Kino_Kino-News KW 15/2004

Kleine Fische

Wenn nicht einmal mehr auf Tim Burton Verlaß ist, kann man sich nur dem europäischen Kunstfilm zuwenden - und das wäre diese Woche "Das große Rennen von Belleville".    08.04.2004

 

Klaus Hübner

Hidalgo - 3000 Meilen zum Ruhm

(Hidalgo)


USA 2004

137 Min.

Regie: Joe Johnston

Darsteller: Viggo Mortensen, Omar Sharif, Zuleikha Robinson u. a.

 

Einst, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Frank T. Hopkins, legendärer Reiter des Wilden Westens, von einem Scheich zu einem Pferderennen durch die arabische Wüste herausgefordert. Seine "wahre" Geschichte, in der Hopkins´ Mustang Hidalgo die tragende Rolle spielt, kommt nun als episches Ride-Movie über die Leinwände. Den Reiter, ein indianisches Halbblut, mitverantwortlich für das Massaker an Indianern am Wounded Knee und deshalb schwer mit sich im unreinen, spielt Mittelerde-König Viggo, den Scheich kann sowieso nur Omar Sharif geben (weil Antonio Banderas zu jung ist), und den Rest bestreiten opulente Landschaftsaufnahmen, wilde Fights und hinterfotzige Araber, wie man sie seit Kara Ben Nemsi nicht mehr gesehen hat.

Links:

Big Fish


USA 2003

125 Min.

Regie: Tim Burton

Darsteller: Albert Finney, Ewan McGregor, Billy Crudup u. a.

 

Ein alter Mann (Finney) erzählt zeitlebens die unglaublichsten Märchengeschichten; Freunde und Familie sehen schmunzelnd darüber hinweg, nur seinen Sohn (Crudup) nervt diese ultrakonsequente Realitätsfremdheit. In Rückblenden wird das Leben des Alten aufgerollt - wie er (in Gestalt von Ewan McGregor) immer der Beste war, wie er die Hexe herausgefordert, den Riesen bezwungen und den größten Fisch gefangen hat, wie er in einem Zirkus jahrelang für einen Werwolf (Danny De Vito) geschuftet hat, nur um mehr über das Mädchen seiner Träume (Alison Lohman) zu erfahren, und wie er schließlich das traumhafte Städtchen Spectre vor dem Verfall retten konnte. Und als der Alte schließlich krank wird und stirbt, wird seinem Sohn die Tragweite der verhaßten Fantasien bewußt. Tim Burton gilt verdienterweise als Meister - aber dieses Werk ist zwiespältig: Die paar genialen Momente können die schleppend strukturierte Story, die voll auf märchenhaft-kindische Romantik setzt und dabei ziemlich cheesy wird, auch nicht zusammenhalten. Doch die Meinungen divergieren hier wie immer stark; am besten ohne Erwartungen in den Film gehen, dann könnte er funktionieren.

Links:

Die purpurnen Flüsse 2 - Die Engel der Apokalypse

(Les rivières pourpres 2 - Les anges de l´apocalypse)


F 2004

100 Min.

Regie: Olivier Dahan

Mit: Jean Reno, Benoît Magimel, Christopher Lee u. a.

 

Kommissar Niemans (Jean Reno), ausgestattet mit neuem Partner (Benoît Magimel), spürt eine schräge Sekte auf, deren Mitglieder die Namen der zwölf Apostel tragen und deren Berufe ausüben - und die einer nach dem anderen in biblischer Manier abgeschlachtet werden. Die Mystery-Story zerfällt mit jeder Minute zusehends zu einem hübsch angerichteten, aber völlig unlogischen Brei. Franzosen wollen Hollywood-Kino machen, und das geht hier schief, auch wenn (oder vielleicht: weil?) Luc Besson das Drehbuch ersonnen hat.

Links:

Taking Lives


USA 2004

104 Min.

Regie: D. J. Caruso

Darsteller: Angelina Jolie, Kiefer Sutherland, Ethan Hawke u. a.

 

Ein Serienkiller (Sutherland) wechselt seit 20 Jahren immer wieder seine Identität, indem er in die Existenz seiner Opfer schlüpft. Jetzt will ihn das FBI endlich aus dem Verkehr ziehen - und setzt die vom Gemüt her düstere Profilerin Illeana (Jolie) darauf an, den blauäugigen Kunsthändler James (Ethan Hawke), der den Killer gesehen hat und identifizieren könnte, als Lockvogel zu verbraten. Im Verlauf der vertrackten Handlung webt sich noch eine leidenschaftliche Lovestory zwischen Agentin und Schützling ein (keine Jolie ohne Sex!), was mit einigen ziemlich dümmlichen Dialogen einhertrampelt. Hollywood-Thriller, Mittelmaß.

Links:

Das große Rennen von Belleville

(Les triplettes de Belleville)


F 2003

80 Min.

Regie: Sylvain Chomet

 

Die Story vom Radrennfahrer Champion, der kurz vor der Tour de France von der Mafia nach Belleville entführt wird, woraufhin seine Omi loszieht, um mit Hilfe eines ziemlich abgewrackten Drillings-Gesangstrios ihren Enkel zu retten, ist ziemlich schräg und außergewöhnlich, genau wie der Zeichentrickstil und der Humor Sylvain Chomets, der für dieses beeindruckende Meisterwerk verantwortlich zeichnet. Ein absoluter Pflichttermin für Freunde des Animationsfilms.

Links:

Ein Kater macht Theater

(The Cat in the Hat)


USA 2003

80 Min.

Regie: Bo Welch

Darsteller: Mike Myers, Spencer Breslin, Dakota Fanning u. a.

 

Die merkwürdige Welt des Dr. Seuss. Oder: der beste Beweis dafür, daß selbst Mike Myers nicht jeden Film retten kann.

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