Stories_Reise nach Jerusalem
Mozartkugeln für Arafat
Im Dezember 2003 versuchte der österreichische Schauspieler Michael Pand ein Friedens-Solo im Delirium des Heiligen Landes zu spielen. Jetzt berichtet er über seine Erfahrungen. 23.04.2004
Knapp vor meiner Abreise ins Heilige Land nuschelte Peter Weibel im TV, daß es medientheoretisch einen staunenswerten Unterschied gäbe zwischen der Wirklichkeit einerseits und unserem prozessierten Weltbild andererseits - weil letzteres heutzutage ausschließlich durch Medien vermittelt würde.
Oder sind Sie schon jemals als Tourist aus "Sicherheitsgründen" gar nicht an Bord eines Flugzeugs gekommen? Wurde Ihnen je Ihre Digitalvideokamera konfisziert? Mit einem Wort: Waren Sie überhaupt schon in Israel?
Wenn nicht, so werden Sie - der These Weibels folgend - nach Lektüre dieser Reportage auch nicht klüger sein, was das Delirium betrifft, in dem Israel und Palästina seit geraumer Zeit trostlos verharren. Sie werden nur "informiert". Aber, so verspricht es der Autor dieser Zeilen, wenigsten mit dem Anspruch unparteiischer Fairneß - gemäß einer uralten journalistischen Redensart, die bereits vor 3000 Jahren in Mesopotamien in Stein gemeißelt wurde. Der Befehl eines Königs an seinen Boten lautete damals: "Füge nichts hinzu - aber lasse auch nichts weg". Voilà!
Mein routinemäßiger Wintertrip zu den friedliebenden Buddhisten auf der Palmeninsel Ko Samui (Thailand) sollte durch einen Stop-over bei den - vergleichsweise - rachsüchtigen Monotheisten (Juden und Islam) im Nahen Osten bereichert werden, denn: Der Weg ist bekanntlich das Ziel. Außerdem bin ich ein Sammler von Begegnungen mit "bedeutenden alten Männern". Solcherart fand ich mich schon vor 20 Jahren in New York beim legendären Lee Strasberg ein, dem Schauspiellehrer und Entdecker von James Dean, Marilyn Monroe, Marlon Brando und Dustin Hoffman; in Hanoi war ich zum Tee bei Familie Vo Nguyen Giap, dem mittlerweile pensionierten nordvietnamesischen General und Freund Ho Chi Minhs, der 1954 die Franzosen und 1975 die Amerikaner militärisch besiegte; und auch der zum Friedensnobelpreis nominierte, hierzulande eher unbekannte Maha Ghosananda, ein buddhistischer Mönch in Kambodscha, gehört in diese Reihe sehr starker, nachhaltiger Begegnungen. Ergo kaufte ich einige Kilo Mozartkugeln, erwarb für 800 Euro den Flug Wien - Tel Aviv - Bangkok und retour und machte mich in bester Adventstimmung auf den Weg nach Ramallah, zum alten Kopftuchträger Yasser Arafat.
Da die Palästinenser seit Jahrzehnten ziemlich abgeschottet leben (demnächst auch noch hinter einer acht Meter hohen Betonmaue), kann man das seit 1967 besetzte Land Palästina praktisch nur über den Staat Israel erreichen. Theoretisch ginge es auch noch über Jordanien, aber das ist viel komplizierter, weil die Außengrenze vom israelischen Militär abgeriegelt ist.
Der Sicherheitskomplex
Anfangs verweigerte mir El Al (Israel Airlines) in Wien-Schwechat die Mitreise - mit der Begründung, ich hätte kein Visum für Thailand vorzuweisen. Mein überraschter Einwand, der durch die offiziellen Einreisebestimmungen ins Königreich Siam gestützt war: "Visa not required for a max. stay up to 30 days provided." Das lag zwar auch schwarz auf weiß als Computerausdruck vor und wurde von der Crew zur Kenntnis genommen, aber nicht als Argument für meine Mitreise akzeptiert.
Da an dem Tag nur insgesamt neun Personen den Flug Wien - Tel Aviv gebucht hatten, kam der Kapitän persönlich zum Check-in und schlug mir einen Deal, eine "Ausnahmeregelung" vor: Ich könne mir ja bei der thailändischen Botschaft in Tel Aviv ein Visum holen; dann - und nur dann - würde er mich mitnehmen. Besser, als überhaupt nicht mitzufliegen; ich fügte mich also der unsinnigen Anordnung.
