Stories_Trash Rock Archives: Punk in Österreich, Teil 2

Von Karl Gott zu Wellblech Untergrund

Al Bird Sputniks Reise in die musikalische Vergangenheit Österreichs fernab des Austro-Pop geht in die zweite und letzte Runde: Wir präsentieren die Tracks 12 bis 20 seiner lautstarken Punk-Compilation.    04.08.2009

"Wann spielt ihr endlich Musik?" "Wir sind nicht die Deep Purple!"
Während man sich heute in metrosexuell-sleaziger Belanglosigkeit oder Emo-Indie-Sounds suhlt, krachten einst die Wiener Keller: Al Bird betreibt für EVOLVER popkulturelle Vergangenheitsbewältigung und präsentiert Punk in Österreich, von 1979 bis 1985: 20 Bands und ihre besten Songs. Die Tracks eins bis elf finden Sie hier. Als Vorgeschmack darauf können Sie gleich einmal A-Gen 53 mit "Scheiß auf Lila" lauschen.

 

 

 

 

12.) Einbahn - 1984 (1981)

LP - Various Artists: "Attack-Teufelskraut" (Teufelskraut). Unkompiliert.

 

"Alles wird kontrolliert/die Geschichte wird manipuliert/die Ungezogenen ausradiert/die Sträflinge tätowiert/(...) Ich hab so ´ne Angst vor 1984!/Ich hab so ´ne Angst vor 1984!/Ich hab so ´ne Angst vor 1984!/Ich hab so ´ne Angst vor 1984!" - Textpassage aus "1984" von Einbahn

Der Sampler "Attack-Teufelskraut" ist ein weiterer Beleg für länderübergreifende Kommunikation und den kulturellen Austausch zwischen den Schweizer und Vorarlberger Punk-Szenen. Hier finden sich fünf österreichische Bands - Pöbel (mit einer schwummrigen Live-Aufnahme), ?X, Null Komma Nichts, Chaos sowie Einbahn - und bilden mit den sowieso coolen Schweizer Combos die Tracklist einer überaus gelungenen - beinahe Wave-freien - Punk-Compilation.

Besonders erwähnenswert ist der Song "1984" der Gruppe Einbahn aus der Gegend um Dornbirn. Man bekommt hier rasiermesserscharfen, ultrarauhen Chaos-Punk-Rock geboten, mit einem Sänger, der die Überwachungsstaatszenarien des George-Orwell-Romans scheinbar derart verinnerlicht hat, daß er den Songtext nur mehr unter kompletter Verstümmelung der Worte und Umartikulation der Silben in die Welt hinausschreien kann. Vielleicht läßt sich sein eigentümlicher Sprachgebrauch aber auch dahingehend deuten, daß der junge Mann aus Vorarlberg kam ... Kurzum, ein phantastischer Song, der fast alle mir bekannten Faktoren posthumer Mythenbildung in sich vereint: ein völlig eigenständiger Sound im Sub-Kontext einer interessanten Zeit, aus einer völlig unterrepräsentierten Gegend stammend - Vorarlberg ist mein Texas! - und als Draufgabe null biographische Information über die Protagonisten. Perfekt - selbst wenn "Attack-Teufelskraut" damals als eine nur einseitig bespielte Disco-Maxi mit "1984" als einzigem Song drauf erschienen wäre, hätte es sich schon ausgezahlt, diese Platte zu machen.

 

 

 

 

 

13.) Blümchen Blau - Flieger (1981)

45 - "Flieger" b/w "Du hast ja einen" (Lemon)

Kompiliert auf: "Flieger Flug 1" (CD/Gig Records)

 

