Platten_Siddharta - RH-

Tradition und Vision

Musikalische Kunst aus Slowenien kennt man schon von Laibach. Nun beginnt eine weitere Band aus dem kleinen Nachbarstaat, der härteren Musik neues Leben einzuhauchen.    20.03.2005

Der Name der Band? Quasi geklaut von Hermann Hesses gleichnamigem Buch. Der Song, den sie stellvertretend für ihre Musik auf WDR spielten? "T.H.O.R." Genau, der germanische Donnergott. Trotzdem: ganz egal, wieviel sie sich von woher geliehen haben, was diese slowenische Band macht, besitzt einen ganz eigenständigen Charakter, ist so etwas wie Rock und Metal mit einer ganz eigenen Färbung. Rot wie Blut nämlich. Was Siddharta schaffen, ist intelligent gemacht und voll von einer urtümlichen (weil slawischen?) Energie, die man sonst recht erfolglos bei so manchen anderen Gruppen sucht. Selbst wenn die Produktion ein wenig zu glatt geraten ist, der bandeigene Stempel bleibt gut hörbar und kann nicht einfach verwischen.

Siddharta stecken Herzblut in ihre Songs. Man glaubt es ihnen, nicht nur wegen des Blutflecks auf dem Cover. Ihre Musik hat eine massentaugliche Portion Metal in sich, wie sie einst Metallica schafften, birgt aber auch viel Rock (mit und ohne "Nu") und Folk, Mittelalter und Pop in sich. Manche Songs strotzen nur so vor Keyboards und Streichern, ohne gleich Klassik-Crossover zu sein. Außerdem hört sich Sänger Tomi manchmal an wie ein Italiener, der Alt-Englisch singen will. Dabei fühlt man sich leicht an Rhapsody erinnert. Und auch das kommt verdammt gut rüber.

Siddharta sind wie Laibach auf Metal. Und sie wollen genauso wie ihre Landsmänner über die Grenzen Sloweniens hinaus bekannt werden, schließlich ist ihre Heimat für sie zu klein geworden. Klingt altbacken, ist aber so. Immerhin gelingt ihnen im Handumdrehen, für den Tourauftakt 30 000 Besucher in ein Stadion zu locken, wovon hierzulande selbst die gehypten Starmaniacs nur träumen können. Damit ihr Bekanntheitsgrad auch im Ausland wächst, haben sie ihrem dritten Album "RH-" eine Frischzellenkur verpaßt, indem sie es neu mit englischen Texten versehen haben. Dadurch kommt es zu einem kleinen Dilemma, weil die neue Platte manchmal an den Übersetzungen leidet. Die offene slawische Ausdrucksweise funktioniert nämlich nur bedingt auf Englisch. Ist aber egal, denn sie schaffen selbst in der ihnen fremden Sprache Reime, die deutschsprachige Künstler oft nicht packen. Dazu kommt viel Bombast, geile Riffs und außerdem gibt es immer wieder eine Textzeile, an der man sich nicht nur festhält, sondern sie auch gerne mitsingt.

 

"Eigentlich kann sich jeder in den Songs wiederfinden", meint Sänger Tomi. "Die ganze Welt soll sie hören und verstehen." Mit eingängigen Refrains sollte das eigentlich allen leicht fallen, denn Siddharta können sehr poppig sein - man braucht sich nur das geniale "You Betray" anhören und in der pathetischen Welle dieses Songs mitschwimmen. Orchesterfans werden das Intro "RH-" und "Japan" lieben, "Rooskie" wiederum wird bestimmt alle System-Of-A-Down-Fans in Verzückung versetzen. Und wer wissen will, wie ihr slowenisches Herz schlägt, bemerkt das besonders in der folkloristischen Melodieführung von "Kloner". Sicher, nicht immer halten sie das hohe Niveau, aber wenn "My Dice" gleich einer Bluttransfusion in den Hörer einfährt oder die Slowenen mit "T.H.O.R." klassischen Metal - darunter auch ein von Metallicas "Enter Sandman" ausgeborgtes Riffing - mit Elektro vermischen (ohne dabei gleich wie ein Rammstein-Abziehbild zu wirken, die ihrerseits Laibach-Abziehbilder sind) und mit "Etna" sogar eine anfangs spärlich instrumentierte Beinah-A-Capella-Nummer liefern, ist man sicher, eine der interessantesten CDs des Jahres in der Hand zu halten.

Es ist nun mal so, daß sich in der Rockmusik nicht besonders viel tut. Immer wieder werden alte Stile neu aufgewärmt, müde zupfen Bands auf den Saiten ihrer Gitarren oder säuseln nichtssagende Texte in das Mikro. Siddharta gelingt zwar nicht die musikalische Revolution, aber sie liefern den richtigen Kick frischen Blutes, den wir endlich in der Musik brauchen.

Nur eines sei dem Leser auf dem Weg in den Plattenladen mitgegeben: sollte die CD nicht sofort zünden, liegt es an der Produktion. Spätestens nach dem dritten Mal aber tut sie es. Garantiert.

Milan Knezevic

Siddharta - RH-

ØØØØ 1/2


Ministry of Sound/emv

(SLO/21. 03. 2005)

 

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