Literatur_Das Buch der lebenden Toten

Mit Zombies allein zu Haus

Vom Samurai bis zum Landser: Im zweiten Buch von EVOLVER BOOKS präsentieren 22 Autoren 22 ungewöhnliche Zombie-Mythen der Neuzeit.    24.01.2011

Zombies sind unsere Freunde. Dieser Schluß drängt sich auf, bedenkt man ihre zwar bisweilen stille, aber anhaltende Präsenz in den Medien. Alt-Stars wie George A. Romero fügen ihrem einschlägigen Film-Œuvre nach Jahrzehnten noch neue Variationen hinzu, und junge Regisseure wie Danny Boyle entwerfen mit Filmen wie der "28 Days/Weeks/Months"-Trilogie (wobei der letzte Teil aus rechtlichen Gründen noch auf sich warten läßt) überhaupt neue Endzeitszenarien. Auch im Fernsehen sind die fleischeslustigen Gesellen schon zu Hause: In den USA wurde die erste Staffel der nach dem gleichnamigen Comic "The Walking Dead" gedrehten Serie bereits erfolgreich ausgestrahlt.

 

Die Zeiten, in denen Zombies noch wie eingekiffte Steirer in Zeitlupe durch die Straßen schlurften, sind Vergangenheit - moderne Zombies sind schneller unterwegs als Kärntner Landeshauptleute, können durchaus auch Produkte von Chemieunfällen oder außerirdischen Interventionen sein und sind  bisweilen schlauer als der Durchschnittsamerikaner, den sie mit Vorliebe fressen.

"Die wahrlich unsterblichen Zombies sind die Lieblingsmonster des beginnenden 21. Jahrhunderts, weil sie unseren globalistischen Größenwahn auf ganz simple, eindeutige Grundlagen herunterbrechen", versuchen Thomas Fröhlich und Peter Hiess den Mythos im Vorwort der von ihnen herausgegebenen Anthologie "Das Buch der Lebenden Toten" auf einen zeitgemäßen Punkt zu bringen: "Wir müssen alle einmal sterben - und wenn wir Pech haben, irren wir auch danach noch hilflos durch die Einkaufszentren und Vorortstraßen, immer auf der Suche nach dem nächsten Fix, dem nächsten Lebewesen, das wir konsumieren können."

"Das Buch der lebenden Toten" handelt von denen, die Pech hatten. Sie sind die Hauptdarsteller in 22 Geschichten von 22 deutschsprachigen Autoren, die als beste Einsendungen aus dem EVOLVER-Literaturwettbewerb 2009 ausgewählt wurden. Herausgekommen ist eine ungewöhnliche und originelle Mixtur, die dem Genre durchaus neue Facetten hinzufügt.

Die Autoren im "Buch der lebenden Toten" schleichen sich von verschiedenen Seiten an das Thema heran. Manche kommen aus der literarischen Ecke, anderen tropft der Pulp aus jeder Zeile, und bis zur klassischen Short-Story liegen noch eine ganze Menge Geschichten dazwischen, die sich erfreulicherweise nicht so schnell einordnen lassen. Im Buch sind die Zombies unter japanischen Samurais genauso zu finden wie in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs - ein Zeichen für die Respektlosigkeit, mit der die Autoren (in diesem Fall Tobias Egle mit "Nachzehrer") an die Sache herangehen.

 

Den Spielregeln von Pulp, Horror und Trash folgend, steht nicht die Moral der Dinge im Vordergrund (die oft genug sowieso nur eine Scheinmoral ist) sondern die Handlung. Die Konsequenz, mit der sich die Autoren dem Thema nähern, und die Originalität der Zusammenstellung verleihen der Anthologie somit eine Sonderstellung im deutschen Sprachraum. "Das Buch der lebenden Toten" ist weder politisch korrekt noch jedem potentiellen Leser nach dem Mund geschrieben, sondern vielmehr ein Beleg dafür, was sich aus einem klassischen Horrorthema bei moderner Betrachtungsweise herausholen läßt.

Illustriert wurde die Anthologie stimmig von Timo Grubing; der literarische Zombie auf dem Cover stammt vom Grazer Comic-Künstler Jörg Vogeltanz, der auch als Herausgeber der Edition prequel tätig ist. Sie verleihen dem von Robert Draxler graphisch gestalteten Paperback einen unaufdringlichen Rahmen für Geschichten, in denen Internet-Zombies, wirklich untote Junkies oder ordnungswütige Sekretärinnen erst der Anfang sind. Nebenbei hakt das Buch auch das Vorurteil ab, Zombie-Geschichten wären nur etwas für Jungs: Fast die Hälfte der Texte im "Buch der lebenden Toten" stammen von Frauen, und sie sind so bluttriefend, daß ich mir nicht mehr sicher bin, ob tatsächlich der Weltfrieden ausbrechen würde, wenn die Damen an die Macht kämen.

 

Zombies kann man als Stellvertreter für viele kulturelle und gesellschaftliche Manifestationen sehen, vom Politiker oder Bankmanager bis zum Junkie, mit allem, was dazwischen liegt und als was die Soziologie sie ausgibt. Als Manifestationen der Angst sind sie archetypische Erscheinungen, die instinktgetrieben ein einziges, klar umrissenes Ziel verfolgen: fressen - und nicht gefressen werden.

Zombies machen keine Gefangenen und keine Kompromisse: durch ihren Hunger nach Fleisch sind sie dermaßen im Hier und Jetzt verwurzelt, daß sie letztlich keine Zukunft kennen und kein Morgen. Sie "wollen Dich aussaugen, fressen, zu einem der ihren machen", sind sich die Herausgeber im Vorwort einig: "Sie werden immer mehr, wälzen sich unausweichlich auf dich zu, beschränken deine Bewegungsfreiheit. Vor ihnen gibt es kein Entkommen. So viel zum Thema Politiker."

Man kann Zombies aber auch nur unterhaltsam finden (so wie manche Politiker) - denn manchmal ist ein Sessel tatsächlich nur ein Sessel - und ein Zombie nur ein lebender Toter mit einer spannenden Geschichte. Oder mit 22 Stories.

 

Anm. d. Red.: Und wenn Sie finden, daß diese Anthologie DEN Horror-Award des deutschsprachigen Raumes verdient hätte, dann schauen Sie hier nach ...

 

 

 

             

 

Chris Haderer

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Das Buch der lebenden Toten

ØØØØØ

22 Zombie-Geschichten von den Gewinnern des EVOLVER-Literaturwettbewerbs

Leserbewertung: (bewerten)

Hrsg: Thomas Fröhlich & Peter Hiess

 

EVOLVER BOOKS (2010)

Links:

Das Video der lebenden Toten


Videomittschnitte von den Lesungen im Rahmen der Präsentation von "Das Buch der lebenden Toten" im Dezember 2010 in Wien

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