Stories_James Bond

Alte Nummer - neuer 007

Dieses Jahr wird für Bond-Fans voraussichtlich ein gutes. Zum 50. Jubiläum der Filmserie kommt der neue Schocker mit Daniel Craig, "Skyfall", Ende des Jahres in die Kinos. Und soeben ist die deutsche Übersetzung des neuen 007-Romans erschienen. Es ist der 23. Bond-Roman, der nicht von Ian Fleming geschrieben wurde - die Novelizations der Filme nicht mitgerechnet. Wie jeder neue Bond-Darsteller sorgt auch jeder neue Bond-Autor für heftige Kontroversen bei den 007-Fans. Die besseren sind Fleming nahe gekommen, keiner kam ihm gleich, und niemand übertraf ihn. Sagt Martin Compart.    08.03.2012

Daß die Gelddruckmaschine Bond durch den Tod von Fleming nicht gestoppt werden durfte, war klar. Weitere Bond-Romane mußten folgen, den Erfolg der Filme begleiten. Als ersten neuen Autor erwählten die Fleming-Erben keinen geringeren als den angesehenen Romancier Kingsley Amis ("Lucky Jim"). Der hatte sich bereits mit der vorzüglichen Analyse "The James Bond Dossier" (noch immer eines der besten Bücher über Fleming und 007) als Bond-Aficionado bewiesen. Unter dem Pseudonym Robert Markham veröffentlichte er 1968 mit "Colonel Sun" ein überzeugendes Fleming-Pastiche. Danach lag das Unternehmen "neue Bond-Romane" erstmal auf Eis.

1981 verpflichtete man den mäßigen Thriller-Autor John Gardner für weitere Bond-Abenteuer. Seine ersten beiden Romane waren erfolgreich und schafften es auf die Bestsellerlisten. Dann war der Ofen aus, denn die Bond-Leser hatten keine Lust mehr, Gardners dümmliche Aktualisierungen ihres Idols weiter zu begleiten. Eine von Gardners dämlichsten Nummern war die, Bond einen Saab fahren zu lassen - eine auf Sicherheit ausgelegte Familienkutsche für den rücksichtslosen Sportwagenfahrer! Gardners insgesamt 14 Romane wiesen einen Haufen Ärgerlichkeiten auf und zeigten deutlich, daß der Autor wenig Ahnung vom Mythos (und von Stil) hatte. Fleming-Agent Janson-Smith erinnert sich: "Gardner wollte, daß Bond zum Gustav-Mahler-Fan wird, weil Gardner Mahler-Fan war. Das habe ich abgelehnt. Zu Anfang verkauften sich seine Bücher wirklich gut, aber dann ging es bergab. Er war vielleicht zu lange dabei. Er wollte immer genauso viele Bücher schreiben wie Fleming ..." Immerhin gingen die Gardner-Romane bei absteigender Tendenz fast fünf Millionen Mal über den Ladentisch.

Etwas besser waren danach die Bond-Romane von Raymond Benson (von denen nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden). Aber auch sie hatten nicht den Fleming-Touch (den Kingsley Amis heraufbeschwören konnte). Anders als in den Filmen funktionierte es nicht überzeugend, Bond in die Gegenwart zu transformieren und ihn peinlich dem Zeitgeist anzupassen. "Benson habe ich aufgrund seines Sachbuchs über Flemings Romane engagiert. Seine ersten Bücher hatten gute Strukturen und viele Textfehler, aber er lernte schnell. Flemings Erben mochten Bensons Bücher nicht. Auch die Verkäufe gingen rapide zurück." Sein letzter, "The Man with the Red Tattoo" (in Deutschland nicht veröffentlicht) verkaufte in England lediglich 5000 Exemplare und in den Staaten 13.000. Seine sechs Romane hatten weltweit die schlappe Auflage von 600.000 Exemplaren. Flemings Bücher haben inzwischen die 100 Millionen überschritten.

