Kino_Prometheus

Wenn die Götter grantig werden

Mit "Prometheus" verläßt Regisseur Ridley Scott das "Alien"-Universum und hält stattdessen ein Schwätzchen mit der Evolution.    27.08.2012

Weil der Film selbst eigentlich kein Ende hat, kommt an dieser Stelle das Fazit vorweg: Mit Ridley Scotts "Prometheus" hat Centfox den bereits im Vorfeld überschätztesten Film des Jahres ins Kino gebracht. Wie bei James Camerons "Avatar" können die 3D-Kamera und die zugegeben soliden Spezialeffekte nicht über logische Aussetzer und Platitüden sowohl bei der Handlung als auch bei den Charakteren hinwegtäuschen. Da Scott seine Geschichte nicht zu Ende erzählt (die Produktionsfirma hat bereits eine Fortsetzung angekündigt), bleibt am Ende zwar ein durchaus beeindruckender Bilderbogen, aber keine besonders überraschende oder originelle Story. Filmisches Neuland - wie im Original-"Alien" aus dem Jahr 1978 - betritt der Regisseur mit "Prometheus" leider nicht.

 

Vom Konzept her war "Alien" ein recht simpel gestrickter, aber perfekt in Szene gesetzter Horrorfilm. Beim ursprünglich als Prequel angekündigten "Prometheus" steht allerdings nicht mehr das Überleben von Menschen gegen perfekte Mordmaschinen im Mittelpunkt, sondern nichts Geringeres als die Evolution an sich.

Etwa 70 Jahre vor dem Schicksalsflug der Nostromo bricht die Prometheus zu einem zwei Jahre von der Erde entfernten Ziel auf. Auf der Spur diverser Ancient-Alien-Theorien suchen Ridley Scott und die Crew der Prometheus nach den Schöpfern, die für die Entstehung des irdischen Lebens verantwortlich sind. Kaum aus dem Hyperschlaf erwacht, findet die Crew auch gleich ein altes Raumschiff der Schöpfer - nebst einem lebenden Exemplar dieser Gattung, das sich nach seiner Erweckung aus der Stasis als ziemlich rabiater Zeitgenosse erweist. Der ohne Kaffee und Frühstück äußerst schlechtgelaunte Außerirdische (übrigens der aus "Alien" bekannte "Space Jockey") bemüht sich vehement, zuerst die Crew der Prometheus zu meucheln und als Nachschlag gleich den gesamten Planeten Erde auszuradieren. Die Gründe für den göttlichen Unmut erfahren wir nicht - nur, daß die Alien-Kreaturen offenbar so etwas wie lebendige Biowaffen waren. An Bord des vom Weyland-Konzern finanzierten Raumschiffs ist außerdem ein intriganter Androide (Michael Fassbender), der ebenfalls einen Beitrag zur unausweichlichen Katastrophe leistet.

 

In einem Interview gab Ridley Scott zu Protokoll, er habe mehr als 30 Jahre die Finger vom Alien-Thema gelassen, weil James Cameron mit "Aliens - Die Rückkehr" die "Latte ziemlich hoch gelegt hatte". Tatsächlich ähnelt "Prometheus" im Look eher Camerons Sequel als dem Original - was aber nicht zuletzt an der immer fortschrittlicheren Tricktechnik liegt. Laut einem Interview in "movieweb" soll Cameron tatsächlich die Regie der "Prometheus"-Fortsetzung übernehmen: Falls Ridley Scott "nicht seine Meinung ändert, dann soll ich im nächsten Film die Fragen, die in Prometheus aufgeworfen wurden, beantworten", sagt Cameron. "Momentan arbeite ich an Avatar 2 - und wenn 20th Century Fox lange genug warten kann, werden wir ja sehen, was passieren wird." Produzentin Emma Watts kündigt an, daß das "Prometheus"-Sequel frühestens 2014 oder 2015 ins Kino kommen soll, wobei das Studio derzeit allerdings Ridley Scott als Regisseur favorisiert.

 

In seiner Grundstruktur funktioniert "Prometheus" nach dem Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzip, bis am Ende nur noch eineinhalb Leute übrig sind. War das Original aber ein beinharter Spukhaus-Thriller im Science-Fiction-Outfit, so hat Scott mit "Prometheus" offenbar größere Ambitionen - zumal ein zweiter Teil zwangsläufig folgen muß, um der Story einigermaßen Sinn zu verleihen.

Analogien zum Original gibt es genaugenommen nur zwei: eine Gore-Sequenz, in der ein chirurgischer Operationsautomat eine wichtige Rolle spielt, und ein Alien im Giger-Design, das im letzten Teil des Filmes zu sehen ist - übrigens das einzige im ganzen Film, das im gewohnten Look auftritt.

Der düsteren, klaustrophobischen Stimmung des Originals kommt Scott in "Prometheus" nicht einmal ansatzweise nahe. Anders als in "Alien" gibt es im aktuellen Film keine Stille, dafür aber jede Menge brüllende Effekte. Der Überraschungseffekt ist weg - und als Zuschauer weiß man von Anfang an, was geschehen wird und daß die Überlebenschancen der Prometheus-Crew mit jeder Minute kleiner werden. Übrig bleibt ein durchaus spannender und unterhaltsamer SF-Thriller, der Spezialeffekte und schöne Bilder wichtiger nimmt als die Handlung und dem man seine Logiklöcher verzeihen muß, weil sie im Gesamtkontext auch nicht wichtig sind. "Prometheus" ist solides Handwerk, nur hat Ridley Scott offenbar den Bauplan verkehrt herum gehalten.

Chris Haderer

Prometheus - Dunkle Zeichen

ØØØ

Prometheus

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2012

124 Min.

 

Regie: Ridley Scott

Darsteller: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron u. a.

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