessen Familie schon seit Generationen im Exorzismus-Busineß tätig ist. Die Betonung liegt auf Busineß: Pater Marcus glaubt nämlich weder an Gott noch an den Teufel noch daran, daß seine Kundschaft von irgendwelchen dämonischen Wesen besessen ist. Letzteres hält er überhaupt eher für ein psychologisches Problem - und sich selbst für so etwas wie einen Therapeuten, der statt Freuds gesammelten Werken eben die Bibel im Gepäck hat.

Mit Taschenspielertricks täuscht er den Exorzismus vor (rauchende Kreuze, rumpelnde Betten, Michael-Jackson-Tanzschritte), und tatsächlich fühlen sich die meisten seiner eingebildeten Kranken danach geheilt. "Was", fragt er, "ist schlecht daran, wenn es den Menschen dadurch besser geht?" Als Marcus erfährt, daß im Rahmen eines Exorzismus ein kleines Mädchen ums Leben gekommen ist, bekommt er eine moralische Erleuchtung und beschließt, die Tricks der Branche aufzudecken. Mit einem Kamerateam bricht er zu seinem letzten Exorzismus nach Louisiana auf, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

 

Um die zu ahnen, muß man nicht das zweite Gesicht haben. Während das erste Drittel von Daniel Stamms Horrorversuch "Der letzte Exorzismus" , in dem Pater Marcus ungeniert und zynisch seine Geschichte erzählt, recht witzig und böse daherkommt, wird es ab dem Aufbruch zu der entlegenen Farm in Louisiana, wo die sechzehnjährige Nell angeblich von einem Dämon besessen sein soll, etwas zäh und verworren.

Regisseur Stamm versucht die Grenze zwischen "realer" und eingebildeter Besessenheit zum Verschwimmen zu bringen und stolpert dabei hilflos von einem Klischee zum nächsten. Auf einmal legt Nell Verrenkungen hin, über die selbst Pater Karras im echten "Exorzisten" aus dem Jahr 1973 ordentlich gestaunt hätte, und auch von der Aussprache her ist die Farmerstochter der kleinen Regan recht ähnlich.


Geht der Film im zweiten Drittel noch vergleichsweise respektvoll mit den Figuren um, läßt Stamm im langsamen Showdown jede Hoffnung auf ein logisches Ende fahren. Der immer leicht im Hintergrund schwebende Verdacht des Kindesmißbrauchs wird plakativ, das Verhalten der Figuren zwischen Fußfesseln und toten Tieren immer weniger nachvollziehbar, und daß sich die Landbewohner als blutgierige Sektierer herausstellen, ist letztlich auch nicht überraschend.

Auch das gewählte Doku-Format, in dem der Regisseur seine Geschichte erzählt, erweist sich als Rohrkrepierer, weil er sich nicht entscheiden kann, ob der Zuschauer das ungeschnittene "Originalmaterial" zu sehen bekommt (wie beispielsweise im spanischen Thriller "[REC]") oder die mit Filmmusik verhübschte Schnittversion. Mit dem "Blair Witch Project", dem Prototypen des Doku-Horrors aus dem Jahr 1999, hat "Der letzte Exorzismus" übrigens nicht nur das Ende gemeinsam, sondern auch die dokumentarische Echtheit suggerierende Handkamera, die abseits aller preiswerten Steadicams und Bildstabilisatoren mit mindestens Stärke sieben auf der nach oben offenen Richter-Skala daherwackelt. Man freut sich richtig, wenn der Kameramann in der letzten Einstellung tot umfällt und das Bild endlich einmal für ein paar Sekunden ruhig ist.


Hervorhebenswert ist Patrick Fabian als Reverend Cotton Marcus, der den hinterfotzigen Pfarrer mit Bravour spielt. Er war bisher in einer Reihe von TV-Serien zu sehen, darunter "CSI Miami", "Las Vegas", "Veronica Mars" und "Gigantic." Fabian hält den Streifen trotz des unschlüssigen Drehbuchs und der am Ende der Vorstellung banalen Handlung einigermaßen zusammen. In diesem Kinostück trifft übrigens nicht, wie in der Werbung gern behauptet, der Exorzist auf die Blair Witch - die beiden gehen sich in der dritten Regiearbeit des Hamburgers Daniel Stamm (nach "Off Hollywood & Vine" und "A Necessary Death") eher aus dem Weg.

Unsere Prognose: funktionierender Stoff für die DVD-Auswertung und verkiffte Fantasy-Festivals (dort war der Streifen bisher tatsächlich recht erfolgreich), im Kino aber eine schlecht und inkonsequent erzählte Enttäuschung. Wenn Eli Roth (mit-)produziert, darf man auch nicht mehr erwarten ...

 

              

Chris Haderer

Der letzte Exorzismus

ØØ

The Last Exorcism

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2010

87 Minuten

Regie: Daniel Stamm
Darsteller: Tony Bentley, Cynthia LeBlanc, Elton LeBlanc u. a.

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