Print_Gedenken an einen Schriftsteller
Epitaph für Norbert
Er war einer der wenigen österreichischen Autoren, die unbeirrt ihren eigenen Weg gingen: Norbert Silberbauer hatte keine Lust zum Verhabern und biederte sich bei niemandem an. Am 9. Mai wäre er 50 Jahre alt geworden - und am 6. Juni jährt sich der Tag seines Freitodes zum ersten Mal. Sylvia Treudl erinnert sich für den EVOLVER an den Weggefährten und Literaten.
14.05.2009
Als ich zwei Hunde, große Tiere mit verschlafenem Blick, in der Schilterner Kellergasse bei unserer alljährlichen Veranstaltung "Literatur in der Kellergasse" glücklich mache, für die Dauer eines einmaligen und den Bruchteil einer Sekunde währenden Schnapp, weil mir die Hühnerschnitzelfrau im Hühnerschnitzelparadies irrtümlich gleich zwei Portionen von gebackenem Putenzeug eingepackt hat am Kremser Bahnhof, bist du schon tot.
(Immer, und das schon länger, und das wird auch so bleiben, immer jetzt, wenn ich so entsetzlich unmißverständlich mißgeleitete Worte treffe, stehst du neben mir und lachst. Das war eine deiner vielen Sprachspezialitäten: aufzudecken, wo die Sprache den Kurs verloren hat, weil die Depperei das Kommando übernimmt. Manchesmal habe ich so ganz besonders schwarze Bonmots für dich gesammelt. Ein "Schnitzelparadies" ist hart an der Grenze. Aber es geht ja auch noch besser: Auf einem meiner Wiener Trampelpfade gibt´s so eine fettstinkende Bude, die sich mit niedlichen Fotos von Enten- und Hühnerküken gar als "Hühnerparadies" ausweist. Die Hühner und Enten sehen das womöglich anders.)
Ich bin jedenfalls an diesem frühen Abend auf Literatur mit Witz und Biß, unterlegt mit Quetsch´nmusik der Sonderklasse, und auf Wein von den ansässigen Bergwinzern eingestellt. Fröhlich und ein bißchen übermütig waren wir. Wie es halt so geht, am Ausklang der Veranstaltungssaison des ersten Halbjahrs, wenn vor der Sommerpause zwar immer noch mehr als genug Unerledigtes auf den Schreibtischen lümmelt, die Arbeit aber ein bissl auszufransen anfängt Richtung der langen Sommerabende, das begehrliche Schielen nach einer längeren Auszeit beginnt. Meine Auszeit, die ich seit Jahren im Weinviertel nehme. Im mittleren der Retzbächer. Und weil Ober- und Mitterretzbach zusammengewachsen sind, bist du mein, unser Nachbar.
Die Grillsaison haben wir in diesem 08er-Jahr bereits eröffnet. Du warst dabei. Und hast, wie fast immer, mit einem begeisterten "Hinreißend!" zugesagt zu kommen, als wir die ersten Bratwürste und Geflügelfilets aufgelegt haben. Spargel gab´s auch. Und weil mein Mann den nicht besonders schätzt, haben wir beide uns halt dieses fade, überschätzte und meist überteuerte Gemüse geteilt - um gemeinsam zu dem Schluß zu kommen, daß uns eigentlich ein paar Weinviertler Zucchini lieber sind, also gut, Thema Spargel abgehakt.
Als ich mich gegen Mitternacht, nach der Veranstaltung in Schiltern, in meiner Lieblingspension in Stein - sehr müde, ohne noch den Fernseher einzuschalten, ohne zu lesen, ohne das Licht anzulassen, was ich gewöhnlich tue, weil ich die Geister fürchte, in etwas begebe, das ich in dieser Nacht noch als Todmüdigkeit bezeichnet hätte, schläfst du bereits den ganz großen Schlaf.
