Print_Joe Gores - Interface

Die höllischen Straßen von San Francisco

Mit "Interface" lieferte Joe Gores den "Italowestern unter den Privatdetektiv-Romanen". Martin Compart erinnert sich an den Pageturner rund um P. I. Neil Fargo - und an dessen Schöpfer.    11.11.2013

"Ein Rattennest aus Junk, Alkohol und Sittenlosigkeit" überschrieb der Futura-Verlag den Klappentext zur englischen Taschenbuchausgabe von Joe Gores´ "Interface". Und der Roman fängt gleich richtig böse an: Vietnamkriegsveteran Docker legt einen mexikanischen Dealer um und schnappt sich eine Ladung Junk und gleich dazu auch noch das Übergabegeld. Dann zieht er los, um in San Francisco richtig einen drauf zu machen. Darunter versteht Docker, eine schöne Blutspur durch die Bay Area zu ziehen. Gleichzeitig wird der nicht minder sympathische Privatdetektiv Neil Fargo von einem Plutokraten beauftragt, dessen Tochter Roberta zu suchen, die sich in miesen Kaschemmen verkauft, um ihre Sucht zu finanzieren.

Und damit öffnet sich für den Leser das Höllentor zu einem San Francisco jenseits der Postkartenromantik der Golden Gate Bridge.

Gores widmete "Interface" Donald Westlakes Serien-Gangster Parker, "because he´s such a beautiful human being". Tatsächlich hat Gores´ Romanheld, der Privatdetektiv Neil Fargo, mehr mit Parker als mit Lew Archer oder Phil Marlowe gemein. Fargo ist studierter Jurist, ein Ex-Football-Profi und ein ehemaliger Special-Forces-Soldat. "Interface" wurde einmal als der "Italowestern unter den Privatdetektivromanen" bezeichnet. So wie der Italowestern den klassischen Hollywood-Western dekonstruiert, zertrümmert Gores in seinem Roman jedes Stereotyp der private eye novel.

"Interface" gehört zu den richtungweisenden Romanen der Noir-Literatur der 1970er, auf derselben Ebene wie Higgins´ "Friends of Eddie Coyle", Crumleys "Last Good Kiss", Robert Stones "Dog Soldiers" oder Thornburgs "Cutter And Bone". Wie die genannten Bücher ist "Interface" tief verwurzelt in der durch Vietnam, Watergate, die politischen Attentate und die Sixties-Rebellion traumatisierten US-Gesellschaft. Und wie diese Romane ist auch Gores´ Roman ein Lageplan der Müllkippe, zu der der "amerikanische Traum" heruntergebrannt ist.

 

Erzählt wird "Interface" in der dritten Person, in einem ähnlich brutal-objektiven Stil wie Hammetts "Maltese Falcon". Wie Hammett betritt auch Gores nie die Gedankenwelt seiner Figuren und charakterisiert sie stattdessen behavioristisch durch ihre Handlungen.

Wenn heute von modernen Klassikern der Kriminalliteratur, hard-boiled novels oder Noir-Thrillern die Rede ist, fällt sein Name seltener als zum Beispiel die von Donald Westlake, Lawrence Block oder gar Robert B. Parker. Irgendwie scheint Joe Gores ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Das ist umso erstaunlicher, da keinem mir bekannten Autor seit Dashiell Hammett so viele Innovationen im Genre gelungen sind:

Mit "Hammett" (1975) schrieb Gores wohl die erste private eye novel als period piece, die auf realen Figuren basiert (Max Allan Collins perfektionierte mit der Nate-Heller-Serie in den 1980ern dieses Subgenre). In "A Time Of Predators" (1969) antizipierte er vor Brian Garfield und Don Pendleton den modernen Vigilanten, der das Kino und den Kriminalroman der 1970er Jahre folgenschwer mitprägte. Und mit seiner Serie um die Privatdetektivagentur Dan Kearney and Associates übertrug er die police procedural-Elemente des Polizeiromans à la Ed McBain, nämlich Team- und genau geschilderte Ermittlungsarbeit, auf den Privatdetektivroman.

Gores war sein Leben lang besessen von Dashiell Hammett, mit dem sein Leben mehr Parallelen aufwies als nur beider Tätigkeiten für Privatdetektivagenturen. Man mag kaum an Zufall glauben, wenn man sich den Todestag von Joe Gores verdeutlicht: Er starb mit 79 Jahren am 10. Januar 2011 - auf den Tag genau 50 Jahre nach Dashiell Hammett!

