Stories_Der Spionage-Roman/Teil 1: Vorbemerkungen

Spies like us

Ethan Hunt, Jason Bourne, Harry Palmer - und über ihnen allen thronend: die britische Doppelnull. Spione im Auftrag diverser Institutionen und Nationen schleichen in unterschiedlichsten Medien seit Jahrzehnten durch die schattigen Gassen der Populärkultur. Martin Compart hat sich an ihre Fersen geheftet und startet im EVOLVER eine Serie über die "Pioniere" des Spionageromans.    22.11.2012

Wie es die Ex-Agenten Victor Marchetti und John D. Marks in ihrem von der CIA durch Gerichtsbeschluß zensiertem Buch CIA (Deutsche Verlagsanstalt, 1974) ausdrückten:

 

"Ein großer Teil der Machtstellung der CIA hängt von ihrer sorgfältigen Mythologisierung und Glorifizierung der Leistungen des geheimen Berufs ab ... Wie die meisten Mythen sind die Intrigen und Erfolge der CIA über die Jahre weg eher eingebildet als real gewesen. Was unglücklicherweise real ist, ist die Bereitschaft sowohl der Öffentlichkeit wie der Anhänger des Kults, die Fiktion zu glauben, die das Nachrichtengeschäft tränkt." (S. 38)

 

Wäre man paranoid genug, könnte man hinter der Unmenge erfolgreicher Spionageromane, Polit-Thriller, Agentenfilme und Fernsehserien einen der großen propagandistischen Coups der psychologischen Kriegsführung durch die westlichen Geheimdienste sehen. Der überwiegende Teil der in diesem und im vergangenen Jahrhundert veröffentlichten Spionageromane diente in markant anti-aufklärerischer Manier tatsächlich nur der Verteufelung des Gegners und der Rechtfertigung bürokratischer Behörden, deren wirklichen Erfolge in keinem Verhältnis zum materiellen Aufwand und zum politischen Risiko stehen.

Doch der Spionageroman - und im weiteren Sinne der Polit-Thriller - kann natürlich mehr leisten als solche Propaganda. Er kann auch ein Instrument der Aufklärung sein, wie es die Werke von Graham Greene, Eric Ambler, Kent Harrington, Andy McNab, Ross Thomas und vielen anderen eindrucksvoll beweisen. Die Literatur, die die geheime Welt und ihr politisches Treiben beschreibt, spiegelt alle Spannungen wieder, die unsere Zeit politisch und wirtschaftlich bestimm(t)en.

 

Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur, wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman. Während man von der Spionage als vom "zweitältesten Gewerbe der Welt" spricht, muß man das multimediale Genre spy story als ein Kind des 19. Jahrhunderts ansehen, das im 20. Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.

In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über Die Kunst des Krieges ("Ping Fa") von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf. Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur; es handelt sich um den historischen Roman San Kuo von Lo Kuan-Chung aus dem 13. Jahrhundert. Als erster "richtiger westlicher" Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers The Spy (1821) - allerdings nur, weil das Buch einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt, der Spionagetätigkeit selbst widmet Cooper nur wenig Raum.

Anschließend tauchen Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers im Kontext vieler Feuilleton-Romane des 19. Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt. Die ersten britischen Spionageromanautoren - und damit die ersten "hauptberuflichen" Autoren von spy novels überhaupt - waren William Le Queux und E. P. Oppenheim. Bei aller Trivialität ihrer Bücher muß man erkennen, daß sie Wegbereiter für viele spätere Genreschriftsteller, von John Buchan über Eric Ambler bis hin zu Tom Clancy (der besonders Le Queuxs war prophecy novel aktualisierte), waren.

 

Jeder Spionageroman ist ein Polit-Thriller, aber nicht jeder Polit-Thriller ist ein Spionageroman. Der Spionageroman als ein Nachfolger des Abenteuerromans ist sehr oft eine Mischform aus den verschiedenen Genres. Zwar handelt er primär von internationalen Intrigen, benutzt aber dabei Elemente des Abenteuer-, Detektiv-, Gangster-, Liebes- und Kriegsromans.

Der Polit-Thriller ist seit den 1960er Jahren ungebrochen eines der beliebtesten Subgenres der facettenreichen Kriminalliteratur. Und die wird nicht zu Unrecht als jene Literatur angesehen, die das Industrie- und Informationszeitalter am besten widerspiegelt. Kriminalliteratur hat nämlich im Grunde nur ein Thema: die Schwierigkeit des Menschen, sich in Gesellschaften großer Dichte zu organisieren, und die Reaktion auf ungerechte soziale Ordnungen durch abweichendes Verhalten.

