Stories_Upton Sinclair - Der Dschungel

Stimme der Menschlichkeit

Vor 100 Jahren bewies dieser Roman, daß man mit sozialer Kritik und investigativer Milieuschilderung durchaus politische Veränderungen herbeiführen kann.    11.10.2005

Um 1890 war die Industrialisierung bereits in einem gereiften Zustand. In den USA hatte sich innerhalb weniger Jahre ein unkontrollierter Monokapitalismus breitgemacht, der jeglichen Humanismus mit Füßen trat und frech in das Antlitz der Menschlichkeit spuckte.

Fabriksarbeiter hatten keine Rechte, keine Pensions- oder Krankenversicherung - und die sporadisch gegründeten Gewerkschaften waren von Anfang an von Korruption zerfressen.

Dies war aber auch die Zeit, in der Journalisten begannen, das ausbeuterische System anzuprangern und realsozialistische Reportagen für liberale Tageszeitungen zu verfassen, die für die Entwicklung des Sozialismus von grundlegender Bedeutung waren. Der damalige Präsident Theodore Roosevelt bezeichnete diese unbestechlichen Pioniere vom Format eines Günther Wallraff als "Muckrakers", was soviel heißt wie Schmierfinken oder Schmutz-Aufwirbler. Sie enthüllten die üblen Machenschaften der Wirtschafts-"Trusts", überführten korrupte Senatoren, deckten gigantische Versicherungsbetrügereien auf und schreckten auch nicht davor zurück, ihren Lesern zu verraten, auf welch unrühmliche Weise so mancher Multimilliardär reich geworden war.

 

Der prominenteste Vertreter dieser Journalistenriege war Upton Sinclair, dessen Bücher auch heute noch - oder gerade heute - über genug Sprengstoff verfügen, um der Bevölkerung die Augen zu öffnen.

Sinclair wurde 1878 in Baltimore geboren; seine Familie entstammte dem verarmten Südstaaten-Adel. Sein Vater war Schnapshändler und Alkoholiker, die Mutter hingegen stammte aus nobler Familie und mied sogar Tee und Kaffee. Die Sinclairs übersiedelten 1888 nach New York, und so konnte Upton des öfteren bei seinen reichen Großeltern wohnen. Somit lernte er schon als Kind die krassen Gegensätze der amerikanischen Zweiklassengesellschaft kennen. An einem Tag schlief er, wie er selbst sagte, in einem von Wanzen zerfressenen Bett, am anderen Tag im samtenen Bezug eines Himmelbetts. Die literarische Darstellung des Arm/reich-Gegensatzes ist integraler Bestandteil all seiner Romane und auch der Werke seiner Zeitgenossen wie etwa Sinclair Lewis ("Babbitt") und ganz besonders Theodore Dreiser ("Eine amerikanische Tragödie").

"Der Dschungel" (1905) ist mit Sicherheit Sinclairs wichtigstes Werk. Es ist die penibelst recherchierte Geschichte litauischer Einwanderer, die in die USA emigrieren, um im Land der begrenzten Unmöglichkeiten Arbeit und Wohlstand zu finden.

Chicago war damals das Zentrum der fleischverarbeitenden Industrie. Sämtliche Arbeitsschritte von der Schlachtung bis zur Konservenauslieferung wurden in gigantischen Ghettos vollzogen. Fabrik reihte sich an Fabrik, Schlot an Schlot, dazwischen hausten die Arbeiter in Baracken ohne sanitäre Mindeststandards. Meist mußten sie sich die kleinen Zimmer zusätzlich mit zehn bis fünfzehn Schicksalsgenossen teilen. Jedoch darf man hier nicht an die Wiener "Bettgeher-Wohnungen" denken - die waren im Gegensatz zu den Arbeiterbaracken in "Packingtown" luxuriöse Unterkünfte.

