Wladimir Kaminer - Karaoke
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(Photo © Christian Thiel)
Manhattan/Goldmann (München 2007)
Wieder einmal sitzt der "Russendisko"-Autor an den Reglern und schickt mit seinem Erzählband "Karaoke" ein musikbegeistertes Publikum in die Sphären des Punk-Humors. 03.03.2008
Jeder Nichtjapaner scheut es: das Karaoke-Singen.
Bei Wladimir Kaminer, dem russischen Wortgiganten aus Berlin, ist genau das Gegenteil der Fall. Er betitelt sein neues Werk mit eben diesem Unwort. "Karaoke" ist ein Band voll kurzer Geschichten, der eine transkontinentale Brücke zwischen den karaokesüchtigen Japanern und den karaokephoben Berlinern schlägt: In jeder der Erzählungen geht es um Musik - besser gesagt, um östlich angehauchte Musikkultur im nährstoffreichen Boden für urbane Subkulturen, also Berlin.
Kaminers erzählerisches Talent wurde schon in seinem ersten Kurzgeschichtenband "Russendisko" ersichtlich. Darin treibt er skurril verzerrte Anekdoten aus seinem Immigrantenleben in betonter Coolness auf die Spitze. Dem kommerziellen Greifarm der Pop-Literatur enteilte er, indem er die Kommerzialisierung seines Werks selbst in die Hand nahm, aus "Russendisko" eine Marke machte und deren Image auf zahlreichen Lesungen durch anschließende DJ-Auftritte weiter verbreitete.
Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der russische Autor DJ wurde. So formuliert es Kaminer jedenfalls selbst im "Vorwort zum Handbuch eines DJs" und zieht eine Parallele zwischen seiner Schreibtätigkeit und dem Auflegen von Platten. Und tatsächlich ist "Karaoke" ein intermediales Gesamtkonzept, in dem jeder einmal ins Mikro jaulen darf. Die Tracklist setzt sich aus elf Stücken zusammen, und nach dem Vorwort/Intro folgen schwungvolle Erzählungen, deren Thematik von Liebe bis Krieg, von Sehnsucht bis Schmerz alles abdeckt.
Mitleid empfindet der Leser zum Beispiel in der Geschichte "Die Kosmonauten", in der sowjetische Zahnärzte mit Hammer und Sichel ihre Genossen verwöhnen. In "Schlechte Vorbilder", der zweiten Erzählung des Buches, kurbelt Kaminer die Phantasie der Leser an: Eine Reisegruppe aus Sachsen versucht eine halbnackte Reisegruppe aus Spanien kennen zu lernen, die Biergläser, Zigaretten und Photoapparate an ihren Unterhosen befestigt hat, um beim "Tanz in den Mai ohne Polizei" mehr Armfreiheit zu gewinnen.
Der Berliner Russe vereint in gewohnt nüchtern-komischer Manier Stories über seine erste große Liebe - einen Kassettenrekorder der Marke "Romantiker 306" - mit kulturphilosophischen Grundsätzen aus Ost und West zu einer trunken-flippigen Melange, in der alle Grenzen fließend sind. Dabei spielt die kosmonautische Schwerelosigkeit der Musik eine bedeutende Rolle. Viele Jugendliche versuchten in der Sowjetunion dem tristen Alltag zu entfliehen, was entweder den Berufswunsch Kosmonaut förderte oder zur Gründung von Punkbands führte. In diesem Zusammenhang läßt der Schriftsteller seine postsowjetische Lieblings-Punkband Leningrad für sich sprechen:
In jedem von uns
Steckt irgendwas
Wie ein unendlicher Kosmos,
Aber zum Fliegen
Fehlt die Rakete,
Darum hol das Bier
Und Zigaretten!
Kosmos, Kosmos ...
In der Tat sind Kaminers Darstellungsmittel eben die eines gelungenen, ostatmosphärisch durchzogenen Punk-Songs. Der Autor baut seine Kurzgeschichten gnadenlos geradlinig auf und setzt den pointierten Schlußakkord mit großem Getöse. Beim Umblättern der Seiten steigt unweigerlich Wodkadunst zwischen den Zeilen hervor; wahrscheinlich lacht man auch deswegen unentwegt beim Lesen.
"Karaoke" bietet aber auch für Antialkoholiker und Klassik-Fans unendliche Schmunzler und Lacher. Wladimir Kaminer huldigt schulterklopfend der Musik als schönster Nebensache der Welt und legt einen roten Teppich, der auf russischer Erde und Seele von Berlin bis Tokio reicht. Und das ganz ohne Pathos oder Raketenantrieb ...

Wladimir Kaminer - Karaoke
ØØØØ
(Photo © Christian Thiel)
Manhattan/Goldmann (München 2007)
Wieder einmal sitzt der "Russendisko"-Autor an den Reglern und schickt mit seinem Erzählband "Karaoke" ein musikbegeistertes Publikum in die Sphären des Punk-Humors.
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