Stories_Porträt: Del Shannon

Paranoia & Prozac

Wie Rock´n´Roll-Outlaw Del Shannon den Teenie-Schlager der Fifties und Sixties in einen Film noir verwandelte - und daran selbst zugrundeging. Martin Compart erinnert an einen der ganz Großen der Populärmusik.
   04.07.2007

Es begab sich im Jahre 1961: Der Rock´n´Roll war noch nicht ganz tot, aber sauber kastriert. Legionen von Rickys, Johnnys und Frankies belagerten die Hitparaden und sangen saubere Lieder für saubere Teenager mit sauberen Tampons. Es war das Niemandsland zwischen Elvis und den Beatles, das Schwarze Loch der Pop-Musik (daß in dieser Zeit auch eine Menge hervorragende Musik gemacht wurde, gehört nicht hierher).

Die letzte Rebellion war gezähmt und die nächste noch nicht in Sicht; die 50er waren nicht zu Ende und die 60er noch nicht gestartet. Fröhlichkeit und Langeweile warfen dunkle Schatten: Picknicks, Autokinos, Milchbars, Dates, Kirmes, Telefonorgien. Keine Trendgurus, keine Rock-Lexika, keine Fachleute, die einem halfen, die Vergangenheit zu interpretieren, die Gegenwart zu reflektieren oder die Zukunft des Pop zu prognostizieren. Es gab nicht mal Pop-Radio. Der endlos lange "cruel summer" der Teenager. Politisches Vakuum. Das große Nichts.

Und dann kam ein einsamer Mann aus Michigan und hatte einen Sound drauf, wie man ihn noch nie gehört hatte. Als Soldat war er 1956 in Stuttgart stationiert gewesen, wo er sein Gitarrenspiel perfektioniert hatte. Seine erste Single "Runaway", ein Monster-Hit und eine der 100 klassischen Singles, fraß sich durch Hitparaden und Milchbars, klatschte alle Frankies und Peggys mit ihrem zarten Liebeswerben in die Tonne. Damit hatten die Sixties offiziell begonnen - und der Song wurde bis heute 200mal gecovert.

Der Mann nannte sich Del Shannon, war mit 26 Jahren eigentlich zu alt für ein Teenie-Idol und schrieb seine Lieder selbst. Er war der erste Amerikaner, der einen Beatles-Song coverte: "From Me To You" (1963) - die erste Lennon/McCartney-Nummer in den US-Charts. In "Runaway" nahm er mit dem berühmten Musitron-Solo den Synthesizer-Pop vorweg; in "Little Town Flirt" (1962) erfand er Folk-Rock und Merseybeat (und deren Synthese) innerhalb eines einzigen Songs. Mark Knopfler sagte, er habe wegen Del Shannon seine erste Gitarre gekauft.

Bis heute wird Shannon als Gitarrist schmählich unterschätzt, doch den Sänger vergaß man nie: sein Falsetto ging oft in ein Gebrüll über, das ganze Tanzdielen zum Einsturz bringen konnte. Man hatte Angst, die Stimmbänder würden ihm aus dem Hals platzen.

Bis ´65 hatte er sieben Top-ten-Hits: originelle, eingängige Melodien, gepaart mit schnellen, vorantreibenden Beats und gnadenlosen Hooks. Seine Teenager-Lyrik steckt voller traumatischer Protagonisten, die fatalistisch in der Einsamkeit ihres Schicksals absaufen.

Anders als die Rickys und Frankies der High-School-Ära tauchte Del Shannon, der eigentlich Charles Westover hieß, die Teenie-Welt in einen Film noir. Das Gefühl der Einsamkeit und Isolation in seinen Songs war echt. Sein Lieblingsthema war die Paranoia: Dauernd mußte er abhauen, mit seinem Girl davonlaufen - oder er wurde von ihr reingelegt. Und wenn er zufällig nicht von ihr betrogen wurde, dachte er solange darüber nach, wie das wohl sein könnte, bis er es schließlich trotzdem glaubte. Irgendwer ist immer hinter ihm her, um ihn fertig zu machen; zur Not übernimmt er diese Aufgabe auch selbst. Einige von Shannons abgefahrensten Songs sind echt krank. Keiner machte mehr auf Selbstzerstörung als er. Obwohl er weiterhin gigantische Stücke schrieb und andere Leute produzierte, war er Mitte der 60er erledigt.

