Musik_Cloroform - Hey You Let´s Kiss

Alles andere als betäubend

1+1+1+1=3. Das Ergebnis dieses Rechenbeispiels widerspricht zwar jedem mathematischen Grundwissen - und doch darf man in diesem Fall drei gerade sein lassen.    06.02.2004

Cloroform, ein Trio aus Stavanger, ist die Schnittmenge aus vier bekannteren Projekten. John Erik Kaada etwa versank mit "Thank You For Giving Me Your Valuable Time", seinem Debütalbum als Solokünstler, auf dem 12. Platz der Sumpf-Jahres-Charts. Øyvind Storesund greift seit wenigen Monaten für eine sich zum jüngsten Gericht zigeunerrockende Mafiakapelle (nämlich Kaizers Orchestra) in den Kontrabaß. Wie Børge Fjordheim musiziert Storesund überdies im lyrischen Raritätenkabinett des Pål Jackman. Ein Teil Kaada plus ein Teil Kaizers Orchestra samt zwei Teilen Wunderkammer ergibt folglich drei Teile Cloroform.

Auf ihrem vierten Album zeigt sich die Band sehr komplimentscheu ("Fuck You Ups", "Bored of You"). Die Kunst der Umgarnung durch schmeichelhafte Worte ist ihnen fremd, stattdessen setzen sie auf Frontalkurs und brechen mit ihrer Absicht im Kommandoton herein: "Hey You Let´s Kiss" gibt ein Machtverhältnis wieder und ist nur bei großzügig vorgeschossener Naivität als holprige Anbahnung zwischenmenschlicher Nähe zu verkennen. Die impulsive Umsetzung macht deutlich, wie sich der Sender über den Adressaten erhaben fühlt.

Die Musik von Cloroform ist ein Energieanfall mit Hang zum Ausbruch von Raserei. Die norwegische Presse versuchte sich mit Bezeichnungen wie "Höllenjazz" oder "Sadistische Gegenwartsmusik" zu behelfen. Tatsächlich kann ein in 14 Einheiten gefaßter Volkshochschulkurs zum Thema Aggressionsabbau nicht wirkungsvoller sein als ein wiederholtes Abspielen dieses Tonträgers.

Komikern wird oft nachgesagt, privat eher im Trüben zu fischen. Umgemünzt auf die melodiebewußte Lärmstoffsammlung von "Hey You Let´s Kiss" heißt dies wohl, daß die Band-Mitglieder abseits des Musikbetriebs eher schüchtern und lammfromm auftreten.

Bernadette Karner

Cloroform - Hey You Let´s Kiss

ØØØØØ


Kaaa/Tuba (Norwegen 2003)

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Kommentare_

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