Stories_Zur filmischen Konstruktion von Ikonen, Pt. 3

Geheiligt werde die Pose

Nach archaischen Bildern und gestählten Körpern wendet sich Marcus Stiglegger der legendären Blondine und dem amerikanischen Helden per se zu.    18.11.2008

3. Ikonen - Verdichtung in Bild und Geste

 

Wie wird ein Filmschauspieler nun tatsächlich zu einer Ikone mit Star-Qualität, was erzeugt dieses innere Leuchten (die Aura) der Stars? Neben dem bereits beschriebenen filmisch konstruierten und idealisierten Körper erscheinen vor allem die Pose und die spezifische Geste wichtig, die als Solospiel den Fluß der filmischen Erzählung unterbrechen und zugleich hohen Erinnerungswert haben. Die meisten klassischen Filmstars sind mit wenigen Attributen zu charakterisieren und an denselben zu erkennen, sei es der schleppende Gang von John Wayne, das hektische o-beinige Watscheln von Charlie Chaplin, die exponierte und dennoch naive Sinnlichkeit von Marilyn Monroe. Diese Qualitäten werden zum Zentrum einer Sequenz aus Luc Bessons romantischem Thriller "Léon the professional"/ "Léon - Der Profi" (1992), in dem die junge Mathilda (Nathalie Portman) mit dem fürsorglichen Killer Leon (Jean Reno) spielerisches Star-Raten spielt und die ikonischen Qualitäten dieser Stars klar identifizierbar ausstellt.

Als Beispiel sollen im Folgenden einige ausgewählten Filmszenen dienen, die ikonischen Charakter erlangt haben und die ich im Hinblick auf ihre spezifische Konstruktion diskutiere. Die Beispiele verbindet, daß ihre Wirkung weit über den eigentlichen Kontext hinaus in die Medien- und Kulturgeschichte verweist.

 

4. Beispiel: Marilyn Monroe

 

"The Seven Year Itch"/"Das verflixte siebente Jahr" (1954) gehört vermutlich nicht zu den populärsten Monroe-Filmen, hat jedoch das Bild der Schauspielerin nachhaltig geprägt. Diese späte, in Farbe und Breitwand inszenierte Screwball-Komödie konfrontiert einen verheirateten Strohwitwer in den heißen Sommermonaten mit einer erotischen Nachbarin, die ihn mit kindhaftem Charme verführt. Berühmt wurde jene Szene, in der beide aus dem Kino kommen und über den gerade gesehenen Film "The Creature from the Black Lagoon"/"Der Schrecken vom Amazonas" (1953) diskutieren. Sie stellt fest, als sie über einen U-Bahnschacht läuft, wie angenehm ihr die kühle Luft unter den Rock bläst. Der Film inszeniert diesen Vorgang, den sie sichtlich genießt, dreimal, wobei der Körper immer nur in Teilen zu sehen ist. So sehen wir nur einen Ausschnitt der Beine, und der Rock wird aus dem Bild geweht. Den wesentlichen Anblick überläßt die Inszenierung der Phantasie des Zuschauers. In der berühmten Monroe-Pose, die auf dieser Szene basiert, sehen wir die Schauspielerin jedoch ganz, wie sie sich bemüht, den Rock unten zu halten. Die ikonische Pose reproduziert also ein Pressephoto des Films, nicht eine Einstellung des Films selbst. Der Erfolg dieser Pose ist zurückzuführen auf die verheißene Freizügigkeit, die jedoch keusch gekontert wird. Wir sehen nichts, weder im Film noch im Pressephoto - lediglich die Pose.