Sinclair arbeitete damals für "Appeal to Reason", eine sozialistische Wochenzeitschrift, deren Herausgeber eine Serie über die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Fleischtrusts publizieren wollte, nachdem 1904 an die 20.000 Arbeiter einen Streik vom Zaun gebrochen hatten, der von der Polizei brutal niedergeknüppelt worden war. Sinclair tarnte sich sieben Wochen lang als Angestellter und konnte so tagsüber in aller Ruhe die Vorgänge in den Fabriken observieren. Am Abend trieb er sich in den armseligen werkseigenen Wohnungen und den zahlreichen Kneipen herum, wo viele Arbeiter versuchten, ihr Elend im Vollrausch zu ertränken. Er sprach mit Politikern, Anwälten, Funktionären, Ärzten, Streikbrechern und Angehörigen von Wohltätigkeitsorganisationen und sammelte so Informationen aus erster Hand. Nachdem alle Fakten ausgewertet waren, machte er sich daran, einen geeigneten Proponenten für seinen Entwicklungsroman zu kreieren.

 

Zum Inhalt: Das Schicksal des Familienoberhaupts Jurgis Rudkus steht stellvertretend für das der gesamten Arbeiterklasse. Fast wie im Lehrbuch werden anhand des psychischen und physischen Verfalls seines "Helden" wesentliche marxistische Thesen bestätigt, insbesondere der progressive Verfall und die Verarmung des Proletariats im Kapitalismus. Sinclair nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Unprätentiös schildert er, wie die Familienmitglieder langsam, aber unaufhörlich im Sumpf der Lohnsklaverei versinken und daran zugrundegehen - jeder auf seine Weise.

Besonderen Wert legt er auch auf die Schilderung der technischen Rahmenbedingungen der Konservenfabriken. Jene Passagen sind durchaus geeignet, selbst aus dem überzeugtesten Karnivoren einen militanten Vegetarier zu machen. So sind zum Beispiel riesige Bottiche in die Böden versenkt, in denen die Fleischmasse verkocht wird. Ab und zu fällt ein Arbeiter hinein, Sicherheitsvorkehrungen gibt es keine, und manchmal merken die Arbeiter erst nach drei Tagen, daß ihr Kumpel fehlt. Doch da ist er schon - zerstückelt und zu Brei vermantscht - mit den anderen Fleischabfällen in Konserven abgefüllt worden. Immer wieder erwähnt Sinclair diesen Fleischbrei, der auch zu Wurst verarbeitet wird. Je nachdem, welche chemischen Geschmacksstoffe und Farben hinzugefügt werden, verwandelt er sich in Polnische oder Mettwurst. Hauptsache, alles ist so billig wie möglich und eine maximale Gewinnspanne wird erzielt. Daß die Kunden gelegentlich an Vergiftung sterben, stört niemanden.

Und es kommt noch schlimmer: Im "Dschungel" werden Firmen erwähnt, deren einzige Aufgabe es ist, kontaminiertes und notgeschlachtetes Vieh aus dem ganzen Land zusammenzukaufen um es dann haschiert und gehäckselt dem Fleischbrei beizufügen.

Inmitten dieser unvorstellbaren Hölle kämpft Familie Rudkus um ihr Überleben. Die Jobsuche ist erbarmungslos. Wer sich nicht mit den Vorarbeitern gutstellt oder über besondere körperliche Kräfte verfügt, bekommt keine Arbeit. Die Männer arbeiten in der Fleischverarbeitung und die Frauen in der Konservenfabriken, sieben Tage die Woche, bis zu sechzehn Stunden täglich. Der Traum vom eigenen Haus endet in einem Debakel. Sie werden vom Makler betrogen, und selbst, als alle arbeiten gehen, bleibt wegen der Ratenzahlungen kaum etwas zum Leben übrig ("working poor"). Rudkus Frau Ona muß im Geheimen anschaffen gehen, damit die Kinder in die Schule können und nicht ebenfalls in den Fabriken schuften müssen.

Die Winter sind unmenschlich hart, das Geld reicht kaum für Heizmaterial, und so stirbt Rudkus zweites Kind. Doch er gibt nicht auf, kämpft weiter. Wem das hier nicht paßt, der kann ja gehen, es gibt immer noch Einwanderer, die für noch weniger arbeiten. Hier entlarvt Sinclair das Konzept der "industriellen Reservearmee", die durch gesteuerte Einwanderungspolitik stets erneuert wurde. Er nennt die "schwarzen Listen", denunziert die "demokratischen Wahlen" als Schwindel und beschreibt den mächtigen Staatsapparat,

wie er in den Händen der herrschenden Klasse zur Unterdrückung des Volkes eingesetzt wird.

