Kino_300

Blut und Pathos

Sah Xerxes tatsächlich aus wie ein Zwei-Meter-Model? War Leonidas wirklich ein so wortgewandter Spaßmacher? Das alles interessiert uns nicht wirklich, da Zack Snyders "300" keineswegs um historische Authenzität bemüht ist. Und das ist gut so.    03.04.2007

Als die Griechen im vierten Jahrhundert nach Christus das erste Exemplar der Bibel, die "Septuaginta", vom Hebräischen ins Griechische übersetzten, unterlief ihnen ein grober Fehler: Die glühenden Verfechter der Homosexualität übertrugen den hebräischen Ausdruck für "junge Frau" mit "Jungfrau" ins Griechische. Was die Welt davon hat: die Legende von der unbefleckten Empfängnis und einen ganzen Rattenschwanz an Folgeproblemen und Mißverständnissen. Eine Geschichte, die man glauben kann, aber nicht muß ...

Genau wie jene - wesentlich heldenhaftere - von den 300 Spartanern, die unter der Führung ihres Königs Leonidas ein Heer von einigen Tausend Persern in der Schlacht bei den Thermopylen drei Tage lang abwehrten und angeblich vielen ihrer Feinde das Lebenslicht ausbliesen. Das ist eine Legende, wie sie echte Männer fasziniert und inspiriert. So ging es wohl auch Frank Miller, der als Bub den Film "Der Löwe von Sparta" sah und sofort beschloß, seine Zeichentalente solange zu perfektionieren, bis er diese Sage bildgewaltig würde umsetzen können. Das gelang ihm 1998 mit dem Comic "300", in dem der Comic-Meister seine Sicht der Dinge unmißverständlich klarmachte: Die alten Griechen - oder auch "Das Gute" - mußten mit ihrer Meinung über den Feind - "Das Böse" - sicher nicht aus Gründen der "Political Correctness" hinterm Berg halten. Bei Miller hielt nur eine Handvoll der Hellenen die Stellung und vergoß dabei, wenn man seinem Comic glauben mag, hektoliterweise Blut.

Was wäre also im Zeitalter nahezu perfekter digitaler Tricktechnik und zusehends schwindender Geschichtenvielfalt naheliegender, als eine solche Graphic Novel zu verfilmen? Und zwar in all ihrer Brutalität, Gaudi und frei von Zwängen der Historientreue. Nach Robert Rodriguez ("Sin City") war es diesmal "Dawn of the Dead"-Regisseur Zack Snyder, der sich über den Millerschen Stoff hermachte und eine Bilderschlacht der Extraklasse ablieferte.

 

Die Szenen in dem 116minütigen Epos sind dem Original in Comic-Form nachempfunden: Reduzierte Farben und vorherrschende Braun- und Grautöne setzen die gezeichneten Bilder vor dem Auge des Zuschauers in äußerst rasche Bewegung um. Auch wer die Buchvorlage nicht kennt, kann - im Gegensatz zu manch verstörtem Zuseher von "Sin City" - sofort etwas mit der Geschichte anfangen.

Es war einmal ...: Wir schreiben das Jahr 480 v. Chr. Ein Bote des persischen Königs Xerxes reitet in Sparta ein und verlangt die Kapitulation der griechischen Stadt. Er beleidigt dabei schnell noch die Gattin des Leonidas (Gerard Butler), indem er ihr den Mund verbietet und glaubt, damit ungeschoren davonzukommen. Als der Bote jedoch bemerkt, daß er die Rechnung ohne den König der Spartaner gemacht hat, sind auch seine Versuche, sich auf den Status als Bote herauszureden, bereits vergebens: "Nobody kills a messenger. This is blasphemy, this is madness." Leonidas dreht sich noch einmal zu seiner Gefährtin um, die ihm beipflichtend zunickt, worauf er den Boten, der vor einem Abgrund steht, berichtigt: "This is not madness, this is Sparta!" Dann gibt er dem Kundschafter einen gepflegten Fußtritt und läßt das Gefolge des Persers auch gleich in das Loch werfen. Nicht gerade ein diplomatischer Zug des Leonidas - denn jetzt herrscht Krieg zwischen den Spartanern und den übermächtigen Persern.

Normalerweise wäre ein Kampf zwischen den beiden Ländern kein Problem, doch das Orakel wurde bestochen und verweigert dem griechischen Feldherrn mit dem lapidaren Hinweis auf irgendwelche religiösen Feierlichkeiten die Unterstützung. So bleibt Leonidas nichts anderes übrig, als mit lediglich 300 seiner besten Männer loszuziehen und das Land auf eigene Faust zu verteidigen.

