Stories_Mit Jörg Fauser auf der Piste I

Der Tequila kommt heute gut

Der Alexander Verlag würdigt den verstorbenen deutschen Krimiautor mit einer Werkausgabe. Martin Compart war seinerzeit mit ihm auf literarischer Zechtour.    07.03.2005

Heute gehe ich nicht trinken.

"Ich auch nicht."

Mann, das war gestern zu hart.

"Ich brauch mal 'ne Pause."

Mir wird schlecht, wenn ich nur an Bier denke.

"Das war vielleicht auch eine Dreckspisse in dem Laden da."

Am Savignyplatz?

"Nee. Davor. Wo wir davor waren."

Engelhardt oder so ähnlich.

"Pisswarm."

Ekelhaft.

"Dabei lief es. Können in Berlin einfach kein Bier kühlen."

Und brauen erst recht nicht. Kindl ...

"Da muß man dann bis zum Stutti latschen, um ein vernünftiges Warsteiner zu kriegen."

Weltstadt.

"Ist doch peinlich. Stell Dir vor, du kriegst Besuch von wichtigen

Biertrinkern."

Weißt du nicht, wo du mit denen hingehen sollst.

 

"In München habe ich fast nur Dunkles oder Wein getrunken. Das normale Helle war auch nicht mein Fall."

Außer in der Blauen Nacht.

"Ha, ha, ha."

Ha, ha, ha.

"Die Blaue Nacht. Du meine Güte! Wo du dich rumgetrieben hast ..."

Kennst du doch selber. Jetzt sag mir nicht, nur vom Vorbeigehen.

"Da war ich höchstens dreimal drin. Ich hatte ganz andere Bummskneipen drauf."

Weissbierkeller?

"Härte zehn. Mein bißchen Geld hatte ich in den Socken, damit es mir keiner klaut."

Die Kellner sollen K.O.-Tropfen reingeschüttet haben.

"Wie im Donisl."

Bei mir nich.

"Nee."

Bin immer vorher k.o. gegangen.

"Ha, ha, ha."

Hi, hi, hi.

"Scheiß Sauferei."

Immer saufen.

"Mir reicht's erstmal."

Aber wirklich.

"Ich geh heute mal früh ins Bett."

Mal richtig auspennen. Dann ist man wieder richtig fit.

"Caesar hat gesagt, mit dreißig soll man den Wein verlassen."

Ich fand Caesar nie so toll.

"Was die Erzählerperspektive angeht, ist er ein direkter Vorläufer von Ellery Queen."

Hi, hi, hi.

"Wo hast du eigentlich diesen scharfen Anzug her?"

Welchen?

"Den du auf der Vertreterkonferenz anhattest. So silbern-blau ..."

Aus England.

"Dachte ich mir, daß du sowas hier nicht kriegst. Scharfes Teil."

Zieh ich gerne an bei Vertragsverhandlungen.

"Glücksbringer?"

Quatsch. Wenn du dich als Autor verkaufst, mußt du wie ein erfolgreicher Geschäftsmann aussehen.

"Verstehe."

Ich glaub, ich geh nach Hause.

"Die Bleibtreu runter?"

Aber ich geh nich in diesen Scheißladen.

"Bist du verrückt? Im Leben nicht."

Savignyplatz. In diesem Rondell sind wir schon ganz schön rumgeturselt.

Kenne jeden Milimeter Kneipenboden.

"Im Zwiebelfisch ist noch nichts los."

Um diese Uhrzeit nie.

"Laß uns mal kurz in die Dicke Wirtin gucken."

Aber nur kurz.

"Ein Wasser. Oder 'ne Cola."

Um Wasser zu trinken, muß ich nicht in 'ne Kneipe gehen.

"Nehmen wir ein Bier. Aber nur eins."

Höchstens.

"Die haben auch Guiness."

Nee. Heute nicht.

"Irgendwie zu muffig. Lieber was Frisches. Was Leichtes."

Guiness haut immer so rein.

"Aber das Bier bei denen ist auch nicht gerade das Wahre."

Eines werde ich schon runterkriegen.