Gleich als Einleitung: Es gab zwei verschiedene Besetzungen von Blümchen Blau, wobei nur der Sänger Jakob Mundl in beiden mitwirkte. Eines Abends im Metropol - irgendwann im Jahr 1980 - zerstritt sich die Urbesetzung nach ihrem erst zweiten Konzert und löste sich noch vor Ort auf. Josef Fencs und Götz Schrage, die beide die Band zum ersten Mal gesehen hatten und begeistert vom Auftritt waren, platzten in den Streit hinein und wurden von Mundl kurzerhand in die Gruppe rekrutiert. Erweitert um Wolfgang L. und Tschurie, letzterer Mitglied der Punk-Band Pöbel, war Blümchen Blau dann kurze Zeit später komplett und fand unter dem Einfluß experimenteller Wave-Bands wie Devo oder Der Plan rasch zu einem komplett eigenständigen Sound. Als Ernie Seuberth, Bassist der Wiener NDW-Pop-Band Cosmetics, die Gruppe hörte, war er derart begeistert, daß er den Jungs sofort anbot, sie auf seinem Lemon-Label zu veröffentlichen. Gesagt, getan: Der Song "Flieger" wurde zu einem regionalen Hit, erfuhr Musikvideo-Ehren und war damals hierzulande selbst auf Ö3 und in Diskotheken zu hören.

Götz Schrage, Keyboarder bei Blümchen Blau, erinnert sich: " 'Flieger, grüß mir die Sonne' in der Version von Hans Albers hat schon eine gewisse Präsenz gehabt. Das wurde damals viel gespielt. Das war nicht weißgottwie verborgenes Kulturgut. Es war eben da. Dann gab´s eine deutsche Band (Anm.: Extrabreit), die das Original nachgespielt hat. Wir haben ja den Text gleich ganz neu vertont. Es lag damals irgendwie in der Luft. Das war die Freiheit, die Sonne und das Aufwärts. Diese verschissene, furchtbar frigide und spießige Disco-Deo-John-Travolta-Zeit war einfach vorbei."

Im Anschluß an die Single wurde das Album "Wie die Tiere" produziert, für das die Band niemand Geringeren als den Düsseldorfer Sound-Tüftler Pyrolator alias Kurt Dahlke, bekannt von D.A.F., Fehlfarben und Der Plan, als Tontechniker gewinnen konnte. Unter professionellen Bedingungen im Wiener Gorilla Studio und völlig frei von Zeitdruck aufgenommen, entstand so eine der charismatischsten und bis heute unvergleichlichsten LPs der gesamten NDW-Zeit. Kurze Zeit später löste sich die Band dann auf. Das Major-Label WEA, das die Rechte an einigen alten Aufnahmen der Erstbesetzung erworben hatte, veröffentlichte daraufhin noch die Single "Janis", im Bestreben, schnell noch mit dem erfolgsträchtigen Namen Blümchen Blau Profit zu machen.

 

 

 

 

 

14.) Karl Gott - Malaria (1982)

45 - Split-7" mit Viele Bunte Autos: "Malaria" (Schöner Leben Records)

Kompiliert auf: "Flieger Flug 2" (CD/Gig Records)

 

Mit der Soundtrack-EP zum Niki-List-Debütfilm "Malaria" bekam der geneigte Plattenkonsument 1982 gleich zwei der bemerkenswertesten Vertreter der "Neuen Österreichischen Welle" ins Haus. Karl Gott und Viele Bunte Autos haben heute möglicherweise noch mehr Fans als in den 80ern, ihr Kultstatus nährte aber auch schon damals das Umfeld der Wiener Blue Box. Ab 1983 war sie das wohl relevanteste kulturelle Zentrum für unzählige experimentelle Band-Projekte - mit einem Nahverhältnis zu Punk und Wave -, die meist auch höchst inzestuös miteinander verwoben waren. Faßt man noch "Wienmusikk" - einen "essentiellen und exemplarischen Sampler, der zugleich den Grundstein für das Schallter-Label bildet" (Promo-Text der Ariola) und die "May I have a record contract"-Tape-Compilations ins Auge, die der Plattenladen Dum Dum Records in den Jahren 1982 und 1983 herausgab, so bekommt man ein Gefühl dafür, wie umfangreich sich das Weiter-Denken der Neuen Welle/Genialen Dilettanten in Wien sowie im Rest Österreichs gestaltete. Eine Aufarbeitung dieses Kapitels heimischer Subkultur bahnt sich scheinbar an. Und gemeint sind jetzt nicht irgendwelche g´schissenen Ausstellungen, sondern daß die Musik wieder zugänglich gemacht wird. Die in jüngster Zeit erschienen Reissues der Monoton-LPs (Oral) oder der EPs von Rassemenschen helfen armen Menschen (Kunstflackschallplatte), sowie die Best-of-CD der Viele Bunte Autos (Klanggalerie) und die charmanten, weil selbstgebrannten CDs von ZYX (Graf+Zyx) sind doch ein perfekter Beginn. Und bis das ganze Zeug wieder zu erschwinglichen Preisen zugänglich ist, hör dir einfach "Malaria" an, immer wieder und wieder. In memoriam Niki List - und weil der Song noch nie so gut geklungen hat wie heute.

