Musik_Nine Inch Nails - Year Zero

Reznors Dystopia

Auf dem fünften und erstaunlich rasch fertiggestellten NIN-Studioalbum erfindet Trent Reznor eine beängstigende Anti-Utopie der USA - die in Wahrheit aber nur noch einen Katzensprung entfernt ist.    21.05.2007

Schon merkwürdig: Als die Nine Inch Nails Ende März 2007 in Wien gastierten, hatte Trent Reznor zwar bereits eine neue Platte in der Tasche, spielte aber kaum einen der neuen Songs live. Dieses äußerst ungewöhnliche Verhalten wird nur dann verständlich, wenn man die virulente Desinformationstaktik betrachtet, mit der das Mastermind selbst die Marketing-Maschine für "Year Zero" anwarf.

Seit Februar wurden im Internet bereits zahlreiche Hinweise auf eine im Jahr 2022 stattfindende Verschwörung gestreut oder nach NIN-Konzerten USB-Sticks mit Song-Fragmenten verteilt. Auf den Datenträgern waren zusätzlich weitere URLs und Telefonnummern versteckt, durch die man dann in bestimmten Chat-Foren oder auf Anarcho-Sites landete. Nach und nach tauchten immer mehr solcher Homepages auf, die auf die eine oder andere Weise auf den äußerst komplexen Inhalt von "Year Zero" verwiesen - ein klandestines Netzwerk, extra angelegt, um das neue Album einzuläuten.

Die clevere Rechnung ging auf: Bis zum offiziellen Release-Datum wuchs die Spannung bei Fans und Eingeweihten in schier unermeßliche Höhen. Und das unruhige Warten hat sich gelohnt: "Year Zero" ist das erste politische Album, das Reznor je geschrieben hat. Nach einer längeren privaten Flaute und dem enttäuschenden "With Teeth" (2005) gelingt es ihm damit endlich, sich selbst aus dem drohenden Sumpf der Bedeutungslosigkeit zu ziehen.

Das neue Werk ist die brillante musikalische Umsetzung einer negativen politischen Utopie. Angesiedelt in den USA im Jahr 2022, beschreibt es einen totalitären Staat, der nach einem langjährigen Religionskrieg von der evangelikalen Rechten installiert wurde. Reich und Arm sind strikt getrennt, legale Tranquilliser wie "Parepin" und "Opal" helfen den Behörden, die Kontrolle über die manipulierten Menschen zu bewahren. Das alles geschieht im Namen eines Gottes, der von den orthodoxen Fundamentalisten gnadenlos für ihre eigenen Interessen mißbraucht wird. Der Diktatur steht eine wachsende Untergrundbewegung gegenüber, die emsig bemüht ist, das Regime auszuhöhlen. Das Cover-Artwork von Rob Sheridan verdient hier besondere Beachtung, ist es doch die "visuelle" Inhaltsangabe des politischen Konstrukts, das diesem Tonträger zugrundeliegt.

Das Videostandbild auf dem Cover zeigt eine verschwommene Riesenhand vor eine Bergkette greifen, aufgenommen aus der Fahrerkabine eines Wagens. Vielleicht ist dies die Hand Gottes, die am jüngsten Tag wie ein "Twister" in Erscheinung treten wird. Öffnet man das in Form eines Tryptichons angelegte Digipak, fällt der Blick sofort auf die links abgebildete Hand, die die Bibel hält. Gegenüber, auf der rechten Seite, ist wiederum eine andere Hand zu sehen, die eine Maschinenpistole hält. Die Verbreitung der eigenen Religion mit Gewalt ist ja nicht nur islamistischen Fundamentalisten vorbehalten ...

Halt! Das Buch, auf dem hier "Bibel" draufsteht, kann in Wahrheit keine sein - dazu ist es viel zu schmal; auf der Seitenanzahl ginge sich bestenfalls der halbe Psalter aus. Hier stimmt eindeutig etwas nicht. Wer besitzt schon die Frechheit, die Bibel zu beschneiden, sie gar zu zensurieren? Vermutlich dieselben Institutionen, die die auf der Rückseite des Digipaks dargestellte Mauer erbaut haben. Es ist eine Mauer, die Arm und Reich trennt. Links stehen die gesunden Häuser der wohlhabenden Bürger auf einem Hügel, gekrönt von einer kleinen Kirche. Rechts im Tal: der Dreck, die Fabriken, die Schlote; Baracken, eingeschlagene Fenster, Scherben. So eine Mauer errichten die US-Truppen gerade in Bagdad, dort allerdings aus einem anderen Grund. Derartige Querverweise auf die Gegenwart begegnen uns auf der Reise durch Reznors Dystopia immer wieder.

