Stories_Ernst Vlcek: Nachruf/Interview

Unser Mann in Brunn

Obwohl er ganze 67 Jahre auf dem Planeten Erde weilte, gab es für den österreichischen "Perry Rhodan"-Autor Ernst Vlcek keineswegs Welten und Zeit genug. Dabei liebte er es, sein Publikum zu unterhalten und in ferne Galaxien zu entführen. Chris Haderer erinnert sich.    09.05.2008

Eine kleine Ewigkeit ist es her, da wurde Ernst Vlcek von der Österreichischen Literarischen Gesellschaft nach Polen eingeladen, um dort an verschiedenen Universitäten über seine Arbeit zu sprechen. Mitglied eben dieser Gesellschaft war Vlcek nie: "Die haben in Polen gestaunt, daß ich da nicht dabei bin. Und ich habe ihnen geantwortet, daß die sich ankotzen würden, wenn ich käme und Mitglied bei ihnen werden wollte. Die Polen haben sich gewundert - ich nicht, ich kann gut damit leben, bei denen nicht Mitglied zu sein oder in irgendwelchen literarischen Zirkeln." Ernst Vlcek fischte nicht nach Komplimenten, sondern nahm seine Arbeit ernst, trotz hochkultureller Vorbehalte: "Wenn ich die allgemeinen Kritikerkriterien hernehme, mache ich sicher keine Literatur.“

 

Der langjährige "Perry Rhodan"-Autor, der am 22. April 2008 - völlig unerwartet und viel zu früh - in seiner Wohnung in Brunn am Gebirge (bei Wien) an einem Herzversagen starb, wollte sein Publikum unterhalten. Das sei erste Autorenpflicht, sagte Vlcek in einem Interview für den EVOLVER im Oktober 2000: "Ich mache auf jeden Fall Unterhaltungsliteratur. Ich kann es mir nicht leisten, daß ich hochgestochen bin und meine Leser fadisiere, ich muß sie auf manngifaltige Art unterhalten." Und dies tat er auf einer Ebene, auf der die meisten hochtrabenden Literaten aus den Augen zu bluten beginnen - angesichts all des künstlerischen Überdrucks, den zwei Buchdeckel mit sich bringen.

In Buchform sind viele Romane von Ernst Vlcek zwar auch erschienen (wie zuletzt die "Sternensaga" im Fabylon-Verlag), sein schreiberisches Zuhause war aber der Heftroman (früher, als der Preis noch Motto war, auch Groschenheft genannt). Von der kunstumwölkten Literaturszene nicht wahrgenommen zu werden, stellte für Vlcek kein Problem dar. Statt der Literarischen Gesellschaft genoß er auf Fantreffen lieber die seiner Leser. "Perry-Rhodan-Fans sind unheimlich lieb", sagte Vlcek. "Insgesamt ist das ein Volk, das mußt du einfach gerne haben. Ich lasse mir gerne von denen Löcher in den Bauch fragen, setze mich dort stundenlang hin und gebe Autogramme."

 

Die "Perry Rhodan"-Heftromanserie, die seit 1961 bei Pabel-Moewig erscheint und sich auch heute - mehr als 2400 Romane und mehrere Spin-off-Produkte später - noch bester Gesundheit erfreut, nimmt einen großen Teil von Ernst Vlceks Biographie ein. Nachdem der Autor mit dem Science-Fiction-Roman "Der kosmische Vagabund" (1966) seine kaufmännische Schulkarriere hinter sich gelassen hatte, gelang ihm 1968 mit dem Rhodan-Taschenbuch "Planet unter Quarantäne" die Annäherung an die Heftserie.

