Stories_Tav Falco and Panther Burns

From Memphis with love - and a chainsaw

Er zerstückelte Gitarren mit der Kettensäge, ließ sich von den Straßen Wiens inspirieren und verwendete bereits Psychobilly-Elemente, bevor dieser Stil überhaupt richtig geboren war. Emmerich Thürmer entzündet das Lagerfeuer und berichtet über den morbiden Tangotänzer aus dem Hinterland.    06.11.2009

Mississippi, Tennessee, Mitternacht: Seit Monaten treibt ein Ungeheuer sein Unwesen. Ein Panther, flink, schnell und unerbittlich, schlägt Nacht für Nacht zu, tötet, verschwindet im Dunkel und ist nicht zu fassen. Einheimische Jäger und angereiste Experten sind machtlos, alte Frauen und abergläubische Seelen munkeln von der Allmacht des Teufels, der in Gestalt des Panthers die umliegenden Gemeinden wegen ihrer begangenen Sünden heimsucht. Steckt das Delta, von Gott verlassen, in den Klauen der Bestie? Eines Nachts aber können die Jäger das Ungetüm stellen und in ein Baumwollfeld einer abgelegenen alten Plantage treiben. Man umstellt das Gelände und fackelt alles ab, um der Bestie Herr zu werden.

Noch heute erzählen die Alten den kleinen Kindern diese Schauermär. Die Todesschreie des Monsters sollen die ganze Nacht im County zu hören gewesen sein, und schwarze Rauchwolken im Morgengrauen wie Flüche über der Gegend gehangen haben ... Wir haben hier die Geburt einer Legende vor uns, genauer gesagt, eine "Südstaaten-Gothic-novel", die den idealen Bandnamen für eine Dirty-Rock´n´Roll-a-Billy-Band abgibt.

 

Ihr Frontman hat europäische Wurzeln, die tief gehen und wiederholt durchbrechen: Seine Familie stammt ursprünglich aus Süditalien, Tav Falco selbst wuchs in der ländlichen Gegend von Arkansas auf, im "Hinterland", wie einst auch Johnny Cash, nur Jahre danach. Seine ersten Dollars verdiente Tav Falco in einer Eisfabrik, später als Bremser bei der Eisenbahn (siehe Rodgers, Jimmy), als Gebrauchtreifenaufbereiter und abgehalfterter Tankwart. Gerade die letzteren beiden Jobs beweisen die prägende Bedeutung der Sozialisationsphase während der Adoleszenz - eine starke Affinität von Tav Falco zur amerikanischen Hot-Rod- und Bike-Culture seit diesen Tagen läßt sich nicht leugnen.

Den jungen Herumtreiber zog es ebenso wie Cash und andere Landeier mit einer Leidenschaft für Musik, Film und Photographie ins Kunst-Mekka nach Memphis, Tennessee, wo er 1973 mit Löchern in Schuhen, Hosentaschen und Seele ankam, mit der vagen Vision, Künstler zu werden, und ohne eine Ahnung davon, daß er eines fernen Tages als einer der Urväter des Trash-Rock´n´Roll bzw. Psycho-Blues im Underground gelten würde. Erste Geh- bzw. Torkelversuche unternahm er zum einen als Mitglied von Big Dixie, einer skandalträchtigen Theater- und Off-Road-Schauspielertruppe, zum anderen mit einer alternativen Video- und Performance-Gruppe namens Televista, in der er auch Kontakt zum heute sehr erfolgreichen Memphis-Photokünstler William J. Eggleston fand.

Die Initialzündung, Musiker zu werden und alle weiteren Ambitionen ruhen zu lassen, fand während der Produktion zu einer Filmserie über die Blues-Szene in Memphis statt. "Angetrunken" von der Atmosphäre während dieser Blues-Juke-Joints, erklomm Tav eine Bühne in einer Hinterzimmer-Blues-Kaschemme, erkämpfte sich eine Gitarre und zerstückelte diese während einer rüden Live-Performance mit einer Kettensäge. Dies war die Geburt des Tav-Falco-Sounds, eines Sex-Sediments aus Blues, Punk, Rockabillly und anderen anrüchigen Hoodoo-Ingredienzen, die Geburt einer Formel, die man wahrscheinlich nicht einmal im schwärzesten schwarzmagischen Zauberbuch fände ...