Spätestens jetzt eröffnen sich viele Parallelen zu bekannten politischen Anti-Utopien des 20. Jahrhunderts. Dazu zählen Literaturklassiker wie "1984" (George Orwell), "Brave New World" (Aldous Huxley), "Fahrenheit 451" (Ray Bradbury) oder Kinofilme von "Gattaca" bis "Matrix". In der Musik findet man ähnliches unter anderem bei Pink Floyd ("The Wall"), Mark Stewart ("As the Veneer of Democracy Starts to Fade") und Human League (besonders "Circus of Death")

"1984" und "Fahrenheit 451" stehen ohne Zweifel für die von Michel Foucault beschriebene Disziplinargesellschaft; ihre musikalische Entsprechung findet diese in "The Wall" und "As the Veneer ..." Der viel modernere, obwohl früher geschriebene Roman "Brave New World" verweist hingegen auf die heute überall anzutreffende Kontrollgesellschaft. In Orwells und Bradburys Zukunftsentwürfen kämpft ein totalitärer Polizeistaat noch gegen die okkupierte Bevölkerung, bei Huxley ist die Bevölkerung schon seit Generationen in ein mild-repressives System hineingewachsen und merkt selbst nicht, wie sie ferngelenkt wird.

 

Hier setzt Reznor an, denkt weiter und erkennt: Der Feind ist nicht mehr außen, sondern in unseren Köpfen. Zum ersten Mal überhaupt setzt der NIN-Mann auf politische Bildung statt auf Selbstzerfleischung und Herzeleid. Man hat geradezu das Gefühl, daß irgendetwas passiert sein muß, als er die vergangenen paar Jahre durch Amerika tourte. Reznor gefiel wohl gar nicht, was er da zu sehen bekam. Also liefert er auf "Year Zero" viel Zündstoff für zivilen Ungehorsam, anstatt sich wie zum Beispiel auf "The Downward Spiral" und "With Teeth" ausschließlich in ungesundem Weltschmerz zu ergehen.

Musikalisch ist "Year Zero" ebenfalls viel weiter entwickelt als "With Teeth". Das Vorgängeralbum war statisch und ungelenk, das neue ist bombastisch, messerscharf und präzise. Kein Zweifel: Es zeigt Reznor auf dem späten Zenit seines Schaffens. Rocksongs darf man sich aber nicht erwarten, vielmehr setzt der Künstler auf harsche HipHop-Beats Tackheadschen Zuschnitts - traditionellerweise das ideale Transportmittel für antiimperialistische Propaganda. Kombiniert mit Stromgitarren-Outbursts, die an Schneidbrenner oder Zahnarztbohrer erinnern, erzeugt er ein brutales Minenfeld. Die mittels digitaler Distortion radioaktiv verstrahlten Riffs erinnern mitunter an Japnoise-Heroen wie Merzbow oder Masonna. Elektrostatische Entladungen sorgen zusätzlich für beunruhigendes Knistern.

Das Sound-Design von "Year Zero" allein ist schon atemberaubend: 3D-Surround und Mega-Headroom ohne Ende. Die Beats sind so fett, daß man sich selbst bei Zimmerlautstärke sorgen um die Baßmembran der Boxen machen muß, und der Lautstärketrick am Ende von "The Great Destroyer" ist tontechnisch wie physikalisch ein echtes Wunder - braucht man doch eine Verzehnfachung des Schalldrucks, um eine doppelte Lautstärke zu erzeugen. Die Boxen gehen scheinbar über, als würde flüssiges Metall auf eine glühende Herdplatte prasseln. Ein Leiserdrehen des Verstärkers hilft übrigens nicht.

Reznors Lyrcis sind eine eindringliche Warnung, ein Aufruf, nicht alles zu glauben, was die Medien vorkauen, ja, mehr noch: Man soll auch nicht glauben, was man selbst zu glauben gewohnt ist. So wettert er in der Rolle eines einstigen Wählers über George Bush den Jüngeren ("Capital G"). Statt primitivem Bush-Bashing wirft er sich selbst vor, ihm geglaubt zu haben: "I pushed the button and elected him to office/He pushed the button and he dropped the bomb". Auch der Soldat ("The Good Soldier") ist sich nicht mehr sicher und spricht sich selbst Mut zu: "Cause God is on our side/I keep telling myself." Typischerweise ist auch Gott selbst Stammgast auf Reznors Battlefield Earth, und beim Zählen des beliebtesten NIN-Zitats "Down on your knees" gehen einem die Finger aus. Diese Stilelemente und das gelegentlich nebelartig auftauchende Klavier sowie die das Album abschließende Ballade "Zero Sum" sind die einzigen Verbindungen zu früheren NIN-Alben wie "The Fragile".

Trent Raznor schafft es auf der neuen CD, seine perfide politische Utopie mit zeitgemäßem Industrial-Chic zu verbinden. Die meisten Songs sind superhart, ohne schnell zu sein, die verschwommenen und teilweise geflüsterten Intermezzi bieten kaum Zeit für Erholung. Seid wachsam!

Ernst Meyer

Nine Inch Nails - Year Zero

ØØØØØ


Interscope/Universal (USA 2007)

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Kommentare_

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Dragan - 30.05.2007 : 19.56
Lieber Ernst, du kannst ja schreiben! und das gut auch noch. Trotz Kollegenschaft oder gerade deswegen (?) hat mir dein Einblick in NINs politisches Seelenleben ausnehmend gut gefallen. Danke!

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