Anschließend mußte meine Digitalvideokamera inspiziert werden, und das aus Israel eingeflogene israelische Sicherheitspersonal, das ziemlich schlecht englisch sprach, stellte gleich die nächste Bedingung: "Camera stay in Vienna, you can go on board." Man wollte meine Kamera (Neupreis 4776 Euro) in einem Speziallabor untersuchen lassen und sie mir irgendwann, "in a few days maybe", in Jerusalem, wo ich privat wohnen wollte, zustellen. Doch es sollte kein Protokoll, weder über Typ noch Verbleib der Kamera (Seriennummer etc.) angefertigt werden, weil: "You can trust us."
Nun verweigerte ich jedoch diesem lachhaften Sicherheitsspiel die heutzutage so gern geforderte Kooperation und wurde deshalb von El Al aus Security-Gründen auf die AUA umgebucht.
Solche Vorgänge - jede Umbuchung, egal aus welchem Grund - ziehen automatisch Ermittlungen verschiedener höherer Instanzen, sowohl bei den israelischen Behörden und dem Geheimdienst als auch bei österreichischen Ämtern nach sich. Schon beim Verlassen der Abfertigungshalle in Schwechat kamen die in schwarze Overalls gekleideten, bewaffneten Herren der Wiener Flughafenpolizei auf mich zu: "Sind sie vielleicht der Herr Pand?" Meine Reisedokumente wurden ans Innenministerium weitergeleitet und überprüft. ("Tschuldigung - reine Routine.") Die AUA, die den Unterschied zwischen einem Touristen und einem Terroristen vergleichsweise besser im Programm hat, akzeptierte mich am nächsten Tag als zahlenden Fluggast mit Kamera.
Bei der Einreise in Tel Aviv warteten dann abermals zwei - diesmal nicht uniformierte - Herren auf mich, die sich als "Security Police" vorstellten. In einem verschlossenen Raum, noch innerhalb des Ben-Gurion- Flughafengebäudes, wurde sofort mein komplettes Gepäck von acht jungen Männern und Frauen dekonstruiert, aber auch mein Anus mit Gummihandschuhen inspiziert und elektrisch ausgeleuchtet. Das alles dauerte zwei Stunden; danach brachte man mich und das Gepäck in einen anderen, ebenfalls abgeschlossenen und fensterlosen Raum, wo ich von den beiden Herren mit ihren mäßigen Englischkenntnissen noch zwei weitere Stunden über mein Leben in Wien-Landstraße im allgemeinen, meine freiberufliche Tätigkeit für die Religionsabteilung des ORF, meine Rollen als Schauspieler und meinen Freundeskreis von Bangkok bis Los Angeles intensiv befragt wurde. Alle von mir gemachten Aussagen wurden in hebräisch zu Protokoll genommen und mir anschließend zur Unterschrift vorgelegt. Nervös wurde ich erst, als sich die Fragen nach meiner Telefonnummer, der Sozialversicherungsnummer und - ganz wichtig - warum meine Frau mich auf der Reise nach Thailand nicht begleitete, öfters zu wiederholen begannen.
Erst vier Stunden nach meiner Ankunft war alles überstanden. Ich durfte den Flughafen verlassen und nach Jerusalem weiterreisen, ausgestattet mit einem letzten Hinweis: "Do not go to the territories. We are from security, but in this area military law is responsible for you. ("Fahren Sie nicht in die besetzten Gebiete. Wir sind von der Sicherheitspolizei, dort aber ist das Militärrecht für Sie zuständig.")
Shoot to kill
Mein deutscher Freund in Jerusalem ist Entwicklungshelfer für Palästina und hat einen offiziellen Dienstpaß. Jeden Tag muß er mit seinem Auto vorbei an den Checkpoints. Ich riskierte mit ihm den Übergang in die Westbank, da ich unbedingt nach Ramallah wollte, um dort das noch immer zerstörte Hauptquartier von Arafat zu sehen und am besten gleich ein Interview mit Photos von ihm zu machen. Deshalb hatte ich ja seine Lieblingsmusik (Schuberts "Die Unvollendete") besorgt und schleppte die Mozartkugeln als symbolisch-weihnachtliche Friedensmunition mit mir herum.
In die besetzten Gebiete kommt man übrigens sehr einfach. Das israelische Militär beachtet niemanden, der ins Ghetto fährt, da es alle Hände voll damit zu tun hat, die Palästinenser, die zur Arbeit nach Israel müssen, bei der Ausreise zu überprüfen.
