Kino_Coraline

Tausche Familie

Henry Selicks neues Puppentrick-Märchen rund um die Abenteuer eines blauhaarigen Mädchens kommt in ähnlich schaurig-schönen Bildern wie sein früheres Meisterwerk "The Nightmare Before Christmas" daher. Die Neil-Gaiman-Adaption ist dabei zum düsteren Fantasy-Streifen mit enormem Spannungs- und Grusel-Potential geraten.    06.08.2009

Die blauhaarige Coraline - nicht zu verwechseln mit Caroline! - ist erst vor kurzem mit ihren Eltern in ein 150 Jahre altes Haus gezogen. Nicht genug, daß sie ihre Freunde zurück lassen mußte, um in diese Bruchbude zu übersiedeln, die ironischerweise auch noch "Pink Palace" heißt; zu allem Überfluß finden ihre arbeitswütigen Eltern vor lauter Schreibtätigkeit nicht einmal Zeit, die Umzugskartons auszupacken - geschweige denn, sich mit ihrer Tochter zu beschäftigen. Die Kreativlinge haben bloß ihre Deadline vor Augen und wollen durch keinen Ton ihrer Tochter gestört werden. Doch dem nicht gerade auf den Mund gefallenen Einzelkind ist lang-wei-lig! Also erforscht Coraline das mysteriöse Haus auf eigene Faust und findet eine versteckte Tür, die über einen geheimnisvollen Tunnel in ein Paralleluniversum führt.

Was sich hinter dem Gang verbirgt, sollte für Coraline bekannt sein, denn alles sieht genauso aus wie in ihrem neuen Zuhause. Doch zugleich ist alles besser: Das Haus ist wunderschön eingerichtet, es duftet nach Essen, ihre Eltern beachten sie - aber seltsamerweise haben sie anstelle der Augen schwarze Knöpfe. Auch sonst sind die beiden ganz anders: Ihre "andere Mutter" kocht die wunderbarsten Gerichte und liest Coraline jeden Wunsch von den Lippen ab. Ihr "anderer Vater" wiederum hat nur das Töchterchen im Kopf und den Garten so angelegt, daß er aus der Vogelperspektive betrachtet ein Porträt von Coraline darstellt. Da schlägt das egozentrische Kinderherz höher! Zusammen mit dem Nachbarsjungen Wybie, der sie nicht wie in der echten Welt mit seinem Geplapper nervt, sondern schlichtweg nicht spricht, erforscht Coraline diese wundersame, farbenfrohe Welt. Sie besuchen den Mäusezirkus des exzentrischen Nachbar-Russen Mr. Bobinsky. In der ebenfalls zirkusreifen Bühnenshow der älteren britischen Damen von nebenan wird Coraline prompt zum Star. Kurzum: Alles dreht sich nur um sie, und das genießt der Blauschopf in vollen Zügen.

 

Doch nach ihren Abenteuern in der "anderen Welt" erwacht die Elfjährige stets in ihrem spärlich eingerichteten Zimmer - back to life, back to reality. Das muß nicht sein, erklärt die augenscheinliche Über-Mutter. Sie fragt Coraline, ob sie nicht fix bei ihr leben möchte; dazu müßte sie sich bloß Knopfaugen annähen lassen. Nun dämmert es der kleinen Heldin, daß diese Welt nicht die ihre ist, und sie flüchtet schnurstracks zurück nach Hause. Coraline wird klar, daß die andere Mutter mit allen Mitteln versucht, sie bei sich zu behalten. Es stellt sich heraus, daß das Mutterwesen ein machtgieriges Monster ist, das sich von Kinderseelen ernährt und ihren Mann, den "anderen Vater", wie eine Marionette in der Hand hat. Die Parallelwelt mutiert blitzartig von einem phantastischen Wunderland in eine kafkaeske Hölle. Aus dieser muß Coraline nun die Seelen dreier Kinder befreien, die die "andere Mutter" gefangenhält. Und auch Coralines Familie ist in Gefahr.

Die Story stammt von Neil Gaiman ("Der Sternwanderer"), der damit eine Idee seiner Tochter aufgriff, die damals im Vorschulalter war. Sie erzählte ihrem Papa ausgedachte Geschichten, in denen kleine Mädchen entführt werden - und zwar von Hexen, die genauso aussehen wie ihre Mütter. Abgesehen davon, daß die Moral der Geschichte etwas dubios ist (immer diese bösen, besitzergreifenden Mütter und die ihnen hörigen, untätigen Väter!) ist der Film ein bittersüßes, packendes Märchen mit Alptraum- oder zumindest Gruselpotential. Mit dunklen, mysteriösen Bildern zieht das Abenteuer sofort in seinen Bann. Optisch ähnelt Selicks Streifen Tim Burtons "Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche" und seinem eigenen Stop-Motion-Film "The Nightmare Before Christmas". Doch mit "Coraline" wurde erstmals Stop-Motion in Stereoscopic-3D realisiert, was den Sogeffekt des extrem aufwendig gemachten Animationsfilms verstärkt. Man sollte diesen Trip also unbedingt in 3D gesehen haben, und außerdem ist wie so oft natürlich der englische Originalton Pflicht ...

Bettina Figl

Coraline

ØØØØ

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USA 2009

100 Min.

Regie: Henry Selick

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