Kino_Crank 2: High Voltage

Unter Strom

Vergeßt den "Transporter"! Dies ist in Wahrheit der ultimative Jason-Statham-Film. Daran läßt auch die mit Spannung erwartete Fortsetzung keinen Zweifel. In der geht es nämlich noch abgedrehter und irrwitziger zur Sache als in Teil eins.    25.03.2009

Vor drei Jahren fegte ein kleiner, dreckiger Tornado namens "Crank" durch unsere Kinos. Der mit "Mr. Cool himself" Jason Statham besetzte Actioner ließ kaum eine Verschnaufpause zu. Als Zuschauer wurde man unmittelbar ins Geschehen geworfen und mit einer wahren Orgie aus verwackelten Bildern, verrückten bis perversen Einfällen und beißendem Zynismus konfrontiert. Die Story war bei alldem eher Nebensache. "Crank" war ein filmgewordener Testosterontraum, der mit dem absehbaren Tod seiner Hauptfigur eigentlich keine Fortsetzung erlaubte. Da Erfolg jedoch bekanntlich erfinderisch macht und die Fans nach einem zweiten Teil regelrecht gierten, ließen sich die beiden "Crank"-Schöpfer Mark Neveldine und Brian Taylor nicht lange bitten.

Das Ergebnis ihres Brainstormings trägt den Namen "Crank 2: High Voltage". Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Auftragskiller und Obermacho Chev Chelios (Statham) ist ganz einfach ein zäher Hund. Daher verwundert es auch nicht, daß er den Sprung aus einem Hubschrauber und aus mehreren Tausend Metern Höhe überlebt. Seine Landung erscheint zwar auf den ersten Blick etwas schmerzhaft; letztlich wird der gute Chev aber einfach wie ein überfahrener Igel von der Straße aufgekratzt und abtransportiert. Als er wenige Monate später aus dem Koma erwacht, merkt er, daß Triaden-Boß Johnny Vang (Art Hsu) sein Herz gegen ein künstliches austauschen ließ. Man kann sich schon denken, daß Chev damit nicht wirklich einverstanden ist. Er will sein Herz zurück - und das um jeden Preis.

Mußte sich Chev in Teil eins noch mit Adrenalin vollpumpen, um zu überleben, so ist er dieses Mal auf das Funktionieren einer externen Batterie angewiesen, die sein Kunstherz am Schlagen hält. Ersatzweise tut es auch ein Stromstoß aus der Starkstromleitung oder eine Volt-Infusion per Starterkabel. Während Chev damit beschäftigt ist, diejenigen zu finden, die ihm das angetan haben, gibt es ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. So steht Gangster-Arzt und Chevs väterlicher Freund Doc Miles (Dwight Yoakam) seinem Schützling noch immer mit Rat und Tat zur Seite. Chevs reaktivierte Beziehung zu seiner großen Liebe Eve (Amy Smart) ist dagegen anfangs nicht frei von dem einen oder anderen Mißverständnis. Eines davon heißt Ria (Bai Ling). Die temperamentvolle Asiatin sieht in Chev ihren Kevin Costner und in sich selbst Whitney Houston. Da ist der Zickenkrieg bereits vorprogrammiert. Gastauftritte von Corey Haim, David Carradine (in einer sehr speziellen Rolle) und Linkin-Park-Frontmann Chester Bennigton runden den Spaß ab.

 

Mit "Crank 2: High Voltage" verfolgen Neveldine und Taylor das klassische Konzept eines Sequels: schneller, höher, weiter. Konkret heißt das, daß ihre Fortsetzung noch schneller, irrwitziger, pubertärer, gewaltgeiler und geschmackloser daherkommt, was man zunächst angesichts der Rasanz und Abgedrehtheit des Originals kaum glauben mag. Natürlich bleibt hierbei auch vieles von dessen Frische und Originalität auf der Strecke, doch dieser Kollateralschaden ist einkalkuliert. Die beiden ehemaligen Werbefilmer wissen einfach zu gut, was die Fans von ihnen erwarten: einen Statham in Bestform, coole Sprüche, irrwitzige Shoot-outs sowie jede Menge nackter Tatsachen. Gerade letztere gibt es in "Crank 2" im Überfluß. Da dürfte selbst 50 Cent neidisch werden, wenn er dieses Silikon-Aufgebot an Video-Bitches sieht.

"Crank 2" ist wie sein Vorgänger ein Amoklauf des schlechten Geschmacks. Von schrecklichen 80er-Jahre-Vokuhila-Frisuren über mehr als unappetitliche Gore-Szenen bis hin zu offen frauen- und schwulenfeindlichen Darstellungen läßt der Film keine Gelegenheit aus, der von Hollywood ansonsten so hochgehaltenen Political Correctness einen gehörigen Arschtritt zu verpassen. Apropos Arsch: Die fast schon pathologische Fixierung auf diesen Körperteil erreicht bisweilen "South Park"-Dimensionen. Was diese anale Faszination zu bedeuten hat, darüber mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen ... Einen neuen Weltrekord scheint der Film indes in Sachen "FPM" ("Fucks per Minute") aufstellen zu wollen. Chev, der im Grunde ohne Unterlaß flucht, ist so etwas wie der personifizierte Mittelfinger auf zwei Beinen.

Insbesondere der deutschen FSK dürfte der Film aber aus einem ganz anderen Grund vermutlich Kopfzerbrechen bereiten. "Crank 2" feiert unverhohlen und erkennbar ohne schlechtes Gewissen jeden noch so pervertierten Gewaltexzeß ab. Das dürfte aus ihm eine bedenkliche Wichsvorlage machen, zumindest bei einer bestimmten Klientel. Ohnehin sind die Behörden für das Thema nach den schrecklichen Ereignissen von Winnenden wieder einmal besonders sensibilisiert. Daß sich Chev anfangs wie in einem Ego-Shooter durch den Parcours bewegt und dabei alles abknallt, was sich ihm in den Weg stellt, könnte spätestens bei der DVD-Auswertung zu einem Problem werden.

Die Handlung in "Crank 2" folgt keiner narrativen Logik. Vielmehr orientieren sich Neveldine und Taylor einmal mehr am Aufbau und Stil eines typischen Arcade-Jump´n´Run-Spiels. Auch hier wird der Held rechtzeitig vor dem Game Over mit dringend benötigten Power-ups und anderen Hilfsmitteln (besserer Bewaffnung) versorgt. Chev ist dieser Held. Wie ein Berserker wühlt er sich Level um Level vor. Im großen Finale wartet dann der Endgegner - und mit ihm die Aussicht auf eine noch "crankere" Fortsetzung.

Marcus Wessel

Crank 2: High Voltage

ØØØØ

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USA 2009

90 Min.

Regie: Mark Neveldine & Brian Taylor

Darsteller: Jason Statham, Amy Smart, Dwight Yoakam u. a.

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