Kino_Beim ersten Mal

Bong oder Baby?

Hier ist sie, die Komödie des heurigen Kinosommers! Judd Apatow, der mit "Jungfrau (40), männlich, sucht ..." bereits einen veritablen Überraschungserfolg landete, liefert mit "Knocked Up" ein weiteres, ebenso komisches wie charmantes Meisterstück ab.    21.08.2007

Am Anfang steht ein kurzes Abenteuer, ein One-Night-Stand, von dem beide Beteiligten nicht erwarten konnten, daß er irgendwann weitreichende Folgen zeitigen wird. Der Berufs-Loser, Möchtegern-Internet-Unternehmer und passionierte Pothead Ben (Seth Rogen) und die selbstbewußte, ehrgeizige Karrierefrau Alison (Katherine Heigl) scheinen auf den ersten Blick so gar nichts miteinander gemein zu haben.

Aber nur auf den ersten Blick. Das weniger erotisch als vielmehr sexuelle Tête-à-Tête der beiden endet nämlich damit, daß Alison von Ben schwanger ist. Der junge Mann fällt aus allen Wolken, als ihn ein paar Wochen später die Nachricht über seine bevorstehende Vaterschaft erreicht. Windeln wechseln statt mit den Kumpels abhängen? Eine nicht wirklich verlockende Idee, für die auch Alison - wenngleich aus anderen Gründen - nur wenig Begeisterung aufbringen kann.

Weil das Kind aber im wahrsten Sinne des Wortes längst in den Brunnen gefallen ist und der Kleine für die Umstände seiner Zeugung nicht verantwortlich gemacht werden kann, entschließen sich Ben und Alison dazu, ihr Kennenlernen einfach nachzuholen. Vielleicht ist der andere ja wider Erwarten nicht nur seiner Elternrolle gewachsen, sondern entpuppt sich auch als der Partner, den man sich immer erhofft hat.

 

Willkommen im Universum des Judd Apatow! Wie schon in seinem von Publikum wie Kritik gefeierten Vorgänger "Jungfrau (40), männlich, sucht ..." sprengt die Geschichte von "Beim ersten Mal" - obwohl sie sich recht konventionell anhört - den Rahmen gängiger romantischer Komödien. Apatow hält nichts von Gesetzmäßigkeiten, auch wenn sein Film nach genau denen aufgebaut ist. Natürlich findet sich alles zu einem Happy-End, doch bis dahin verweilt der Plot bei den Schnörkeln und liebenswerten Details, die man ansonsten im Hollywood-Komödien-Einerlei vergeblich sucht. Bereits die Laufzeit von über zwei Stunden verdeutlicht, daß sich "Beim ersten Mal" offenkundig Zeit nimmt für das, was er uns erzählen will: eine kleine, intime Geschichte über zwei Menschen, denen das Schicksal dazwischenfunkt, als sie es am wenigsten erwarteten.

Natürlich sagt allein die Filmlänge noch nichts über die Qualität einer Geschichte aus. Apatow weiß die 129 Minuten jedoch mit einer Fülle zwischenmenschlicher Beobachtungen zu füllen, sodaß letztlich die Zeit - ohnehin ein relatives Gut - wie im Fluge vergeht. Während bei den standardisierten RomComs der Blick auf die Uhr fast schon obligatorisch ist, kommt hier niemals Langeweile auf. Dafür baut Apatow den Plot zu geschickt auf, indem er häppchenweise immer mehr über seine Charaktere preisgibt, ohne daß das Resultat einem voyeuristischen Blick durchs Schlüsselloch gleichen würde. Man fühlt sich recht schnell als Bens bester Kumpel respektive Alisons Busenfreundin - und nicht als Zuschauer oder gar Voyeur, der Zeuge eines sexuellen "Arbeitsunfalls" geworden ist.

Wenn Ben mit seinem Vater (Harold Ramis) das Für und Wider der auf ihn hereinstürzenden Vaterschaft diskutiert oder Alison aus Angst vor einem Karriereknick ihrem Arbeitgeber die Schwangerschaft bis zuletzt verschweigt, dann wird deutlich, daß wir es hier mit sogenannten Menschen wie du und ich zu tun haben. Sie mögen vielleicht einen Fehler gemacht haben, sie waren verantwortungslos in einem Moment, in dem sie es eigentlich nicht hätten sein dürfen, aber das allein wird ihnen nicht wie eine moralische Monstranz vorgehalten. Apatow will seine Charaktere weder für plakative Schuldzuweisungen noch für billigen Klamauk hergeben - ganz einfach, weil er zu sehr an ihnen und ihren Unvollkommenheiten hängt.

Ben und Alison mögen die Hauptdarsteller der bekannten "Boy meets Girl"-Story sein, und dennoch überraschen sie uns ein ums andere Mal: er, indem er sich auf die neue Situation als Vater ganz anders einstellt, als es die Regeln des Genres gemeinhin erlauben, und sie, indem sie sich dem Klischee der vermeintlich resoluten Busineß-Frau verweigert. Die beiden auf ihrem holprigen und gerade deshalb spannenden Weg zur unverhofften Elternschaft zu begleiten, verschafft einem ein außergewöhnliches Kinoerlebnis.

 

Mit Seth Rogen, der für Apatow schon bei "Jungfrau (40), männlich, sucht ..." vor der Kamera stand, besitzt der Film einen Hauptdarsteller, der glaubwürdig das Slackerhafte seines Charakters verkörpert und zugleich mit seinen 24 Jahren einen herrlich unverkrampften, jugendlich-naiven Touch in die Rolle einbringt. Ihm zur Seite strahlt die aus der mit Preisen überhäuften Krankenhaus-Serie "Grey´s Anatomy" bekannte Katherine Heigl. Kein Wunder, daß sich Ben in ihren Filmcharakter verliebt. In Nebenrollen sind mit Leslie Mann und Paul Rudd weitere alte Bekannte aus der "Jungfrau"-Crew zu sehen. Apatow pflegt ganz offensichtlich ein enges Vertrauensverhältnis zu seinen Schauspielern, was seinem neuen Film die Atmosphäre einer intimen Familienproduktion verleiht.

Unverwechselbar Apatow ist nicht zuletzt der Humor. Und davon gibt es reichlich, von feinsinniger Ironie über fast schon absurde Situationskomik (das Finale im Kreißsaal!) bis hin zu derben, sexuell konnotierten Zoten - für letztere sind übrigens Bens Kumpels zuständig. "Beim ersten Mal" zieht hier wirklich alle Register. Herausgekommen ist ein Film mit Gute-Laune-Garantie und mit Menschen, die man überhaupt nicht mehr verlassen möchte.

Marcus Wessel

Beim ersten Mal

ØØØØ 1/2

(Knocked Up)


USA 2007

129 Min.

Regie: Judd Apatow

Darsteller: Seth Rogen, Katherine Heigl, Paul Rudd u. a.

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