Kino_Kurzer Prozess - Righteous Kill

Paten-Rezept

Die "grumpy old men" des Method-Acting sind zurückgekehrt - und das wieder einmal in einem gemeinsamen Film: Robert De Niro und Al Pacino begeben sich auf die Suche nach einem selbstgerechten Serienkiller. Das klingt spannender, als es tatsächlich ist.    25.12.2008

13 Jahre, nachdem es in Michael Manns Crime-Oper "Heat" zu einem ersten Aufeinandertreffen der beiden Schauspiel-Granden Robert De Niro und Al Pacino kam, hat sich das Altherren-Duo für "Kurzer Prozess - Righteous Kill" ein weiteres Mal zusammengefunden. Unter der Regie von Jon Avnet spielen die beiden New Yorker Cops, die in einen mysteriösen Serienkiller-Fall verwickelt werden.

Tom "Turk" Cowan (De Niro) und David "Rooster" Fisk (Pacino) haben in ihren mehr als 30 Dienstjahren schon viele Verbrechen aufgeklärt, doch die Mordserie an Kriminellen - darunter Vergewaltiger, Kinderschänder und Zuhälter - gibt auch den beiden Ermittlungsprofis anfangs einige Rätsel auf. Es scheint, als hingen die Taten mit einem anderen Fall zusammen, der insbesondere Turk noch nach Jahren verfolgt. Als Visitenkarte hinterläßt der Mörder an jedem Tatort ein kurzes Gedicht, worin er seine Taten in lyrischer Form rechtfertigt. Daß er es ausgerechnet auf andere Schwerverbrecher abgesehen hat, bringt ihm auch einiges an Sympathien ein. Sogar Turk und Rooster können die Motive des Killers nachvollziehen, was in einer - zurückhaltend formuliert - nicht immer hochmotivierten Ermittlungsarbeit zum Ausdruck kommt.

Schlimmer noch: Bald mehren sich die Anzeichen, daß ein Cop der gesuchte Serienmörder sein könnte. Es dauert nicht lange, bis Turk ins Fadenkreuz seiner Kollegen Riley (Donnie Wahlberg) und Perez (John Leguizamo) gerät. Zu viele Indizien legen den Schluß nahe, daß der altgediente Recke das Gesetz in die eigenen Hände genommen hat, aus Frust und Enttäuschung über eine aus seiner Sicht unfähige oder viel zu lasche Justiz. Man muß allerdings kein versierter Kenner des Genres sein, um zu ahnen, daß die präsentierte Auflösung diese Vermutung letztlich nicht bestätigen wird. Dafür wartet das Drehbuch von Russell Gewirtz ("Inside Man") mit einem nur leidlich originellen Twist auf, für den es nicht wirklich viel Phantasie braucht und der wie der gesamte Film aus alten Polizist-jagt-Serienkiller-Geschichten herauskopiert worden zu sein scheint.

 

Wenn man ehrlich ist, so kann sich Avnets Buddy-Movie zu keiner Zeit von gängiger TV-Massenware absetzen. Ohne Pacino und De Niro wäre "Kurzer Prozess" vermutlich auf direktem Weg in den Regalen der Videotheken gelandet - vorausgesetzt, es hätte überhaupt jemand den lahmen Plot produziert. Gerwitz´ Finten erweisen sich größtenteils als echte Spannungskiller. Nicht nur, daß die Interview-Szenen mit De Niros Charakter wie eine phantasielose Referenz an den ebenfalls von Gerwitz erdachten "Inside Man" wirken; die meisten Hinweise auf die wahre Identität des Killers lassen sich förmlich mit den Händen greifen (am deutlichsten wird das bei einer Szene im Krankenhaus, in der die Vitalfunktionen eines Opfers in einem ganz bestimmten Moment verrückt spielen).

Auch der Auftritt von 50 Cent alias Curtis Jackson ist mehr ein Marketing-Gag. Es dürfte wohl kaum einen 16jährigen geben, der den muskelbepackten Rapper nicht kennt. Ob einem Teenager dagegen die alten Herren De Niro und Pacino ein Begriff sind, muß bezweifelt werden. Der in seinen schauspielerischen Fähigkeiten eher beschränkte Musiker darf einen - na klar - Musiker geben, der mit Drogen dealt und einen angesagten Club besitzt. Ein Klischee spielt hier das andere. Pacino und De Niro sind wiederum viel zu sehr Profis, als daß man ihnen ihre Unterforderung anmerken würde. Routiniert spulen beide ihr Programm ab, ohne dabei jemals zu glänzen. Die Rolle des desillusionierten Gesetzeshüters beherrschen sie wie die des väterlichen Italo-Gangsters ohnehin im Schlaf. Von der Magie, die seinerzeit ihr erstes gemeinsames Aufeinandertreffen in "Heat" umgab, ist diesmal rein gar nichts zu spüren.

Letztlich ist es unerheblich, welchen Maßstab der Zuschauer an "Kurzer Prozess" anlegt - im Endeffekt überwiegt jedes Mal die Enttäuschung. Weder als typischer Vertreter des Serienkiller-Genres noch als Cop-Movie oder als offensiv vermarktetes Star-Vehikel für De Niro und Pacino kann Jon Avnets schablonenhafter Thriller überzeugen. Spannung will kaum aufkommen. Was hilft es da, zwei Oscar-Preisträger wie Trophäen auszustellen, wenn deren beste Zeiten - man muß es so hart sagen - schon einige Jahre zurückliegen?

Marcus Wessel

Kurzer Prozess - Righteous Kill

ØØ

(Righteous Kill)

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USA 2008

101 Min.

Regie: Jon Avnet

Darsteller: Al Pacino, Robert De Niro, Curtis Jackson u. a.

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