Editorial_Kopftücher

Grüß Gott - Hosen runter

Daß Kleidung Privatsache ist, wußte schon Henry Mountbatten-Windsor. Meist dient sie jedoch nicht nur praktischen Zwecken. Wer also die Mitbürger mit seiner Geisteshaltung konfrontiert, wünscht sich Aufmerksamkeit - oder?    21.06.2011

Natürlich nicht. Das haben wir völlig falsch verstanden.

Ob Armbinde, Kopfbinde oder Bauchbinde - das Stück Textil kann nichts dafür. Ob die Form der Funktion folgt oder die Ohrfeige dem Geschmack: die Bosheit liegt im Auge des Betrachters. Schließlich ist schon das einfache Kopftuch ungemein praktisch. Moderne Musliminnen verwenden es als Halterung für ihr Klapphandy, damit sie beim Reden beide Hände für den Kinderwagen freihaben; und Geld für den Friseur sparen sie obendrein.

Einen Tschador wiederum möchte man auch mancher Blume aus dem Gemeindebau empfehlen, wenn ihr unter dem zu kurzen Leiberl die tätowierten Speckwülste herausquellen (oder oft schon wegen der Farbe ihrer Stretchhosen). Weiters lassen sich X-Haxen und Krampfadern damit ebenso gnädig kaschieren wie gewisse orientalische Beinbehaarung ... aus ästhetischer Sicht bieten die umstrittenen Accessoires höchst begrüßenswerte Möglichkeiten.

Wer unter Fieberblasen oder der Physiognomie einer Alice Schwarzer leidet, könnte einfach zum Niquab greifen; wenn gar nichts mehr hilft - etwa bei der Mimik deutscher "comedians" -, bleibt immer noch die Burka. Sie ist zudem Ausdruck ultimativer Bescheidenheit: Moslems wollen ja keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Oder wenigstens nicht auf ihre Frauen.

Gut, es ist dann vielleicht nicht der geschickteste Weg, die Anonymität hierzulande ausgerechnet mit einer Ganzkörpergarage sicherzustellen. Aber seien wir froh - angesichts manch faßförmiger Silhouette wollte man vermutlich gar nicht genauer wissen, was sich darunter verbirgt.

Es müssen auch nicht immer jene willendorfschen Venus-Attribute sein, wie sie sich in Allahs Landen so großer Beliebtheit erfreuen, die Minirock + Stöckelschuhe zum öffentlichen Ärgernis machen können. Wer sich je auf einem schmalen Gehsteig dem Tempo vor ihm hertrippelnder Castingshow-Adeptinnen anpassen mußte, wird das raumgreifende Ausschreiten orthodoxer Bräute Mohammeds zu schätzen wissen.

 

Wie steht es also mit der textilen Symbolik?

Sich auf kulturelle Schrulligkeiten herauszureden, ist nicht mehr besonders glaubwürdig. (Wenn ein Dickbärtiger im Kaftan auf dem Weg zur Freitagspredigt sagt: "Ich geh’ nur hin, weil nix Gscheites im Fernsehen ist", meint er damit wahrscheinlich, daß er den jüngsten Selbstmordanschlag eh schon auf YouTube gesehen hat.)

Aber bei uns ist das was anderes. Kopftücher können hier schon deshalb gar keine Demonstration einer menschenverachtenden Ideologie sein, weil das ganze sonst längst verboten wäre. Heißt es doch in Artikel 9 des Staatsvertrages:

"Österreich verpflichtet sich, alle Organisationen faschistischen Charakters aufzulösen ... und zwar sowohl politische ... als auch alle anderen Organisationen, welche ... die Bevölkerung ihrer demokratischen Rechte zu berauben bestrebt sind."

Na bitte. Wir brauchen keine so ausgefeilten Tricks wie die Amerikaner, wo der Ankömmling sich am Flughafen gut überlegen muß, ob er bei "Sind Mitglied einer terroristischen Vereinigung und wollen Sie das Weiße Haus sprengen?" im Fragebogen "Ja" oder "Nein" ankreuzen soll. Wir wissen auch so: Was gegen die Vorschriften ist, gibt’s nicht.

Deshalb bekennen sich alle Muslime bei uns automatisch zur Demokratie. Sie würden nie die Hand abhacken, die ihnen das Kindergeld reicht. Außerdem haben wir gar kein Weißes Haus.

Auch als Symbol für weibliche Diskriminierung kann ihre Kleidung daher nicht dienen. Wer immer hier Kopftuch trägt, tut dies freiwillig und aus praktischen oder modischen Gründen (abgesehen von den Vulkanierinnen, die brauchen es wegen ihrer Ohren); religiös motivierte Vermummung ist bei uns auf Klöster beschränkt.

Betrachtete man sie als Kennzeichnungspflicht für verheiratete bzw. heiratsfähige Frauen, würde es unsere Polizei sicher nicht erlauben, daß schon achtjährige Mädchen so herumlaufen wie in der Umgebung jener Islamschulen, die wir einschlägig interessierten Neubürgern zu Bildungs- und Integrationszwecken gebaut haben.