 

Das kleine Heer wird nebenbei heimlich vom übereifrigen Ephialtes verfolgt: Ephialtes, ein stark entstellter Sohn Spartas, inklusive Buckel und einem etwas zu groß geratenem Auge, möchte so gern seine schönen Brüder im Kampf gegen die Bestien aus Persien unterstützen. Dieser Wunsch wird ihm jedoch von Leonidas verweigert, kann der benachteiligte Krüppel doch seinen Schild nicht hoch genug halten, um die Sicherheit der unverwundbaren Einheit (Phalanx), in der die Krieger auftreten, zu gewährleisten. Das Monster sinnt ob dieser Schmach natürlich auf Rache und verrät im Tausch gegen ein paar Ländereien und Weiber seinen König an den persischen Xerxes. So kommt es zur letzten großen Schlacht, und ein weiteres Mal triefen die Umhänge der Spartaner vor Blut und Pathos ...

Wer sich mit "300" eine BBC-Doku mit Mutmaßungen über das Leben der alten Griechen erwartet, wird im Kino enttäuscht werden und den Film verfluchen. Aber wem würde sowas auch einfallen? Anscheinend mehr Unwissenden, als man glaubt - allen voran einem amerikanischen Kritikerfuzzi, der meinte, "300" gehöre in Zeiten, in denen man ohnehin Konflikte im Nahen Osten oder auch mit dem Iran abwehren muß, schlicht und einfach verboten. Wären solche Sandalen-Skandal-Filme immer so ernst genommen worden, dann hätten einander die Italiener und Franzosen wahrscheinlich gleich nach dem ersten "Asterix"-Abenteuer ausradiert. Aber es ist ja alles nur ein Comic ...

So weist auch dieser Film einige naturgemäß überzeichnete Szenen auf: Xerxes (Rodrigo Santoro) ist geschätzte zwei Meter achtzig groß, hat das Gesicht eines Models und hält sich für einen Gott. Der schöne Verführer bietet dem verunstalteten Ephialtes ebenso leicht entstellte, aber doch geile Frauen an, die den Buckel des Ausgestoßenen liebkosen und sich ihm sofort hingeben wollen.

Und ja, die Perser sind die Bösen. In diesem Film müssen sie das auch sein. Wie sollen sie denn sonst gewinnen? Sie verführen den Buckligen, sie kämpfen mit Hilfe von Elefanten und anderen Monstren gegen ihre zahlenmäßig unterlegenen Gegner und sie köpfen sogar ihre eigenen Leute, wenn diese Fehler machen.

Wie langweilig wäre ein Kampf zwischen zwei guten Parteien oder Gegnern mit ausgewogener Persönlichkeitsstruktur! Wer will sowas sehen? Da entscheidet man sich doch lieber für eine Seite, genießt die alles andere als spartanisch gestalteten Tricks, die gestylten Bilder, die coolen Dialoge und die perfekt choreographierten Kämpfe. Und pfeift für knapp zwei Stunden auf das kindische Theater, das draußen vor dem Kinosaal Tag für Tag stattfindet. So einfach ist das.

Nikolaus Triantafyllidis

300

ØØØØØ


USA 2007 

116 Min.

dt. Fassung und engl. OF 

Regie: Zack Snyder

Darsteller: Gerard Butler, Lena Headey, Rodrigo Santoro u. a.

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Kommentare_

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Cineast - 03.04.2007 : 19.20
Solchen Blut&Käse-Quark muß ich nicht sehen. SOOOO einfach ist das.
Magister Kohlsprosse - 03.04.2007 : 23.27
Lieber Cineast,