"Eben."

Genau.

 

"Zwei Guiness."

Was macht Achim?

"Der spinnt."

Hat er deine neuen Texte schon ...

"Rumgemäkelt. Der eine ... du weißt schon ..."

Der mit ...

"Ja. Ist ihm zu düster. Am Ende des Tunnels muß immer ein Lichtlein brennen."

Ein was?

"Hoffnung. Ein Hoffnungsschimmer soll glühen."

Damit er wieder in die ZDF-Hitparade kommt.

"So ungefähr."

Nicht ganz dicht. Am Ende des Tunnels muß ein Lichtlein brennen.

"Wenn ihn da mal nicht der entgegenkommende D-Zug erwischt."

Ha, ha, ha.

"Hi, hi, hi."

Hast du schon die neue Stones gehört?

"Ja! Mehrfach! Wo Jagger das immer herholt ..."

Ziemlich harte Texte auf "Undercover". Böse und metallisch.

"Was mich an Jagger immer wieder fasziniert, ist die Souverenität mit der er sein Material beherrscht."

Na, die Musik ist auch nicht von Pappe. Das härteste Stones-Album seit langem.

"So schlecht ist Guiness gar nicht."

Gehaltvoller als das Bier. Ich hab heute auch noch nichts richtiges gegessen.

"Im Guiness ist alles drin, was der Körper so braucht."

Gehaltvoll.

"Wir können ja gleich noch gegenüber 'ne Wurst essen."

Mal sehen.

"Eins nehme ich noch. Ist ja noch früh."

Noch nicht mal dunkel.

"Für mich ist "Undercover" eine ihrer besten Platten."

Deswegen verkauft sie sich auch schlechter.

"Wirklich?"

Erfüllt nicht die Erwartungen nach "Tattoo You". Aber schließlich können sie es sich leisten, auch mal ne Scheibe für Leute wie uns zu machen. Leute die erkennen, wie souverän Jagger mit seinem Material umgeht.

"Souverenität ist die Voraussetzung für Professionalität."

Eins geht noch. Ganz in Ruhe. Kein Drucktanken.

"Ein gepflegtes Guiness und ein zivilisiertes Gespräch."

So muß das laufen. Nicht immer dieses reinballern und bis in den Morgen rumziehen und quatschen.

"Die Gespräche waren gut."

Sind sie immer. Egal wie voll wir sind. Kommt immer was bei raus. Du kannst dir das wenigstens alles merken. Ich vergesse ja das Meiste.

"Gehört zum Job."

Genau. Ein Schriftsteller muß sich was merken können und einprägen. Alles wird gut.

"Die schlimmsten Sachen habe ich weggelassen."

Denk ich mir.

"Das war eine wirklich harte Zeit."

München ist viel härter als Berlin, wenn du kein Geld hast.

"Das wollen die nur nicht glauben."

Die in ihrer ummauerten Sozial-WG.

"In München kämen die ganz schön unter die Räder."

Kannste laut sagen. Da kommen nur die ganz harten Vögel durch.

"Eins geht noch."

Klar. Ich nehme auch einen Tequilla dazu.

"---"

Mir ist irgendwie komisch im Magen. Aber auf zwei Guiness geht ein Tequilla. Da haut der nicht so rein.

"Das ist richtig. Ich nehme auch einen. Ist das beste für den Magen."

Ätzt alles weg.

"Medizin. Wie eine Kalaschnikov."

Noch zwei. Und zwei Tequilla. Den weißen.

"Die haben auch den braunen."

Ich weiß. Aber mir ist der weiße lieber.

"Härter. Ehrlicher."

Prost.

"Cheers."

 

Der kommt jetzt aber gut.

"Baut auf."

Mach nochmal zwei.

"Ist ja noch früh."

Als ob wir nicht mal zwei Tequilla trinken können! Ist doch albern.

"Wir knallen uns ja nicht zu."

Nee. Heute nicht.

"Cheers."

Weg damit.

"Der Tequilla kam jetzt aber wirklich gut."

Aber da brauche ich noch ein Guiness, um den richtig aus dem Rachen zu spülen.