Sebastian Faulks, der vorletzte Bond-Autor, hatte das wohl begriffen und schrieb ein period piece. "Der Tod ist nur der Anfang" (Heyne) spielt 1967 und mobilisiert den Fleming-Touch ganz ordentlich. Außerdem bringt der Roman spärliches, aber witziges Zeitkolorit mit ein - etwa Anspielungen auf die damalige Verhaftung der Rolling Stones wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.. Da regt sich dann M darüber auf, daß "seine" Times für Gerechtigkeit gegenüber diesen langhaarigen Pop-Schurken plädiert. Genial fand ich, daß Faulks direkt an Flemings letzten Roman, "The Man with the Golden Gun", anschließt und seinen Bond im Iran spielen läßt. Trotzdem erreicht auch er den Meister nicht, der die Leser Adrenalin auf hohem Niveau ausstoßen ließ (man denke nur an die über mehrere Seiten laufende Szene mit dem giftigen Tausendfüßler in "Dr. No"! Im Film wurde daraus die läppische Vogelspinnen-Szene ...).

Das Großmaul Faulks übernahm sich mit einigen Äußerungen, die nicht alle glaubwürdig klangen - so etwa, daß sein Roman stilistisch zu 80 Prozent Ian Fleming entspräche. Er habe weitgehend nach dessen Methode geschrieben: "In seinem Haus in Jamaika schrieb Fleming am Morgen 1000 Worte, dann ging er schnorcheln, nahm einen Cocktail, Lunch auf der Terrasse, ging wieder tauchen, schrieb weitere 1000 Worte am späten Nachmittag, dann mehr Martinis und bezaubernde Frauen. In meinem Haus in London habe ich diese Routine genau nachgemacht - allerdings ohne Cocktails, Lunch und Tauchen." Sechs Wochen habe die Arbeit an "Devil May Care" gedauert. Gelungen ist ihm immerhin der überzeugendste Bond seit Amis. Und es war mit 44.000 verkauften Exemplaren in der ersten Woche das am schnellsten verkaufte Hardcover in der Geschichte von Penguin Books!

Ian Flemings literarisches Genie ist in Deutschland bis heute weder entdeckt noch gewürdigt worden, was auch nicht wirklich verwundert. Für das debile Feuilleton hätte ihn wahrscheinlich Diogenes veröffentlichen müssen, denn ohne diesen Verlag wüßten all die Parakritiker heute noch nicht, wer Chandler, Highsmith oder Ambler sind (obwohl diese Autoren lange zuvor in anderen Verlagen veröffentlicht wurden). Anthony Burgess zählte "Goldfinger" zu den 99 besten Romanen des 20. Jahrhunderts. Aber wer ist schon Burgess? Ein Name, den weder Radisch noch Mangold oder wie die Bürokraten der Langeweile alle heißen je gehört haben.

 

Janson-Smith hatte es in den vergangenen paar Jahren nicht leicht, Flemings Werk international am Leben zu erhalten: "Ich denke nicht, daß Heyne in Deutschland der richtige Verlag für diese Bücher ist. Sie verkaufen sich seit Jahren schlecht. Auch in Frankreich ist das so; der Verleger Gallimard hat sie sogar aus dem Programm genommen. Man darf aber nicht vergessen, daß Bond immer noch ein sehr guter und sehr bekannter Name ist. Man sollte ihn nicht unterschätzen. Es ist erstaunlich, was Fleming erschaffen hat. Die Filme werden sowieso ewig weitergehen. Ich hoffe nur, daß die Geschichten besser werden. Ich habe den ersten deutschen Bond-Vertrag mit Ullstein auf der Frankfurter Buchmesse gemacht, in Jimmys Bar im Hotel Hessischer Hof. Danach gingen die Rechte an den Scherz-Verlag, weil Ullstein mit den Verkäufen nicht zufrieden war. Ich weiß noch, daß ein Herr Hausen nach James Bond gefragt hat, der die Bücher ins Armenische übersetzen lassen wollte, weil dort die Kinder danach gefragt hatten. Er hatte nicht viel Geld, behauptete, daß die Sprache aussterbe, und bot 50 Mark für jeweils drei Bücher. Ian war erfreut. Wir machten den Deal, und so erschienen die Bücher auf armenisch. Ian sprach ja auch deutsch. Ich habe viele Verträge in Frankfurt geschlossen."

