Video_Maggie

Letzte Entscheidung

In dem ruhig erzählten Horrordrama "Maggie" legt Regisseur Henry Hobson das bislang verborgen gebliebene menschliche Endoskelett Arnold Schwarzeneggers frei. Als einfacher Farmer weicht dieser seiner nach einem Zombiebiß todgeweihten Tochter nicht mehr von der Seite.    19.10.2015

Nach dem Ausbruch einer globalen Zombie-Epidemie gelingt es der Regierung schließlich, das Virus einzudämmen und die Zahl der Neuinfektionen zu senken. Ein effektives Heilmittel ist hingegen nicht in Sicht. So ist auch für die letzten Erkrankten das Ende vorgezeichnet: Ein paar Wochen nach der Ansteckung erfüllt sich ihr Schicksal in einer gräßlichen Mutation. Es obliegt den Verwandten, wie sie die verbleibende Zeit mit ihren zum Tode verurteilten Lieben gestalten. Die Galgenfrist endet jedenfalls mit der Überführung in eine Krankenhaus-Isolierstation, in der den Infizierten ein Giftcocktail gereicht wird - sofern die Angehörigen vorher nicht selbst zur erlösenden Tat schreiten. Auch Farmer Wade Vogel (Arnold Schwarzenegger) hat eine Entscheidung zu treffen, als bei seiner Tochter Maggie (Abigail Breslin) eine fatale Bißwunde festgestellt wird. Wade nimmt den Teenager mit auf seine Farm zu seiner zweiten Frau Caroline (Joely Richardson) und den jüngeren Kindern. Es ist eine letzte Zuflucht auf Zeit in die vertraute Geborgenheit und der Beginn einer schmerzlichen, finalen Reise für Maggie, Wade und Caroline, die sich mit dem heraufziehenden Horror des Unvermeidlichen auseinanderzusetzen haben.

 

 

"Maggie" von Regiedebütant Henry Hobson, einem Mann aus der Design- und Graphikabteilung der Branche, schöpft aus jenem narrativen Kerngebiet, das etwa dem HBO-Zombie-Hit "The Walking Dead" seit jeher seine emotionale Durchschlagskraft verleiht. Unter der spektakulären Ekeloberfläche der erfolgreichen Comic-Adaption sind es ja die Tragödien, die sich innerhalb der dem Untergang geweihten Familienverbände zutragen, die fesseln und berühren.

Im Falle von "Maggie" wird nun das Szenario des unheilbaren Kindes, für das es kein Entkommen gibt, durchexerziert: Für Maggie Vogel - alt genug, um ihr drohendes Schicksal voll zu erfassen - zerplatzen schlagartig alle Zukunftsperspektiven. Zugleich schlägt man dem Vater - der nicht bereit ist, sein Kind gehen zu lassen - vor, selbst Hand anzulegen, um seine Tochter vor dem schmerzhaften Gifttod zu bewahren. Dem fiktiven Dilemma liegen in der realen Gesellschaft existente Krankheiten mit ebenfalls tödlichem Verlauf zugrunde, die mit gesellschaftlicher Stigmatisierung und familiärer Implosion einhergehen.

Hobson läßt das übliche Spektakel außen vor und betrachtet die kleine und nunmehr ins Wanken geratene Welt der Vogels still und ohne begleitenden Untoten-Krawall. In der ersten Hälfte des Films begleitet er den gebrochenen Farmer Wade, der sein Kind überleben wird. Die Erzählperspektive verschiebt sich später hin auf die schleichende Metamorphose Maggies und ihre erzwungene Abkapselung von Familie, Freundeskreis und der Welt der Lebenden im allgemeinen.

Die Besetzung Arnold Schwarzeneggers als hemdsärmeliger, aber friedfertiger Bauer war freilich ein riskanter Zug. Denn darstellerisch bleibt der Mann auch nach 40 Jahren im Geschäft arg limitiert und bestenfalls ein Schauspieler im weitesten Sinne. Doch seine zurückhaltende Interpretation einer eher dialogarmen Rolle fällt dann doch solider als befürchtet aus. Arnolds Darbietung lebt eher von Blicken und Gesten und transportiert das Bild eines einfachen, trauernden Mannes durchaus adäquat. Abigail "Little Miss Sunshine" Breslin wird dagegen als pubertierender Halbzombie vor größere mimische Herausforderungen gestellt - die sie letztlich mit differenziertem Spiel meistert.

Im übersättigten Zombie-Genre beansprucht das Horror-Kleinod "Maggie" nur wenig Raum. Doch zumindest ein bescheidener Nischenplatz sollte diesem zurückhaltenden Vertreter aus der Untotenfraktion zugestanden werden. Er hat ihn sich verdient.

Dietmar Wohlfart

Maggie

ØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

WVG Medien (USA/GB 2015)

93 Min. + Zusatzmaterial dt. Fassung oder engl. OF

Features: B-Roll, Interviews

Regie: Henry Hobson

Darsteller: Abigail Breslin, Arnold Schwarzenegger u. a.

Links:

Zombies im EVOLVER


Ein Überlick über unsere bisherigen Veröffentlichungen zum Thema "Living Dead": Beißen Sie sich rein!

Kommentare_

Kommentar verfassen

Video
Aftermath

Schicksalsgefährten ohne Zukunft

Ein Flugzeugunglück gebiert zwei tragische Figuren und verbindet sie auf unheilvolle Weise. In Elliot Lesters "Aftermath" - einer schlicht formulierten, überraschungsarmen Meditation über Trauer und Wut - übt sich Arnold Schwarzenegger in vehementer Zurückhaltung.  

Video
I Am A Hero

Held des Tages

Ein gescheiterter Comic-Zeichner behauptet sich unbeholfen, aber tapfer in den Wirren einer Zombie-Epidemie. Shinsuke Satos Adaption des gleichnamigen Manga-Erfolgs "I Am A Hero" bietet Kurzweil und satte Splatter-Action auf japanischem Boden.  

Video
The Eyes Of My Mother

Augenauswischerei

Nicolas Pesces karges Horror-Kleinod "The Eyes Of My Mother" widmet sich voll und ganz den verstörenden Anwandlungen seiner traumatisierten Hauptfigur, hat dabei aber außer stilvoller Schwarzweißoptik wenig zu bieten.  

Video
The Autopsy Of Jane Doe

Ain´t no grave

Ein Leichnam als Machtzentrum des Bösen: Brian Cox und Filmsohn Emile Hirsch setzen bei der Ergründung eines mysteriösen Leichenfunds dunkelste Mächte frei. "The Autopsy Of Jane Doe" macht vieles richtig und ist ein Schocker im besten Sinne.  

Video
Paterson

Lakonie und Leidenschaft

Mit dem Zeitlupenkleinod "Paterson" gelingt Jim Jarmusch ein cineastischer Gegenentwurf zu all der Schnellebigkeit und Selbstinszenierungsgier unserer Zeit. Zentrum und Ruhepol des Films ist Adam Driver als eigenbrötlerischer Freigeist.  

Video
Train To Busan

Todeszug nach Busan

Ein junger Manager besteigt gemeinsam mit seiner entfremdeten Tochter den Expreßzug nach Busan. Im Fahrtpreis inbegriffen: rasende Zombies mit hohem Infektionspotential. Die südkoreanische Untoten-Hatz orientiert sich an westlichen Vorbildern, ohne dabei deren Qualitätsstandards zu erreichen.