 

Ja, überhaupt: die Sache mit dem Sex.

Daß sogar Reife im Auge des Betrachters liegen kann, haben unsere weisen Vertreter erst letztens bewiesen, als sie das Wahlalter auf 16 senkten. Aber Kinder - das geht nicht; wir sind hier schließlich nicht in Belgien, Fritzl hin oder her. Und wer seine Cousine heiraten will, muß immer noch vorher die einheimische Kirche fragen (daß selbige später nicht für die Behandlungskosten geistig behinderten Nachwuchses aufkommt, steht beim Konkordat im Kleingedruckten).

 An der Sexualisierung des Kopftuches jedenfalls scheiden sich die Geister. Das Haar des Weibes sei zu bedecken, um kein unkeusches Begehren zu wecken - so interpretieren berufene Muftis den Koran. Nun, uns geht’s ja nichts an, aber glaubt das wer im Ernst?

Man stelle sich vor: Parteigänger Allahs, entflammt schon beim Anblick einer Haarsträhne. Jedes Friseurgeschäft müßte ihnen das Gemächt schwellen lassen; noch die letzte Simmeringer "Uschi’s Haar-Butik" geriete ihnen zur reinsten Fetisch-Peepshow (und Uschi könnte viel Geld für die Lizenz-zum-Zusammenkehren verlangen).

Nein, der Orient zeigt sich körperlichen Genüssen seit jeher aufgeschlossener als unsere Gesellschaft, nicht nur, was die Heiratsfähigkeit Minderjähriger betrifft. Man betrachte etwa die Definition von Homosexualität: Dem arabischen Manne war es schon immer gestattet, sich "in Notsituationen" im Darm seines Nächsten Erleichterung zu verschaffen, solange er den aktiven Part innehatte. (Zugegeben, als "Passiver" blüht ihm die Todesstrafe; aber kirchlich verboten - wie bei uns - ist das Prozedere nicht.)

Weibliche Sinnesfreuden jener Breiten wiederum sind uns spätestens seit 1001 Nacht bekannt. Wer sagt also, daß wallende Umhänge nur Sprengstoffgürtel verbergen können? Vielleicht vibrieren dort ja auch ausgefeilte Dildo-Massagehöschen, und der entrückte Blick mancher Muslimin ist bloß ihrer Konzentration geschuldet, sich nichts anmerken zu lassen.

 

Außerdem geht es in den Debatten offiziell zunächst um den Kopfschmuck allein.

Wo liegt das Problem? Vielleicht ist Erdogans Frau bloß Stammkundin bei Uschi, und Orange paßt ihr farblich nicht zum Grün des Propheten. Auch der bei uns gerade aktuelle Haarschnitt pubertierender Jünglinge - die mit den Maxi Böhm-Stirnfransen, die immer den Kopf schiefhalten - sollte eine Herausforderung für alle Couturiers sein. (Stichwort Sikh-Turbane, oder dergleichen.)

Jimi Hendrix hat sich die Krawatte um die Stirn gebunden, Rambo einen roten Fetzen, und was Berlusconi am Schädel trägt, ist genausowenig dort gewachsen (von dem, was sich drunter befindet, reden wir sowieso nicht).

Schön, die Kopftücher fraglicher Neubürgerinnen schnüren auch den Hals ab. Aber wer weiß, wozu es gut ist. Als Detail bayrischer und österreichischer Trachtenmode kennen wir derlei schon seit Jahrhunderten; es war der Jodmangel, der - von Salzburg ausgehend - stilbildend wirkte und das Kropfband salonfähig machte. Man sieht: Praktische Erwägungen und Folklore sind seit jeher die wahren Gründe für die Wahl der Garderobe.

Und wo wir gerade beim Ausmisten von Vorurteilen sind, können wir auch gleich die kolportierte Humorlosigkeit der braven Mohammedaner ad acta legen.

In diesem Sinne:

 

Lassen wir kulturelle Fehlinterpretationen hinter uns; es ist an der Zeit für eine neue Geste der Völkerverständigung. Wieviel oder wie wenig Kleidung man trägt, ist Privatsache - gerade Moslems wissen unsere diesbezügliche Toleranz zu schätzen. Bekunden wir ihnen also unsere intellektuelle Verbundenheit:

Wo immer wir künftig solch modebewußten Menschen begegnen, streifen wir die Hosen runter / heben die Röcke, und verneigen uns - in die Gegenrichtung. Wenn die Adressaten dann in unseren blanken Hinterteilen etwas anderes sehen als ein herzliches "Grüß Gott", so haben sie uns völlig falsch verstanden.

Marcus Stöger

Kommentare_

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Bergwächter - 28.06.2011 : 20.03
Sehr gelungener Beitrag! Gratulation! Der EVOLVER hat noch immer Schneid.
Marianus-(Studiosus) - 01.07.2011 : 06.11
Nicht schlecht! "Allumfassend" wäre eine Untertreibung!
Ich gratuliere auch!
Löwenherz - 01.07.2011 : 12.47
Ein wirklich erfrischend politisch inkorrekter Beitrag. Der traut sich was, der Marcus.

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