Stories_Russ Meyer/Nachruf

Mensch, Meyer!

Der König ist tot, lang lebe der König! Anläßlich des Todes des großen Russ Meyer veröffentlicht der EVOLVER ein Gespräch aus dem Jahre 1990.    27.09.2004

Andere Senioren schaukeln in seinem Alter Enkelkinder auf ihren Knien. Russ Meyer, Hollywoods Busenfilmer der Superlative, schöpft nach wie vor aus dem vollen. Peter Krobath traf sich mit dem Oberweiten-Experten zum Fachgespräch.

 

Zur Hölle mit der Kunst - runter mit den Blusen.

 

Schon am Telefon wird Russ Meyer seinem Image gerecht: "Sie wollen sicher ein paar Riesentitten als Hintergrund für das Photo haben", sagt er so jovial, als ob ich mit ihm beim Bundesheer gewesen wäre. "Ich werde mich mal umschauen - ich finde sicher was Nettes."

Dem war leider nicht so. Obwohl Russ Meyers Hotel unweit der berühmten Strich-Promenade von Rimini gelegen ist und die dort tätigen Auslandsösterreicherinnen angesichts Algenpest und Nachsaison ohnehin zur Untätigkeit verdammt waren, mußte das Interview ohne Hintergrund stattfinden.

"Ich habe leider kein Mädchen gefunden, das meinen Vorstellungen auch nur halbwegs gerecht werden konnte", sagt er, und ich nicke enttäuscht, aber voll Verständnis für die Sachlage. Schließlich hat der Mann einen Ruf zu verlieren.

Durch eine lebenslange Fixierung auf die zwei Dinge, die ihm die Welt bedeuten, hat er erreicht, daß der Fach-Terminus "Russ-Meyer-Frau" unter den Busenfetischisten dieser Welt als büstenhaltersprengende Größe gehandelt wird. Jedem Oberweiten-Fan ist ein Russ-Meyer-Film das, was die Heilige Schrift für den Papst darstellt: Quell der Freude und Erbauung.

Denn Herr Meyer ist kein sabbernder Lüstling, der kleinen Mädchen hinterherstiert, sondern ein äußerst intelligenter Filmemacher, von dem immerhin vier Werke in den Top 200, der Liste der finanziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten, zu finden sind. "Vixen - Ohne Gnade, Schätzchen" aus dem Jahr 1968 kostete 71.000 Dollar und spielte bis heute 24 Millionen ein. Während Videocassetten weltweit immer billiger verkauft werden, gehen Meyersche Busenphantasien zu Höchstpreisen über den Ladentisch. Und wenn Amerikas Schund-Papst John Waters über "Die Satansweiber von Tittfield" spricht, dann verneigt er sich ehrfürchtig vor "dem besten Film aller Zeiten".

 

Sex gibt mir nichts, wenn die Frau keinen großen Busen hat. Da spiele ich lieber Karten, lese ein Buch oder studiere Astrologie.

 

1959 durfte Russ Meyer in "Der unmoralische Mr. Teas" erstmals in der Geschichte der amerikanischen Filmindustrie unzensiert nackte Frauen zeigen. 1964 leistete er mit "Lorna - zuviel für einen Mann" Pionierarbeit, als er Sexszenen mit einer durchgehenden Handlung verband. 1970 drehte er mit "Beyond the Valley of the Dolls - Blumen ohne Duft" im Auftrag einer renommierten Hollywood-Produktionsgesellschaft einen Softporno und verhalf dieser Firma (20th Century Fox) zu einem großen kommerziellen Erfolg. Und 1990 erleben wir die Rückkehr der Superbusen. Deutsche Kabelprogramme zeigen aufwendige Retrospektiven der wilden Mischung aus Sex und Gewalt, und Videohändler bemühen sich um die Verwertungsrechte alter Streifen.