Als mich am selben Tag, Stunden vorher, ein Mail aus meiner Vergangenheit erreicht, das mich irritiert, schüttelt, freut auch, aber ganz vorsichtig nur, weil ich aus gutem Grund mit dieser Vergangenheit angeschlossen habe, ist schon etwas aus dem Tritt geraten. Ich konstruiere keine Koinzidenzen. Ich bin keine Esoterikerin. Es ist nur etwas seltsam geworden - an und mit diesem Tag.
Als ich das Mail öffne, bist du noch am Leben. Kurze Stunden noch. Vielleicht trinkst du in Znaim grade deinen zweiten Schnaps. Während ich irritiert, leise verunsichert, lese, was mir ein Freund aus lang vergangenen Zeiten mitzuteilen hat. Niemals hab´ ich dich Schnaps trinken sehen. Gut, daß du Schnaps getrunken hast, angeblich in Znaim. Eine makabre Szene baut sich in mir zusammen. Klar, das wär´s gewesen, denn wir wissen ja, wie genau die Tschechen es nehmen mit 0,0 Promille am Steuer. Genau das wär´s gewesen, angehalten zu werden von einer übereifrigen Patrouille - vielleicht grad von jener Squadra, die es nicht zuwegegebracht hat, jemanden, Stunden später, die paar Kilometer weiter weg, auf einem anderen Hoheitsgebiet, ein paar lächerliche Kilometer weiter, im Österreichischen halt, zu informieren. Über deinen Tod. Über dein verwaist dastehendes Auto mit dem österreichischen Kennzeichen. Über deinen zerschmetterten Körper, den ich mir nicht vorstellen will. Du warst immer so ein schöner Mann. Bleibst es für mich auch. Du hast wirklich abgeschlossen. Es war dir egal, wie du den Übertritt machst. Schönheit als lächerlich vergängliche Kleinheit. Wie viel Tschechisch hast du verstanden? Man hätte dir jedenfalls deutlich gemacht, daß du auszusteigen hast, hätte man dich angehalten. Köstlich. Die hätten gemeint, aus dem Auto, du hast etwas Endgültigeres gemeint. Pani Silberbauer, nicht mehr weiterfahren, für Sie ist hier Endstation. Last Exit. O ja.
Im nachhinein fällt mir der dramatische Titel "Als wir schliefen" ein zu deinem Weggang. Irrtum. Und gut ist es. Du bist nicht frierend nachts im strömenden Regen auf der Staudammkrone gesessen und hast dich gesammelt für den letzten Schritt, jenen, der dich physikalisch nach unten, in Wahrheit aber in ein Draußen gebracht hat, von dem wir, die wir geblieben sind, nichts wissen. Es war eigentlich - zumindest hier, bei uns - ab Mittag sonnig. Ich hoffe, das war es in Tschechien auch.
Und dann diese Schuhe. Mein Wochenende nach der Veranstaltung war ruhig. Beschaulich. Schuhe, du weißt ja, eines meiner Themen. Als ich eine entsprechende Anthologie zusammengestellt und dich gefragt hab, ob du vielleicht mitmachen möchtest, hast du lapidar geantwortet: "Zu Schuhen fällt mir nur ein, daß man sie tragen kann." Das hab´ ich dir zwar nicht ganz abgenommen, aber mit Bedauern akzeptiert.
"Schuhe" ist ein g´scherter Euphemismus. In diesem Zusammenhang. Wenn es um diesen Montag geht. Weißt du, ich hab´ mir wieder Clogs zugelegt, für diesen 08er-Sommer. Dachte ich. Töffler, haben wir damals dazu gesagt, als wir sie in den 70ern nicht aus dem Bekleidungsrepertoire wegdenken konnten. Ich nehme an, du hast die auch irgendwann getragen. Ich weiß es nicht - wie so vieles, den Restkommentar spar´ ich mir -, jedenfalls kann ich mir dich in Töfflern vorstellen. 70er Jahre. Vielleicht sogar bis in die 80er hinein. Ich jedenfalls war eine begeisterte Clogs-Trägerin, beim Fußballspielen auf der Badewiesn, unter der Mauterner Donaubrücke war ich gefürchtet - für meine Doppelfunktion als Tormann (sic! - damals gabs keinen politisch korrekten Umgang mit der Sprache, also war ich Tormann und in dieser Zeit auch sehr bemüht, ein guter Sohn zu sein) und Stürmer. Wir waren halt nicht genug für eine richtige Mannschaft, also zahlenmäßig. In Clogs war ich unterwegs, wenn nicht barfuß gekickt wurde. Man ist mir meist freiwillig aus dem Lauf gewichen.