 

Geboren wurde Joseph Nicholas Gores übrigens Weihnachten 1931 in Rochester, Minnesota. Als großer Comic-Fan wollte er ursprünglich Comic-Zeichner und Erzähler werden. Seine Vorbilder waren die absolute Weltklasse des Zeitungs-Strips: Milton Caniff, Burne Hogarth, Hal Foster und Alex Raymond.

 

"When I was 6, my ma said I could read anything I could reach, so she made sure on the bottom shelves was 'Lives of the Saints' and 'The Pilgrim´s Progress'. But I quickly figured out how to climb to the top shelf, where Ma Gores kept the hard stuff: Agatha Christie, Sherlock Holmes and, of course, Hammett ... I still remember opening 'The Dain Curse'. At 6 years old, you don´t know that much, but 'It was a diamond all right ...' was the first line of that novel, and I thought, 'Oh, God, wow!' "

 

Gores studierte Literaturwissenschaften in Notre Dame und dann in Stanford. "You become very highbrow when you are in college. I was writing the kind of stuff you write in graduate school, which is, you know, 'the girl with the ponytail commits suicide'." Eines Tages fiel ihm ein Band mit Lew-Archer-Kurzgeschichten von Ross Macdonald in die Hände, und die erste Zeile von "Gone Girl" erwischte ihn genauso hart wie schon als Kind die erste Zeile von "The Dain Curse": "The opening line of 'Gone Girl' was 'I was tooling home from the Mexican border in a light blue convertible and a dark blue mood.' And I thought 'My God, that is the way I want to write! ... That kind of tightness, that kind of directness, no nonsense, no navel-gazing. You are in there to create vivid characters who are doing extremely interesting things, and that´s it."

1954 wollte er seine Master-Arbeit über Hammett, Chandler und Ross Macdonald schreiben. Aber das Thema wurde mit der Begründung abgelehnt, dies seien "Autoren, die so schreiben würden, als wollen sie ihre Bücher verkaufen". Also könne es sich bei ihnen nicht um Literatur handeln, und infolgedessen könne man über sie auch keine master´s thesis verfassen. Dann stellte er fest, daß die meisten Autoren, die über die Südsee schrieben, Pulp-Autoren waren. Mit drei offensichtlichen Ausnahmen: "In 1961, Stanford University granted me a master´s degree in English Lit. because it had to. My thesis was on the 'Literature of the South Seas'; my advisor had read only Conrad, Maugham, and Melville of my 50 authors, so he could not say it was wrong to write about the other 47."

Will Ready, sein Professor für kreatives Schreiben in Stanford, gab ihm einen Rat, den Gores als den wichtigsten für sein Schreiben empfand: alles runterkochen. Zusammen mit einem Freund heuerte er auf einem Frachter an und fuhr nach Haiti. "Damals fing ich ernsthaft zu schreiben an und verkaufte meine erste Geschichte 1957 an das letzte übriggebliebene Pulp-Magazin 'Man Hunt'." Anschließend erwischte ihn die Army. Dort endete er als Schreiber von Generalsbiographien - blieb also dem Crime-Thema treu. Dann ging er zurück nach Stanford, um sein Diplom zu machen. Nebenbei schrieb und arbeitete er als Privatdetektiv. In einem Jahr bekam er mehr als 300 Ablehnungsschreiben, mit denen er sein Badezimmer tapezierte. Drei Jahre lebte er in Kenia, um zu unterrichten. "Ich war als Kind ein großer Tarzan-Fan und wollte Afrika kennenlernen."

Bis Ende der Sixties arbeitete er abwechselnd oder gleichzeitig als Autor und als Privatdetektiv in San Francisco. Kein Autor seiner Generation kannte San Francisco besser als Gores. "Als Repo-Man fuhr ich manchmal 5000 Meilen im Monat - ohne die Stadt zu verlassen. San Francisco war in den 1970er Jahren noch in den größten Teilen so, wie die Stadt war, als Hammett über sie schrieb."

1967 war er mit Kurzgeschichten, die auch im renommierten "Ellery Queen´s Mystery Magazine erschienen", ganz gut im Geschäft. Die legendäre Krimiherausgeberin Lee Wright, damals bei Random House, schrieb Gores: „Falls Sie jemals einen Roman schreiben, wäre ich daran interessiert, ihn zu veröffentlichen.“ Also setzte sich Gores hin, schrieb "A Time Of Predators" und gewann den Edgar-Allan-Poe-Preis der Mystery Writers of America.