Leider bin ich im Ernstfall ein eher feiger Mensch. Wenige Stunden vor meiner Ankunft wurden in Ramallah, der kleinen Hauptstadt Palästinas, vier Palästinenser vom israelischen Militär erschossen, außerdem noch ein etwa neunjähriger Bub. Zwei der getöteten Palästinenser, angebliche Hamas-Mitglieder, wohnten in einem schönen Haus, das nur eine halbe Schußweite (ca. 300 Meter) vom deutschen Entwicklungshilfebüro entfernt lag. Ihre einstöckige Villa - einschließlich des Gartens und der Olivenbäume - wurden, nachdem alle Verdächtigen erschossen waren und das Militär abgezogen war, noch am selben Nachmittag mit einem Bulldozer von Israelis demoliert. Trotz meiner aufkommenden und stärker werdenden Furcht schoß ich einige Photos. Unmittelbar neben dem zerstörten Haus befindet sich ein Kindergarten. Eine alte palästinensische Frau zeigte mir alle von ihr eingesammelten Patronenhülsen. Da ich schon von dem toten Kind wußte und wir genau vor dem Kindergarteneingang standen, versuchte ich herauszufinden, wie das mit dem Kind gewesen wäre: "Was the child from this house or from Kindergarden?"
Und das ist genau die Stelle, der medientheoretische Übergang, wo sowohl der Journalist als auch der Leser verstehen sollten, daß alle Arbeit an Objektivität und Wahrheitsfindung im medialen Bereich wirklich keinen Unterschied mehr machen, weder für das Kind, noch für dessen Geschwister oder die Eltern. Schluß mit der Fragerei.
Ich konnte und wollte nicht mehr weiterrecherchieren und hatte sowieso die Hosen voll. Was mache ich hier eigentlich?! Will ich wirklich Arafat besuchen und damit unweigerlich beim israelischen Geheimdienst auffallen? Nein - weg, nichts wie weg! In drei Tagen geht mein Weiterflug nach Thailand, fort mit Schaden. Was gehen mich erschossene Palästinenser und deren Kinder oder die jüdischen Siedler in den besetzten Gebieten eigentlich an? Die Mozartkugeln gab ich im palästinensischen Wirtschaftsministerium ab - damit sollte die Sache erledigt sein.
Der Retourweg
Elf Stunden vor dem Abflug Tel Aviv - Wien fand ich mich bereits am Ben Gurion Airport ein. Erstens muß man sich ohnehin vier Stunden vorher zum Check-In begeben, das wäre bei einem Start um sieben bereits um drei Uhr morgens gewesen. Und zweitens wollte ich dem israelischen Security-Personal , das bei manchen Flügen im Verhältnis 1:1 zur Passagierzahl auftritt (nach Wien hatten diesmal 20 Leute gebucht) die Arbeit nicht unnötig erschweren. Auf dem Flughafen wurde meine 4000 Euro teure Videokamera endgültig, wieder einmal aus "Sicherheitsgründen", konfisziert. Mir wurde die entleerte Kameratasche ausgehändigt. Da ich, wie gesagt, ein eher uncouragierter Mensch bin, ging ich leicht traumatisiert, aber widerstandslos an Bord. Die einzige Verteidigungsmöglichkeit in einer solchen Situation wäre die, das Mitfliegen beharrlich zu verweigern. Da es nach der Warschauer Konvention für zivile Flugreisen für jedermann das prinzipielle Recht auf "Reisen mit Kamera" gibt, wäre mir nur schwerlich etwas vorzuwerfen gewesen. Doch wenn man das Boarding verweigert, steht bei der El Al alles kopf. Die österreichische Botschaft in Tel Aviv, die um drei Uhr nachts natürlich nicht erreichbar ist, und das Außenamt in Wien hätten einen journalistischen Präzedenzfall mehr gehabt.
Fünf Tage später, nach Intervention der im nachhinein verständigten Botschaft, kam die Kamera schließlich in Wien an, verpackt in einem Schuhkarton und sehr stark beschädigt: Das Objektiv hing nur mehr an zwei Schrauben lose herab. Die El Al weigert sich seither für den Schaden (Reparaturkosten von 960 Euro) aufzukommen, also steht mir eine Zivilklage gegen den Staat Israel bevor.
Gemessen an den lebensgefährlichen Friedensaktivitäten eines Uri Avnery von Gush Shalom (Friedensblock) und verglichen mit dem seit 56 Jahren dauernden Nahostkonflikt, einem prinzipiell religiös motivierten Rachedenken auf beiden Seiten, für das uns hierzulande die Begriffe fehlen, ist alles hier vom "Heiligen Land" Berichtete nur eine Variante von "Fiat justitia, pereat mundus." ("Es lebe die Gerechtigkeit, wenn auch die Welt zugrunde geht.) Aber versuchen muß man´s trotzdem...
Alles mit Maßen, sagte der Schneider, und schlug seine Frau mit der Elle tot.


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