Richard Dyer stellt die Monroe ins Zentrum seiner Untersuchung "Heavenly Bodies" (1986) und kommt zu erstaunlichen Verallgemeinerungen:

 

Stars matter because they act out aspects of life that matter to us; and performers get to be stars when what they act out matters to enough people. Though there is a sense in which stars must touch on things that are deep and constant features of human existence, such features never exist outside a culturally and historically specific context. So, for example, sexual intercourse takes place in all human societies, but what intercourse means and how much it matters alters from culture to culture, and within the history of any culture. […] In the fifties, there were specific ideas of what sexuality meant and it was held to matter a very great deal; and because Marilyn Monroe acted out those specific ideas, and because they were felt to matter so much, she was charismatic, a centre of attraction who seemed to embody what was taken to be a central feature of human existence at that time.[1]

 

5. Beispiel: John Wayne

 

Der amerikanische Schauspieler John Wayne kann heute - wie schon zu Lebzeiten - als prägende Ikone des "classical Hollywood" allgemein und des Western-Genres im speziellen betrachtet werden. Dabei kann man davon ausgehen, daß seine Persona inzwischen weit präsenter als die Filmklassiker ist, mit denen er das Hollywood-Kino so nachhaltig prägte. Seine über ein halbes Jahrhundert währende Karriere hindurch konnte man ihn in unzähligen Genrefilmen (Western, Abenteuer, Kriegsfilme, seltener Komödien) sehen; in Erinnerung aber blieb er aber vor allem durch den von ihm geprägten Archetyp des rauhbeinigen Westerners, der die Mythologie des Genres mitdefinierte und erst in den 60er Jahren durch jüngere Kollegen abgelöst wurde. Zu seinen bedeutendsten Filmen gehören die nahezu symbiotischen und freundschaftlich geprägten Zusammenarbeiten mit John Ford und Howard Hawks, zwei Regisseuren, aus deren Werk er kaum wegzudenken ist. Weltanschaulich stand der Schauspieler zu den traditionellen Wertvorstellungen der nordamerikanischen Gründerzeit, was ihn nicht zuletzt zum überlebensgroßen amerikanischen Helden prädestinierte. Er trat im Laufe seiner langen Karriere in 142 seiner 153 Filme als Hauptdarsteller auf und hinterließ so einen beispiellosen Eindruck, der erst in den letzten Lebensjahren abgelöst wurde, als vergleichsweise nihilistischere Stars den Spätwestern prägten: Clint Eastwood, Franco Nero oder etwa Charles Bronson. Zugleich wären ihre stoischen Rächerfiguren ohne den "Duke" kaum vorstellbar.

In Howard Hawks´ Westernklassiker "Rio Bravo" kommt es in einer zentralen Sequenz zur Begnung des Wayne-Charakters mit einer Frau auf deren Zimmer. In dieser Szene offenbart sich Wayne als das Urbild des Westerners, als der Mensch, der die Frontier vorantreibt, als Vertreter des Pioniergeistes - kurz: all das, wofür er bekannt wurde und als Ikone noch heute steht. Doch wie verkörpert er diese Keimzelle des amerikanischen Geistes? Sein Gesicht ist vom Wetter gegerbt, die Augen zusammengekniffen vom endlosen Blinzeln in die Sonne. Er trägt meist seinen breitkrempigen Hut und setzt ihn nur mühsam, die Geste des Gentleman nachahmend, im Zimmer der Lady ab. Er hat zweifellos Respekt vor der Frau, einer Spezies, die seine Welt kaum bevölkert, doch er ist unsicher und zieht sich in Posen zurück, die man heute als machohaft interpretieren würde: Er lehnt sich mit einer Hand am Türpfosten an, wiegt sich von einem Bein auf das andere, stellt betont lässig die Hüfte aus. Dabei betont er immer wieder das Zeichensystem, das seine Identität konstituiert: die Waffe am Gürtel, die Stiefel, das lässig gebundene Halstuch, der Hut. Wayne ist groß, so dominiert er die Räume, in denen er sich bewegt, doch zugleich scheinen sie seine Physis einzuengen. Das domestizierte Reich der Frau ist nicht das seine. Was ihn zum Herrn der Frontier macht, läßt ihn im zivilisierten Raum mitunter wie einen eingeschüchterten Jungen wirken. Doch auch das macht die Ikone aus: ihre Konstruktion ex negativo. Was er in diesem Moment nicht ist, betont seine eigentlichen Qualitäten.

 

Fortsetzung folgt ...

Lernen Sie im vierten und letzten Teil den Messias der Neobarbarei kennen - und erfahren Sie das Endergebnis der Untersuchung zur filmischen Konstruktion von Ikonen.

Marcus Stiglegger

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