Danach überlebte er als Außenseiter, der exzellente Alben machte, die keiner hören wollte. Er ließ seine Platten - darunter das Tribute-Album "Del Shannon Sings Hank Williams" (1965!) - von Andrew Loog Oldham, Tom Petty oder Jeff Lynne produzieren. Völlig untergegangen ist sein brutal unterschätztes Psychedelic-Album "The Further Adventures Of Charles Westover" (1968), eine der besten Kifferplatten aller Zeiten.

Ende der 80er Jahre sah alles nach einem Comeback aus: Die Neuaufnahme von "Runaway" war Titel-Song von Michael Manns TV-Kult-Serie "Crime Story", und die Traveling Wilburys wollten ihn als Ersatz für den verstorbenen Roy Orbison. Del Shannons Terminkalender war auf einmal so voll, daß er nicht mal mehr Zeit zum Saufen hatte. Gegen den Streß schluckte er 15 Tage lang das umstrittene Medikament Prozac. Genau der richtige Stoff für einen depressiven Paranoiker: Am 8. Februar 1990 blies er sich mit einem Gewehr das Gehirn weg.

Übrigens: Bevor Del ab 1965 von der Masse und den Medien ignoriert wurde, langte er noch einmal richtig zu und legte die Quintessenz seiner Me-and-my-Baby-on-the-Run-Paranoia vor: In "Keep Searchin´ (Follow The Sun)" suchen er und sein Girl einen Platz zum Verstecken. Sie müssen sich vor Monstern verkriechen, die seinem Baby wehgetan haben und das Paar auseinanderbringen wollen. (Die extrem gute deutsche Version des Songs, "Laß die Leute doch reden" von Johnny Halliday mit den Rattles, ist das Gegenteil: offensiv statt defensiv.)

In der Fortsetzung "Stranger In Town" sind die beiden bereits längere Zeit auf der Flucht und können dem Verfolger am Ende wieder (für eine Weile) entkommen. Aber wer Dels Stimme hört, der weiß, daß man ihn am Ende doch erwischen wird ...

Martin Compart

CD-Tip: Home And Away 1960-1970

(Bear Family Records)


Das Feuer schien ihn von innen heraus zu verbrennen - Del Shannon war Schmerzensmann, Unheilsbote und Berichterstatter aus einer Welt voller Hoffnungslosigkeit. Hinter schönen Melodien von Hits wie "Runaway", "Hats Off To Larry" oder "Little Town Flirt" versteckte der Melancholiker mit Hang zur Depression alle Verletzungen, inneren Ängste und jede Menge Wut. Del Shannon, der eigentlich Charles Weedon Westover hieß, war damit weniger ein Wesensverwandter von Roy Orbison als von Hank Williams. Mit dem teilte er den Hang zum Fatalismus, die düstere Sicht auf das Zwischenmenschliche und die Liebe zum Hillbilly.

Nachzuhören ist das nicht nur auf der im Winter 1964 veröffentlichten LP "Del Shannon Sings Hank Williams". Diese Platte ist Bestandteil der - wie bei Bear Family üblich - opulent gestalteten, akustisch perfekt veredelten 8-CD-Box. In der Schachtel sind, auf sechs Discs verteilt, alle Aufnahmen der wichtigsten Jahre in der Karriere des begnadeten Gitarristen, Songwriters und Ausnahmesängers enthalten, genau in der Reihenfolge, wie sie Shannon für die Labels Bigtop, Ber-Lee, Amy, Liberty und ABC-Dunhill einspielte. Dazu bietet Bear zwei CDs mit weitgehend unveröffentlichtem Demomaterial und teilweise phantastischen Alternativversionen. Ein 120 Seiten starkes Buch im LP-Format bringt den Menschen und sein Werk näher. Der akribisch arbeitenden Crew um Richard Weize ist es gelungen, dafür viele Photos aus dem Familienbesitz der Westovers zu erhalten.

Dels Feuer wird ewig brennen!

 

Manfred Prescher

Links:

Del Shannon bei iTunes


Sieben Originalalben aus den 60er Jahren, darunter auch die Meisterwerke "Runaway With Del Shannon", "1,661 Seconds With Del Shannon" und "Del Shannon Sings Hank Williams", der Tribut an einen Bruder im Geiste, lassen sich bei iTunes für jeweils 9,99 Euro herunterladen. Die Qualität der Files ist o. k. und besser als bei so manchem Billig-Sampler. Wer allerdings wirklichen Shannon-Hörgenuß sucht, kommt an der Bear-Box nicht vorbei.

Links:

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