 

Tja, und nun also Jeffery Deaver. Er ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Thriller-Autoren der Welt und wurde anläßlich seiner Auszeichnung mit dem "Ian Fleming Steel Dagger Award" gefragt, ob er einen Bond schreiben wolle. Deaver ist seit seinem achten Lebensjahr Bond-Fan und sagte zu. Er hat Millionen Bücher verkauft, eine beliebte Serienfigur (Lincoln Rhyme) erschaffen und eine Menge Fans, auch im deutschsprachigen Raum. Ich gehöre nicht dazu. Mir ist er zu geschwätzig.

Nach dem Experiment mit dem Literaten Faulks und der kurzen Rückkehr in die 1960er durfte Deaver Bond nicht nur in die Gegenwart holen, sondern ihn komplett updaten. Ziel war es, einen zeitgenössischen Bond für das 21. Jahrhundert zu etablieren, auf dem weitere Romane aufbauen sollen. Bei der Kinoversion hat das ja geklappt, indem Daniel Craig den Superagenten etwas verprollte und damit dem jüngeren Publikum zugänglicher machte. Im Roman, der sich zwangsläufig an Alphabeten wendet, muß man andere Wege gehen.

Zum Plot will ich nicht zuviel erzählen. Bond hat nur äußerst wenig Zeit, um einen Anschlag mit dem schönen Code-Wort "Gehenna" zu verhindern. Also rast er von Serbien über England und Dubai bis Südafrika, trifft nette und böse Frauen, wird von seinen alten Mitkämpfern Mathis und Leiter unterstützt und macht dabei - frei nach "Little Britain" - so Bond-Sachen. Der Schurke heißt Severan Hydt, hat nekrophile Neigungen und steht ganz in der Flemingschen Tradition. Um Druck zu erzeugen, läßt Deaver den Roman in sechs Tagen spielen.

Der Autor bediente sich natürlich bei den populären Fleming-Topoi, die Kingsley Amis im "Bond Dossier" aufgeschlüsselt hatte. Alles da, was den Bond-Fan erfreut: ein ungewöhnlicher Schurke, die schönen Frauen, exotische (gut recherchierte) Schauplätze, gepflegte Gastronomie, technische Gadgets, Markenartikel, Autos und die Walther-Pistole. Aber Bond ist nun Afghanistan-Veteran und vermutet, daß seine Eltern von den Russen ermordet wurden.

Ich habe seit jeher Probleme mit den Revamping-Versuchen des literarischen Bond (anders als mit den filmischen), ähnlich wie bei Sherlock Holmes - wobei letzteres allerdings in der TV-Serie "Sherlock" überzeugend gelungen ist. Für mich sind beide Charaktere, die so intensiv ihre Epoche widerspiegeln, daß immer ein schales Gefühl zurückbleibt, wenn man sie zu modernisieren versucht. Am besten gelang das im Falle Bond noch Raymond Benson (und natürlich in den grandiosen Comic-Strips von Jim Lawrence und Horak). Deavers Bond ist mir zu steril. Flemings Geschöpf war düsterer und stand ganz in der Tradition des byronschen Helden. Fleming konnte es sich erlauben, ihn auch unsympathisch zu zeigen. Deaver geht dieses Risiko nie ein. Würde man den Namen ändern, käme man nur selten auf den Gedanken, daß es sich um Bond handelt. Es fühlt sich falsch an.

Leider vergeigt Deaver auch gleich den Anfang des Romans, in dem Bond gegen einen Profi-Terroristen das Attentat auf einen Giftzug in Serbien verhindert. Es gelingt ihm nicht - und das ist bei Action-Szenen nun mal wichtig -, ein Gefühl für den Raum zu vermitteln. Dadurch baut sich beim Lesen der Suspense nur mangelhaft auf. Außerdem stimmt das Timing nicht. Im Film würde man sagen: Der schlechte Schnitt hat die Szene ruiniert. Bei Fleming hingegen sind sense of location und Timing so perfekt, daß sie einem auch heute noch den Schweiß auf die Stirn treiben.

Deavers technische Recherchen sind beeindruckend. Er arbeitet überzeugend die aktuellen Technologien ein und läßt Bond sie nutzen. Insofern ist "Carte Blanche" ein zeitgemäßer Thriller. Wichtigstes Gadget ist ein "IQ-Phone", vollgestopft mit Apps, für die man morden würde.

