Stories_Schmalspur in Böhmisch-Kanada

Langsamer als der Tod

"Wenn ich einmal sterben muß, werde ich dem Tod entgegen mit diesem Züglein von Jindřichův Hradec nach Nová Bystřice fahren" - meinte Josef Fanta, einer der großen Prager Jugendstilarchitekten der Jahrhundertwende.
Beppo Beyerl hat sich am tschechischen Schienenstrang auf die Suche nach der Zeit begeben.    10.02.2011

"Es ist eines vom Tollsten, das ich je gesehen habe!" begründete der Architekt seine Sympathie für den bummelnden Zug. Mit Zügen muß er sich ausgekannt haben: Eines seiner bekanntesten Bauwerke ist der Hauptbahnhof in Prag.

In der Zwischenzeit sind fast hundert Jahre vergangen, und dieses Züglein ist noch etwas langsamer geworden. Benötigte es früher für die 33,9 Kilometer lange Strecke etwa eineinhalb Stunden, so braucht es heute immerhin schon deren zwei. Und besagter Josef Fanta könnte während der Fahrt, die beständig jeder Zweckmäßigkeit und Sinnhaftigkeit trotzt, dem Tod bequem von der Schaufel springen.

Jindřichův Hradec/Neuhaus, eine Kreisstadt in Böhmen, 30 Kilometer nördlich der österreichischen Grenze. Auf einem Seitengleis neben dem Hauptbahnhof wartet schon der Zug: eine Diesellok, ein Personenwaggon und zwei Güterwaggons.

Im Personenwagen sind etwa zehn Fahrgäste gemächlich eingetrudelt. Bald schmausend, bald trat­schend machen sie die kleinen Abteile zu ihren Reisequartieren. Am Ende des Waggons befindet sich ein Dienstabteil. Ein Reisigbesen liegt auf dem Boden, das Eisenbahner-Dienstkapperl der tschechischen Staatsbahn prangt, verkehrt abgelegt, auf einem Holzsessel.

 

Beide Güterwaggons sind völlig leer, ihre Schiebetüren beidseitig weit geöffnet. Weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt werden sie auch nur mit einem Binkerl beladen. Andererseits wird auch kein einziger von ihnen abgehängt. Warum? Damit der Zug etwas präsentabler ausschaut und nicht nur ein jämmerliches Wagerl zieht? Damit die bei­den Güterwaggons auch einmal frische Luft schnappen können? Oder damit die mitfahrenden Kinder während der Aufenthalte in den Stationen die Möglichkeit zum Versteckenspielen haben?

Ich fürchte, ich werde das Geheimnis nie lüften.

Einfacher ist es, in den Akten der Geschichtsschreiber zu kramen. Am 11. 11. 1897 wurde die Strecke als "Lokalbahn Neuhaus-Neubistritz" eröffnet. Haupt­aktionär war das Königreich Böhmen, der Sitz der Gesellschaft befand sich in Wien I, Freyung 8. Das Projekt stammte von der Wiener Firma Stern&Hafferl. Die Strecke ist laut Plan 32,669 Kilometer lang, hat 27 Weichen und eine maximale Steigung von 16,67 Promille. Weiters gehörten zur Ausstattung ein Wohnhaus für Bahnangehörige, fünf Magazine, fünf Laderampen und eine Brückenwaage.

 

In der Zwischenzeit ist es 12 Uhr 36. Ein schriller Pfiff, ein Ruck, der Start ist geglückt. Anno dazumal zeigten die Schie­nen nach der Ausfahrt aus der Station, was sie alles können, und verdoppelten sich. Aus vier Schienen bestand das Gleis: ein äußeres Paar für die Züge auf der Normal-, ein inneres für jene auf der Schmal­spur. Nach 2,6 Kilometern friedlicher Koexistenz kam es zur Trennung - die Schmalspur bog ab.

Übrig blieb nur mehr ein Dreischienengleis: Auf den äußeren Schienen fährt die normale Bahn, unser Züglein benützt hingegen auf einer Seite die Mittelschiene.

Mit nachdrücklicher Hartnäckigkeit meidet es alle menschlichen Siedlungen und folgt seinem Weg mitten durch den Wald. Weder wurde Erdreich aufgeschüttet noch hat man Gräben ausgehoben, um so etwas wie eine Trasse zu bauen: Nahezu ansatzlos kurvt die Spur um die Mugeln und Kuppen im dichten Fichtenwald. Farne, moosbewachsene Steine und gestürzte Bäume säumen den Weg, hoch oben schlagen die Wipfel zusammen. Die Strahlen der Sonne fallen hindurch, fast vermeint man, nach ihnen greifen zu können.