Und jetzt also wieder Clogs. Montagmorgen war es. Im Weinviertel. In Mitteretzbach. Fünf Minuten von deinem Haus entfernt, drei Minuten mit dem Fahrrad, die ich so gerne zurückgelegt hab´, wenn du ausnahmsweise auf Urlaub warst. Und deine Katzen Betreuung brauchten. Als du das letzte Mal auf diesem Segeltörn warst, hatte der Morgen schon eine Ahnung von Herbst unter mein Vorderrad gebreitet, am Abend vorher gab es, wenn ich mich richtig erinnere, ein heftiges Gewitter, es hatte abgekühlt, auf der Straße abgerissene, belaubte Äste, in der Luft trotzdem ein Versprechen auf einen heißen Augusttag - mit dieser bittersüßen Andeutung der tucholskyschen fünften Jahreszeit. Und auf dem kurzen Weg zu deinem Haus einer dieser selten gewordenen vollkommenen Augenblicke, wenn sich im Bauch ein Glücksgefühl überkugelt, so wie in manchen lang verwehten Sommern, die endlos schienen, unbelastet für minimale Momente, eine pudrige Duftspur im Reptiliengehirn, eine Rolle, einen Purzelbaum gedreht im Flußwasser und dabei vielleicht einen Namen gedacht, vage, nie zugegebene Ahnungen, grundlose Hoffnung, das Bewußtsein, man wäre unsterblich, das brauchte man aber nicht zu denken, nicht zu beabsichtigen, denn es war klar.
Die Zeit war ein endloses Meer, das Leben eine unvorstellbare Unendlichkeit. Die kurznächtigen Monate eine schöne Kette bunter, glatter Holzperlen, rundgeschliffener farbiger Kiesel vielleicht - nein, natürlich war es nicht so. Außer in gnadenvollen Sekunden. Die man sich leisten konnte zu verschwenden. Die man verschwendete, weil der Tod den Saum seiner Kutte noch bei sich behielt, vielleicht einmal sanft damit über die Fußknöchel gestreift hatte, als er einen kleinen Vogel mit sich nahm, den man unbedingt und mit aller Leidenschaft, die ein tierliebendes Kind aufzubringen vermag, retten wollte, den aus dem Nest gefallenen Pieper. Vielleicht hatte er auch schon das eine oder andere Mal die Knochenhand auf die blutwarme junge Schulter gelegt. Wenn der donnernde Zug schneller kam, als man beim Zehnerlpressen auf den Eisenbahnschienen vermutet hatte. Und wahrscheinlich hatte er seinen bitteren Schnitt bereits gemacht in den Reihen der Ahnen, bei Großeltern, beim Urgroßvater - aber das ging einen nicht wirklich was an. Vor dem Tod fürchtete man sich allenfalls kreischend in der Geisterbahn. Tot war nicht vorstellbar. Nicht in jener Zeit, in der man so sehr am Leben war - beinahe hätte ich gesagt: bedingungslos, aber das stimmt wohl nicht, nicht in diesem Zusammenhang und auch nicht in vielen anderen, in denen dieser Terminus gern und falsch verwendet wird. Bedingungslos ist in Wahrheit lediglich eine Kapitulation.
