Kino_Salt

Die Frau fürs Grobe

Ihr EVOLVER macht's gründlich: Gleich zwei unserer Kritiker haben sich den aktuellen Film angesehen.
"Eine One-Woman-Show von Angelina Jolie", meint Stefan Rybkowski.    20.08.2010

Erst kürzlich wurden russische Agenten in den Vereinigten Staaten der Spionage überführt und festgenommen. Sicherlich nichts Ungewöhnliches, denn spioniert wird überall und auf allen Seiten, das gehört zur Globalisierung ebenso wie der McDonald's um die Ecke. Sich dabei erwischen zu lassen und somit in das Interesse der Öffentlichkeit zu rücken, ist jedoch das Worst-Case-Szenario, sowohl für einen Agenten als auch für seinen Auftraggeber.

 

Mit "Salt" liefert Phillip Noyce nun einen tagesaktuellen Agententhriller ab, der nicht nur alte Klischees und Feindbilder aufwärmt, sondern zusätzlich einen interessanten Aspekt hinzufügt, der aber leider nur im Ansatz funktioniert.

Es ist das übliche Szenario: Evelyn Salt (Angelina Jolie) ist eine Agentin im Dienste der CIA, die schon so einiges aushalten mußte. Egal ob schwierige Verhöre oder Folter in Nordkorea, Salt ist die Frau fürs Grobe. Obwohl ihre Statur und ihre Eleganz ähnlich wie bei Jennifer Garner in "Alias" eine andere Sprache sprechen, ist sie zudem emotional ziemlich nüchtern und fokussiert - zumindest an der Oberfläche. Sie hat ihrem Land bereits viele Dienste erwiesen; bis sie eines Tages von der Jägerin zur Gejagten wird, weil sie ein Überläufer als russische Schläferin denunziert, die den russischen Präsidenten auf amerikanischem Boden töten soll.

Das klingt im Prinzip nach einem hervorragenden und vor allem spannenden Setting, das viel Raum für Action und Verfolgungsjagden bietet. Und so verläuft "Salt" dann auch in gewohnten Actionthrillerbahnen, mit dem kleinen Unterschied, daß es hier kein Schrank von Killer ist, sondern eine fast schon zierliche Erscheinung. Das Tempo des Filmes gewinnt sukzessive an Fahrt, die Action kommt wohldosiert und in ansehnlichen Aktionen daher, auch wenn sie des öfteren etwas over the top ist.

 

Geschickt spielt Noyces Film dabei mit der Erwartungshaltung des Zuschauer, legt ständig falsche Fährten, die zumindest bisweilen für Abwechslung sorgen können. Dabei ist sein Film aber auch politisch, denn obwohl in den letzten Jahren stets der Araber oder der Terrorist der Feind waren, bekennt man sich in "Salt" ganz ungeniert wieder zum Russen. Sowohl optische als auch namentliche Parallelen zu lebenden Figuren sind dabei natürlich rein zufällig.

Klarerweise sind es aber auch hier wieder die Terroristen, die die Veränderung wollen, nicht etwa die Oberen aus Politik und Wirtschaft. Der verstorbene Vizepräsident der USA und der russische Präsident waren beispielsweise sehr gute Freunde, nur nach dem Ableben des Letzeren scheinen die Beziehungen zwischen den USA und der Russischen Föderation einmal mehr angespannt zu sein; der nukleare Holocaust droht. Ein Schreckensszenario, das seit dem Kalten Krieg nicht mehr so aktuell war wie hier. So begleiten wir den Präsidenten mitsamt seinem "Football" (dem Koffer, der die Codes für die Nuklearwaffen beinhaltet) in einen Bunker, sehen den Secret Service, wie er verzweifelt versucht, das Leben des Präsidenten bis zum letzten Mann zu schützen, und eine Nation, die von alledem fast zeitgleich informiert wird.

Es ist vor allem aber das Netz von russischen "Schläfern" - die all die Jahre nur darauf trainiert wurden, irgendwann in den USA zuzuschlagen -, das dem Zuschauer doch die eine oder andere Schweißperle auf die Stirn treibt. "Salt" könnte also so schön Ängste und Bedrohungsszenarien schüren, wenn ... ja, wenn er nur nicht so sehr auf übertriebene Actioneinlagen setzen würde.

