Stories_Viennale-Tips 2002

The Usual Suspects

Natürlich kann man sich bei der Viennale auch ganz andere Filme anschauen; das lohnt sich vermutlich ebenso. Trotzdem: Peter Krobath empfiehlt folgende Veranstaltungen.    14.10.2002

• FRAILTY

(USA 2001)

Regie: Bill Paxton

Ein Serienmörder tötet im Auftrag Gottes - und seine Söhne, acht und zwölf Jahre alt, helfen ihm dabei. Das Regiedebüt des Schauspielers Bill Paxton ("Aliens", "Near Dark") wirkt wie die Coca-Cola-Version eines frühen Polanski-Psychothrillers. Geniale Mischung aus Fallstudie und Verschwörungstheorie: Nicht das, was wir hier sehen, macht uns Angst, sondern das, was wir glauben, übersehen zu haben.

 

• MIES VAILLA MENNEISYYTTÄ

(Finnland 2002)

Regie: Aki Kaurismäki

Ein Mann verliert sein Gedächtnis und findet sein Glück; doch es ist eine lange und beschwerliche Reise. Auch in seinem neuen Film erweist sich der Dauerphlegmatiker aus dem hohen Norden als Meister des melancholischen Realismus. Kaurismäki zaubert eine Welt auf die Leinwand, die so traurig ist wie ein Witz, der an die Wirklichkeit erinnert, und so romantisch wie eine Polka im Birkenwald. Einmal sitzen wir an der Bar und die Kamera streift ein Foto von Matti Pellonpää (1951-1995) - mehr braucht der FinnFilm-Fan nicht, um glücklich zu sein.

 

• ALL OR NOTHING

(GB 2002)

Regie: Mike Leigh

Am Ende bleiben nur noch Gefühle übrig. Weil: Wenn selbst die Liebe geht, was hält uns dann noch auf dieser Welt? Wieder taucht Mike Leigh tief in die Seelen seiner Protagonisten, um in der britischen Arbeiterklasse Stimmungen zu finden, für die sich nicht einmal Balzac genieren müßte. Ein Film, der mit derselben Vehemenz wahr zu sein versucht, mit der Hollywood (allein schon systembedingt) auf Falschheit setzt.

 

• BLUE MOON

(Ö 2002)

Regie: Andrea Maria Dusl

Einmal Odessa, kein Zurück. Weil die Irrfahrt des österreichischen Geldboten Johnny Pichler (der im Windschatten seiner Traumfrau tief in den Osten Europas reist und dabei nicht nur mit der kinnhakentrockenen Realität einer - je nachdem, auf welcher Seite man steht - sterbenden oder erwachenden Welt konfrontiert wird) uns Bilder bringt, die wie ein willkommener Virus in die Festplatten hinter den Augenhöhlen dringen. Und weil Josef Hader hier wie die verwaschene Wiener Vorstadtversion von George Clooney wirkt.

 

• DONNIE DARKO

(USA 2001)

Regie: Richard Kelly

Jeder Teenager kennt das Gefühl, daß die Welt nicht mehr lange stehen wird. Aber wenn dir diese frohe Nachricht von einem zwei Meter großen Plüschhasen übermittelt wird, der eine Horrormaske als Gesicht trägt und noch dazu das genaue Datum des Untergangs kennt (in 28 Tagen ist es soweit), dann solltest du dringend zum Nervenarzt. Und wenn der auch nicht mehr helfen kann, dann sitzt du längst mitten in einem Film, der genauso wirkt, als würde sich David Lynch an seine Highschool-Zeit erinnern.

 

• INTACTO

(Spanien 2000)

Regie: Juan Carlos Fresnadillo

Das Glück ist ein warmer Händedruck, das Pech leider auch. Wer die Gabe hat, kann jede Roulettekugel in die gewünschte Richtung lenken, aber dadurch wird das Leben auch nicht leichter. Im Gegenteil, so wirst du schnell in die dunkle Welt eines mysteriösen Geheimbundes gezogen, für den die Suche nach dem größten Glückspilz dieser Welt Grund genug ist, die Brücke zwischen Tod und Leben nicht mit unnötigen Skrupeln zu beschweren.