Während andere kriminalliterarische Genres dieser Problematik innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Organisation nachgehen, thematisiert der Polit-Thriller im Subgenre Spionageroman, wie unterschiedliche Gesellschafts- und multinationale Interessenformen konkurrieren und wie Apparate einer bestimmten Größenordnung eine von den ursprünglichen Zielen abweichende Eigendynamik entwickeln können. Der zunehmenden Komplexität der Welt trägt keine andere Literatur mehr Rechnung als der Polit-Thriller.

Die Kriminalliteratur im allgemeinen und der Polit-Thriller im besonderen sind im besten Sinne des Wortes populäre Literatur. Ob in trivialer (Land, Cussler) oder in literarisch anerkannter Form (le Carré, Ambler, Greene) - im Gegensatz zur bürgerlichen Hochliteratur wird der Polit-Thriller in hohen Auflagen verbreitet und gelesen. Er ist demokratische Literatur, die quer durch alle Schichten rezipiert wird. Die Form ist für alle Ideologien offen, wird aber in ihren besten Werken eher progressiv genutzt. Das heißt: sie warnt vor (welt-)gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, enttarnt politische wie wirtschaftliche Zusammenhänge und zeigt immer wieder eindrucksvoll, wohin unkontrollierter Egoismus von Machtträgern, ob Organisationen oder Einzelpersonen, führt. Ambler nannte den Thriller einmal die "letzte Zuflucht für Moralisten".

Der Polit-Thriller kann sich mit jedem anderen Subgenre der Kriminalliteratur verbinden, sei es mit dem Privatdetektivroman, wenn er politische Korruptionsmechanismen beschreibt, dem Psycho-Thriller, der die Innenwelt von Machthabern auslotet, oder sogar mit dem klassischen Detektivroman (Call the Dead von John le Carré), in dem die Frage nach dem Motiv des Täters politische Dimensionen haben kann. Detektivroman, Privatdetektivroman, Psycho-Thriller, Polizeiroman usw. beschäftigen sich mit der Kriminalität des Individuums in der Konkurrenzgesellschaft; der Spionageroman behandelt kriminelle Machenschaften zwischen konkurrierenden Systemen. Im Detektivroman wird der innenpolitische Kampf eines Systems geschildert, im Spionageroman der außenpolitische.

         

Wir leben in einer Zeit der bewußt wahrgenommenen Krisen. Polit-Thriller sind Krisenliteratur, Ausdruck und Reaktion auf reale Krisen. Das waren sie immer. Wie sich jedoch im Rahmen dieser Serie zeigen wird, hat der Polit-Thriller mit den Mitteln der Fiktion oft die Realität mitbestimmt und beeinflußt, ja manchmal bewußt Realität manipuliert. Dem Einfallsreichtum der Autoren huldigen die Geheimdienste bis heute, indem sie sich von Spionageromanen anregen lassen, was sich dann wiederum in der Fiktion spiegeln kann.

Im Film Die drei Tage des Condor, einer gelungenen Kinoumsetzung von James Gradys Romanklassiker Six Days of the Condor, spielt Robert Redford einen CIA-Analytiker, der für den Geheimdienst Spionage- und Kriminalromane liest und in ein teuflisches Komplott gerät. Bei keiner anderen Literaturgattung gibt es so offensichtlich eine derart intensive Wechselwirkung von Realität und Fiktion wie im Polit-Thriller. In Gradys Romanvorlage heißt es:

 