 

 

 

 

 

15.) Hotel Morphila Orchester - Sex in der Stadt (1982)

LP - "Schwarze Energie" (Schallter/Ariola)

1983 auch als 7" ausgekoppelt

Kompiliert auf: "Wunderwelt der Hits" (LP und MC/Gig Records), "Flieger Flug 5" (CD/Gig Records)

 

Die Rockband Hotel Morphila Orchester wurde 1979 von den Künstlern Peter Weibel und Loys Egg in Wien gegründet. Im Zentrum ihres Interesses stand von Anfang an das Experiment, in Live-Situationen Sprache mit Musik zu verbinden. Der Sound des Orchesters hatte seine Wurzeln zwar im Progressiv-Rock der Siebziger, der Punk der Achtziger war aber ebenso deutlich eingeflossen, was Weibels Performance als manischer Textrezitator nochmals unterstrich. Verstärkt wurde die Band durch erprobte Musiker wie etwa Paul Braunsteiner, der schon bei Novak´s Kapelle gewirkt hatte. Nach der Debüt-Single "Dead in the Head" auf Extraplatte gingen sie 1982 ins Studio und nahmen für das junge Schallter-Label in kürzester Zeit die LP "Schwarze Energie" auf. Die Möglichkeiten der Tontechnik ließen sie dabei weitgehend unangetastet und simulierten auch während der Aufnahmen permanente Live-Situationen.

Besonders bemerkenswert ist "Sex in der Stadt", ein mörderisch groovender Song, der sich irgendwo zwischen der monotonen Sound-Ästhetik der New Wave und den repetitiven Songstrukturen des Kraut- und Punk-Rock ansiedelt. Dazu liest Peter Weibel Texte aus schlüpfrigen Kontaktanzeigen der Tageszeitungen "Kurier" und "Kronen Zeitung". "Ich habe das live immer so gemacht, daß ich die Zeitungen genommen und dann auch wirklich live vorgelesen habe", erinnert sich Weibel an "Sex in der Stadt". "Die Nummer war immer ein Live-Act. Es war immer eine aktuelle Tageszeitung, aus der ich die Sex-Annoncen rhythmisiert - rap-artig - vorgelesen habe. Die Musik dazu war improvisiert und dadurch immer anders. Im Sudio war´s genauso. Wir haben die Platte damals im Magic Sound Studio in Graz aufgenommen. Der Aufnahmeleiter dort - Boris Bukowski - war wahnsinnig erstaunt, wie er gesehen hat, daß der Text von 'Sex in der Stadt' nicht vorbereitet ist, sondern daß ich mich im Studio einfach hinstelle, eine Zeitung nehme und den Text runterlese. Die Musik hat dazu gespielt, und das war´s dann. Das war die Aufnahme. Da ist ihm die Spucke weggeblieben."

 

 

 

 

 

16.) Dead Nittels - Der Papst (1982)

MC - "The Dead Nittels" (Eigenproduktion)

Kompiliert auf: "Es Chaos is die Botschaft" (LP/Luziprak Records)

 

"Erst als die Dead Nittels losfetzten, kam Stimmung in die Bude und die Punx machten Pogo. Hulks Stimme hörte man am besten, wenn keiner spielte. Die Nittels sind jetzt schon ganz gut und ich bin sicher, daß (wenn´s no mehr oanzaan) sie noch besser werden. (...) Meiner Meinung nach im Moment mit Kleenex Aktiv der Höhepunk der 'Wr. Szene'." - Erwin Bösling über das 1.-Mai-Benefizkonzert in der Gaga, aus dem Wiener Punk-Fanzine "Es is zum scheissn!" im Mai 1982

Benannt nach dem ermordeten SPÖ-Stadtrat Heinz Nittel und in Anlehnung an die Dead Kennedys sorgten die Dead Nittels - mit dem ehemaligen Pöbel-Bassisten Lörkas in ihren Reihen - ab 1981 für Nachschub in der Wiener Szene und stellten mit Kleenex Aktiv (gegründet von zwei Ex-Dirt Shit-lern) und Schund den Grundstock der zweiten Punk-Generation. Ihr Sound war schon speziell: sie klangen viel härter und metallischer als viele ihrer Zeitgenossen, zudem waren ihre wienerischen Songtexte furchtbar ordinär und voller Untergriffe gegen die Werte der österreichischen Gesellschaft.