das brauchst du zum Glück auch nicht! Schließlich ist selbst der große Warren Ellis kein Freund der Comic-Vorlage. Andererseits weiß er, wovon er spricht und kann dies auch begründen, während dein kurzer und unspezifischer Kommentar mehr danach aussieht, als wärst du auf der popkulturellen Evolutionsleiter nie sonderlich weit nach oben gekommen.
Ganthet - 06.04.2007 : 12.37
Wie schon den Comic, sollte man den Film eher als Kunstwerk verstehen. Miller hat eine ganz eigene Art der Erzählstruktur. Schön, dass das auch ins kino übertragen wird
Scott Bradley - 06.04.2007 : 14.49
Pflichte dem Kollegen bei: Großartig. Jeder bekannte Vorwurf gegen diesen Film ist hingegen ein schlechter Scherz. Natürlich hätte Godard diesen Kinderfilm anders gedreht. Doch "Der Herr der Ringe" enthält mehr Blut (& Käse) als dieser herzige Popcorn-Streifen, der übrigens noch nicht mal brutal ist. Der Vorwurf der politischen Incorrectness, zum Beispiel, entbirgt die ganze Blödheit der ewigen Schmuser, die Angreifer nicht von Verteidigern unterscheiden können. Wer in "300" wirklich den Kampf der westlichen Welt gegen Iran & Co erkennt, sollte dringend professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Bestenfalls klappte das umgekehrt: Xerxes als die USA (eitel, imperialistisch, korrumpierend, Fernwaffen verschießend), die Spartaner als tapfere Verteidiger von (tja, die Gleichung klappt eben auch umgekehrt nicht). "Faschistoide Bilder" kann nur erkennen, wer jeden verfilmten Muskel gleich als Gruß von Leni Riefenstahl empfindet – soll er bitte aufhören, heimlich WK-II-Wochenschauen zu glotzen. Und "Mangelnde Selbstironie" konstatiert auch nur, wer zum ironischen Grinsen in den Keller geht. Maximal kann man dem Film vorwerfen, die drei Tragödien seines Stoffes nicht dramatisch genug ausgeschlachtet zu haben. Ich jedenfalls habe mich köstlich amüsiert.
M. K. - 11.04.2007 : 15.25
Als angehender Archäologe und Historiker hab' ich zuerst gedacht: Gut, nach King Arthur und Troja wieder ein beknackter Fanatsyfilm vor historischen Ereignissen. Kann man sich einmal antun, um mitzureden.
Als Fantasyfan und Freund von Schwertkampf dann das Aufatmen: Solide Fantasydarstellung, mit ausreichend und meiner Meinung nach nicht einmal zuu viel Blut.
Was mich, entschuldigung: ankotzt, ist die politische Furore die darum gemacht wird. Der Film spielt in einer anderen Zeit. Die "Perser" kann man beim besten Willen nicht als solche erkennen, wenn es nicht gesagt werden würde. Die Unsterblichen sehen aus wie eine Mischung aus Ninja, Samurai und Orks (unter der Maske), der Bote am Anfang hat eine frappierende Ähnlichkeit mit einem Mitglied von "The Prodigy" und das die Persischen Könige sich für Gottgleich hielten (ähnlich wie die Ägypter) ist doch wohl hinreichend bekannt. Ach, ich verrenne mich in Details... Kurz: Dem Film geht jegliche Interpretation ab, wenn man ihn als das sieht, was er ist: Ein Film.
Kinogänger - 21.04.2007 : 02.24
Der Film ist, nach meiner Meinung, ja dann doch eher langweilig. Die Handlung hat wenig Tiefe und die visuelle Umsetzung wirkt schon sehr gesehen. Die Animationen waren mittelmäßig ebenso die "Kampfkunst". Ironie kommt in solchen Szenen auf, in denen hirntote Soldaten aus Sparta ihre dummen pathetischen Sprüchlein brüllen hört. Starship Troopers war da zu seiner Zeit meiner Meinung nach besser gelungen. Auch bei vielen anderen Comic-Verfilmungen habe ich die Art und Weise der Charakterüberzeichnungen als besser ausgearbeitet empfunden. Meiner Begleitung haben letztendlich die Männerkörper ganz gut gefallen, was ich durchaus verstehen kann. Ich persönlich kann nur als vielversprechend werten, dass ein solch besucherstarker Film mit dem Einsatz einer hierfür eher unüblichen Bildsprache ein wenig Bewegung in unsere Sehgewohnheiten bringt. Ich denke, hier könnten viel mehr Impulse aus dem Bereich des Independent bzw. des experimentellen Films in das "große" Kino gelangen. Außerdem ist der Film alles in allem eine Runde Sache, der aber nicht mehr Nährwert hat als ein Burger beim Schnellimbiss.
Bobo - 29.04.2007 : 20.27
Kann M.K. nur zustimmen. Studiere auch klassische Archäologie und Alte Geschichte, also habe ich versucht mir den Film aus zwei Perspektiven anzuschauen. Naja, was soll man sagen, ich wußte ja was auf mich zukommt, der Name Frank Miller ist mir als Comic-Fan natürlich ein Begriff. Klar, historische Authentizität
suchte man vergeblich, ich war aber trotzdem nicht enttäuscht, denn als Freund von Actionepen und Heldengeschichten wurde ich satt bedient. Bin nach all den Kritiken und nachdem ich das Making-of im Internet gesehen habe, mit äußerst gemischten Gefühlen wegen der angebl. "faschistoiden" Tendenzen und pro amerikanischer Propaganda an den Film rangegangen, und muss sagen:Alles halb so wild!!! Gut aussehende Krieger verkloppen
orkartige Bösewichter, nicht mehr und nicht weniger.
Selber Schuld wer diesen Film ernster als Star Wars nimmt. Diese von aller Welt anerkannten Meisterwerke des Popcornkinos sind eindeutig mit mehr tendenziösen Metaphern als der Film "300" gespickt. Ich kann dazu nur sagen, wer auf Comics, rein visuelles Kino und simple Action steht, soll ihn sich anschauen und seine Freude haben, der Rest halt nicht. Also bitte, keine bloß nichts in diesen Film hinein interpretieren.
Christian - 05.05.2007 : 14.21
Ein Männerfilm, aber in dieser Kategorie auf jeden fall einer der besten! Die Spartanische Kriegermoral die hier herausgehoben wird, begeistert und die Kampfszenen sind wirklich grandios. Und wer sich über die Story beschwert, welche ich übrigens für äussert gelungen halte, muss sich daran erinnern, das der Film/Comic auf einer realen Begebenheit besiert und somit garnicht so viele Variationsmöglichkeiten in sachen Handlung bietet.

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