Kino_(500) Days of Summer

The beginning is the end is the beginning

Eine RomCom ganz ohne Kitsch? Ja, das gibt es wirklich noch: Regisseur Marc Webb zeichnete bisher für Musikvideos von 3 Doors Down und Green Day verantwortlich. Jetzt feiert er sein erfrischendes Spielfilmdebüt.    14.10.2009

Die amerikanische RomCom (= Romantic Comedy) ist einfach nicht totzukriegen. Gerade noch zanken sich Katherine Heigl und Gerard Butler in "Die nackte Wahrheit", da steht schon das nächste romantische Drunter und Drüber in den Startlöchern. Stets mit dem gleichen Rezept versehen, folgt auf ein Gefühlschaos am Ende dann doch die Zusammenführung. Der Vorhang fällt, das Publikum ist zufrieden. So könnte man zumindest meinen.

Marc Webbs "(500) Days of Summer" macht schon nach wenigen Minuten durch einen Erzähler aus dem Off deutlich, daß den Zuschauer diesmal ein alles andere als gewöhnlicher Handlungsverlauf erwartet: "This is not a love story", läßt er mit tiefer Stimme verlauten. Und in der Tat, für unser Paar (Zooey Deschanel und Joseph Gordon-Levitt) wird es kein Hollywoodsches Happy End geben. Das Gegenteil nimmt stattdessen eine zentrale Rolle im Film ein. "(500) Days of Summer" unterläuft auf narrativer Ebene so ziemlich jede andere RomCom, reflektiert die Konventionen des Genres und ignoriert sie schließlich. Der Film liefert seine Geschichte asynchron und nutzt dabei fast alle filmischen sowie erzählerischen Techniken, die es gibt. Mal wird in Rückblenden erzählt, mal parallel via Splitscreen, mal springt der Film innerhalb weniger Minuten in die Zukunft und wieder in die Vergangenheit - und vice versa. Als Ausgangslage dient dabei stets der via Einblendungen stets präsente Zeitrahmen von 500 Tagen. Was chaotisch klingt, ist letztendlich aber eine wundervolle Frischzellenkur, die nicht nur gut aussieht, sondern auch funktioniert, da sie so gut wie nie selbstzweckhaft wirkt.

Eine kunterbunte Montage, die man so sicher auch in noch keinem Film des Genres gesehen hat, ergänzt das alles. Da folgt eine feuchtfröhliche (im wahrsten Sinne des Wortes) Musical-Einlage auf eine fast schon langweilig und trist anmutende Großraumbüroszene mit wundervollem Soundtrack: Von den Smiths über Simon & Garfunkel bis hin zu Carla Bruni, stets abwechslungsreich und immer ins Schwarze treffend, verliebt man sich neben den beiden Protagonisten schnell auch in die wundervoll melancholischen Songs. Dabei leitet Webb seinen Film geschickt immer wieder in eine andere Richtung, wenn er in pathetisch-kitschige Gefilde abzudriften droht. Er kostet die Szenen aus und verleiht seinen Hauptcharakteren Authentizität und Gefühl. Es macht einen großen Unterschied, ob man Gefühlschaos - egal ob Liebe, Haß, Schmachten oder Trübsal blasen - mit ordentlich Kitsch versieht oder es einfach so zeigt, wie es ist: bisweilen hart und traurig, aber gerade deshalb auch konstruktiv und schön. Der Regisseur scheint diesbezüglich reichlich Erfahrungswerte zu besitzen; so ehrlich wie hier sieht man eine unerfüllte Liebe selten. Und obwohl die Schwere des Ganzen glücklicherweise nicht allzusehr drückt, bekommt man doch stets noch ein comic relief serviert, das die Mundwinkel wieder nach oben zieht.

 

 

 

Natürlich lebt ein Film wie "(500) Days of Summer" auch von seinen Darstellern. Joseph Gordon-Levitt und Zooey Deschane verbindet nicht nur eine unglaubliche Chemie, sie erscheinen in ihrer Performance auch erstaunlich lebensnah.

Es ist die Liebe zur Popkultur, die die beiden zueinanderfinden und wieder auseinanderkommen läßt; traurige, englische Popsongs, die - soweit sind sie sich einig - nichts mit der Realität gemein haben. Doch sie hören sie beide mit großer Hingabe und glauben auch irgendwie an sie.

Bleiben die Fragen "Was ist die wahre Liebe überhaupt" und vor allem: "Gibt es sie?" Auch "(500) Days of Summer" weiß darauf keine Antwort. Webbs Film versucht jedoch sein Bestes, und so glaubt man zumindest daran, daß es noch Liebesfilme gibt, die ein ehrliches Bild vermitteln. Genau wie "There Is a Light That Never Goes Out" der Smiths (laut Tom und Summer einer jener realitätsverklärenden Popsongs, die unser Liebesverständnis beeinflussen) ist "(500) Days of Summer" dann auch: mitreißend, traurig, melancholisch, aber auch hoffnungsvoll, erfrischend und wunderschön. Wie die Liebe eben.

 

 

 

Stefan Rybkowski

(500) Days of Summer

ØØØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2009

95 Min.

Regie: Marc Webb

Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Zooey Deschanel, Geoffrey Arend u. a.

 

(Kinostart Ö am 23. 10.)

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