Kino_Juno

Bauchentscheidung

Die 16jährige Juno ist zwar nicht in freudiger, aber trotzdem in Erwartung - und auf der Suche nach Adoptiveltern für ihr Kind. In der sympathischsten Indie-Komödie dieser Tage mimt Ellen Page eine schlagfertige Gegen-den-Strom-Schwimmerin, die versucht, das Beste aus ihren anderen Umständen zu machen.    01.04.2008

Juno, bezeichnenderweise benannt nach der römischen Göttin der Geburt, ist gerade einmal "Sweet Sixteen" - und demnach noch in der Blüte der Pubertät. Doch hinter ihrer schrullig-süßen Fassade steckt eine unkonventionelle junge Erwachsene mit einem mehr als goscherten Mundwerk. Sie lebt mit ihrem Vater (J. K. Simmons), einem ehemaligen Army-Soldaten, und ihrer Stiefmutter Bren (Allison Janney) in einer Kleinstadt-Idylle und besucht mit ihrer Freundin Leah (Olivia Thirlby) die Dancing Elk High School. Zusammen schlagen sie die Zeit mit dem Schlürfen von Supersize-Softdrinks und Verrücken von Sitzmöbeln tot. In einem ebensolchen, genau genommen in einem Sofasessel, verliert Juno ihre Unschuld - statt fernzusehen hat sie sich eines Abends kurzerhand entschlossen, mit ihrem Band-Kollegen, dem unsicheren, wenig männlichen, dafür umso liebenswerteren Paulie Bleeker (Michael Cera) zu schlafen. Zehn Liter Orangensaft und drei bepinkelte Schwangerschaftstests später gibt´s jedenfalls die Erkenntnis: "Es ist ein Braten im Rohr", wie Juno es - direkt wie immer - formuliert.

Nachdem ihr die Abtreibungsklinik nicht unbedingt als die richtige Lösung erscheint, beschließt die "kleine Hexe", wie sie Bleeker nennt, den Braten doch zur Welt zu bringen und zur Adoption freizugeben. Noch bevor sie ihren Eltern den Fauxpas beichtet, begibt sie sich zusammen mit Freundin Leah auf die Suche nach "möglichst coolen" Eltern für ihr Ungeborenes. Sie findet diese im Musik-Jingles komponierenden Mark (Jason Bateman) und der Baby-narrischen und etwas zu sehr bemühten Vanessa (Jennifer Garner), einem klassischen Yuppie-Pärchen aus einer wohlhabenden Wohngegend.

Von da an erlebt Juno neun von Heißhungerattacken, Sodbrennen und Morgenübelkeit geprägte Monate, die sie mit betont jugendlicher Leichtigkeit meistert. Ab und zu schneit sie bei den zukünftigen Eltern ihres Kindes vorbei, um sie etwa mit Ultraschallbildern auf dem neuesten Stand zu halten. Beim näheren Kennenlernen von Mark und Vanessa stellt Juno fest, daß die idyllische Fassade des Traumpaars zu bröckeln beginnt: Mark fühlt sich im Gegensatz zur überorganisierten Vanessa noch nicht reif für ein Baby und palavert lieber mit Juno über Sonic Youth oder Herschell Gordon Lewis. Nur in seltenen Momenten wie diesen, in denen die scheinbar heile Welt zu brechen droht, zeigt Juno Schwäche, ansonsten gibt sie sich betont cool, immer einen witzigen Spruch auf den Lippen.

 

Die Geschichte ist nicht weit hergeholt und deshalb glaubwürdig: Als Drehbuchautorin Diablo Cody auf der High-School war, wurde eine ihrer Freundinnen schwanger. Diese Erfahrungen fanden Einzug in die Storyline, und gepaart mit dem satirischen Witz von Regisseur Jason Reitman ("Thank You For Smoking") und einer gut gewählten Besetzung macht das den Erfolg von "Juno" aus. Für ihr (erstes) Script erhielt Cody gleich den Oscar, und das wohlgemerkt für eine Komödie zu einem Thema, das ansonsten nur als Blödelei ("Beim ersten Mal") oder - vor allem bei Teenager-Schwangerschaften - als Drama mit Wertevermittlungsauftrag daher kommt.

Ansonsten ist "Juno" ein Independent-Erfolg, wie er im Buche steht: Trotz des kleinen Budgets klingelten die Kinokassen in einem kaum für möglich gehaltenen Ausmaß. Mag sein, daß spätestens seit beispielsweise "The Royal Tenenbaums" und "Little Miss Sunshine" immer mehr Menschen weniger glattgebügelte Typen auf der Leinwand sehen wollen und die Industrie zunehmend darauf setzt.

Das einzige, was man "Juno" vorwerfen kann: daß er zu angepaßt und bemüht ist. Das merkt man etwa in der Anfangsszene im Lebensmittelladen, die eher an die "Gilmore Girls" erinnert. Die Gratwanderung zum Kitsch endet jedoch durch den smarten Wortwitz der liebenswerten Juno, gekonnt gespielt von der eigentlich 21jährigen Ellen Page, stets auf der richtigen Seite. Auch Michael Cera macht als unreifer und unsicherer Bleeker neben der Hauptdarstellerin eine gute Figur - wenn Junos Dad sich wundert, daß Bleeker der Vater des Kindes sein soll, versteht man ihn ganz genau. "Juno" ist eine Ode an das Anderssein, das Leben und die Liebe - und nach dem Ausflug in das Leben der rebellischen Heldin möchte man fast wieder Teenager sein. Aber eben nur fast ...

Bettina Figl

Juno

ØØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2007

92 Min.

Regie: Jason Reitman

Darsteller: Ellen Page, Jennifer Garner, Michael Cera u.a.

 

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Michael - 16.04.2008 : 14.56
wäh!
Mir persönlich hat der Film nicht gefallen

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