An der endlosen Story vom Astronauten, der auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff findet und sich mit dessen Technologie zum "Retter des Universums" hochhantelt, schrieb Vlcek als fixes Teammitglied seit dem 29. 6. 1971 mit. Zuerst agierte er als Autor (Einstiegsroman: Band 509 - "Die Banditen von Terrania"), dann auch als Exposé-Redakteur, der seinen schreibenden Kollegen die Handlung vorgab. Die fortlaufende Geschichte von "Unserem Mann im All" mußte schließlich "zusammenpassen, auch wenn unterschiedliche Autoren zu verschiedenen Zeiten an aufeinanderfolgenden Romanen arbeiten".

Den Einstiegsband des Kabarettisten Leo Lukas (Band 2059 - "Die astronautische Revolution"), der damals noch Gastautor war und seit 2001 als Fixstern zum Rhodan-Team gehört, hatte Ernst Vlcek beispielsweise schon in der Hand, als er mit der Arbeit an seinem - eine Woche früher vorgesehenen - Roman noch nicht einmal begonnen hatte. Spannende Weltraumabenteuer sind eine Sache, Termine eine andere: "Früher, vor der Exposé-Zeit, habe ich mindestens vier Wochen für einen Roman gebraucht. Als ich dann die Exposés machen mußte, habe ich mich richtig in das Universum reingetigert - da habe ich es auch verstanden, und die Arbeit ist mir leichter gefallen. Und ich habe mir die Exposés auch so abgefaßt, daß ich die Romane dann leichter schreiben konnte. Zum Schreiben fahre ich immer aufs Land, da habe ich so eine kleine Hütte, da bin ich völlig ungestört, nur Telefon, aber kein Internet und kein Heuriger. Die Ablenkung ist sehr gering."

 

Abgesehen von kosmischer Geschichte hat Ernst Vlcek eine ganze Reihe von eigenständigen Romanen geschrieben und an mehreren Heftserien mitgewirkt, die im deutschsprachigen Raum ein wenig kultumwölkt dastehen. Dazu gehören der Rhodan-Ableger "Atlan", die Fantasy-Reihen "Dragon" und "Mythor", sowie die Horrorserie "Dämonen-Killer", die sich Vlcek im Jahr 1973 ausdachte und an der er (oft auch unter dem Pseudonym Paul Wolf) gemeinsam mit Kurt Luif (vulgo Neal Davenport) bis 1977 arbeitete.

Was ursprünglich nur für acht Bände konzipiert war, entwickelte sich zum Selbstläufer, der ins Stocken kam, als die Reihe im zensurfreundlichen Deutschland der 70er Jahre erst auf dem Index der jugendgefährdenden Schriften landete, um dann in einer entschärften Form neu aufgelegt und damit auch zu Grabe getragen zu werden: "Dämonenkiller war halt Horror; wenn du ihm den Horror wegnimmst, dann ist das eine seichte Angelegenheit." Aber Ernst Vlcek kannte auch Selbstkritik - und stellte bei der Arbeit an der "Perry Rhodan"-Serie fest, daß "ich eigentlich eine sehr große Verantwortung gegenüber den jugendlichen Lesern habe. Wenn es stimmt, daß 'Dämonen-Killer' damals von 14jährigen gelesen wurde, dann habe ich da was falsch gemacht. Ich wollte nicht, daß junge Leser, die noch nicht reif genug sind, so etwas lesen."

2004 schied Vlcek aus dem Rhodan-Team aus und konzentrierte sich bis zu seinem Tod auf eigene literarische Arbeiten. Sein letzter Roman mit Perry war Band 2231, "Der Klang des Lebens", der am am 21. Mai 2004 erschien. Von seinem Pseudonym Paul Wolf, mit dem er die Heftromanszene genauso prägte wie mit seinem eigenen Namen, hatte er sich schon lange davor verabschiedet. "Vlcek heißt Wölfchen", erinnerte er sich im Jahr 2000 an die Siebziger: "Meine Frau sagt Pauli zu mir. Sie sagte, Ernst paßt überhaupt nicht zu dir, ich kann nicht Ernst zu dir sagen - OK, habe ich also den Spitznamen Paul Wolf genommen."

Und auch das ist schon wieder eine Ewigkeit her ...

Chris Haderer

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