Manchmal trifft Deaver den Ton ganz gut, aber dann haut er immer wieder so peinlich daneben, daß es der Sau graust. Etwa in Bond zugeschriebenen Äußerungen wie "Ich fühle mich fast wie Lehman Brothers." Einmal verzichtet Bond sogar darauf, einen Gegner zu töten, und schießt ihn nur in den Arm. Häh? Diese Milde hat er wohl aus Afghanistan mitgebracht. Den Chauvinismus, den Kritiker Fleming zu Recht vorgeworfen haben, hat Deaver "seinem" Bond ausgetrieben. Doch genau dieser Chauvinismus hat die Figur so überzeugend gemacht. Bond als politisch korrekter, für Gleichheit eintretender, nicht-sexistischer Nichtraucher funktioniert genausowenig wie Philip Marlowe als glücklich verheirateter Millionärinnengatte.

Der manchmal an Rassismus grenzende Chauvinismus von 007 spiegelte vortrefflich die Arroganz des untergehenden Empire und ist deswegen nicht nur mentalgeschichtlich hoch amüsant. Er schuf einen eigenen Kosmos, einen Themenpark, den man Testosteronland nennen könnte. Flemings Bond ist nicht der unbesiegbare Snob der meisten Filme. Er ist ein Mann mit einer Sozialisation und tiefen inneren und äußeren Wunden. Er hat manchmal Angst, und Fleming beschreibt seine Furcht minutiös. Durch seine Kunst, einen dreidimensionalen Charakter zu schaffen, wurde Bond erst zu dem Mythos, den der Film auf ein eindimensionales Klischee herunterkürzte. Die literarische Vorlage ist bedeutend vielschichtiger als die dem jeweiligen Zeitgeschmack angepaßten Film-Bonds. In "Dr. No" hat er sogar Angst um seinen Job, weil er am Ende von "From Russia With Love" einen Kampf gegen eine ältere Frau verloren hat. In "Thunderball" ist er körperlich so angegriffen, daß M ihn zur Kur in eine Gesundheitsfarm schickt. Und der oft skrupellose Frauenheld verliebt sich manchmal so sehr, daß er dafür seinen Job gefährdet oder hinschmeißen will (Tracy, Domino, Vesper, Kissy). Er ist Held und Anti-Held in einer Person (Fleming schrieb zur selben Zeit wie die Autoren John Osborne und Kingsley Amis, die die angry young men in die britische Literatur brachten).

Deavers Bond ist blaß, ein Pappcharakter, dessen Emotionen aufgesetzt wirken. Ein Typ, der einen nicht wirklich interessiert - wie die Knatterchargen in Deavers überschätzten Thrillern. Ein weiteres Manko: Das Buch ist zu lang, bisher der längste Bond-Roman überhaupt. Deaver labert zuviel herum, läßt Bond bei Verfolgungsjagden geradezu schwachsinnig über Kugelausstoß oder Entfernungen meditieren. Der britische Kritiker Ivan Radford bringt es auf den Punkt: "wie ein Mathematiklehrer mit einer Kanone". Dem kann man ausweichen, indem man zur gekürzten Hörfassung greift. Das Hörbuch ist bei Random House Audio erschienen und 403 Minuten lang. Das richtige Bond-Feeling garantiert Sprecher Dietmar Wunder, der Daniel Craig synchronisiert. Und da ich ja für die billigsten Kalauer zu haben bin: Herr Wunder erzählt den Roman ganz wunderbar.

 

Was ist nun nach all dem Rumgemaule das Fazit? Soll man den Roman lesen oder nicht? Ja, verdammt. Schließlich haben wir Bond-Fans uns auch "Moonraker" oder "Quantum of Solace" angesehen. Und - M sei meiner Seele gnädig - John Gardner gelesen.