Böhmisch-Kanada heißt diese Gegend. Weil hier die Wälder ein bißchen mehr dicht sind und die Wiesen ein bißchen mehr duften als anderswo in Böhmen. Durch diese Urlandschaft bummelt nun mein Züglein, als hätte es nichts anderes zu tun, durch die Wälder, wo sie noch tief und seelenlos sind, an Teichen vorbei, in denen sich die Fichten in ihrem starren Gleichmut spiegeln.

Ich halte Ausschau nach Schwammerln. Ein kleiner Hupfer vom Waggon, ein Griff danach, und bei der nächsten Biegung hätte ich den Zug wieder erreicht. Offenbar bin ich aber zwei Monate zu früh dran für die Schwammerl. Ich erspähe auch keine Heidel­beeren und keine Himbeeren, die ich als Reiseproviant pflücken könnte. Zum Überdruß auch keine Dorfschenke, wo ich ein Budweiser en passant mitnehmen könnte, der Zug meidet ja die Ortschaften.

Um 12 Uhr 55 erreichen wir den Bahnhof Blazejov. Stationsgebäude, Schuppen und Brun­nen stehen mitten in der grünen Wiese, in der vereinzelt gelber Löwenzahn leuchtet. Dahin­ter beginnt der Wald.

Der Stationshund kündigt bellend unsere Ankunft an. Ein Bub kommt aus dem Schuppen gelaufen und ruft ihn zurück, in der Hand ein geschlossenes Einmachglas, in dem quietschend eine Maus herumspringt.

 

Neben dem kaisergelben Stationsgebäude steht ein blaulackierter Brunnen. Auf einer schiefhängenden Tafel ist zu lesen: "Zavadná voda", also schädliches Wasser.

Wem könnte hier geschadet werden? Etwa der Dampftraktion? Wohl kaum, der Brunnen ist mehrere Meter vom Gleis entfernt. Oder soll verhindert werden, daß der Stationshund hier seinen Durst löscht? Ist das schädliche Wasser dem Amtskaffee des Stationsvorstandes vorbehalten? Ich werde es nie erfahren, denn um 13 Uhr 15 setzt der Zug seine Fahrt durch den Wald fort.

Um 13 Uhr 25 sind wir in Strižovice. Und wieder bellt der Stationshund. Hat er "Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter" von Herzmanovsky-Orlando gelesen? Wenn er dreimal kurz bellt, ist die Einfahrt freigegeben. Bei Knurren und mehrmaligem Schwanzwedeln ist der Zug sofort anzuhalten. Was aber passiert, wenn der Stationshund indisponiert ist und sich verbellt? Ein Zugunglück?

Die Station besteht aus dem Dienstgebäude samt einem eingezäunten Garten. Rings um das kleine Stationshaus schließt sich der dichte Wald von Böhmisch-Kanada. Nicht weit von hier - an der Dreiländergrenze von Böhmen, Mähren und Österreich - stehen die wuchtigen Mauern der Burgruine Landstejn. Glaubt man den Informationen beim Festungstor, so hatten sich hier jene Ereignisse abgespielt, die Friedrich Schiller als Vorlage für seine "Räuber" dienten.

Von Strizovice ist es doch ein wenig zu weit zu jener Burg aus dem zwölften Jahrhundert. Die Fahrgäste vertreten sich im Stationsbereich ein wenig die Beine. Die Oma zieht ihren Enkel hinter den Gartenzaun und knöpft ihm vorne die Hose auf. Vier Jugendliche, die man aufgrund ihrer Kleidung als Wanderer bezeichnen könnte, beugen sich über eine Karte und konferieren mit dem Schaffner. Zwei Kinder hüpfen auf dem Gleis herum, zwischen den Schwellen funkelt gelb der Löwenzahn. Alle lassen, wie man so schön sagt, den Herrgott einen guten Mann sein.

 

Nach genau zwanzig Minuten tutet unvermutet die Lok. Die Fahrgäste beenden ihre jewei­lige Tätigkeit, die Oma kontrolliert die Hose ihres Enkerls, die Wanderer schließen die Karte. Gemächlich stapfen alle wieder in ihre Abteile zurück. Ein zweiter Tuterer, ein Ruck - der Zug bewegt sich vorwärts.