Aber auf diesem Weg zu dir war ich in größtmöglicher Nähe zu einem - wenn schon nicht bedingungslosen, so doch wenigstens ungerechtfertigten (watch the word!) Gefühl ungeteilten Seins. Unterlegt mit dieser leisen, fast heiter zu nennenden Traurigkeit, die möglicherweise nur die Depressiven zustandebringen. Der Sommer war noch. Es war noch nicht Zeit zu sagen, es ist Zeit, der Geselle der beernteten Felder war noch groß, auch wenn die Sonnenblumen bereits traurig und wie verbrannte Fanale auf den Feldern standen.
An diesem Montagmorgen des letzten Jahres aber war der Sommer noch in Aufbruchsstimmung, es war erst Anfang Juni, der Tag streckte sich eifrig, um noch ein bißchen größer zu werden, um am wolkengesäumten Türrahmen des Himmels noch eine Stricherlmaßeinheit wachsen zu dürfen.
Da steht man gern auf am Morgen. Vor allem, weil einem die Schwalben vor dem Schlafzimmerfenster gar keine andere Chance lassen, denn die müssen um diese Jahreszeit ab dem Morgengrauen ihre Vorhaben besprechen.
Ich seh´ mich noch da stehen, im strahlenden Junilicht, vor der Küchentür, in T-Shirt und Shorts, die neuen weißen Clogs mit der Sonne wetteifernd, und mit kritischem Blick meine noch gänzlich winterlich bleichen Beine betrachten. Gut, die Töffler waren noch weißer als diese häßlich blassen Extremitäten - aber schön hab´ ich den Anblick nicht gefunden.
Achselzuckend hab´ ich mich aufs Fahrrad geschwungen, um im Bauernladen, der sich ziemlich genau an der Grenze zwischen Ober- und Mitterretzbach befindet, Brot, Käse, etwas von dem hervorragenden Retzer Schinken und die von mir so sehr geliebten Salzgurken aus dem großen Glas einzukaufen.
Es war ein Bilderbuchtag. Geplant waren einfache Verrichtungen. Ein Tag auf dem Land. Eine Gnade für die gelernte Großstädterin. Die ja nicht dazu gezwungen ist, auch die düsteren Monate hier auszusitzen, wenn das Dorf den Nacken einzieht und sich unterm Nebel duckt.
Ich hatte meine Einkäufe schon bezahlt, war schon am Gehen. Als mich die mit schlecht verhohlener Sensationslust gestellte Frage erreichte. Was heißt: erreichte? Ich glaube, im ersten Moment hab´ ich nicht verstanden. Wie soll man auch verstehen. Ob es denn wahr wäre, daß du ... Ich weiß noch, daß ich sofort und reflexartig angefangen hab, empört zu bellen. Wie man auf so einen Schwachsinn kommen könne und woher diese Gerüchte und wieso ...?
Es konnte ja auch nicht wahr sein. Du bist ja zwei Wochen zuvor noch mit mir im nächtlichen Garten gesessen und wir haben ein entferntes Frühsommergewitter betrachtet und uns über Literatur im besonderen und die Welt im allgemeinen unterhalten. Und du hattest mich abgeholt in Sigmundsherberg, weil ich kein Auto zur Verfügung hatte, und du hast mir wiederholt versichert, ich bräuchte dich nur anzurufen, wenn ich "einen Chauffeur" benötigte, und noch ein paar Wochen weiter zuvor hast du mich von meinem Hoftor bis zum Bahnhof in Retz gebracht und auch noch auf einen Kaffee eingeladen, weil noch so viel Zeit war bis zur Abfahrt und du sowieso zu den pünktlichsten Menschen zählst, die ich kenne, und außerdem hatte ich wahrscheinlich an diesem Tag wieder vor, deine Freundlichkeit zu bemühen, weil mein Mann schon vor mir nach Wien mußte und ich noch ein wenig länger Zeit im Weinviertel verbringen wollte, um erst abends nachzukommen, mit dem Zug, und da hätte es sich doch, wie so oft, angeboten, noch einen Kaffee gemeinsam zu nehmen, und auf meine Bitte hättest du wie immer geantwortet "Kein Problem" und wie konntest du da ... wie sollte es da möglich sein, daß ... und warum hättest du ... und das hätte doch jemand wissen müssen, wenn du einen Grund, was für ein Unsinn ... und es war einfach nicht möglich. Nicht glaubhaft. Nicht vorgesehen.