 

Martin Compart

Jeffery Deaver: Carte Blanche

ØØ 1/2

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Blanvalet (D 2012)

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Kommentare_

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Phil Decker - 11.03.2012 : 12.22
Feiner Beitrag! Endlich äußert sich da jemand zum Thema Bond, der sich auch tatsächlich auskennt.
Zu den Büchern: Ergänzend sollte man vielleicht auf die drei "Moneypenny Diaries" von Kate Westbrook hinweisen, die recht respektvoll den Fleming-Kanon weiter spinnen (in der "Original"-Zeit der Romane beheimatet und mit dem Sanktus der Fleming-Rechte-Inhaber versehen). Klar darf man das ung'schaut unter "Frauenliteratur" ablegen - aber wer Moneypenny als sexy Sidekick (wie sie es ja früher - übrigens auch in den von Martin Compart erwähnten wunderbaren Comics - sein durfte) akzeptiert, die auch gescheit sein darf, wid hier durchaus belohnt. Ich selbst hab' mir beim Lesen ein wenig die junge Audrey Hepburn in ihrer Tiffany-Phase vorgestellt: Aber das kann natürlich jeder halten wie er bzw. sie will.
Ist auf jeden Fall großes (und ein wenig nostalgisches) Kino.
Hans Langsteiner - 12.03.2012 : 15.28
Schließe mich Phil Decker voll an, toller Text! Ergänzen sollte man vielleicht, dass es der Scherz-Verlag bis heute nicht schafft, ungekürzte Übersetzungen der Fleming-Romane vorzulegen. Bei manchen Titeln fehlt in der deutschen Version bis zu einem Drittel (!) des Originals. Dabei hat die Edition der neu übersetzten und ungekürzten Agatha Christie-Krimis im selben Verlag bewiesen, dass sich derlei rechnet. Die ungekürzten Fleming-Bonds würden weggehen wie warme Semmeln! Warum das bis jetzt keiner merkt, ist eines der großen Rätsel der Verlagsszene.
Martin Compart - 12.03.2012 : 17.39
Danke fürden Hinweis und die nötige Ergänzung. Ich habe mich bisher noch nicht an Moneypennys Diaries rangetraut, aber jetzt hast Du mich angefixt.
Martin Compart - 12.03.2012 : 17.43
Bei Heyne sind vor ca.10 Jahren die vorherigen Scherztitel ungekürzt erschienen. <Bei Amazon Marketplace werden die inzwischen mit 59 Euro(!!!) gehandelt.
Hans Langsteiner - 12.03.2012 : 19.03
Uups, kann das sein, dass das an mir vorüberging? Hab irgendwann aufgehört, mich nach ungekürzten Übersetzungen umzusehen und die Dinger gleich im Original gelesen. Aber danke für den Tipp!
Willie Garvin - 13.03.2012 : 23.24
Auch wenn es angesichts so viel Bond-Gelehrigkeit (s.o.) anmaßend klingen mag: Ich habe seinerzeit nach zwei Fleming-Bänden ("From Russia, with Love" und "Thunderball" - auf Englisch, um 1960 bei Signet erschienen) aufgehört, die Romane zu lesen. Mit einer derartigen Schmerzensgestalt Marke der-Held-kriegt-in-die-Goschen konnte ich wenig anfangen (ganz im Unterschied zu Modesty Blaise, übrigens; aber die kam später). Mich erfreuten die 007-Filme, bei denen genau jenes Maß an Ironie und Humor hinzugefügt wurde, das dem - mir eher tumb erscheinenden Originalagenten - fehlte: Connery bleibt hier das Maß aller Dinge. Lazenby machte seine Sache gut (Niven sowieso ... ähem), und Moore war in jeder Hinsicht unterhaltsam; Dalton viel zu angestrengt, Brosnan schon wieder besser. Craig habe ich mir bislang gespart: Wenn ich sowas sehen will, schaue ich mir "Die Hard" an - dort zeigt Willis wie's geht. Fazit: Ein Bond, der nach gröbster Prügelei an pittoresken Orten nicht in Gentleman-Haltung (!) ein paar chauvinistische Sprüche anbringt, ist uninteressant. Was diese Figur heraushebt, ist das Artifizielle: Die haarsträubenden Unwahrscheinlichkeiten der Handlung bedürfen eines ebenso kunstvollen Charakters - "realistische Selbstzweifel" und sonstiges Nabelgeschau (hallo, 69er-Kommunen und "harte" Ami-Detectives - was ja letztlich auf das Gleiche hinausläuft) können mir in diesem Fall herzlich gestohlen bleiben. Ebenso wie jegliche "zeitgemäße" Anpassung. Weshalb ich nun auch Deaver nicht lesen werde ...