"Der König des Sexfilms" (so der Titel einer Russ-Meyer-Biographie) scheint mit seinen 68 Jahren noch einmal zu kommen. "Ich sehe ein völlig neues Publikum für meine Filme", sagt er und grinst zufrieden. "Väter, die ihren Söhnen sagen: Schau dir doch einmal einen Russ-Meyer-Film an. Während der Vorführung von 'Vixen' habe ich es vor zwanzig Jahren mit deiner Mutter getan … aber du hast es heute leichter. Wir mußten ins Autokino, du kannst dir den Film auf Video besorgen."

Sogar etablierte und auf geistige Erbauung ausgerichtete Filmfestivals, wie das von Moskau, laden sich neuerdings Russ Meyers imperialistische Offenherzigkeiten ins Programm:

 

Moskau war großartig. Mein neuer Star Melissa Mounds, eine Stripperin aus Hawaii, hat mich begleitet. Sie ging immer ohne Unterwäsche spazieren, und dabei kollerte vieles aus ihrem dünnen Kleidchen. Die Russen trauten ihren Augen nicht.

 

Zwei Dinge gibt es, die den langen Erfolg des cineastischen Rudelbumsens erklären. Erstens

 

"darf niemand die Bedeutung dieser großen Busen unterschätzen. Wenn ich gewöhnliche Schauspielerinnen genommen hätte, würde man heute über keinen meiner Filme mehr sprechen. Mit Audrey Hepburn als Star hätte ich wohl nie eine Chance gehabt.

 

Und zweitens hat Russ Meyer von Anfang an erkannt, daß Welten zwischen einem Sexfilm und einem Pornofilm liegen ("Pornographie ist langweilig und kein gutes Geschäft") und daß die Kassen nur dann klingeln würden, wenn auch die Frauen in seine Filme gehen.

So kommt es, daß seine Heldinnen die für die frühen sechziger Jahre unglaubliche Subversivität besitzen, sich die Männer, mit denen sie ihren übermäßigen Sexhunger stillen, selbst auszusuchen.

 

"Offensichtlich habe ich so eine Art Karikatur erschaffen, eine Überfrau, einen Prototyp, der sich ständig weiterentwickelt. Das kommt daher, daß ich Frauen liebe, die aggressiv sind - sexuell aggressiv. Ich mag es nicht, wenn sie sich beherrschen. Meine Mädchen greifen ihren Männern unterm Tisch in die Hose.

 

Und weil Herr Meyer, der trotz seines reifen Alters ständig über sein Sexualleben redet, im Privaten dieselbe Art Frau bevorzugt wie auf der Leinwand, werden seine Busenwunder zwar ständig ausgezogen, aber nie bloßgestellt. Der Regisseur respektiert die Stars, die er selbst in Striptease-Schuppen und Fachpublikationen für große Oberweiten entdeckt.

"Ich habe noch nie eine Rolle davon abhängig gemacht, ob ich das Mädchen auch ins Bett kriege. In erster Linie will ich sie in meinem Film haben, und erst in zweiter Linie, wenn das Berufliche vorbei ist, in meinem Bett. Sex gibt mir nichts, wenn die Frau keinen großen Busen hat. Da spiele ich lieber Karten, lese ein Buch oder studiere Astrologie. Morgana, eine Striptease-Tänzerin mit unglaublichen Titten, die in einigen meiner Filme zu sehen war, hat mich vor Jahren einmal gefragt, warum ich meine Stars nach der Oberweite aussuchen würde. Ich habe gesagt: it makes the dick hard."

Eine anatomische Tatsache, die bis heute gilt. Denn auch Russ Meyers derzeitige Lebensgefährtin Melissa Mounds hat Überdurchschnittliches zu bieten und verdient mit dem rhythmischen Öffnen ihrer Bluse 5000 bis 6000 Dollar pro Woche. Russ gefällt das - wie gesagt, er mag selbstständige Frauen. "Ich bin jetzt 68, kann immer noch einen hochkriegen und habe genug Geld auf der Seite. Aber ein junges Mädchen hat doch andere Vorstellungen vom Leben als mich. Deshalb habe ich vor kurzem Melissa in einem Club beobachtet: Sie stand auf der Bühne, und der ganze Saal war ein einziges Gröhlen, Geifern und Sabbern. Jeder wollte sie, aber ich wußte, daß sie die Nacht in meinem Bett verbringen würde. Da habe ich mir gesagt: Mann, du hast ganz schön Glück. Nur bin ich dann leider eingeschlafen, bevor sie gekommen ist."