Ich sehe mich auf meinen blassen Winterbeinen aus dem Laden stolpern. Empört. Verunsichert. Voller Angst in Richtung deines Hauses schauen. Dem Impuls, sofort die paar Meter zu dir hinzuradeln, mir möglicherweise deinen kurzfristigen Unmut zuzuziehen, weil ich dich eventuell wecken würde, falls du nicht unterrichten mußt, und falls du in der Schule bist, muß ich eben auf der Stelle dort anrufen, dich zu sprechen verlangen, dir meine Empörung über die dummen Gerüchte mitteilen, mich überzeugen davon, daß es dir gut geht, daß du keinen Unfall hattest, daß deine Bandscheiben nicht wieder einmal verrückt spielen, diesem aus vielen schnellen Splittern zusammengesetzten Impuls nur deshalb nicht nachzugeben, weil da, vor dem Bauernladen, neben dem Auto, mein Mann steht, der noch meinen Einkauf abwarten will, bevor er losfährt. Er steht da und telefoniert. Er sieht mich nicht, als ich hektisch auf ihn zulaufe, ihn unterbrechen, zum Auflegen nötigen will, denn egal, was er da gerade zu besprechen hat, ich habe dringendere Nachrichten, ich habe Aufgebrachtheit abzuladen, ich muß ein geschmackloses Gerücht abwerfen wie eine stinkende Decke, ich will hören, daß er verächtlich "Blödsinn" sagt, wenn er nicht auf der Stelle sein Gespräch beendet, dann renne oder radle ich ohne Erklärung zu deinem Haus, die paar Meter, nach denen du mir öffnest und lachst und eine sarkastische Bemerkung übers Mauscheln und übers Totsagen machst. Und dann schau´ ich meinem Mann ins Gesicht. Und er ist grau im Gesicht und schaut zurück, ohne mich wirklich zu registrieren. Und ich lasse meine Einkäufe auf die Bank fallen, die da steht, um erschöpfte Radfahrer zum Rasten einzuladen. Und während mir Tränen aus den Augen rinnen, ohne daß ich dazu das passende Gefühl hätte, weil ich ganz taub bin und plötzlich wieder wie von gegenüber meine blassen Haxen und die viel zu weißen Clogs sehe, weiß ich, daß mein Mann gerade von irgendjemandem bestätigt kriegt, daß es wahr ist.
Ich habe die weißen Töffler in diesem vergangenen Sommer nicht getragen.
Mittlerweile kann ich es. Ganz vorsichtig. Und ganz bewußt. Es sind meine Trauerschuhe geworden. Jedesmal, wenn ich hineinschlüpfe, das immer noch steife Oberleder über den Rist raspelt, denke ich an dich. Oder besser: dann auch.
In den ersten Wochen nach deinem Weggehen habe ich schlecht geschlafen und viel nachgedacht. Wir sind derselbe Jahrgang. Und plötzlich hatte der Tod, der in deinen Stücken so vielschichtig, so voller Schwarzwitz daherkommt, nur noch eine einzige Komponente - das Ende. Auch das eigene.
Die ganze Palette an "normalen" Emotionen ist an meiner Bettkante gesessen. Die Untröstlichkeit, der Zorn auf deine Krankheit, die Hilflosigkeit, das Nagen, das flüstert: Du hättest vielleicht dies und jenes noch tun, noch sagen müssen, die Larmoyanz, daß du nicht mehr dabei sein wirst, wenn mein Mann und ich unseren 10. Hochzeitstag feiern - wie kannst du nur, du, als Trauzeuge!