"Die Aufgabe des Departments 17 besteht darin, jeder Erwähnung von Spionage und verwandten Gebieten in der Literatur nachzugehen. Mit anderen Worten, das Department liest Spionagethriller und Kriminalromane. Die Grundideen und Handlungsabläufe tausender Kriminal- und Spionageromane sind in den Akten des Departments 17 sorgfältig aufgezeichnet und analysiert. Selbst so alte Autoren wie James Fenimore Cooper sind untersucht worden. Die meisten Bücher der Gesellschaft befinden sich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia ... Die Analytiker des Departments sind auf literarischem Gebiet ständig auf dem laufenden. Ihre Arbeit teilen sie untereinander durch gegenseitige Absprachen auf. Jeder Analytiker hat seine Fachgebiete, beziehungsweise seine speziellen Autoren. Als Ergänzung zu ihrer Arbeit, der Zusammenfassung von Handlungsabläufen und Methoden aller Bücher, erhalten die Analytiker täglich eine Reihe von besonders gereinigten Berichten aus Langley. Diese Berichte enthalten kurzgefaßte Beschreibungen von tatsächlichen Ereignissen, bei denen jedoch alle Namen fortgelassen sind und die genaue Einzelheiten auf das Nötigste beschränkt sind. Dichtung und Wahrheit werden verglichen, und wenn es größere Übereinstimmungen gibt, beginnt der Analytiker mit einer weiteren Untersuchung unter Zuhilfenahme eines detaillierten, aber immer noch gereinigten Berichts. Falls die Übereinstimmung immer noch deutlich feststellbar ist, werden die Informationen und die Berichte zur Überprüfung an eine höhere Abteilung des Departments weitergeleitet. Irgendwo wird dann die Entscheidung darüber gefällt, ob der Autor nur richtig geraten hat oder ob er mehr wußte, als er sollte. Im letzteren Fall hat der Autor entschieden Pech gehabt, denn dann wird ein Bericht an die Planungsabteilung geleitet, die irgendetwas unternimmt. Die Analytiker haben auch den Auftrag, Listen nützlicher Tips für Agenten zusammenzustellen. Diese Listen werden den Ausbildern der Planungsabteilung zur Verfügung gestellt, die ständig auf der Suche nach neuen Tricks sind." 1) 

 

In Thomas Powers Buch über den ehemaligen CIA-Chef Richard Helms heißt es:

 

"Der erste CIA-Chef, Allen Dulles, hat Schriftsteller dieses Gewerbes sogar gefördert und manchmal sogar mit Material versorgt (zum Beispiel Helen McInnes), weil er glaubte, das werde das Verständnis der Öffentlichkeit für seine Behörde wecken, die ja ihre Erfolge nicht selbst bekannt geben durfte. Es gab jedoch einen Spionageroman, der Helms nicht gefiel. Das war le Carrés Der Spion, der aus der Kälte kam, ein bitteres, zynisches Buch über Gewalt, Verrat und geistige Erschöpfung ... Le Carré untergrub das moralische Fundament des Nachrichtendienstes und den Glauben dieser Männer an den Wert ihrer Arbeit. " 2)

 

Es waren auch amerikanische Spionageromanautoren wie Grady, Charles McCarry, Wilson McCarthy, Brian Garfield usw., die die Öffentlichkeit sensibilisierten und die Diskussion über die CIA, ihre Verbrechen, Methoden und ihre mögliche Kontrolle mit in Gang brachten.

Kein anderes Genre spiegelt die politische, soziale, wirtschaftliche und psychische Großwetterlage ähnlich intensiv wider. Die Verknüpfung von Realität und Fiktion ist fast schon ein Strukturelement des Genres. Beeindruckend ist auch die große Anzahl von Autoren, die aus erster Hand Erfahrungen mit der Spionage gemacht haben und zum Teil in hohen Positionen geheimdienstliche Aktivitäten mitbestimmten: Ted Allbeury, Kenneth Benton, John Buchan, A. E. W. Mason, Compton Mackenzie, William Le Queux, Somerset Maugham, Graham Greene, Dennis Wheatley, Ian Fleming, Sidney Horler, Sir John Masterman, John le Carré, Bernard Newman, Geoffrey Household, William Haggard u. a.

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Fortsetzung folgt ...

Martin Compart

Anmerkungen


1) aus: James Grady: "Die sechs Tage des Condor". Fischer Taschenbuch Nr. 1669, Frankfurt/M., 1975; Seite 11 ff.

2) aus Thomas Powers: "CIA". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980; Seite 98 f.

 

zum zweiten Teil: Unser Mann in London

zum dritten Teil: Das Werk eines Besessenen

Links:

Kommentare_

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Armin - 23.11.2012 : 15.53
Ich schätze Martin Comparts Bücher und seine Artikel, auch wenn er in seinem Buch „Crime TV“ einige liebgewonnene Serien verrissen hat („Die Profis“, „Peter Strohm“). Ich hoffe, dieser Artikel berücksichtigt auch weniger seriöse Literatur wie die leicht in Vergessenheit geratene „Malko“-Reihe von Gerard de Villiers, die deutlich besser war als ihr Ruf.

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