Stories_James Bond/History of 007

Der wildgewordene Kleinbürger

Mit "Casino Royale" geht nicht nur der 21. Bond-Streifen, sondern auch gleich eine neue Doppelnull an den Start. Martin Compart liefert einen Rückblick auf das Bond-Phänomen.    17.11.2006

Der Romancier John LeCarré bringt es auf den Punkt: "Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind des Westens, mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen."

 

Doch James Bond ist mehr. Er ist eines der langlebigsten Pop-Idole und hatte im Westen viele Jahre immensen Einfluß auf Mode und Haltungen. Er war die Symbolfigur des Kalten Krieges, der moderne, westliche Nachkriegsmann, in dem sich ein neues Wertesystem verdichtete. Die sogenannte sexuelle Revolution und die vermeintliche gesellschaftliche Emanzipation in den 60er Jahren hatten zwei wichtige Weichenstellungen: Rock´n´Roll und James Bond.

Während Elvis noch im verborgenen die Hüften kreisen ließ, setzte sich ein hochbezahlter Journalist und ehemaliger Geheimagent namens Ian Fleming im Januar 1952 in seinem Haus Goldeneye auf Jamaika vor die vergoldete Schreibmaschine und tippte 007s Geburtsurkunde: "James Bond wußte plötzlich, daß er erschöpft war. Er wußte immer, wenn Körper oder Geist genug hatten, und er richtete sich auch danach. Es half ihm, jegliche Überanstrengung zu vermeiden - aber auch jene gefühlsmäßige Dumpfheit, aus der Fehler entstehen." So liest sich der Anfang von "Casino Royale", der gerade als 22. offizieller Bond-Film in die Kinos kommt.

Ein neuer Pop-Mythos war geboren, der Cold-War-Held zum Leben erweckt. Mit einem Schlag waren die Geheimagenten alter Schule, von John Buchans Richard Hannay über Sappers Bulldog Drummond bis hin zu den Clubland-Heroes eines Dornford Yates, Schnee von gestern. Fossilien ohne Sex-Appeal, chancenlos im Kampf gegen den neuen Brutalo. Der Gentleman-Agent hatte abgewirtschaftet; der "begabte" Amateur gehörte einer anderen Zeit an und wirkte lächerlich. Die Ritter vom Secret Service kämpften jetzt auch in der Fiktion als Profis mit schmutzigen Tricks (alles ist erlaubt, wenn du auf der Seite der "Guten" bist; großbürgerliche Ideale spielen keine Rolle mehr) gegen den Drachen des Weltkommunismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Greueln von Auschwitz konnte man dem Publikum nicht länger vorlügen, daß der Westen sich nach den Regeln des Marquee von Queensbury duellierte, um die Feinde im Osten fertig zu machen.

 

Fleming selbst hatte keine zu hohe Meinung von seinen Büchern. Er schrieb 1956 an Raymond Chandler, der sich als Bond-Fan geoutet hatte, daß er nicht viel von den Bond-Romanen halte und sie vielleicht ernster nehmen sollte.

Andere Kreise hatten eine sehr hohe Meinung von 007: Die Geheimdienste lernten ihn lieben, sorgte er doch für eine Image-Aufwertung, die in keinem Verhältnis zur Realität stand. Die Kosten von Geheimdiensten stehen bekanntlich in keinem Verhältnis zum Nutzen, und die Unterlegenheit der Westspione im Vergleich zu ihren östlichen Sportskameraden wurde zumindest in der Fiktion umgedreht. Den Gegner verteufeln, um die eigenen Positionen zu rechtfertigen - das konnte Bond besser als jeder CIA-Stratege. Neben Pop-Star wurde Agent in den 60ern zum Traumberuf. Geheimagent sein hieß glamouröses Leben, freier Sex, herumreisen und jeden abknallen zu dürfen, den man nicht mochte. Zumindest in der Phantasie konnte sich ein wildgewordener Kleinbürger so austoben. Man muß sich nur einmal verdeutlichen, daß man für Bond mit dem Slogan vom "berühmtesten Geheimagenten der Welt" warb. Eine Figur, die so einen Widerspuch aushält, hält so ziemlich alles aus und ist zu Recht Mythos.

 

Aber Bond ist mehr als ein kalter Krieger. Er ist die mythische Figur der Angestelltengesellschaft, die in den 50er Jahren eine dramatische Veränderung durchlief. Gefragt war nicht länger der bescheidene Handlanger, der seine Freizeit im Kreis der Familie verbrachte. Die neue Konsumgesellschaft verlangte von ihren Mitgliedern andere Fähigkeiten als in früheren kapitalistischen Phasen: Statt Treue zum Arbeitsplatz war nun Mobilität erforderlich, statt sklavischer Ausführung von Anordnungen brauchte man jetzt den mitdenkenden Facharbeiter, und statt Bescheidenheit war verschärfter Konsum gefragt. Anders als zuvor wurde der hedonistische, konsumfreudige Weltmann heroisiert, der seine Bedürfnisse frei auslebt. Das hohe Lied der Vereinzelung wurde angestimmt; gefördert wurden ideologisch gefestigte Handlanger, die konsumierten, bis die Schwarte krachte.