Nachdem er einmal Bühnenblut geleckt hatte, war der kleine Italiener nicht mehr aus der Underground-Szene von Memphis wegzudenken. Die erste Inkarnation der Panther-Burns-Combo setzte sich aus dem beim Singen stets einen charmanten Halbton danebenliegenden Frontman und Gitarristen Tav Falco, aus Alex Chilton (der später selbst zu einer Independent-Legende wurde) und James Luther Dickinson zusammen. Mit lautstarker Unterstützung häufig wechselnder Begleitmusiker brachte man überall in Memphis und den umliegenden Bayous windige Hütten und schmuddelige Hallen zum Brodeln, mit einer einerseits absolut altmodischen und zugleich auch aufregend neu klingenden kakophonischen Musik, einem schrägen Stilbastard aus alten Traditionals aus Grandpas Musikschrank, klassischen Rock´n´Soul-Songs in individualisierter Interpretation, alles in Kombination mit wüsten Rockabilly-Momenten und schrägen Einlagen aus Tango, Walzern und Cajun-Music.

Der Panther-Burns-Style fand schnell begeisterte und ekstatische Zuhörer aus allen Schichten. Tav Falco sagte später im Interview, an einem Whiskey nippend und leicht schelmisch grinsend, daß das alles "keineswegs strategisch geplanter Trash gewesen" sei, sondern einfach der Sound, den man "spielen konnte" und somit auch "mußte", folglich "irgendwie auch so wollte".

Frühe Tracks wie "Bourgeois Blues", "Shake Rag" oder "Tina, The GoGo-Queen" zeigen den Enthusiasmus am Nicht-alles-spielen-können-aber-das-mit-großer-Geste, wie ein junger Panther auf dem Sprung.

 

Woraus sich der typische Panther-Burns-Sound, die legendäre "Panther-Phobia", im einzelnen zusammensetzt, ist ein Mysterium aus Memphis und "Mitternacht am Mississippi". Die Musik ist so trüb wie das Wasser des großen Flusses, undurchsichtig, verlockend. Mal sieht es so aus, als würde man leicht das andere Ufer oder eine bekannte Sandbank erreichen, man hört Elemente aus klassischem Rock´n´Roll, Blues, Country oder eben Rockabilly-Fetzen, doch dann droht man unversehens unterzugehen. Unter der simplen Oberfläche lauern Untiefen aus Punk, Voodoo und Psychobilly - wobei letzterer Stil damals noch gar nicht als solcher das Licht der Welt erblickt hatte, außer in Ausbrüchen der Cramps und bei Charlie Feathers. (Ironischerweise wartet die Welt bis heute auf eine EP, die die Panther-Burns-Band damals, 1987, zusammen mit Feathers aufgenommen hat und zu der der gerade verstorbene Lux Interior die Liner-Notes geschrieben haben soll ...)

Die musikalische Panther-Fan-Gemeinde wuchs rasch, die Alben verkauften sich auch in Europa sehr gut. Während der ersten Tourneen füllte die Combo, nun zusammen mit weiblichem Backing-Chor, den Hellcats oder den Burnettes, als Rock´n´Trash-Show mittelgroße Clubs. Parallel dazu gründete die Band den Panther-Burns-Motorcycle-Club (PBMC), einen Motorrad-Club, in den jeder Freak eintreten kann, der gute Musik liebt und seine Freiheit sucht. Zusammen bastelte man also nicht nur am perfekten Sound, sondern mit Freunden der Custom-Bike-Culture auch an Chromlenkern und Auspuff-Endteilen ...