Phil Decker - 21.03.2012 : 13.53
Wahrscheinlich hätte man den (Film- und auch Buch-)Bond sowieso spätestens nach dem "Fall" des ehemaligen Ostblocks sterben lassen sollen. Denn Bond war immer nur so gut wie die Bedrohungs- (und Aufmerksamkeits)szenarien, in denen sich die Bondiaden abgespielt haben. Durfte er früher noch hoch gebildete, wenngleich verrückte, nach Weltherrschaft gierende Charismatiker zum Gegner haben (mit denen auch noch tiefschürfend-unterhaltsame Gespräche vorm finalen Shootout geführt wurden), hübsche (und intelligente) Ost-Spioninnen im Rahmen einer Charmeoffensive mittels russischen (!) Kaviars, erlesenen Jahrgangs-Champagners und beeindruckender Beischlafqualitäten von den Segnungen des West-Kapitalismus überzeugen - und das alles für ein Publikum, das halbwegs lesen konnte und auch die (pop)kulturellen Anspielungen kapiert hat, so haben wir es heute mit brunzdummen kugelglatzigen Protagonisten der serbischen (oder sonst irgend einer Balkan-)Mafia als Gegner zu tun, für die sogar das Buchstabieren von "Walther PPK" intellektuell zu fordernd ist, mit in jeder Hinsicht verschleierten (und mit Sprenggürteln versehenen)Religions-Wächterinnen (wie man denen mit Charme beikommen soll, weiß nur Allah) sowie einem Proleten-Publikum, das durch Dschungelshows sozialisiert wurde und inzwischen die kulturelle Hegemonie besitzt.
Sorry, James: Live - and let die.
Willie Garvin - 21.03.2012 : 18.24
Lieber Phil, das haben Sie sehr schön gesagt. Und leider wahr. Ich habe - just durch die Dialoge hier angeregt - begonnen, Modesty Blaise nochmals zu lesen (die Bücher; beginnend bei Band1). Neben dem offenbar haarsträubenden Geschmack der Protagonisten (soweit anhand der Schilderungen von Wohnungseinrichtung, Kleidung oder Eigenfabrikaten ersichtlich) genieße ich auch sämtliche anderen Details dieses absurden Kunst-Universums. Und ja: Hier darf das Heldenduo z.B. Dinge erörtern wie die Rezeption von Sibelius im Vergleich zu Mozart ... (Bevor die nächsten drei Toten auf der Straße liegen, harr.) Ich möchte nicht wissen, was das Lektorat eines Krimi-Verlages heute von solch einem Manuskript übrigließe.
Alexander - 24.03.2012 : 16.22
Das war wieder eine witzig geschriebene und fundierte Rezension. Ich bin auch der Ansicht, dass man die Bond-Romane als period pieces weiterschreiben soll. Es gibt heutzutage genug Autoren, die in ihren Thrillern die heutigen Konflikte literarisch bearbeiten. Da braucht es keinen Bond-Roman mehr, der ebenfalls in der heutigen Zeit spielt. Aufgrund der obigen Rezension werde ich mir vielleicht mal die alten Sachen von Ian Fleming vornehmen, die ich
noch nicht kenne
Phil Decker - 26.03.2012 : 18.15
Folgendes hab' ich grad auf der Homepage von CROSS CULT gelesen:

Ab Herbst 2012 beginnen wir mit der schrittweisen Veröffentlichung aller James-Bond-Originalromane, sodass es endlich möglich sein wird, etwa Titel wie „Goldfinger“, „Thunderball“ oder „You Only Live Twice“ erstmals komplett in ungekürzten Übersetzungen und mit den ursprünglichen Kapitelabschnitten und -überschriften zu lesen.
Der Startschuss für die durchgängig elegant gestalteten Taschenbuchbände wird pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum der längsten und erfolgreichsten Filmreihe der bisherigen Kinogeschichte fallen. Es verspricht eine einzigartige James-Bond-Bibliothek zu werden, die dazu einlädt, dem Kult um den britischen Gentleman-Geheimdienstler mit der „Lizenz zum Töten“ auf den Grund zu gehen.

Klingt großartig. Und CROSS CULT hat bisher eigentlich noch nie was Schlechtes gemacht.
Das war keine Werbeeinschaltung.

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