Warum wir ausgerechnet zwanzig Minuten gehalten haben? Es wäre zu einfach, sachlich zu antworten: Wegen des allfälligen Verschubes. Der muß natürlich im Fahrplan eingerechnet werden. Und wenn es nichts zum Verschieben gibt, kann man deswegen nicht gleich den Fahrplan auf den Kopf stellen.

Vielmehr geht es um ein Phänomen jenseits aller Erklärbarkeit. Anders ausgedrückt: Wir fahren längs des Meridians des Irr-Sinnes, der sich zwischen den Polen des "Justament" und des "Ist-doch-eh-wurscht" spannt. Es ist egal, ob wir zehn oder dreißig Minuten halten; und justament werden die leeren Güterwägen spazierengeschleppt.

Und es geht um die Nicht-Erreichbarkeit von Zielen. Oder: Es gibt kein Ziel, das einen nachhaltigen Einsatz lohnt.

Die Weiterfahrt führt uns im wackelnden und rumpelnden Waggon vorbei an stillen Teichen, tiefen Wäldern und einsamen Haltestellen. Etwa der Station Kaproun. Sie besteht aus einem alten gußeisernen Ständer mit dem Na­mensschild, die Buchstaben weisen secessionistische Züge auf. Bis vor kurzem hing hier noch eine Petroleumlampe. Doch sie wurde von ruchloser Hand gestohlen. Jetzt muß das Schild unbeleuchtet seinen Dienst tun.

Dreihundert Meter hinter der Station Senotin folgt ein topographischer Punkt, der heute noch "Zur Freude" genannt wird. Die Position liegt 675,3 Meter über dem Meeresspiegel und ist der Scheitelpunkt der Strecke. Groß war hier die Freude der Heizer, die endlich - nach einer Steigung von 207 Metern - die Schaufel in ein Eck stellen und die wohlverdiente Zigarette anzünden konnten. Vielleicht intonierten sie sogar "Freude, schöner Götterfunken", wenn sie in die stiebende Glut blickten. Gelegenheit dazu hätten sie gehabt: Von "Zur Freude" bis zur Endstation geht es nur mehr bergab.

Nová Bistřice, die Endstation der Strecke. Von hier aus sind es bloß drei Kilometer bis zur Grenze nach Österreich, und von der Grenze noch zehn Kilometer nach Litschau im nördli­chen Waldviertel. Von dort fuhr einst eine weitere Schmalspurbahn nach Gmünd. 1906 gab es Pläne, die Lücke nach Litschau zu schließen. Doch dazu kam es nicht mehr, die Schmalspurbahn in Österreich ist eingestellt worden.

 

Aber wir erreichen Nová Bistřice, und zwar um 14 Uhr 40, genau zwei Stunden und vier Minuten nach der Abfahrt. Die Station liegt fast innerhalb der Stadt, ansonsten ähnelt sie den bisherigen Haltestellen: das Bahnhofsgebäude, ein Nebengebäude mit getrennten Klosettanlagen, ein versperrtes Heizhaus für die Dampftraktionen.

Halt, irgendjemand geht uns ab. Ah ja, der Stationshund. Als die Lok tutend ihren Einzug verkündet, werden wir statt seiner von Hühnern begrüßt, die gackernd über die Gleise rennen. Ob hier eine Diensthenne ihres Amtes waltet? Oder ein Dienstgockel, der mit dreimaligem Krähen die Ankunft meldet?

Die Lok wird abgekuppelt, auf einem zweiten Gleis verläßt sie die Station. Kurz darauf kommt sie auf dem ersten Gleis wieder zurück und wird an den bisherigen Schlußwaggon gekuppelt.

Die noch verbleibenden Passagiere - ein paar Wanderer haben den Zug verlassen - stehen am Bahnsteig und beobachten hingebungsvoll das Manöver. Dann greifen sie in ihre Taschen, um die Jausenpakete auszupacken. Bierflaschen werden herumgereicht, nach über zwei Stunden in den kleinen Abteilen sind die ersten Freundschaften geschlossen worden.

In die Stadt traut sich keiner hinein. Erstens sind in der Mittagszeit sowieso alle Geschäfte geschlossen, und zweitens wäre ein Besuch im Wirtshaus zu riskant. Schließlich soll der Zug laut Plan nach genau 28 Minuten wieder zurückfahren.

Hier ist nichts wattiert mit Nostalgie. Es gibt keine Schmankerlhappen und kein Polkagestampf, keine Trachtenkapelle und kein Kinderprogramm "Lokomotive zum Anfassen". Da ist kein Tourismuskonzept dahinter, mit "Event light" und Lockerungsprogramm für verspannte Stadtneurotiker. Der Zug fährt für sich, störrisch wie ein alter Esel und eigensinnig wie eine junge Primadonna.