 

Hammett war ganz klar der größte Einfluß für Gores. Wenn Otto Penzler meint, "Hammetts Welt ist zynisch und unsentimental; Gores ist wärmer und positiver", hat er wohl vergessen, was Gores in "Interface" geschrieben hat. Dieser "Italowestern unter den Privatdetektiv-Romanen" ist genauso kalt und distanziert formuliert wie Hammett. Wenn Hammett mit "Red Harvest" und "Maltese Falcon" die bösartigsten und härtesten Romane seiner Generation geschrieben hat, dann schuf Gores mit "Interface" eine nie wieder genutzte Blaupause für den Privatdetektivroman des 21. Jahrhunderts - eine zynische Abrechnung mit den USA, nachdem auch für die Naivsten die Putschblase "Land der Freien" zerplatzt war.

Neil Fargo ist Richard Starks Parker als Privatdetektiv ... nein, der Typ ist noch viel schlimmer. Gores war gut mit Donald Westlake befreundet. Das drückte sich auch darin aus, daß beide Autoren dieselbe Szene, nur aus anderen Blickwinkeln, für zwei ihrer Romane nutzten: Gores läßt seinen Serienhelden Dan Kearny in "Dead Skip" (1972) kurz auf Westlake/Starks Parker treffen. Westlake greift dieselbe Szene dann in "Plunder Squad" auf (ähnliches machten sie dann noch einmal mit Westlakes Figur Dortmunder in "Drowned Hopes" und "32 Cadillacs").

Gores gehörte neben seinem Freund Donald E. Westlake und William L. DeAndrea zu dem Trio, das in drei verschiedenen Kategorien mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis ausgezeichnet wurde. Gores bekam ihn für den besten Erstling ("A Time Of Predators", 1969), die beste Kurzgeschichte ("Goodbye, Pops", 1970) und für das beste Drehbuch einer TV-Serie ("Kojak: No Immunity For Murder", 1975).

 

Martin Compart

Joe Gores - Interface

Leserbewertung: (bewerten)

PS: Die Ullstein-Ausgabe wurde 1975 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit der Entscheidung Nr. 2572 indiziert. In der Begründung hieß es u. a.: "Insgesamt lehrt das vorliegende Taschenbuch die grundsätzliche Hinnahme von Gewalt, die Heroisierung des Verbrechers und allg. destruktives Verhalten aus Machtgier oder neurotischer Mordlust ... 'Wirklich einmal etwas Neues', sagt der Verlag auf dem Titelblatt. So macht man Rechtsbrecher salonfähig, oder um es lerntheoretisch auszudrücken, schafft man für labile Jugendliche ..."

Wo ist er bloß geblieben, der tiefe Glaube an die Macht der Literatur?

 

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Stories
Western - damals und heute

Im Zeichen des Sechsschüssers

In den 80ern und 90ern erschienen in der "Heyne-Filmbibliothek" einige dringend lesenswerte Werke rund um Filmemacher, Schauspieler und Genres. Einige davon gehen auf das Konto der deutschen Western-Koryphäe Thomas Jeier. Martin Compart sprach mit ihm über das uramerikanische Genre.  

Stories
Charles-Bronson-Special

Treffen der Generationen

Er war weit mehr als ein Mann, der nur Rot sieht. Martin Compart sprach mit Filmliebhaber Oliver Nöding über Charles Bronson - einen Schauspieler, der keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte und immer noch eine Entdeckung wert ist.
 

Stories
TV-Serien & Ideologien

A Game of Pawns

Dienen Qualitätsserien noch der gehobenen Unterhaltung oder längst der ideologischen Indoktrination? Und was haben deutsche TV-Produktionen damit zu tun? MiC liefert dazu einen Tagebucheintrag - knapp nach den Iden des März.  

Stories
Flashman/Interview Bernd Kübler

Höret seine Heldentaten!

Hätten wir im EVOLVER eine Ruhmeshalle für fiktive Personen aus der Populärkultur, wäre George MacDonald Frasers Flashman ein eigenes Podest sicher. Martin Compart sprach mit Herausgeber Bernd Kübler über die Hörbuch-Adaptionen von Flashys Abenteuern.  

Stories
Philip Kerr - Die Bernie-Gunther-Serie

Im Pesthauch der Nazis

Kennen Sie den PI und ehemaligen Kriminaloberkommissar Bernhard Gunther, der im Berlin der 30er und Folgejahre für Recht und Ordnung sorgt? Nein? Dann ist es Zeit, daß Sie der Reihe des britischen Krimiautors Philip Kerr Ihre Aufmerksamkeit schenken. Martin Compart gibt fachgerechte Starthilfe.  

Stories
Zum Gedenken an Jack Vance

Der Weltendenker baut uns ein Traumschloß

Werner Fuchs gedenkt eines Science-Fiction- und Fantasy-Autors, dessen Imagination in den Genres unvergleichbar ist. Nach dieser Lektüre gibt es keine Entschuldigung mehr, die Werke des US-Schriftstellers Jack Vance nicht zu lesen oder neu zu entdecken.