Und immer wieder die Leere, die uns alle anspringt, wenn wir an deinem Haus vorbeikommen und dein Auto nicht davorsteht, die Empörung, wenn ein anderes, auf den ersten Blick ähnliches dunkelblaues Vehikel vor deinem Haustor parkt, die Traurigkeit beim Passieren deines Stammcafés am Retzer Hauptplatz, der automatisch suchende Blick, ob du nicht doch, wie immer am Samstagvormittag, hier deinen Kaffee trinkst.
Ob du dich von deinen Katzen verabschiedet hast, hab´ ich mich gefragt. "Katze" und "Kater" hast du sie genannt, als wäre eine differenziertere Namensgebung schon zu viel Nähe oder kindisch oder was weiß ich. Folgerichtig wurde Katz Nummer drei, ein halb verrecktes Vieh, das du auf der Straße aufgelesen und ohne viel Wirbel drum zu machen zum Tierarzt gebracht und anschließend aufgenommen hast, einfach "Findel" gerufen.
Als ich "Findel" in deiner Erzählung über den Hochmut wieder getroffen hab´, mußte ich lächeln. Es war nicht nötig, sich über hochgestochene Namen oder sentimentale Attitüden zu deinen Weggefährten in Beziehung zu setzen, du hast das anders gelöst. Und in meinem Lächeln schwammen Tränen mit bei der Lektüre. Du hast eine der schönsten Geschichten über die Demut geschrieben, die ich kenne, in diesem Text über den Hochmut.
Ich weiß nicht, ob du den Katzen erklärt hast, warum du gehst. Es ist nicht wichtig. Sie werden verstanden haben. Sie werden tagelang, bei all deinen Verrichtungen, deinem Ordnen deiner Angelegenheiten, beim Verfassen deiner letzten Anweisungen, Wünsche, verstanden haben. Findel war da längst nicht mehr dabei. Du hast sie vor geraumer Zeit einschläfern lassen. Sie war krank, hatte Schmerzen. Ein Tier läßt man nicht leiden. Du hast es mir auf meine Nachfrage damals beinahe kühl erzählt. Aber damals hatte ich die Geschichte noch nicht gelesen ...
Ein Jahr. Fast ein ganzes Jahr ist es nun her. Ich hätte gerne mit dir gemeinsam 100 Jahre gefeiert im Jahr 2009. Und würde gerne, sehr gerne auch diesen Sommer wieder mit dir nachts im Garten sitzen, zu zweit oder mit Freunden vorm Grill, beim Brunch - plain pleasures und stille Gespräche und hitzige Diskussionen.
Ein Jahr, fast ein Jahr nach deinem Weggang werde ich diesen Sommer häufig meine Trauerschuhe im Garten tragen. Nicht zur Gartenarbeit, dazu müssen andere Modelle herhalten.
Ich werde die schöne italienische Schüssel mit den plastisch herausgearbeiteten Oliven, die du mir als reizendes Dankeschön fürs Katzenversorgen aus einem deiner Urlaube mitgebracht hast, behutsam in den Garten tragen, zum gedeckten Tisch im Stadel, von wo aus man einen schönen Blick auf den prächtigen gelbblühenden Strauch hat - ein Ableger aus deinem Garten -, du weißt schon, als wir da ein kleines Stück abgestochen haben, haben wir deinen Spaten ruiniert, einfach den etwas angemorschten Stiel zerbrochen, und werde dich zum Essen bitten, denn für dich ist immer ein Platz reserviert, so wie das der Brauch war, wenn Freunde eingeladen wurden: Es kommen diese und jene zum Essen - und der Norbert. Ein Mantra der Freundschaft. Es wird Zucchini, feldfrischen Salat und Pasta mit Ruccola-Pesto geben. Ich habe nichts vergessen.
Sylvia Treudl
Kommentare_
Ein wunderschöner Nachruf. Ich habe NS nicht gekannt, nun hätte ich ihn gern gekannt. Er ruhe in Frieden. WG
Ein schöner Nachruf.