 

Bonds massenmedialer Erfolg verlief parallel mit dem Aufstieg der westlichen Mittelstandsgesellschaft, der bekanntlich momentan durch das Großkapital die Gurgel zugedrückt wird. In den Filmen verkörpert sich noch mehr als in den manchmal ziemlich düsteren Büchern der Irrglaube ans ewige Wachstum. Jeder neue Bond-Film mußte noch größer, aufwendiger und teurer werden als der vorige.

Fleming war lange vor Uwe Johnson und anderen der erste Literat, der Konsumgüter als Product-Placement in seine Romane einführte: "Bond nahm eine eiskalte Dusche und wusch sein Haar mit Pinaud Elixier, dem Prinzen unter den Haarwaschmitteln." Die Auswahl von Konsumartikeln, die Bond meisterlich beherrscht, ist eine der letzten großen Freiheiten in einer kaputten Gesellschaft. Allerdings hatte diese Fetischisierung von Produkten in den Romanen auch die Funktion, durch Realitätsbezüge die phantastischen Geschehnisse glaubwürdiger zu machen. Die Filme und das Merchandising perfektionierten dann die Konsumgeilheit und machten Bond selbst zu einem Markenzeichen, um das herum ganze Produktpaletten entstanden.

 

Dabei kämpfte Bond schon früh gegen multinationale Konzerne wie etwa das weltweite Gangstersyndikat SPECTRE oder Hugo Drax´ Imperium. Bonds Gegner waren immer wieder Giganten der Wirtschaft oder der Hochfinanz. Zu recht vermutete 007-Chef M hinter ihrer respektablen Fassade Machenschaften, die nicht darauf ausgerichtet waren, neue Arbeitsplätze zu schaffen oder Wirtschaftsstandorte zu sichern. Gegen ihren massiven Einsatz von Kapital in Materialschlachten konnte Bond nur seine Fähigkeiten und die Pfiffigkeit der Forschungs- und Entwicklungsabteilung unter Q setzen.

Im Dienste nationaler Interessen führt der Agent seinen kleinbürgerlichen Kampf gegen Monopole und Großgangster, die nach außenhin angesehene Bosse von Konzernen sind. Das ist so, als würde der Kapitän der Titanic einen Mann mit einem Eimer losschicken, um das Schiff zu retten. Ein tröstliches, kleinbürgerliches Märchen.

 

Der Sex in Romanen und Filmen wirkt heute harmloser als in manchem Fernsehfilm. Aber in den 50er und frühen 60er Jahren war er schockierend: Bond schlief mit Frauen aus reiner Lust und ohne Trauschein. Zur selben Zeit lehrte sein Verbündeter Hugh Hefner in den USA in seiner Illustrierten "Playboy" (in der nicht von ungefähr mehrere Bond-Geschichten vorabgedruckt wurden) Sex ohne Reue als Konsumgut. James Bond war das perfekte Männerideal der "Playboy"-Leser, die sich voll und ganz mit ihm identifizieren konnten. Hefner und Bond erklärten der Mittelschicht, was sie unter gutem Leben zu verstehen habe: Sex ohne Verpflichtung, schnelle Autos, den Konsum teurer Markenartikel und die weite Welt als Abenteuerspielplatz für Wohlhabende. Das war natürlich nicht umsonst zu haben. Der Preis dafür war und ist die Aufgabe der Selbstbestimmung und die völlige Unterordnung unter Vorgesetzte, die einem das Denken und die Entscheidungen abnehmen. Aber immerhin bekam man auch die Lizenz zum Töten.

Flemings Bond war auch ein Rassist und Chauvinist. Ihm galten alle Völker, selbst die europäischen, den Briten unterlegen. Bonds dümmliche rassische Überlegungen wurden zum großen Teil aus den deutschen Übersetzungen getilgt. Nur die weißen Vettern in den USA kamen etwas glimpflicher weg - und sie dankten es ihm.

Ohne Amerikaner wäre 007 nicht der große Welterfolg geworden: Bereits 1954 adaptierte der Fernsehsender CBS den ersten Bond-Roman "Casino Royale" für den Bildschirm. Bond wurde von Barry Nelson gespielt, sein Gegenspieler Le Chiffre von Peter Lorre. Erst nachdem sich Präsident Kennedy 1961 im "Life Magazine" öffentlich als Bond-Fan deklariert hatte, jagten die Verkaufszahlen von Flemings Büchern in ungeahnte Höhen. Vorher hatte es der Autor weder in Großbritannien noch in den USA auf die Bestsellerliste geschafft. Seine Romane wurden mit einer mickrigen Startauflage von 10.000 Exemplaren gedruckt (weshalb die Erstausgaben unter den vielen Bond-Fans heute hoch gehandelt werden).