"Ich nehm auch noch eins."

Noch zwei Guiness und zwei Tequilla. Doppelte.

"Dann gehen wir mal woanders hin."

Aber nicht in den Zwiebelfisch.

"Unter keinen Umständen."

Da ist jetzt sowieso noch nichts los.

"Vor Mitternacht braucht man da gar nicht erst hinzugehen."

Was hälst du vom Olivaer Platz?

"Ein Weinchen im Musikcafé?"

Waren wir ewig nicht. Letzte Woche irgendwann kurz ...

"War zu voll. Wenn da zuviel los ist, gehe ich nicht gerne rein."

Stimmt. Aber jetzt müßte es noch gehen. Oder in den Laden gegenüber ...

"Ins Schalander?"

Da finde ich es auch immer ganz gut.

"Dann laß uns erst mal ins Musikcafé gucken auf ein Weinchen und dann rüber."

Und wenn zuviel los ist, gehen wir gleich ins Schalander.

"Genau."

Dann noch in diese eine Eckkneipe und über den Stutti nach Hause.

"Der liegt sowieso auf dem Weg."

Da sind wir dann auch rechtzeitig zu Hause.

"Ist auch noch früh."

Jetzt gehe ich sowieso noch nicht nach Hause. Ist mir viel zu früh.

"So machen wir es. Ist auch ein schöner Spaziergang."

Aber zum Olivaer nehmen wir ein Taxi.

"Logisch. Ich hab jetzt keine Lust zwanzig Minuten zu laufen, bis ich was zu trinken kriege.

Oder wir fegen quer durch und nehmen in jeder Kneipe auf dem Weg einen Drink.

"Hmm."

Da kommen nicht soviele, was?

"Nichts gescheites."

Die eine Weinstube ...

"Die ist gut. Die haben ein paar schöne Tropfen."

Aber dann kriege ich das Sauzeug im Musikcafé nicht mehr runter. Obwohl der Wein für so einen Laden geht.

"Lass uns lieber gleich zum Oliver fahren."

Genau. Sonst wird das auch wieder zu lang. Man muß ja nicht jeden Abend um die Häuser ziehen.

"Ich zahl mal."

Laß uns aber noch einen Tequilla auf den Weg nehmen. Diesmal braune. Ist mal was anderes.

"Der Tequilla kommt heute gut."

 

Zur Fortsetzung ...

Martin Compart

Biographisches zu Jörg Fauser


Jörg Fauser, Jahrgang 1944, war unter anderem Aushilfsangestellter, Flughafenarbeiter und Nachtwächter, bevor er 1981 mit seinem Krimi "Der Schneemann" den Durchbruch schaffte.

Er arbeitete außerdem als Jounalist, Übersetzer und Drehbuchautor, bevor er einen Tag nach seinem 43 Geburtstag an den Folgen eines Verkehrsunfalles verstarb. Der Berliner Alexander Verlag würdigt das "deutsche Genie des Kriminalromans" zur Zeit mit einer Werkausgabe.

 

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Biographisches zu Martin Compart


Martin Compart, Jahrgang 1954, gilt als "Deutschlands Krimipapst". Neben journalistischen Tätigkeiten betreute er als Herausgeber u. a. das Krimiprogramm für Ullstein und Bastei-Lübbe, wobei man stets sein Faible für "schwarze Schafe" erkennen konnte. Mit der Enzyklopädie "Crime TV" brachte er Licht in den Dschungel der Krimi-Fernsehserien und sorgte mit "Noir 2000" für Aufklärung in Sachen Krimis fernab gehirnamputierter Mainstream-Ware. Gemeinsam mit Werner Fuchs gründete Compart 2001 den Strange-Verlag, wo er mit dem "Sodom-Kontrakt" auch gleich als Romanautor debütierte. Zu seinen letzen Veröffentlichungen zählen "2000 Light Years from Home - Eine Zeitreise mit den Stones" (Verlag Robert Richter, D 2004) und der Noir-Reader "Dark Zone" (Strange Verlag, D 2004).

 

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