Kino_Die Wand

Bergsee mit Wand

Regisseur Julian Roman Pölsler hat sich an der Verfilmung von Marlen Haushofers "Die Wand" versucht - und ein schön photographiertes Hörbuch abgeliefert.    17.09.2012

"Seit ich im Wald lebe, merke ich nicht, daß ich älter werde. Es ist ja keiner da, der mich darauf aufmerksam machen könnte. Niemand sagt mir, wie ich aussehe, und ich selber denke nie darüber nach."

Marlen Haushofer - Die Wand

 

Eine namenlose Frau, alleine. Seit zwei Jahren sitzt sie in einer Jagdhütte in den Bergen fest, weil eine unsichtbare Wand sie vom Rest der Welt trennt. Auf der Rückseite alter Kalenderblätter schreibt sie ihre Geschichte auf, bis irgendwann das letzte Blatt verbraucht und der Bericht zu Ende sein wird: "Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben; es hat sich eben so für mich ergeben, daß ich schreiben muß, wenn ich nicht den Verstand verlieren will", hält sie mit Bleistift fest.

Das ist das Ausgangsszenario von Regisseur Julian Roman Pölslers Film "Die Wand", der im Oktober ins Kino kommt. Der Film basiert nicht nur auf dem gleichnamigen Roman der österreichischen Autorin Marlen Haushofer, er inhaliert ihn förmlich. Ein "gefeierter Literaturklassiker", wie sich die Filmproduktionsfirma im Trailer euphorisch irrt, war Haushofers Roman allerdings nie - eher schon ist er großräumig in Vergessenheit geraten. Der 1963 veröffentlichte Roman gilt als das wichtigste Werk der 1970 in Wien an Knochenkrebs verstorbenen Autorin. Obwohl er beim Erscheinen hochgelobt wurde und heute angeblich zu den 50 Lieblingsbüchern der Österreicher und Deutschen zählt, ist er relativ unbekannt und weniger belletristischer Alltag als ein Gegenstand der Frauenliteraturforschung. Für Regisseur Pölsler ist "Die Wand" nach eigener Aussage sein - auweh! - "Lebensbuch", seit er es vor 25 Jahren zum ersten Mal in die Hand bekam.

 

"Die Wand" ist der letzte Bericht einer Frau, die von einem Phänomen dazu gezwungen wird, ein völlig neues Leben zu beginnen. Dabei steht aber nicht das Phänomen selbst im Mittelpunkt, sondern der beginnende Überlebenskampf der Erzählerin. Der Tag, der alles verändert, beginnt harmlos. Mit einem befreundeten Pärchen will sie ein paar Tage auf dem Land verbringen. Nachdem sie in der Jagdhütte eingetroffen sind, fährt das Paar kurz ins Dorf zurück, kommt allerdings nicht wieder. Als die Erzählerin am nächsten Morgen selbst ins Dorf aufbricht, stößt sie gegen ein unsichtbares Hindernis, etwas "Glattes und Kühles: einen glatten, kühlen Widerstand an einer Stelle, an der doch gar nichts sein konnte als Luft", beschreibt Haushofer im Buch. "Zögernd versuchte ich es noch einmal, und wieder ruhte meine Hand wie auf der Scheibe eines Fensters."

Von diesem Moment an ist die von Martina Gedeck gespielte Erzählerin auf sich alleine gestellt. Draußen, außerhalb der Wand, scheint sich eine Katastrophe ereignet zu haben - auch wenn nie klar wird, was geschehen ist. Die Menschen in einer benachbarten Keusche, außerhalb der Wand und unerreichbar für die Frau, scheinen tot zu sein, erstarrt in der Zeit. Auch Wochen nach der vermeintlichen Katastrophe sind sie noch da. "Sie sahen nicht tot aus, sondern wie Dinge, die niemals lebendig gewesen waren, ganz und gar anorganisch", beschreibt Haushofer.

 

Aus der Sicht von Regisseur Pölsler erzählt der Film vom "individuellen Wandlungsprozeß einer Frau, die durch ein unerklärbares Phänomen gezwungen wird, mit ihrem gewohnten Leben zu brechen und in einer fremden Welt ein völlig neues Leben zu beginnen" - mehr oder weniger abseits der Zivilisation. Der an 63 Tagen im Raum Gosau am Dachstein im oberösterreichischen Salzkammergut gedrehte Film erlebte seine Premiere bei der Berlinale 2012 im vergangenen Februar, wo er mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde.