Als auch noch Jurgis geliebte Frau Ona stirbt, bricht für ihn die Welt zusammen. Inzwischen ist er älter geworden, ist nicht mehr der bärenstarke Hüne, dem keine Arbeit zu schwer ist.

Er kommt in Kontakt mit der gerade aufstrebenden sozialistischen Partei und wird ihr Anhänger - dort trifft er zum ersten Mal auf "ehrliche Menschen". Dies ist der einzige Schwachpunkt des "Dschungels". Es gelingt Sinclair nicht gänzlich, Jurgis Rudkus Wandlung vom Tramp zum Sozialisten plausibel zu beschreiben.

 

"Der Dschungel" erschien zuerst als Serie; Tausende begeisterte Leserbriefe überzeugten Sinclair schließlich, daß es notwendig wäre, die Story als Buch zu publizieren. Doch o Wunder: Die Verlage winkten ab, denn Sinclair war nicht bereit, auch nur eine Zeile aus seinem Manuskript zu ändern, geschweige denn zu streichen. Er fand einen äußerst potenten Fürsprecher in Jack London, der sich damals auf seinem dichterischen Höhepunkt befand. London lobte Sinclairs Werk als "Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei". Ermutigt durch dieses Lob wurde das Buch letztlich vom Doubleday-Page-Verlagshaus herausgegeben. Der Rest ist Geschichte: Das Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt und sichert dem Autor bis heute Weltruhm.

Doch es geschah etwas noch viel Wichtigeres: Die schäbigen Machenschaften der Chicagoer Fleischtrusts konnten nicht länger totgeschwiegen werden, und die himmelschreienden hygienischen Mißstände lösten eine Welle der Empörung unter der amerikanischen Bevölkerung aus. Präsident Roosevelt setzte eine Untersuchungskommission ein und legte dem Kongreß ein neues Lebensmittelgesetz vor. Der "Pure Food and Drug Act" wurde 1906 gegen den Widerstand der Fleischtrusts verabschiedet. Sinclair kommentierte trotz dieses Erfolges verbittert: "Ich habe auf das Herz der Amerikaner gezielt und nur ihren Magen getroffen."

Nichtsdestotrotz stellt "Der Dschungel" den wichtigsten Beitrag zur amerikanischen proletarischen Literatur dar. Auch Sinclairs andere Werke - er war ein fleißiger Schreiber, der über 100 Bücher verfaßte, unter anderem "King Coal" (1917) , "Oil!" (1927), "The Flivver King" (1937) - zeigen den Autor stets als leidenschaftlichen Sozialisten, dessen höchstes Bestreben darin liegt, gegen die ungerechte Behandlung des Arbeiters in allen Belangen anzukämpfen.

Heute erlebt etwa China eine kapitalistische Entwicklung wie die USA zu Zeiten des "Dschungels". Auch dort sind sieben Arbeitstage pro Woche eher die Norm denn die Ausnahme. Sinclair ist kein Apokalyptiker; er beschreibt detailliert immer wieder, wie das Leben in einem System aussieht, in dem sich der Kapitalismus unkontrolliert ausbreiten darf. Seine Werke haben im Zeitalter der grassierenden Globalisierung nichts an Brisanz verloren.

Sinclairs Bücher befinden sich seit den 80er Jahren zumindest auf deutsch nicht mehr in Druck, auf englisch sind seine Werke jedoch jederzeit verfügbar - auch im Internet. Wer sie dennoch auf deutsch lesen will, kann sie aus den heimischen Bibliotheken entleihen. Zu kaufen gibt es die Bücher nur mehr vereinzelt im Antiquariat und auch dort kaum. Fast sieht es so aus, als wäre es manchen Kreisen gar nicht so unrecht, daß Sinclairs Stimme verstummt.

Umso wichtiger ist es, diesen langsam in Vergessenheit geratenden Autor aufs Neue zu entdecken und aus ihm zu lernen. Denn trotz allen Elends bietet er einen Ausweg, eine Türe: Freundschaft, Solidarität und Familie. Es ist unser aller Pflicht, im Namen des Humanismus darauf zu achten, daß die Würde des Menschen unangetastet bleibt. Angesichts der immer größer werdenden Zahl von Arbeits- und Unterstandslosen wird schnell klar: Sinclairs Bücher sind eine Warnung - und wir sind nur einen Steinwurf von seiner Welt entfernt.

Ernst Meyer

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