 

• BIGGIE AND TUPAC

(GB 2001)

Regie: Nick Broomfield

Nick Broomfield ist quasi der radikale Kollege von Michael Moore (dessen US-Waffenlobby-Doku "Bowling for Columbine" auch im Rahmen der Viennale gezeigt wird): ein unglaublich hartnäckiger Besserwisser, dessen entwaffnende Mischung aus Naivität und Lästigkeit immer wieder zu Antworten führt, für die es vorher noch nicht einmal Fragen gab. Broomfield hat schon finstere Freudenmädchen (Heidi Fleiss) und lustige Witwen (Courtney Love) an den Rand der Verzweiflung gebracht (und dabei erstklassige Filme gemacht); diesmal versucht er die dunkelsten Geheimnisse des Gangsta-Rap zu ergründen.

 

• I'M A STAR

(Ö 2002)

Regie: Stefan Stratil

Natürlich kann man den Kosmos von Frank Sinatra nicht auf einen grantelnden Entertainer reduzieren, der zwischen Whiskey und Wehmut seiner großen Liebe zu Ava Gardner nachtrauert und noch in der kleinsten Randbemerkung mehr Saft und Sarkasmus hat als der ganze Rest vom Ratpack-Revival. Aber man kann es versuchen. Heldenverehrung mit Humor: Wenn Stefan Stratil Walt Disney wäre, würden die Mäuse mehr von Musik verstehen.

 

• JAHRGANG 45

(DDR 1965/66/1990)

Regie: Jürgen Böttcher

Zugegeben, ich kenne den Film nicht, aber allein das Foto im Viennale-Katalog hat derart viel Kraft und Dichte und Atmosphäre, daß ich mich hier auf eine echte Entdeckung freue. Sixties-Jugendkultur in den Wohnungen und Hinterhöfen des Prenzlauer Bergs, denn auch in der DDR spürte man den Mundgeruch der Revolution: "Jahrgang 45" wurde verboten - aus heutiger Sicht die höchste Auszeichnung, die man sich vorstellen kann.

 

• KEN PARK

(USA/NL/F 2002)

Regie: Larry Clark, Ed Lachman

Der neue Film von "Kids"-Regisseur Larry Clark (in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Ed Lachman, den die Viennale diesmal gleich mit einer ganzen Werkschau ehrt). Auch diesen Film habe ich noch nicht gesehen - allerdings gab es bisher noch nichts von Clark, das mir nicht gefallen hätte. Jugendkultur ohne Schmus und Schminke; das Drehbuch stammt von "Kids"-Autor Harmony Korine.

Peter Krobath

Kommentare_

Musik
Jovanotti - Buon Sangue

Habemus Papam!

Nach langer Zeugungspause hat der Papa des italienischen Rap endlich wieder ein Baby zur Welt gebracht. Und was für ein fröhliches Kind es geworden ist!  

Musik
Urbs - Toujours le Meme Film

Le Sound des Lebens und der Liebe

Tour de France. Mit lasziver Lässigkeit und viel Gefühl für den richtigen Beat zelebriert Paul Nawrata aka Urbs seine Reise durch Raum und Zeit.  

Stories
Russ Meyer/Nachruf

Mensch, Meyer!

Der König ist tot, lang lebe der König! Anläßlich des Todes des großen Russ Meyer veröffentlicht der EVOLVER ein Gespräch aus dem Jahre 1990.  

Musik
50 Cent - Get Rich Or Die Tryin´

Trigga Nigga

"Either I got shit on my dick or I got blood on my knife." Wir brauchen uns ja nichts vorzumachen - die GangstaHopper meinen es nicht gut mit uns Weißbroten, sondern wollen nur an unsere Brieftaschen. Und dafür stürzen sie sich auch kopfüber in Klischees.  

Musik
V/A - Fashion Week/Music from the Catwalk

Prada Meinhof

Warum schauen sich altgediente Journalisten zu schickem Sound zusammengeschnittene Modeschauen im Fernsehen an? Genau: wegen der halbnackten Supermöbel. Und die Musik allein hören sie dann, wenn die Gattin zu Hause ist.  

Musik
Johnny Cash - The Man Comes Around

Cashflow

Ein Alterswerk ohne Ende: Mittlerweile wissen wir alle, daß der "Man in Black" nicht nur Country-Veteranen etwas zu sagen hat - sondern uns allen. Und das immer und immer wieder.