Kolumnen_Unten ohne

Soziale Wärme ... für die Füße

Wundern Sie sich auch gelegentlich, wenn Ihnen fernab von Wald und Wiese Menschen ohne Schuhwerk begegnen? Kein Grund zur Panik - dahinter steckt ein tieferer Sinn. Katja Kulin verrät ihn ab sofort in ihrer EVOLVER-exklusiven Kolumne "Unten ohne".    07.01.2013

Rentner sterben in ihren Wohnungen - und die Nachbarn werden erst aktiv, wenn es im Treppenhaus unangenehm riecht. Kinder werden zu Tode geprügelt - und niemand bekommt etwas davon mit. Unmöglich, dabei kann es sich ja nur um urbane Legenden handeln ... Immerhin ruft schon das Ausziehen der Schuhe in der Öffentlichkeit regelmäßig gleich mehrere besorgte Mitbürger auf den Plan. Ihre Mission: den Barfüßer vor lebensbedrohlichen Schnittverletzungen oder Erkältungen zu schützen.

 

Barfußgehen ist gesund. Schließlich haben der Homo sapiens und seine Vorfahren es jahrtausendelang getan und sich allenfalls ein Stück Leder zum Schutz gegen Minusgrade um die Füße gebunden. Rein gar nichts hat die Anatomie und Körperstatik des Menschen in dieser Zeit auf High Heels, Plateausohlen oder auch nur zu enges und unbewegliches Schuhwerk vorbereitet. Und so reagiert der Körper auf die modebewußte Malträtatierung mit allerlei unschön anzusehenden Deformationen. Die Folge: Die Füße werden erst recht versteckt gehalten - wie in früheren Zeiten ein mißgestalteter Wechselbalg.

Wer da nicht mitmacht und seinen unteren Extremitäten Freiheit gönnt, fällt auf. Das Regeltier Mensch nimmt Barfüßigkeit nur an dafür vorgesehenen Orten wie dem Freibad, dem Strand und vielleicht noch auf einer Grünfläche im Hochsommer unkommentiert hin.

An anderer Stelle, etwa in der Innenstadt, im Supermarkt oder in der Bahn, wird aus dem egozentrischen Mitbürger, bei dessen Anblick man gewöhnlich Watzlawicks Axiom Man kann nicht nicht kommunizieren anzweifeln möchte, plötzlich ein empathischer Altruist. Wahlweise setzt dieser sich dann zum Ziel, entweder die Welt vor dem ungehobelten Unbeschuhten zu retten oder aber den Barfüßer vor den Folgen seiner überaus gefährlichen Tätigkeit. Heute soll letztere Spezies einer genaueren Betrachtung unterzogen werden, die insbesondere bei wahrhaft arktischen Temperaturen, also etwa ab +15 Grad Celsius und darunter, aktiv wird.

Sehr beliebt ist als Einstieg der noch aus der Distanz hinübergerufene Satz: "Hat Ihnen wer die Schuhe gestohlen?" Sobald dann verifiziert ist, daß es sich beim Weglassen der Schuhe um einen freiwilligen Akt gehandelt haben muß, stehen Tor und Tür für die Rettungsaktion offen. "Aber da erkälten Sie sich doch! Eine fiese Blasenentzündung werden Sie sich holen!"

Es versteht sich von selbst, daß der Verweis auf Viren und Bakterien als wahre Krankheitsauslöser nicht weiter hilfreich ist und die Sorge des Mitmenschen nicht eliminieren kann. "Aber trotzdem! Das ist doch einfach viel zu kalt, mich friert´s ja schon beim Hinschau´n! Das muß sich doch keiner antun!" Die Erwähnung der immunabwehrstärkenden Abhärtungsmethoden von Pfarrer Kneipp führt dann meist zu zusammengepreßten Lippen, einer Mischung aus Kopfschütteln und Nicken sowie nachdenklichem Gemurmel in einen vorhandenen oder imaginierten Bart. Dann keimt der gramvolle Gedanke auf, daß neben der Kälte auch noch andere Gefahren lauern, derer sich der leichtsinnige Barfüßer sicher nicht bewußt ist. "Ja, aber die Steine auf dem Weg, das tut Ihnen doch weh! Oder die Scherben, da können Sie sich die Füße aber ganz bös´ dran aufschneiden!"

Fast möchte man den Fremden jetzt in den Arm nehmen, gerührt angesichts solcher Sorge. Man erklärt ihm vorsichtig, daß man baren Fußes viel mehr auf die Bodenbeschaffenheit achte als beschuht, und daß Scherben gut sichtbar seien und man sie großräumig umgehen könne. Den einen scharfkantigen Stein, an dem man sich den Fuß vor kurzem ein wenig angeritzt hat, erwähnt man gar nicht - erstens, weil er der Rede nicht wert ist, aber hauptsächlich, weil man das arme Menschenkind keineswegs wieder verunsichern möchte.

Das Gegenüber freilich ist trotz allem nicht recht überzeugt. "Aber wenn´s jetzt noch kälter wird, dann ziehen Sie doch Schuhe an?" kommt zum Abschied - und wohlweislich wird die Antwort nicht mehr abgewartet. "Wie auch immer, passen Sie gut auf sich auf, ja?"

So zieht der Mitbürger von dannen, und einem selbst ist jetzt nicht nur an den gut durchbluteten Füßen warm, sondern am ganzen Körper, von so viel Kümmerei. Von sozialer Kälte ist bei Begegnungen wie der oben geschilderten aber zugegebenermaßen tatsächlich nichts zu spüren. Wenn die gleichen Menschen die gleiche Sorge auch gegenüber den wahren Problemen an den Tag legten, wäre doch alles gut. Allein, es bleibt ein leiser Zweifel.

Bekanntschaft mit der Spezies, die im baren Fuß einen zu eliminierenden, die Grundfesten der modernen Gesellschaft unterwandernden Faktor sieht, macht der Leser im nächsten Teil von "Unten ohne".

Katja Kulin

Barfuß zu mehr Gesundheit und Lebensfreude

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marianne (fancy) - 09.01.2013 : 19.06
Liebe Katja,
ich kann deine Beobachtungen nur vollkommen bestätigen. Nicht etwa, dass ich zu den Barfüßlern gehörte, aber als Pechvogel vom Dienst kann ich auch ein Wörtchen mitreden. In Andalusien hat einst eine hinterlistige Schlammlache eine meiner Schlappen mit einem lauten Schmatzen gefressen, woraufhin ich die andere auch entsorgte. Es war schön warm, wir befanden uns in einem Südland, also sprach erst mal nichts dagegen den Weg zurück ins Hotel ohne Schuhwerk zurückzulegen. Nicht nur Erwachsenen steckten die Köpfe zusammen, tuschelten und wiesen auf meine nackten Füße, sonder auch Kinder lachten sich kaputt, ob der seltsamen Sitten, der Touristen. Im Hotel fürchtete ich des Hauses verwiesen zu werden und besorgte mir rasch Ersatzschlappen. Deshalb unterstüzte ich dein Anliegen von Kopf bis Fuß. ;-)

Liebe Grüße

Marianne
Jule - 20.01.2013 : 14.03
und wenn es dann richtig kalt wird, sieht es kaum einer mehr, weil das geherin sowas wohl ausfiltert :-)

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