Print_Edward Anres - Nelly und Pan

Der Gott des Irrsinns

Der Debütroman des Deutschen Edward Anres, Neuentdeckung des österreichischen bildmanufaktur-Verlags, ist eine literarische Apotheose in jeder Deutungsvariante: Der Roman erzählt die Geschichte zweier Verrückter, die sich in der Psychiatrie treffen und genau das Verkehrte tun - aber mit der sexuellen Kraft von Donnergöttern und einer Intensität, die beim Lesen schwindelig macht.    24.03.2020

Die Epidemie der neuropsychiatrischen Erkrankungen - Burnout, Depression, Angststörungen, Zwangsneurosen, psychotische Schübe - hat allerlei fragwürdige literarische Ergüsse hervorgebracht, besonders im Ratgeber-Segment. Edward Anres beschreitet zum Glück nicht diesen Weg, auch wenn es fast unmöglich erscheint, so  etwas ohne Eigenerfahrung hinzukriegen. Sein Erstlingswerk, der Roman "Nelly und Pan", erzählt die Geschichte des Journalisten und Familienvaters Paul, der sich für eine unbezwingbare Leistungsmaschine hält, bis er vom Schicksal in die Psychiatrie gejagt wird - freiwillig, aber doch unweigerlich. Massives Burnout-Syndrom lautet die Diagnose; "grand depression", ausweglose Schwärze, chronische Insomnie, endlose Gedankenspiralen, Selbstmordphantasien sind die Symptome. Und ein tiefsitzender Haß auf die "Arschlöcher" da draußen, die in ihrer unwürdigen Dummheit mit schuld daran waren, daß es Paul nun so schlecht geht. Wochenlang zieht er sich in die sicheren Wände der Nervenheilanstalt zurück, überläßt Frau und Kinder sich selbst, kann sich der Außenwelt ganz einfach nicht mehr stellen. Und dann liefert sich auch Nelly ein. Das zarte, gebrochene Wesen hat sofort Pauls ganze Aufmerksamkeit. Umso mehr, als seine Ärztin eines gleich herausgefunden hat: daß Paul ein überaus triebhaftes Wesen, aber leider seit zu langer Zeit chronisch unterversorgt mit sexueller Zuwendung ist.

Die Annäherung der beiden "gleichgesinnten Gleichgestörten" nimmt nur sehr langsam ihren Lauf. Paul, der in der Ich-Form erzählt, schildert eindringlich seine moralischen Konflikte, während er langsam mit Hilfe von starken Medikamenten und nachhaltigeren Therapien wieder seelisch auf die Beine kommt. Seine Frau, die erst vor kurzem von schwerer Krankheit genesen ist, seine Buben, die er aufrichtig liebt und niemals verlassen würde, all das läßt ihn schwer zweifeln an seinem eindeutig stärker werdenden Interesse an dieser dürren, verstörten und doch attraktiven Gestalt, die tatsächlich so etwas wie eine beste Freundin sein könnte, würde Paul nicht so beherrscht vom Gedanken an Sex. Es ist dieser Gedanke, der ihn vorantreibt, am Leben erhält, Kraft gibt. In seinen Phantasien verwandelt er sich in den griechischen Gott Pan, einen vor Potenz strotzenden Bocksgott mit gewaltigen Hörnern. Natürlich werden Paul und Nelly bald ein Liebespaar - und geraten in einen Sog aus hemmungslosem Sex und verantwortungsvollen Täuschungsmanövern, die für die beiden Verrückten schwerlich gut ausgehen können.

Obiges mag nach "Spoilern" klingen, ist aber tatsächlich nur ein oberflächlicher Anriß der eigentlichen Stärke von Anres´ Roman. Das Buch zieht einen von der ersten Seite an in seinen Bann und läßt einen bis zum Schluß nach mehr lechzen. Ein unerhörtes Tempo legt Anres da vor und eine neidisch machende Authentizität, aber vor allem eine künstlerische Fertigkeit, die den Leser in eine Art Film versetzt, wo ihm von knisternd-pornographischer Erotik bis zum überirdisch-traumhaften Supernatural-Element alles geboten wird, wovon ein Regisseur auf der Suche nach einem guten Stoff nur träumen kann.

"Nelly und Pan" ist cinematischer Übermensch-Realismus, Größenwahnsinn aus einer seelisch kaputten Konsumwelt, aber gleichzeitig so realistisch, hautnah und spürbar, daß es einem beinahe selbst passieren könnte. Ein echtes Meisterwerk.

Klaus Hübner

Edward Anres - Nelly und Pan

ØØØØØ

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