Das ist in etwa auch die Ecke, in der er sich zu Hause fühlen darf: "Die Wand" ist ein typischer Arthouse-Film: langsam, getragen - und man wird das Gefühl nicht los, als würde man im Kino ständig leise im Drehbuch mitlesen. Der Hörbuchcharakter des Filmes kommt nicht von ungefähr: Wie Regisseur David Cronenberg, der in seinem jüngsten Film "Cosmopolis" alle Dialoge wortwörtlich aus der Romanvorlage von Don DeLillo übernahm, bedient sich auch Pölsler mit beiden Händen am Originaltext von Marlen Haushofer. Die Erzählerin hören wir fast ausschließlich im Off - weil es gefangen hinter der Wand, allein mit Hund, Katz und Kuh, nicht viel laut zu sagen gibt.

Im Detail geht der Regisseur mit seiner Inszenierung leider nicht über das Buch hinaus und setzt Haushofers Beschreibungen mehr oder weniger "nur" in Bilder um, so schön diese auch photographiert sind (Kamera: Christian Berger). Was als literarischer Text funktioniert, muß aber nicht auch zwangläufig auch auf der Leinwand gut gehen. Im Buch spürt man die Verzweiflung der Erzählerin mit jeder Seite stärker werden - während man im Film über ihre Mutlosigkeit eher verwundert, wenn nicht enttäuscht ist. Bis auf den Versuch, mit dem Wagen durch die Wand zu fahren, unternimmt sie kaum Anstrengungen, etwas über den Ursprung des Phänomens zu erfahren.

Im Buch entwickelt die Erzählerin keine Theorien, was in der Welt draußen passiert sein könnte. Daß alle tot sein müssen, weil sonst längst Suchflugzeuge aufgetaucht wären, nimmt sie irgendwann als gegeben zur Kenntnis; ebenso wie die Tatsache, daß Wolken die Wand überwinden können und kein Gift mit sich tragen. Diese Dinge treten allerdings im Spiegel der immerwährenden Selbstreflektion und der Neuausrichtung des Lebens hinsichtlich des Überlebens in den Hintergrund.

Im Buch schließt die Erzählerin irgendwann so etwas wie Frieden mit der Wand. Durch sie wurde sie "gezwungen, ein ganz neues Leben zu beginnen, aber was mich wirklich berührt, ist immer noch das gleiche wie früher: Geburt, Tod, die Jahreszeiten, Wachstum und Verfall", beschreibt Haushofer. "Die Wand ist ein Ding, das weder tot noch lebendig ist, sie geht mich in Wahrheit nichts an, und deshalb träume ich nicht von ihr."

 

Regisseur Pölsler hat mit seiner Verfilmung genaugenommen keine Interpretation des Haushofer-Stoffes auf die Leinwand gebracht, sondern das Buch bebildert. Wer den Film sieht, liest eigentlich das Buch. Daß Pölslers Film zumindest als Literaturverfilmung nicht durchfällt, liegt am intensiven Text von Marlen Haushofer und an Martina Gedecks unaufgeregtem Spiel. "Die Wand" ist für Festivals wie gemacht - und dementsprechend ein zwangsläufiges Thema fürs Feuilleton, das im Umfeld des Filmstarts verläßlich auch Marlen Haushofer kolumnistisch wiederentdecken wird. Verdienen würde sie es, wenn auch aus anderen Gründen.

Drehbuch-Papst Syd Field sei vom Script begeistert gewesen, erzählte Julian Roman Pölsler nach der Premiere von "Die Wand" bei der Berlinale. Den Schluß habe er ein wenig bemängelt - die einzige "Action-Szene" des Filmes, in der die Erzählerin feststellt, daß sie nicht allein hinter der Wand gefangen ist: "Und du willst das praktisch in Zeitlupe drehen …" nörgelte Field. Pölsler habe gelacht und geantwortet: "Syd, ich will keinen amerikanischen Film machen. Ich will einen europäischen Film machen, einen deutschen, einen österreichischen, einen Julian-Roman-Pölsler-Film. Und da ist das so."

Ja, so ist es. Trotzdem ist "Die Wand" am Ende kein Film von Regisseur Julian Roman Pölsler - sondern weiterhin ein Roman von Marlen Haushofer.

Chris Haderer

Die Wand

ØØØ

Die Verfilmung

Leserbewertung: (bewerten)

Ö, D 2012

108 Min.


Regie & Drehbuch: Julian Roman Pölsler, nach der Romanvorlage von Marlen Haushofer
Darsteller: Martina Gedeck, Ulrike Beimpold, Karlheinz Hackl u.  a.

Links:

Die Wand

Das Buch


Roman von Marlen Haushofer, erstmals erschienen im Jahr 1963

List-Verlag (D 2004)

Links:

Die Wand

Das Hörbuch


Hörbuch Verlag Hamburg (2007)

CD Sonderausgabe, gekürzte Lesung
gelesen von Elisabeth Schwarz

Links:

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