Im Dezember 1982 nahmen die Dead Nittels live im Studio ein Demo-Tape auf, das einige ihrer stärksten Songs enthielt. Über Tote nur Gutes? Vergiß das mal und hör dir stattdessen die Nummer "Der Papst" an. (Zitat: "Woytila, du blede Sau/Nimm dir doch a Klosterfrau!"). 1983 brachten sie in Eigenregie eine 4-Track-EP in einer Auflage von 300 Stück heraus, die den klingenden Titel "Anti New Wave Liga - Des is Wien und not London, okay?" trug. Letztendlich trugen sie wie kaum eine andere Formation zur Entwicklung der 80er-Punk-Szene in Österreich bei und blieben bis in die späten Neunziger aktiv.

Prädikat: absolute Kultband.

 

 

 

 

 

17.) Schund - Chaos (1982)

LP - Various Artists: "Heimat bist du großer Söhne" (Panzaplatte/Ariola)

Kompiliert auf: Schund - "Schund" (LP/Höhnie Records)

 

DIE VERGIFTETEN PFEILE, DR. RICKENBECKER UND EIN NERVÖSER VOGEL, KLEENEX AKTIV, DÄMMERATTACKE, CHUZPE, GENERAL KODAK, KARL GOTT, DUALLEIN, ZERBRECHLICH, WESTBLOCK, DER WILDE PINGUIN, PROFESSOR SCHWEIN & DR. VIECH, DER EISERNE VORHANG, STANDART OIL, SCHUND und X-BELIEBIG. Das sind die Bands und Band-Projekte, die Panza und Ronald Fleischmann für ihre in einer Auflage von 1000 Stück erschienene Compilation "Heimat bist du großer Söhne" zusammengebracht haben. Auch das Who´s-who-Gesichterraten dieses "Sgt. Pepper"-artigen Plattencovers könnte sich als lustige Freizeitbeschäftigung erweisen - oder auch als quälende Lebensaufgabe. Zumindest konnte 27 Jahre später keiner der befragten Teilnehmer noch alle anderen 19 Personen auf dem Cover identifizieren. Wer´s tatsächlich schafft, gewinnt einen Trash-Rock-Archives-Geschenkkorb mit Obst und Tonträgern. Freiwillige vor!

Ende 1981 nahm der Punk-Photograph Mickey Kodak mit der kurzlebigen Wiener Punk-Band Schund über zwei separate Mikrophone live im Proberaum ein Demo auf, von dem die vier Songs ihrer auf 500 Stück limitierten "Schund-EP" sowie "Chaos" als Beitrag zur Panza-Compilation "Heimat bist du großer Söhne" stammten. Schund kamen aus dem Umfeld der Gaga und kultivierten im dort eingerichteten Proberaum einen top-kompakten Sound, der keinerlei Vergleiche mit anderen österreichischen Punk-Bands zuließ. Ihre Songs kamen in der Regel mit nur wenigen Riffs aus und hatten meistens auch keinen Refrainteil, sondern waren zwei Minuten ungebremste Vollgasfahrt, bis die Nummer plötzlich aus war. An das Auftreten von Schund erinnert sich auch Harry the Herbert, Gründungsmitglied der Böslinge, gerne zurück: "Schund war eigentlich eine perfekte Band. Das war zwar sehr einfach gespielter Punk, aber sie haben live wirklich genauso geklungen wie auf ihren Platten."