 

Auch der verstorbene Produzent der Bond-Filme, Cubby Broccoli, war Amerikaner und hatte von Anfang an den amerikanischen Markt im Auge. Und nicht zuletzt war es Allan Dulles, der damalige Direktor des amerikanischen Geheimdiensts CIA, der von seinen Technikern verlangte, die technischen Spionageapparate aus den Agenten-Kinoschlagern - Gadgets genannt - auf ihre Machbarkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu entwickeln.

 

Während die Filme mit Sean Connery die Figur von James Bond auch Analphabeten nahebrachten, veränderte sich im literarischen Spionageroman einiges: Bond war überholt. Inspiriert von Großmeister Eric Ambler schrieben Autoren wie John LeCarré oder Ross Thomas harte, realistische Romane, die den Zynismus der Politik genauso darstellten, wie sie den Agenten entmythologisierten. In ihren Büchern ist der Spion nur eine Schachfigur, die ihren Auftrag nicht mehr durchschaut. Im Hintergrund, in den Büros werden die Fäden gezogen, und der Frontagent ist nur noch ein kleines, austauschbares Rädchen im Getriebe. Die Staatsräson kann auch ihn opfern.

Während Bond im Kino noch den Optimismus der 50er Jahre träumte, war die Literatur wieder auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen. Die Wirtschaftswachstumsjahre gingen zu Ende; der Kleinbürger mußte von seinen übertriebenen Hoffnungen Abschied nehmen. Connery gab die anachronistische Figur auf, und nach einem kurzen Zwischenspiel mit George Lazenby übernahm Roger Moore, der James Bond endgültig zum Comic-Strip machte. Die Altersbeschränkung für Bond-Filme wurde von sechzehn auf sechs Jahre herabgesetzt. Der Sex wurde immer weniger, dafür durften die Special-Effects-Leute aber mehr kaputtmachen.

 

Die Filme mit Pierce Brosnan sollten - so behauptete jedenfalls Regisseur Robert Spottiswoode - an die frühen Connery-Bonds anschließen. Andererseits wollte man nicht auf spektakuläre Spezialeffekte und die üblichen Materialschlachten verzichten. Also mußte die Story so vereinfacht werden, daß man Action-Szene an Action-Szene reihen konnte. Alles lief schön geradlinig und voraussehbar ab, um das debile Action-Publikum nicht zu überfordern. Das fade Finale von "Tomorrow Never Dies", das man so schon oft und besser gesehen hat, tröstete auch nicht über die Vergabe der guten Ausgangsidee weg. Diesmal mußte Bond nämlich einem Medienmogul das Handwerk legen. Der Böse hatte sich der Maxime des amerikanischen Zeitungskönigs William Randolph Hearst verpflichtet, der 1898 einem Korrespondenten auf Kuba zum Spanisch-Amerikanischen Krieg gekabelt hatte: "Du lieferst die Bilder, ich liefere den Krieg." Der Medienmogul im Film versucht einen Krieg zwischen Großbritannien und China anzuzetteln, um damit Auflage und Quote zu machen. Typisch für den Niedergang James Bonds war dann auch, daß nicht er, sondern der Schurke die beste Zeile des Drehbuchs hatte: "Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn definiert sich im Erfolg."

 

Mit Teri Hatcher als ehemaliger Geliebter Bonds und Frau des Bösewichts hatte der Film die beste "Bondine" seit Diana Rigg in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" von 1969 und endlich mal wieder eine Frau mit Persönlichkeit. Leider nutzt der Film ihr Potential nicht (sie stirbt früh), da er sich lieber mit stupider Action auf die sichere Seite des Kassenerfolgs schlägt.

Brosnan als Bond war lange nicht so selbstsicher und arrogant wie Connery oder Timothy Dalton. Aber er war auch nicht so selbstironisch wie Roger Moore, der auf durchaus sympathische Art durch seine Spektakelfilme schlenderte, als verbrächte er ein paar Stunden in einem Disneyland für Pubertierende. Brosnan hing irgendwo dazwischen, ohne richtigen Stand. Und das gilt wohl für die Figur James Bond überhaupt. Der Niedergang der westlichen Mittelstandsgesellschaft hat ihr härter zugesetzt als der Untergang der Sowjetunion. Gut vorstellbar, daß Bond seine Lizenz zum Töten im nächsten Film gegen Tony Blair nutzen muß, um mit dem finalen Rettungsschuß den Ausverkauf Britanniens ans marodierende Großkapital zu verhindern.

Was ist James Bond nicht? Er ist keine Frau, kein Asiat, kein Schwarzer, kein Amerikaner, kein Engländer (sondern Schotte), kein Osteuropäer, kein literarisch gebildeter Mensch, kein rücksichtsvoller Autofahrer und kein wirklich freundlicher Zeitgenosse.

Und eines ist er erst recht nicht: BLOND!

Martin Compart

Casino Royale


GB/USA 2006

110 Min.

dt. und engl. OF

Regie: Martin Campbell

Darsteller: Daniel Craig, Mads Mikkelsen, Eva Green u. a.

 

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