Kino_Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene

Der Spion, der aus der Kirche kam

Autor/Regisseur Billy Ray und Darsteller Chris Cooper haben mit ihrem sinistren Spionagedrama wahrhaft Großes vollbracht. Man könnte den Film beinahe für einen Nachfahren der edelsten "New Hollywood"-Juwelen halten.    29.11.2007

Ein Skandal in den eigenen Reihen zwingt den US-Geheimdienst zum Handeln. Offiziell wird das hauseigene Nachwuchstalent Eric O´Neill (Ryan Philippe) dem FBI-Routinier Robert Hanssen (Chris Cooper), der eine neu geschaffene Informationsabteilung leitet, als Assistent unterstellt. Tatsächlich aber hat er den Auftrag, den verdienten Agenten zu observieren. Hanssen steht nämlich im Verdacht, ein Liebhaber des sexuell Abnormen sein. Um dem FBI einen Eklat zu ersparen, wird O´Neill angewiesen, Hanssens vermeintlich delikates Geheimnis ans Tageslicht zu bringen, damit man die zu erwartenden Folgen intern bewältigen kann.

Bald erkennt Eric, daß er es bei Hanssen mit einem todernsten, ultraskeptischen - und zudem bemerkenwert bibelfesten - Meister der Geheimniskrämerei zu tun hat. Er kann ihm keinerlei perverse Tendenzen nachweisen, und langsam entwickelt sich aus dem anfangs unterkühlten Verhältnis der beiden eine eigenwillige Vater-Sohn-Beziehung. O´Neill zweifelt immer mehr an der Legitimität seines Auftrags. Als er seine Instruktorin Kate Burrouhgs (Laura Linney) zur Rede stellt, verrät sie ihm den eigentlichen Zweck der Bespitzelungsaktion: Hanssen ist seit Jahren im großen Stil als Spion für die Russen tätig. Nun soll er - durch Erics Mithilfe - auf frischer Tat ertappt und zu Fall gebracht werden.

 

Der Skandal um die Enttarnung des FBI-Agenten Robert Hanssen, der die Sowjets mit wichtigen Geheimdienstinformationen versorgt hatte, schlug 2001 große Wellen. Bei der Verfilmung des größten Spionagefalls in der Geschichte des FBI nimmt Regisseur Billy Ray an den exquisiten, düsteren US-Thriller-Perlen der 70er Jahre Maß. Ray beginnt seine Geschichte etwa zwei Monate vor Hanssens Sturz und läßt die wichtigsten Ereignisse dieser Zeit aus der Sicht des ambitionierten Agenten-Anwärters Eric O´Neill Revue passieren. Der clevere und engagierte Jungspund nützt die tiefe Religiösität Hanssens zu seinem Vorteil: Er täuscht eine private spirituelle Krise vor und sichert sich so allmählich das Vertrauen des Doppelagenten. Der Mensch Robert Hanssen erweist sich bei näherer Betrachtung als ein von Seelenqualen geplagter, tiefgläubiger Christ, der zugleich aber ein übervorsichtiger, paranoider Staatsdiener ist. Sein gefährliches Spiel hatte noch im Kalten Krieg begonnen, und er betreibt es nach wie vor mit höchstem Einsatz.

"Enttarnt" ist einerseits ein gekonnt in Szene gesetztes Katz-und-Maus-Spiel hinter den Mauern des mächtigen FBI-Apparats, andererseits jedoch das Porträt eines Mannes, der im Kampf mit seiner gespaltenen Natur steht. Chris Cooper gelingt in der Rolle Hanssens schlicht Erstaunliches: er erschafft einen faszinierenden Charakter, den man bis zum Schluß nicht einordnen kann. Sein Robert Hanssen ist ein kühler, in sich gekehrter Pedant, ein völlig im Schatten operierender, einzelgängerischer Vollprofi, der sich seiner Stärken genau bewußt ist. Eine bedrohliche Aura umgibt diesen religiösen Eiferer und moralisch gespaltenen Einzelkämpfer - und erhöht die Filmfigur Hanssen schließlich zu einer außergewöhnlichen cineastischen Schöpfung.

Gegen eine derartige Kapazität ist freilich schwer anzukommen. Doch Ryan Phillippe reüssiert mit konzentriertem, ausgewogenem Spiel. Audiovisuell setzt der Streifen feine Akzente: Die dunkle Kolorierung - ein grünlich-blauer Farbstich dominiert - verbindet sich mit Mychael Dannas sphärischem, von dezentem Violin- und Pianoeinsatz durchzogenen Score.

"Enttarnt" ordnet sich somit in das vom Autor dieser Zeilen begrüßte, bemerkenswert gediegene Mini-Revival des distinguierten Polit- und Kriminalfilms - dem auch "Syriana", "Good Night, And Good Luck" oder "Zodiac" zuzurechnen sind - nahtlos ein.

Dietmar Wohlfart

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Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene

ØØØØØ

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USA 2007

110 Min.

dt./engl. OF

Regie: Billy Ray

Darsteller: Chris Cooper, Ryan Phillippe, Laura Linney u. a.

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