Eine echte Wunderwaffe der Band waren ihre Songtexte, meist gespickt mit repetitiven Slogans, die das Selbstverständnis der Wiener Punk-Szene punktgenau zu artikulieren vermochten und oft reale Begebenheiten und auch Leute unverblümt beim Namen nannten. Verantwortlich fürs Songwriting zeichnete Frontfrau Doris Schund, eine gebürtige Deutsche, die nicht nur ein sicheres Händchen für coole Lyrics hatte, sondern auch eine unbeirrbare Performerin war. Die Band fand allerdings ein jähes Ende, als die Polizei im Sommer 1983 die Gassergasse räumte. Doris wurde aktenkundig und von den österreichischen Behörden abgeschoben. In diesem Kontext klingt ihr Songtext zu "Chaos" nahezu prophetisch: "Das Leben ist zum Kotzen/Es macht mich an/Es gibt keine Zukunft/Und kein Glück/Chaos wird bald kommen".

 

 

 

 

18.) Extrem - Fress´n, Sauf´n, Scheiß´n, Prunz´n (1983)

Split-LP mit Mickeyman: "Vorheilen ist besser als beugen" b/w "Punk meets Reggae" (Rebel Records)

Kompiliert auf: Extrem - "Vorheilen ist besser als beugen" + "Demos ´84" (MC/Eigenproduktion), Extrem - "Jetzt oder nie 83-84" (CD/a2o-Records)

 

"Oider, bist g´scheid?/(Schlafn, Hackln) Fress´n Sauf´n Scheiß´n Prunz´n´/wow!"

 

Die ultimative Absage ans österreichische Spießertum mit seiner 40-Stunden-Woche, dem obligaten Fernsehabend nach Dienstschluß und seinen Saufexzessen im Wirtshaus ums Eck. Österreich muß brennen, alles klar? Extrem gründeten sich im Sommer 1979 in Wien und durchliefen in kurzer Zeit einige Line-up-Wechsel, bis sich Mickey Kodak alias Mickeyman ihrer annahm und mit ihnen eine Split-LP auf seinem Rebel-Label aufnahm. Eingespielt im Juni 1983 in der Gassergasse, war das Resultat die wohl schroffste und härteste Punk-Rock-Veröffentlichung, die das Schnitzelparadies bis dato je ans Tageslicht gespuckt hatte. Oaschloch-Rhetorik in derbstem Wienerisch, zackige Hardcore-Punk-Gitarren und High-Speed-Drums klopfen an die Tür zum Wahnsinn und sagen "Servas! Ich bin meiner Zeit voraus."

Das amerikanische Punk-Fanzine "Maximum-Rock-N-Roll", sonst nicht gerade zimperlich, wenn´s darum ging, Platten zu verreißen, war seinerzeit derart begeistert, daß es "Vorheilen ist besser als beugen" sogar unter die besten Outputs des Jahres reihte. Das Resultat war weltweites Interesse an Extrem und ihrer auf lumpige 200 Stück limitierten Split-Mini-LP, was dazu führte, daß sie 1985 auch auf dem amerikanischen Hardcore-Sampler "Cleanse The Bacteria" mit dem Song "Nazis raus!" vertreten waren. Nach einer Entwicklung hin zu metallischeren Klängen ab den späten 80ern und insgesamt eineinhalb LPs, drei Tapes, einer 7"-EP sowie weiteren Compilation-Beteiligungen benannten sich Extrem im Jahr 1991 in Eat Lead um und lösten sich Ende des Jahres schließlich endgültig auf.

Übrigens: Das Deutsche D.I.Y.-Label a2o-Records hat erst kürzlich eine Best-of-CD - inklusive aller Songs der Split-LP - in einer Auflage von 500 Stück herausgebracht. Wer eine will, sollte also schnell sein.