 

Nach 17 Jahren in "Bluff-City", wie Tav seine musikalische Heimat heute nennt, zog es ihn hinaus in die weite Welt, nach Europa. Er wollte die "Traktor- bzw. Corvette-Mentalität" im direkten Rennen mit einem "Grand-Prix-Ferrari" vergleichen, weil er erkannt hatte, daß "der Süden der USA nicht ohne die europäische Finesse und Sophistication" denkbar sei. Zunächst ließ er sich vom morbiden Charme Wiens inspirieren, verarbeitete die dort lauernde latente Todessehnsucht zusammen mit der Vorliebe für deutsche Schwarzromantiker wie E. T. A. Hoffmann oder Chamisso im vorletzten Panther-Burns-Werk "Shadow Dancer", dem am meisten von Tango, Schiebern und Nick-Cave-mäßigem Dunkel-Bardentum durchzogenen Werk seiner Karriere.

Das bisher letzte reguläre Panther Burns-Album, die in Memphis aufgenommene Live-Platte "Panter-Phobia", erschien Ende 2000. Seitdem herrscht in punkto Studioproduktion Grabesstille.

Neben seiner Arbeit als Musiker nahm Tav Falco auch immer schon gern schauspielerische Angebote an: er ist in einigen kleineren, aber durchaus zentralen Filmrollen zu sehen. Der bekannteste Streifen dürfte dabei das Bio-Picture "Great Balls Of Fire" sein, über das Leben der Sun-Legende Jerry Lee Lewis, in dem Falco einen schrägen Schauspieler mimt. Extrem lässig wirkt sein diabolisch-schelmischer Miniauftritt in "Highway 61", einem Road-Movie über den Teufel, gebrauchte Autos und einen Sarg, wo er als Chef einer Motorradbande brilliert, und seine Interpretation eines Meisterkriminellen in "Wayne County Rambling" (einem Streifen, der hoffentlich auch in Deutschland irgendwann einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden wird).

 

 

 

 

Return of the Blue Panther

 

Mittlerweile gedenkt Tav Falco endlich auch wieder mit einem neuen Album auf seinem musikalischen Highway weiterzuknattern. "Mister Knister" (in Anlehnung an eine fiese Kinderbuchfigur, zu der sich erstaunliche optische Parallelen auftun) ist mit dem Herzen im Herzen von Paris angekommen, einer Stadt der "Kunst, der Musik und der geistigen Aktivität". Hier fühlt sich Tav Falco nach eigenen Aussagen dank des eleganten Rotlichtmilieus zwischen Cognac, Champagner und Samtmöbeln "sehr wohl" - nach Abstechern nach Kuba, um die "dort vital vorherrschenden Musikstile wie Mambo, Samba und Jazz vor Ort zu studieren", oder Buenos Aires, wo er "fast vier Monate in etlichen offiziellen Tango-Schulen und Tango-Hinterhofbars dessen Melodieführungen und Ausprägungen" studierte beziehungsweise vertiefte.

All das wird sich im neuen Album von Tav Falco And Panther Burns widerspiegeln: "Conjurations: Seance For Deranged Lovers", so der vielversprechende Titel des langersehnten Neulings, soll spätestens im Frühjahr 2010 auf dem neuen, aufstrebenden Stag-O-Lee-Label aus dem Hause Glitterhouse erscheinen. Die in Paris aufgenommen Tracks klingen so bestialisch wild und lebendig wie schon lange nicht mehr, da dem "Sound der Panther Burns nichts heilig ist", so der verantwortliche Band-Impresario.

Die "Mitternacht am Ufer des Mississippi-Mentalität" funktioniert an der Seine anscheinend genauso ...

Emmerich Thürmer

Diskographie


Best-of-Compilation:

Love´s Last Warning, Best of (Last Call, 2002)

 

Tav Falco (Solo):

Disappearing Angels (Sympathy For The Record Industry, 1996)

 

Tav Falco And Panther Burns:

Behind The Magnolian Curtain (Rough Trade/New Rose, 1981 bzw. 1988)

The World We Knew (New Rose, 1987)

Midnight in Memphis (Live) (New Rose, 1989)

Return Of The Blue Panther (New Rose, 1990)

Life Sentence (New Rose, 1991)

Deep In The Shadows (Marylin, 1994)

Shadow Dancer (Last Call, 1995)

Panther-Phobia (Live) (Frenzi, 2000)

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