 

"Im Tiefen Tal der Superhexen", der bislang letzte Film von Russ Meyer, kam 1979 in die Kinos. Danach arbeitete der Regisseur mehr als zehn Jahre lang an einem äußerst ehrgeizigen Projekt: "The Breasts of Russ Meyer" sollte eine Videozusammenfassung all seiner 23 Filme sein, alle Stars, alle Starlets und alle Oberweiten beinhalten. Titten der Superlative:

 

Ich will den Zuschauer so weit bringen, daß er um Gnade fleht - stoppt den Film, ich halte es nicht mehr aus.

 

Daraus wird nun leider nichts. Denn nachdem er eine dreizehneinhalbstündige Fassung fertiggestellt hat, ist dem Meister die Lust vergangen: "Mir wurde das einfach zu langweilig."

Dafür kommt ein Buch auf den Markt, "das erste Filmbuch, das sein Geld auch wert sein wird". 1000 Seiten, 2500 Fotos, eine limitierte, handsignierte Auflage von 5000 Stück, davon 500 für den deutschen Markt. "Beide Bände zusammen wiegen über neun Kilogramm. Es ist die Enthüllung meines Lebens: sehr freizügig, sehr humorvoll."

Und auch im Kino wird bald Neues zu bestaunen sein, nämlich ein

Russ-Meyer-Film "über einen Mann, der die sexuelle Erfüllung sucht". Ausgerechnet Carolco, also die Firma, die für Schwarzeneggers "Total Recall" verantwortlich und derzeit die Nr. 1 in Hollywood ist, wird produzieren, und ausgerechnet Roger Ebert, einer der berühmtesten US-Filmkritiker, hat das Drehbuch geschrieben. Trotzdem darf man sich nicht zuviel Tiefgang erwarten. Vorkommen werden "Adolf Hitler als 92jähriger und Eva Braun jun., dazu ein kleiner Al Capone und seine Freundin Gina Gorgonzola, die natürlich gigantische Brüste hat".

Ein typischer Russ-Meyer-Film also. Ein Film, der sich wie seine Vorgänger auch an dasselbe einfache Erfolgsrezept halten wird, das offenbar Kritikerlob und Dollarregen bringt, somit auch jedem österreichischen Regisseur ins Stammbuch geschrieben gehört:

 

Ich brauche nicht viel zum Filmen: eine einsame Tankstelle, ein Pärchen, das sich heiß küßt, einen schmierigen Polizisten, der sie beobachtet ... und ein Publikum, das ganz genau weiß, was er denkt.

 

Peter Krobath

Anmerkung der Redaktion

(Russ-Meyer-Filme auf DVD von Warner)


Der obige Artikel erschien seinerzeit in der Novemberausgabe 1990 des WIENER.

 

Viele von Meyers Plänen wurden leider niemals umgesetzt. Besagtes Buch gibt es inzwischen. Es besteht allerdings aus gleich drei (leider sündteuren) Bänden und nennt sich "A Clean Breast".

Der göttliche Busenfetischist raffte sich nach "Im tiefen Tal der Superhexen", im Original "Beneath the Valley of the Ultravixens", leider nur noch einmal auf, um etwas Offizielles zu produzieren: das Direct-to-Video/DVD-Porträt "Russ Meyer´s Pandora Peaks", 2001 veröffentlicht.

 

Mit Russ Meyer ist einer der ganz großen echten Autorenfilmer - ein wahres Unikum - von uns gegangen. Die EVOLVER-Redaktion schließt sich hiermit der Trauergemeinde an.

 

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