19.) Wellblech Untergrund - Heut nacht (1984)

LP - Various Artists: "2. Linzer Rocknacht" (Skyline)

Kompiliert auf: "Es Chaos is die Botschaft" (LP/Luziprak Records)

 

Wellblech Untergrund gründeten sich 1981 als vierköpfige Band im Raum Linz. Während sie anfangs Party-Punk mit vielen Cover-Versionen spielten, fanden sie rasch zu ihrem eigenen Stil mit viel Melodie, mehrstimmigen Gesängen und unkomplizierten Lyrics und mauserten sich so zu Fixstartern in der Linz-Punk-Zentrale Kapu. Nach einer Single 1983 steuerten sie im Jahr darauf dem Sparkasse-Sampler "2. Linzer Rocknacht" zwei Stücke bei, wovon "Heut nacht" eines ihrer stärksten ist. Thema ist ein Samstagabend in der Kleinstadt: Ausgehen, Freunde treffen, Mädchen kennenlernen. Der Songtext liest sich wie ein Bekenntnis zu Punk-Kultur im Dorfjugendalltag und spendet einen äußerst charmanten Beitrag zum umfassenden Verständnis des Phänomens "Punk in Österreich". Wellblech Untergrund entwickelten sich in den folgenden Jahren zu einer experimentelleren, ansatzweise psychedelischen Avantgarde-Rockband und traten Mitte der 80er Jahre auch als Vorgruppe der Einstürzenden Neubauten und The Jazz Butcher in Wien auf. Von Anfang bis Ende blieben sie dabei in der gleichen Besetzung und lösten sich erst 1988 auf. "Der Abschied aus der Szene war kein großes Tamtam. Die Band löste sich auf, weil einfach die Luft raus war", erinnerte sich Wellblech-Untergrund-Sänger Tomislav Zuljecic in den späten Neunzigern in einem Brief an Alexander Magrutsch.

 

 

 

 

20.) 1 Meter - Pez Frau Frau Pez (1985)

LP - Various Artists: "Zebra Graz" (Ursprungtonträger). Unkompiliert.

 

Stellvertretend für die unzähligen österreichischen Punk- und Wave-Gruppen der ersten, zweiten und dritten Generation, über die wir heute oft nichts mehr wissen, außer daß sie existiert haben, nun ein Auszug aus der Hall of Fame der schönsten Punkband-Namen aus dem Alpenland: SCHEISSKADETTEN, KARIES BUAM, USCHI PARANOIA UND DIE KRANKEN MÖNCHE, GLEITMITTEL, JOHN PICKEL UND SEINE MITESSER, ANALVERKEHR, HERMANN GÖHRING WERKE, FUT, DIE AUTOMATISCHEN MATROSEN, ASOZIAL, VIRUS, TERRORBAMBIS, AFTERAIDS, 1 METER.

Stop! Letztgenannte Band kam aus Graz. Sie hieß wirklich 1 Meter und veröffentlichte auf dem seltenen "Zebra Graz"-Sampler, den Eva Ursprung (Sängerin der Band Rosi lebt) im Jahr 1985 herausgab, gleich vier Songs, wovon einer schräger ist als der nächste. Harter, asymmetrischer Dada-Punk, der so klingt, als ob Dirt Shit aus Wien ein Kind gezeugt hätten mit Der Plan aus Düsseldorf. Dieses Kind setzen sie dann in der Nacht auf einer Autobahnraststätte aus und hängen ihm ein Schild um den Hals, auf dem steht: "1 Meter".

 

 

 

 

Noch Fragen?

 

Es grüßt,

Al Bird Sputnik (Trash Rock Productions)

Danksagung


Infos: Erwin Bösling, Harry the Herbert, Panza, Robert Räudig, Götz Schrage, Ronnie Urini, Peter Vukics sowie Peter Weibel. Ergänzende Bild- und Tonmaterialien: Michael Huber, Alexander Magrutsch (Luziprak Records) und punk-disco.com.
Vielen Dank an euch alle!!!

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Kommentare_

Kommentar verfassen
andreas - 04.08.2009 : 09.48
hallo, vielen dank für die ausführliche berichterstattung.
hab zu diesen Thema einige interresante Aufnahmen von Boyfriends,Herman Göring Werke,Vomits,A-Gen53,AfterAids,Pöbel u.a.
katharina - 17.01.2010 : 18.38
hi ich hätt nur ne frage ich müsste schlnell herrausfinden wie vile punk es in Ö gibt!! es wäre für ein referat!!lg
Peter - 20.02.2010 : 13.18
@katharina: es gibt 7 punk in ö!!
markus - 15.10.2010 : 15.41
hi andreas, ich war sänger bei den after aids (linz): hast du tatsächlich aufnahmen von uns? if yes, schreib mir doch bitte: roadking-2002@gmx.at
cheers

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