 

Ich tratsche mit der Lokomotive.

"Stört sie nicht das fehlende Tempo, der Mangel an Effizienz?" frage ich. - "Warum soll man ein Ziel schnell erreichen, wenn es auch langsam geht", brummelt die rote Diesellok. - "Vielleicht, weil sich das Ziel lohnt!" gebe ich zur Antwort. - "Kein Ziel lohnt, daß man es erreicht", schnauft sie. - "Das habe ich mir schon bei der Herfahrt gedacht", antworte ich und blicke auf ihre Scheinwerfer. - "Schau mich nur an!" säuselt die Diesellok. "Auch wenn ich rund um die Uhr zu langsam bin, so habe ich doch die Erfahrung gemacht, daß ich noch nie etwas versäumt habe." - "Hast du", antwortete ich, die Lok zurückduzend: "Nämlich die Zeit". - " Ach, was ist schon Zeit. Die gibts hier in Südböhmen im Überfluß. Sie steckt in allen Fichten. Sie ist eingebettet in den Teichen. Und sie fährt im Güterwaggon, den ich hartnäckig mitschleppe."

Ich überlege, warum im Güterwaggon die Zeit mitgeschleppt wird. Da kommt der Schaffner herbei. Er tätschelt meiner Gesprächspartnerin verschmitzt die Flanken und steckt ihr zwei Zweige mit Kastanienblüten in die Fassungen der Scheinwerfer. Die Lokomotive blinkt grinsend zurück. Dann tutet sie die Melodien aus den Slawischen Tänzen von Antonin Dvořak.

Um 15 Uhr 08, also nach 28 Minuten der Rast, tutet sie erneut. Diesmal zum Einsteigen. Langsam tröpfeln die Passagiere ein und begeben sich in den Waggon - auf zur Rückfahrt nach Jindřichův Hradec! Bei der nächsten Station werden die beiden Wanderer wieder aufgenommen, die sich während der Herfahrt kurzfristig absentiert haben. Weit dürften sie nicht gekommen sein. Die Mannschaft ist also wieder komplett.

Wieder fährt der Zug durch den Wald, wieder schließen sich die Wipfel der Bäume über uns, wieder tauchen die Sonnenstrahlen durch das Dickicht der Fichten. Na gut, das sieht man, wenn man zum Fenster hinausschaut. Aber was befährt der Zug noch? Vielleicht die Nahtstelle von Einerseits und Andererseits? Einerseits erreicht man in absehbarer Zeit kein Ziel. Andererseits fällt die Aufmerksamkeit umso trefflicher auf die Fische in den böhmischen Teichen und die Schwammerl in den Mischwäldern, und als Motto ist in einen alten Stamm eingeritzt: "Der Weg ist das Ziel".

Ich reibe mir die Augen und dehne mich in meinem kleinen Abteil. Offenbar bin ich auf der Rückfahrt eingeschlafen. Ich blicke in die Runde. Auch das Enkerl döst auf dem Schoß der Großmutter. Die Wanderer haben sich auf ihren Rucksäcken ausgestreckt. Und die gleishüpfenden Kinder schlummern, eingekeilt zwischen ihren Eltern. Im rhythmischen Rumpeln und Knarren des Waggons schläft es sich besonders gut.

 

Bei der nächsten Station steige ich als einziger aus, um frische Luft zu schnappen. Ich schlendere zu den Güterwaggons. Auf einmal sind die Schiebetüren fest verschlossen. Ich wechsle die Seite. Auch hier gibt es keinen Zweifel: Die Türen sind zu.

Jetzt weiß ich auch, warum. Die Zeit ist da eingesperrt. Das Schloß ist ausbruchsicher verriegelt, die Luken im Dach sind dichtgemacht, die Ritzen im Gebälk zugestopft.

Die Zeit ist eingesperrt, und sie kann nicht vergehen.

Beppo Beyerl

Kommentare_

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Dr. Trash - 10.02.2011 : 11.12
Eine wunderschöne Geschichte - wenn ich auch einmal was Nettes sagen darf. Bitte mehr davon!
Alban Sturm - 10.02.2011 : 21.07
Ich darf mich den Worten des Vor-Kommentators anschließen. Auch wenn ich vermutlich nie in der Lage sein werde, die Ortsnamen richtig auszusprechen: Der Text hat mir große Freude bereitet.
Apropos, die Herren: Wann würdigt hier endlich jemand Herzmanovski-Orlando?

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