Stories_Arturo Pérez-Reverte

Die Welt der augenlosen Toten

Als Kriegsberichter hat dieser Autor wirklich viel gesehen - und genau das kotzt er dem geneigten Leser jetzt mitten ins Gesicht. Ein Porträt von Martin Compart.    12.08.2004

Heutzutage kann jeder Feigling von weitem töten, indem er nur auf einen Knopf drückt.

 

Nein, die Rede ist nicht von Afghanistan oder dem Irak, wo tapfere Bush-Krieger mit High-Tech im Kampf gegen das Böse Knöpfchen drücken. "Stahl symbolisiert für mich den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf den Degenkämpfer spritzte das Blut, das er vergoß", sagt Spaniens erfolgreichster Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte, der sich auf internationalen Schlachtfeldern mit Bitterkeit vollgesogen hat.

Von 1973 (Jom Kippur) bis 1994 (Sarajewo) berichtete er über fast jedes zeitgeschichtliche Gemetzel. Wenn irgendwo im großen Stil gemordet wurde, erschien sein trauriges Gesicht auf dem Bildschirm des spanischen Staatsfernsehens. Er mußte mitansehen, wie die Amerikaner Konflikte am Köcheln hielten (Strategie der Spannung) und haßt Drecksläden wie McDonald´s. Irgendwann konnte er nicht mehr. Heckenschützen, die in Sarajewo Kinder abballerten, gaben ihm den Rest.

 

Wenn ich vorher schon ahnte, daß der Mensch ein Hurensohn ist, so bekam ich in Sarejewo Gewißheit.

 

Seitdem schreibt er Romane, liest kaum noch Zeitung, will mit der Welt nichts mehr zu tun haben. "Ich bin draußen, ich bin aus allem raus." Fast jeder seiner Bestseller ist eine Mischung aus historischem Abenteuerroman und modernem Thriller. Literarische oder kulturelle Exkurse durchbrechen (und bereichern) die Handlung. Oft witzig und meistens klug: "Auch die Musik hat einen gesellschaftlichen Wert. Sie schafft Gleichheit der Gefühle", sagt ein Charakter im "Fechtmeister" der "die Meinung vertrat, die wichtigsten Beiträge zur Menschheitsgeschichte sind der Buchdruck und die Guillotine". Pérez-Reverte ist postmodern in der Tradition Umberto Ecos, allerdings mit einer gehörigen Portion Düsternis.

Sein neuester Roman Die Seekarte, in dem er wieder einmal literarischen Idolen huldigt, ist eine Liebeserklärung an das Meer, die Seefahrt und Joseph Conrad - sowie Illustration des Satzes von W. H. Auden:

 

Der Matrose symbolisiert den unschuldigen Gott vom Meer, für den die Gesetze des Landes nicht gelten und der deshalb alles tun kann, ohne schuldig zu werden.

 

Lord Jim trifft den Malteser Falken. Neben den literarischen Welten ist die See der Fluchtpunkt des Autors. Mindestens ein Drittel des Jahres kreuzt der Einhandsegler auf seiner selbstentworfenen, 13 Meter langen Segelyacht "Corso" - vollgestopft mit moderner Technik und einer Bibliothek - im Mittelmeer. Frau und Kind läßt er zurück in seiner Madrider Wohnung, in der er seine Romane schreibt. Diese zynischen, aber doch voller Liebe zur europäischen Kultur getragenen Romane zu verfassen ist Therapie für ihn. Sonst würde er an der Welt zugundegehen.

 

Ich schreibe immer das gleiche Buch: Es handelt von einem Menschen, der die Welt nicht mag, die er vorfindet. Das bin ich.

 

Zyniker sind enttäuschte Romantiker, und nur der Romantiker konnte den Abenteuerroman auf ganz eigene Weise neu beleben. Geboren wurde Arturo Pérez-Reverte 1951 in Cartagena.

 

Ich wurde für eine Welt erzogen, die es nicht mehr gibt. Ich hatte als Kind Fechtunterricht. Ich war ein leidenschaftlicher Leser, der reisen wollte. Also wurde ich Journalist, dann Kriegsberichterstatter. Zwanzig Jahre lang konnte ich mitansehen, daß der Krieg die schlimmste Manifestation der menschlichen Existenz darstellt.

 

Erst mit 34 begann er Romane zu schreiben. Mit El Husar hauchte er dem Mantel-und-Degen-Genre neues Leben ein. Mit dem nächsten, Der Fechtmeister, wurde er zum Bestsellerautor. Es ist die Geschichte des letzten Ehrenmannes. "Wie heute, war damals im Spanien des 19. Jahrhunderts alles und jeder käuflich." "Der Fechtmeister" ist die Geschichte des letzten Ehrenmannes in einer ehrlosen Welt. "Mit dem letzten Fechtmeister werden auch alle vornehmen und edlen Grundsätze sterben. Dann wird es nur noch Hinterhalt und Überfall geben."

Neben historischen Stoffen schrieb er sich auch die Schrecken der Gegenwart von der Seele. Etwa mit Territorio Comanche, das im eingeschlossenen Sarajewo spielt. Aber es sind die düsteren Romantic Novels, die seinen Welterfolg ausmachen: Millionen seiner Bücher wurden in Frankreich, Spanien, Südamerika, Deutschland und den USA verkauft. Meist sind es geheimnisvolle Botschaften, versteckt in Bildern, Karten oder Büchern, die die Handlung in Bewegung bringen. In seinem bisher besten Buch, Jagd auf Matutin, hackt sich jemand direkt in den Computer des Papstes, um einen Hilferuf abzusetzen: ein spannender Thriller und eine unversöhnliche Studie über klerikale Macht, die eindeutig vom Weg des Herrn abgekommen ist:

 

Der Heilige Vater ist unfehlbar, selbst wenn er sich irrt. Die Inquisition wieder ins Leben zu rufen, war die beste Methode, um den Dissidenten das Maul zu stopfen. Wer spricht heute noch von Küng, von Castillo, Schillebeeck oder Boffi? Auseinandersetzungen werden im Schiff Petri seit jeher damit gelöst, daß man Andersdenkende zum Schweigen bringt oder über Bord wirft.

 

Im Club Dumas geht es nicht nur um eine aberwitzige Jagd nach einem satanischen Buch, sondern auch um eine Liebeserklärung an Alexandre Dumas und den französischen Feuilletonroman. Fast im Alleingang setzt Pérez-Reverte in seinen Büchern der europäischen Populärkultur Denkmäler, die sich sogar in den USA Bestsellerstatus ertrotzen. Dabei läßt ihn der bourgeoise Kulturkanon kalt, und er stellt Agatha Christies "Albi" neben Joyces "Ulysses".

"Der Roman ist nicht tot, trotz der Bemühungen des kulturellen Establishments, ihn umzubringen. Es ist durchaus möglich, sophisticated Bestseller zu schreiben. Die größte Sünde eines Autors ist, zu langweilen. Realität in Romanen zu verpacken ist wie das Fälschen von Banknoten: Man muß sie genau kennen und sein Handwerk können." Inspiriert nutzt er Versatzstücke der Popkultur, ohne in den Manierismus Umberto Ecos zu verfallen. Reverte hat seine Helden gerne stark und seine Frauen gefährlich. Aber es sind keine Stereotypen, und sie laden nicht zur Identifikation ein. Trotzdem folgt ihnen der Leser willig und nach wenigen Seiten geradezu gierig durch die komplexen Geschichten. Der Mann läßt sich Zeit zum Erzählen.

 

Es zählt allein das magische Leseerlebnis, die Erschaffung einer Welt.

Martin Compart

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