Natürlich ist der Film in erster Linie eine One-Woman-Show von Jolie, aber hätte man sich weniger so engstirnig auf ihren Charakter konzentriert (sondern z.B. mehr auf ihre Brüder und Schwestern), so wäre das Ganze - vor allem gegen Ende hin - nicht so offenkundig ausgefallen. Es gibt nämlich einige zentrale Momente im Film, die den Verlauf bis zum Ende fast schon explizit verraten. Immerhin: Bis zur Hälfte des Streifens versteht es "Salt", mit Loyalitäten und Emotionen zu spielen. Hier hätte man sich auch mehr Spielzeit für August Diehl gewünscht, der als Salts Ehemann leider viel zu kurz kommt.

 

"Salt" ist sicherlich kein schlechter Film. Das dürften in erster Linie Actionfans feststellen, die hier durchaus auf ihre Kosten kommen. Auch an Gewalt mangelt es nicht; denn trotz der PG-13-Freigabe geht es ordentlich zur Sache - offensichtlich wurde hier die Grenzen bis zum äußersten ausgelotet.

Jolie macht ihre Sache dabei sehr gut, bricht Knochen im Minutentakt und bleibt dabei stets von einer Aura der Unschuld umgeben, sodaß man ihr das alles einfach nicht zutrauen will. Auch der restliche Cast kann überzeugen, wenngleich Liev Schreiber mit seiner leicht prätentiösen, tiefen Stimme etwas zuviel des Guten ist. Das Einspielergebnis in den USA unterstreicht das alles, sodaß bereits erste Ideen über ein Sequel laut werden. Platz dafür bietet das Ende des Filmes in jedem Fall.

Stefan Rybkowski

Salt

ØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2010
100 Min.

Regie: Phillip Noyce
Darsteller: Angelina Jolie, Liev Schreiber, Chiwetel Ejiofor, Daniel Olbrychski, August Diehl u.a.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kino
Salt

Die Frau fürs Grobe

Ihr EVOLVER macht's gründlich: Gleich zwei unserer Kritiker haben sich den aktuellen Film angesehen.
"Eine One-Woman-Show von Angelina Jolie", meint Stefan Rybkowski.  

Kino
Up in the Air

Jäger und Sammler

Nach dem erfolgreichen "Juno" meldet sich Jason Reitman mit einem weiteren Kritikerliebling zurück und hat damit gute Oscar-Chancen. Nur das Drehbuch läßt diesmal zu wünschen übrig - meint Stefan Rybkowski.  

Video
The Texas Chain Saw Massacre

The Saw is family

Pünktlich zum 35-jährigen Jubiläum von Tobe Hoopers Terrorklassiker erscheint hierzulande eine prächtige Limited Edition, die den Film restauriert und mit reichlich Bonusmaterial erstmals auf Blu-ray präsentiert. So gut haben Schrecken und Entsetzen noch nie ausgesehen ...  

Kino
Das Gesetz der Rache

Vergebung war gestern

Die goldene Ära der Selbstjustizfilme ist schon lange vorbei, da kommt F. Gary Grays "Law Abiding Citizen" um die Ecke: ein Film, der nicht wie so viele andere vor Reaktionärem strotzt, sondern die Zustände nach 9/11 im Action-Gewand anprangert.  

Kino
(500) Days of Summer

The beginning is the end is the beginning

Eine RomCom ganz ohne Kitsch? Ja, das gibt es wirklich noch: Regisseur Marc Webb zeichnete bisher für Musikvideos von 3 Doors Down und Green Day verantwortlich. Jetzt feiert er sein erfrischendes Spielfilmdebüt.  

Kino
Das weiße Band

Auch Nazis haben klein angefangen

Es ist offiziell: Deutschland schickt Michael Hanekes neues Machwerk ins Rennen um den Oscar. Kein Wunder - die Amerikaner kriegen von Filmen über die deutsche Geschichte scheinbar nie genug.